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Experten USA
Andrew Greenfield und Dr. Axel Boysen (Kanzlei Fragomen Global LLP)

„Wir erwarten, dass die Entsendung von Fachkräften in die USA leichter wird“

Während der vierjährigen Amtsperiode unter US-Präsident Donald Trump hatten deutsche wie internationale Unternehmen massive Probleme, Arbeitsvisa für ihre Fachkräfte in den USA zu bekommen. Grund war Trumps „America First“-Politik. Mit Spannung erwarten die Handelspartner der USA daher, was sich auf dem US-Arbeitsmarkt unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden für Unternehmen und deren Fachkräfte ändern wird. Eine erste Einschätzung geben die Juristen Dr. Axel Boysen Managing Partner (Frankfurt), und Andrew Greenfield, Managing Partner (Washington) bei Fragomen Global LLP.

Expat News: Welche Veränderung sind für deutsche Unternehmen unter der neuen US-Regierung zu erwarten?

Boysen: Deutsche Unternehmen dürfen mit einer wohlwollenderen Haltung der US-Behörden bei der Beantragung von Visa und Arbeitsgenehmigungen rechnen, wenn sie ihre Mitarbeiter in die USA entsenden wollen.

Das schließt auch eine flexiblere Auslegung des bestehenden Abkommens zwischen den USA und Deutschland ein, das es deutschen Unternehmen erlaubt, deutsche Mitarbeiter in die USA zu entsenden, um dort für US-Mehrheitsbeteiligungen zu arbeiten. Neben den gebräuchlicheren unternehmensinternen Transferee-Visa (oder L-1-Visa) sind diese Abkommensvisa, die auch „E“-Visa genannt werden, wichtig für die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen. Deutsche Unternehmen sollten diese Möglichkeit in Betracht ziehen, wenn sie Mitarbeiter zur Unterstützung ihrer US-Investitionen entsenden.

„Biden hat Trumps ‚Buy American Hire American‘ Verfügung rückgängig gemacht“

Expat News: Gibt es bereits Schritte, die von der neuen Regierung eingeleitet wurden, die eine Abkehr vom Kurs der Trump Administration erkennen lassen?

Greenfield: Präsident Biden hat eine Reihe von Trumps Exekutivanordnungen bezüglich der Einwanderung in die USA zurückgenommen. Wir erwarten uns davon eine Erleichterung des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs – zumindest sobald Covid-19 besser unter Kontrolle ist. Ein entscheidender Schritt ist, dass Biden Trumps „Buy American Hire American“-Verfügung rückgängig gemacht hat. Denn diese hat in den letzten vier Jahren zu einem Anstieg der staatlichen Anfechtungen von Visums- und Arbeitserlaubnisanträgen geführt.

Darüber hinaus hat Biden auch ein Memo von Trump aus dem Jahr 2018 zurückgenommen, das den US-Einwanderungsbehörden mehr Spielraum dabei gegeben hat, die Qualifikationen vieler Computerfachleute in Frage zu stellen, die ein Visum beantragt hatten. Jetzt, da dieses Memo aufgehoben wurde, sollten Arbeitgeber, die Computerprogrammierer und andere Fachkräfte für eine H-1B-Arbeitsgenehmigung sponsern, mehr Anträge genehmigt bekommen – und zwar ohne, dass der Sponsor zuerst die nötigen Bildungsqualifikationen für die in den USA zu übernehmende Funktion rechtfertigen muss.
Einige Regelungen, die von Trump am Ende seiner Amtszeit erlassen wurden und die zum Zeitpunkt von Bidens Amtsantritt noch nicht in Kraft getreten waren, wurden vorübergehend eingefroren. Mit dem Ergebnis, dass zum Beispiel das jährliche H-1B-Lotteriesystem wie im letzten Jahr funktionieren wird – also basierend auf einer zufälligen Auswahl von Anmeldungen, anstatt wie von Trump vorgeschlagen, die Visa den Arbeitgebern zuzuweisen, die die höchsten Löhne zahlen.

Expat News: An welchen Stellen profitiert auch die Biden Administration von der aktuell bestehenden America-First-Politik, mit der der amerikanische Arbeitsmarkt besonders gegenüber Europa abgeschirmt wird?

Greenfield: Es gibt Aspekte des wirtschaftlichen Protektionismus der Trump-Administration, die sich unter einem Präsidenten Biden fortsetzen könnten, insbesondere wenn es um den Lohnschutz geht.

