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7 Tourismus-Trends identifiziert: Die Reisebranche setzte sich zu einer gemeinsamen Diskussion zusammen
© yanlev, AdobeStock

Diese 7 Tourismus-Trends sieht die Branche für die Zukunft des Reisens

Die Corona-Pandemie hat den Tourismus hart getroffen – und der Branche ihre bis dato größte Krise beschert. Gleichzeitig drängen Klimawandel und veränderte Urlaubsbedürfnisse schon lange auf neue Lösungen. Wie geht es also weiter? Alles neu – oder weiter wie bisher? Beim HPR ReiseGipfel 2021 im Hotel Klosterbräu & SPA in Seefeld in Tirol haben Manager von sieben Reisezielen und der Tourismusforscher Professor Dr. Jürgen Schmude diskutiert. Das Thema: Transformation im Tourismus – Thesen, Konzepte und Antworten auf nie dagewesene Herausforderungen. Dabei blicken die Tourismus-Manager aus Fernzielen (Tasmanien), Nahzielen (Baiersbronn, Laax, Luxemburg und Seefeld), dem Bereich Städtetourismus (Innsbruck) und selbst das vielgescholtene Ischgl zuversichtlich in die Zukunft. Wer einen ausführlichen Einblick in die Diskussion über die Tourismus-Trends haben möchte, findet durch Klick auf das Vorschaubild einen Mitschnitt auf Youtube.

Während der Diskussionsrunde identifizierten die Experten 7 Tourismus-Trends der Zukunft
Hier geht es zum Mitschnitt der Diskussion „Transformation im Tourismus“. © HPR/Quitter

7 Tourismus-Trends, die die kommenden Jahre prägen werden

Nicht nur die Corona-Pandemie, auch der Klimawandel und veränderte Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen haben direkte und indirekte Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Menschen. Insgesamt sehen die Touristiker kurz- wie langfristig sieben Tourismus-Trends, die die kommenden Jahre prägen werden. „Die Reise geht auf jeden Fall weiter“, zeigt sich der renommierte Tourismusforscher Jürgen Schmude von der LMU München vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie optimistisch. „Reisen hat sich zu einem Grundbedürfnis entwickelt. Wenn man sich die Verschiebungen der Ausgabenbereiche ansieht, dann können wir heute sagen: das Reisen ist wichtiger als das Auto geworden.“

Tourismus-Trends 1 und 2: Naher und naturnaher Tourismus, Stärkung des Sommers

„Ich gehe davon aus, dass wir 2021 einen ähnlichen Reisesommer wie 2020 haben werden“, sagt  Schmude. Im Corona-Sommer 2020 haben insbesondere deutsche Destinationen und der grenznahe Bereich davon profitiert, dass Fernreisen (quasi) nicht möglich waren. Baiersbronn im Schwarzwald blickt beispielsweise auf einen Rekordsommer zurück. „Die Pandemie hat bei vielen Menschen eine neue Sehnsucht nach Natur und einem gesunden, aktiven Lebensstil ausgelöst“, sagt Patrick Schreib, Tourismusdirektor von Baiersbronn Touristik. Davon haben wir durchaus profitiert – ohne, dass wir uns neu erfinden haben müssen.“ Ähnlich sieht es im benachbarten Ausland aus. „Viele Studien deuten darauf hin, dass Österreich und insbesondere Tirol sehr hoch im Kurs stehen wird, wenn die Grenzen wieder öffnen“, ist Karin Seiler, CEO von Innsbruck Tourismus überzeugt. Und auch Dr. Sebastian Reddeker, CEO von Luxembourg for Tourism, erwartet einen positiven Sommer 2021.

Der „unkomplizierte Exot im Herzen Europas“, wie Reddeker Luxemburg bezeichnet, bedient mit der Mischung aus Stadt, Kultur und einem großen Angebot an Outdoor-Aktivitäten die steigende Nachfrage nach sicherem, naturnahem Urlaub – und ermöglicht es dabei zugleich, ein neues Land zu entdecken. Das Thema Natur spielt auch für Seefeld eine richtungsweisende Rolle. Zudem profitiert die Region von der besonderen Lage nicht nur auf einem sonnigen Hochplateau, sondern auch direkt hinter der deutsch-österreichischen Grenze: „Wir sind die sprichwörtlich erste Adresse hinter der Grenze“, so der Obmann der Olympiaregion Seefeld Alois Seyrling. Und auch das vielgescholtene Ischgl wird zu alter Stärke zurückfinden: „Jede Destination, die ein Alleinstellungsmerkmal hat – und Ischgl würde ich so ein Alleinstellungsmerkmal zuschreiben –, hat seine Zielgruppe. Und diese Zielgruppe ist sehr treu. Die Ischgl-Zielgruppe wird relativ schnell wieder zurückkommen“, ist Schmude überzeugt.