Eine am Ende von Trumps Amtszeit veröffentlichte Verordnung löst eine deutliche Anhebung der Lohnuntergrenze für H-1B-Visa aus. Dabei handelt es sich um eine herkömmliche US-Arbeitserlaubnis, die es ausländischen Fachkräften erlaubt, vorübergehend für bis zu sechs Jahre in den USA zu arbeiten. Die Verordnung soll am 1. Juli 2021 in Kraft treten. Präsident Biden prüft derzeit diese Regelung und muss noch bekannt geben, ob er das Inkrafttreten der Regel wie geplant zulassen, verzögern oder rückgängig machen wird. Von der Geschäftswelt wird diese Verordnung weitestgehend abgelehnt, da sie die Lohnuntergrenze künstlich auf ein über dem Markt liegendes Niveau anhebt, aber Biden – und die demokratische Partei im Allgemeinen – muss sich auch mit ihren langjährigen Beziehungen zur organisierten Arbeiterschaft auseinandersetzen, die die Umsetzung einer solchen Regel begünstigen könnte.

Expat News: Unter Trump glich die Beantragung von Aufenthaltstitel für deutsche und ausländische Fachkräfte in den USA mehr denn je einer Lotterie. Sind nun wieder Prognosen hinsichtlich einer Chance auf die Bewilligung von Aufenthaltstiteln (z.B. H-1B-Visum oder L-1-Visum) machbar, die vor der Trump-Regierung in der Regel problemlos bewilligt wurden?

„Es gibt Anzeichen dafür, dass die Behörden mehr daran interessiert sind, den Markt zu erleichtern, als ihn zu behindern.“

Greenfield: In diesem Bereich erwarten wir, dass sich die Dinge verbessern werden. Die einwanderungsfeindliche, nationalistische Rhetorik des ehemaligen Präsidenten fand ihren Weg in die tägliche Entscheidungsfindung der Regierungsbehörden, einschließlich der Konsularbeamten, die Visumsanträge in den US-Konsulaten und -Botschaften bearbeiten, sowie der USCIS-Beamten bei der Entscheidung über H-1B- und L-1-Petitionen. In den letzten vier Jahren gab es viele Unwägbarkeiten, wobei anscheinend berechtigte Anträge und Petitionen angefochten oder sogar aus Ermessensgründen abgelehnt wurden. Trumps Politik bestand darin, den Beamten eine weitreichende Lizenz zur Anfechtung von Visa-Erneuerungen und -Verlängerungen zu geben, selbst wenn der Antragsteller immer noch für denselben Arbeitgeber und in derselben Rolle arbeitete, die nur zwei oder drei Jahre zuvor genehmigt worden war. Obwohl wir uns erst ein paar Monate in der Biden-Administration befinden, sehen wir bereits Anzeichen dafür, dass die Behörden mehr daran interessiert sind, den Markt zu erleichtern, als ihn zu behindern. Wir erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

Expat News: Was sollten Unternehmen, die Mitarbeiter in die USA entsenden bei der Beantragung eines Aufenthaltstitels besonders beachten, um ihre Chancen auf Bewilligung zu erhöhen?

Boysen: Unternehmen, die Mitarbeiter in die USA entsenden, sollten besonders darauf achten, in ihren Anträgen und Petitionen für Einwanderungsleistungen detaillierte Stellenbeschreibungen zu liefern. Wenn Behördenvertreter Stellenbeschreibungen erhalten, die nur allgemeine Merkmale der vorgeschlagenen Rolle enthalten, anstatt eine detaillierte Beschreibung dessen, was der Mitarbeiter tagtäglich tun wird, ist es viel wahrscheinlicher, dass der Beamte zusätzliche Informationen anfordert, was die Bearbeitung verlangsamt.

Ähnlich ist es für Arbeitgeber wichtig, sich darauf zu konzentrieren, den Job in „einfachem Englisch“ zu erklären und, da wo Fachjargon verwendet werden muss, die Fachbegriffe ausreichend zu erklären, damit der Beamte ein besseres Verständnis bekommt. Bei H-1B-Anträgen ist es wichtig, den Beamten zu erläutern, warum gewisse Aufgaben von jemandem mit einer speziellen Hochschulausbildung übernommen werden müssen. Bei L-1-Anträgen müssen die Arbeitsaufgaben detailliert genug sein, damit der Beamte verstehen kann, wie der Mitarbeiter die Funktion und/oder das Personal, für die er verantwortlich ist, beaufsichtigen und managen wird, oder wie der Mitarbeiter spezielle oder fortgeschrittene Kenntnisse über das Geschäft des Arbeitgebers bei der Ausübung der US-Funktion nutzen wird.

„Fachkräfte aus der IT-Branche sind in den USA sehr gefragt“

Expat News: Welche Fachkräfte welcher Branchen sind in den USA wieder verstärkt gefragt?

Greenfield: Fachkräfte mit MINT-Abschlüssen und solche, die im MINT-Segment arbeiten, insbesondere in der IT-Branche, sind sehr gefragt. Unsere Kunden berichten uns regelmäßig, dass es ihnen nicht möglich ist, eine ausreichend hohe Anzahl an amerikanischen IT-Fachkräften zu rekrutieren, um ihre aktuell offenen Stellen zu besetzen. Daher müssen sie versuchen, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Dies gilt nicht nur für IT-Firmen, sondern für Unternehmen in verschiedensten Branchen, die IT- und andere wissenschaftliche Stellen innerhalb ihrer Organisationen besetzen wollen. Zusätzlich zu den IT-Jobs beobachten wir auch, dass Arbeitgeber, die Stellen im Finanzwesen und in anderen spezialisierten Geschäftsbereichen besetzen wollen, oft nach ausländischen Arbeitskräften suchen, um ihre US-amerikanische-Belegschaft zu ergänzen, nachdem die Bemühungen, vor Ort zu rekrutieren, erschöpft sind.

Expat News: Für viele deutsche Expats stellt das teure und mit Blick auf die allgemeine Grundversorgung vom deutschen Modell stark abweichende Gesundheitssystem in den USA ein Problem dar. Für manche Fachkräfte ist dies sogar ein Grund, eine Entsendung in die USA abzusagen. Sind unter Biden wirklich wie von ihm versprochen, Verbesserungen im Gesundheitssystem zu erwarten?

Boysen: Versicherungsfragen spielen bei der Mitarbeiterentsendung immer eine Rolle, weil hier unterschiedliche Systeme aufeinandertreffen. Aus der Praxis mit unseren Mandanten sind uns allerdings keine Fälle bekannt, in denen Mitarbeiter aus Sorge um ihre Grundversorgung eine Entsendung in die USA abgelehnt haben.

Bei klassischen Mitarbeiterentsendungen gewährleistet der Arbeitgeber in Regel, dass der Mitarbeiter und dessen Familie nach dem Standard versichert werden, den Sie auch in ihrem Heimatland genießen würden. Eventuelle Mehrkosten, wie sie im US-System vorkommen können, sind entsprechend von Arbeitgeberseite bereits eingeplant.

Mit Blick auf mögliche Gesundheitsreformen durch die neue US-Regierung lassen sich nur schwer Vorhersagen treffen. Die Mehrheitsverhältnisse im Kongress sind nicht sehr eindeutig. Gesetzesänderungen werden deshalb über die gesamte Legislaturperiode schwierig durchzusetzen sein.

„Expats in den USA müssen nicht um ihre Sicherheit fürchten“

Expat News: Wie steht es um die Sicherheit in den USA? Bilder wie die vom Sturm auf das Capitol werden bei manchen deutschen Expats diesbezüglich sicher Fragen aufgeworfen haben.

Boysen: Für viele waren die Bilder des Sturms auf das Kapitol sicherlich besorgniserregend. Mit Blick auf die allgemeine Sicherheit innerhalb der USA besteht für entsendete Mitarbeiter allerdings kein Grund zur Beunruhigung. Das auswärtige Amt hat diesbezüglich keine Sicherheitswarnung herausgegeben und rät lediglich dazu „Menschenansammlungen, in deren Umfeld es möglicherweise zu Gewalt kommen könnte“ zu meiden. Derartige Hinweise bestehen aber derzeit auch für europäische Staaten.

Expat News: Ein Blick in die Zukunft: Werden die USA in zehn Jahren noch eine bedeutende Wirtschaftsmacht sein, die auf dem internationalen Parkett den Takt mitangeben wird?

Boysen: Eine Einschätzung der globalen wirtschaftlichen Machtverhältnisse in der Zukunft ist immer schwierig und liegt auch nicht hundertprozentig in unserem Fachgebiet.

Selbstverständlich leben wir in einer Zeit des Wandels und der große Treiber wird auch in den kommenden Jahren die Digitalisierung sein. Schaut man sich dann die Marktbewertungen der größten Technologieunternehmen weltweit an, findet man in den Top 10 nahezu aller Listen US-Unternehmen wie Amazon, Alphabet, Microsoft oder Facebook. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die USA auch in den kommenden Jahren eine sehr wichtige Rolle spielen werden.