Die Tourismus-Manager sind sich einig, dass man auch vor dem Hintergrund des vom Klimawandel bedrohten Ski-Tourismus nicht mehr in den Kategorien Winter-Saison/Sommer-Saison denken und agieren darf – und sehen im Alpenraum den Trend hin zum 4-Jahreszeiten-Tourismus: „Wir haben zum zweiten Mal nacheinander die Zwischensaison abgeschafft und sind nahtlos vom Winter in den Frühling gewechselt,“ erklärt Markus Wolf, CEO der Weisse Arena Gruppe Laax. Diese Entwicklung bestätigt auch Alois Seyrling: „Es gibt keine Vor- und Nachsaison mehr. Es geht grundsätzlich durch. Der Ausfall der letzten Wintersaison ist natürlich schlimm – vor allem für die reinen Winterdestinationen. Der Sommer muss und wird aber funktionieren.“ Andreas Steibl, Director Tourismusboard Paznaun-Ischgl, sieht im Sommer eine große Chance und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: „Wir wollen eine der sichersten Destinationen sein.“ Der Sommer in Paznaun-Ischgl ist mit seiner Natur- und Berglandschaft ebenso vielseitig wie unentdeckt „Ich erwarte künftig im Nahreisebereich deutlich mehr Nachfrage im Luxusurlaubssegment im alpinen Raum – ganz einfach, weil immer mehr Menschen Flüge vermeiden wollen. Hier sehen wir eine enorme Nachfrage entstehen. In Ischgl öffnen die besten Häuser nun auch im Sommer und erweitern somit das Angebot für anspruchsvolle Gäste.“

7 Reisetrends standen zur Diskussion beim HPR ReiseGipfel 2021
Karin Seiler, CEO Innsbruck Tourismus (links), Andreas Steibl, Director Tourismusboard Paznaun-Ischgl (mitte) und Jürgen Schmude, Tourismusforscher LMU München (rechts) © HPR/Quitter

Trend 3: Workation

Ein spannender Trend, der massiv von der Corona-Pandemie begünstigt wird, ist „Workation“, also arbeiten, wo andere Urlaub machen. Dabei hat dieser noch junge Trend verschiedene Ausprägungen. Die einen verlegen das Homeoffice komplett in den Urlaubsort, andere verbinden die Geschäftsreisen mit Urlaub. Das kann vor allem Sebastian Reddeker aus Luxemburg bestätigen: „Das Modell, die Geschäftsreise zu verlängern und die Familie nachkommen zu lassen, haben wir schon vor Corona beobachtet. Das wird weiter zunehmen.“ Der Laaxer Tourismus-Chef Markus Wolf sieht diese Tourismus-Trends auch in der Zielgruppe der Ferienhaus-Besitzer. „Viele rüsten ihre Zweitwohnungen fast zu Erstwohnungen um und arbeiten remote von den Bergen aus.“

Trend 4: Verlängerung der Aufenthaltsdauer

Workation zahlt auf eines der großen Ziele der Branche ein: Die Verlängerung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer. Gerade deshalb ist Workation gerade für den Städtetourismus, wo die Gäste meist nur ein bis zwei Nächte bleiben, ein möglicher Game-Changer. Innsbruck setzt auf Workation und positioniert sich mit seiner alpin-urbanen Lage nicht nur als Stadt, sondern explizit als Feriendestination. Die Kombination von leicht zugänglicher Natur und pulsierendem Stadtleben, wie man sie in der Region Innsbruck vorfindet, ist laut Karin Seiler „absolut einmalig und ermöglicht den vielleicht facettenreichsten Urlaub im gesamten Alpenraum.“ Außerdem hat Innsbruck konkrete Angebote entwickelt, um die Aufenthaltsdauer der Gäste zu verlängern. „Wir denken über Regionsgrenzen hinaus und können gerade bei geplanten Langzeitaufenthalten so die Attraktivität unserer Destination weiter steigern,“ so Seiler.

Positive Auswirkungen der Pandemie auf die Aufenthaltsdauer sieht auch Susanne Stellberg, Marketing Manager von Tourism Tasmania: „Natürlich gibt es Menschen, die, sobald auch Fernreisen wieder möglich sind, sich in das Flugzeug setzen und ganz weit weg fliegen werden wollen.“ Und diese Zielgruppe wird dann anstatt zwei Wochen womöglich sogar zwei Monate bleiben, nachdem viele Menschen in der Pandemie nicht nur Geld, sondern auch Urlaubstage gespart haben. Insofern sieht Stellberg langfristig großes Potenzial für den kleinsten australischen Bundesstaat, der mit seinem touristischen Angebot und viel Natur und Weite den Nerv der Zeit trifft. Laut Susanne Stellberg bietet Tasmanien die Antwort auf aktuelle Bedürfnisse und Sehnsüchte vieler Menschen, die derzeit mehr denn je alles hinter sich lassen möchten. Dazu passt auch Tasmaniens Motto: „Runterkommen und Durchatmen“. Der Tourismusforscher Schmude bestätigt, dass das Bedürfnis nach Fernreisen weiterhin da ist, „wenn auch zunächst nicht in der Quantität wie vor Corona.“

Von links nach rechts: Moderator Tom Meiler, Susanne Stellberg, Marketing Manager Tourism Tasmania und Sebastian Reddeker, CEO Luxembourg for Tourism. © HPR/Quitter

Tourismus-Trends 5 und 6: Nachhaltigkeit versus Übertourismus

Der Seefelder Tourismus-Obmann Alois Seyrling sieht Outdoor- und Natur-Tourismus als Bestandteil der aktuellen Tourismus-Trends. Und damit verbunden spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle. „Wir merken, dass die Produkte, die sich um die Natur drehen, viel stärker nachgefragt werden“, so Seyrling. Auch das ferne Tasmanien setzt konsequent auf das Thema Nachhaltigkeit. So bezieht Tasmanien schon jetzt als erster Australischer Bundesstaat seinen Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Ferner hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 klimaneutral zu sein.

Ein Vorreiter in dem Bereich ist die Schweizer Region Laax. Schon seit Jahren setzt die Region auf ökologische Nachhaltigkeit. „Inhaltlich ist das die Laaxer Antwort auf den Klimawandel,“ sagt Markus Wolf. „Wir arbeiten bereits seit über einem Jahrzehnt daran, vom Verbraucher zum Produzenten zu werden.“ Für diese ambitionierte Vision wird einerseits selbst Energie erzeugt, vorwiegend über Solarstrom, andererseits massiv an der Energieeffizient gearbeitet. Dass Nachhaltigkeit einer der zentralen Tourismus-Trends ist, beobachtet auch  Schmude: „Vor Corona war das Marktsegment nachhaltiger Tourismus noch nicht so groß. Aber hier wirkt Corona jetzt wie ein Katalysator. Der Gap zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen Verhalten wird mit Corona kleiner.“

Eine enorme Herausforderung der Zukunft ist das Thema Overtourism. Der überfüllte Tourismus wird verstärkt durch Phänomene wie Instagram und Influencer, jetzt aber auch die Corona-Pandemie. Die geballten Menschenmassen sind nicht nur ein Problem für Städte wie Amsterdam oder Venedig. „Dieses Phänomen und alles, was damit zusammenhängt, wird uns die nächsten Jahre auch nach Covid wieder sehr stark beschäftigen,“ prognostiziert Schmude und identifiziert zwei Probleme: „Das eine ist der Konflikt zwischen den Touristen und Einheimischen. Dann ist da aber auch der Konflikt zwischen Touristen selbst“. Damit meint Schmude das ironische Phänomen, dass das touristische Erlebnis unter der Masse an Touristen leidet. Seefeld setzt hier ganz auf das Thema Natur: „Overtourism spielt bei uns keine Rolle“, sagt Alois Seyrling. Aufgrund der Lage Seefelds am Hochplateau mit viel Weite und Natur „gibt es in der Olympiaregion Seefeld ganz wenig Nadelöhr“, so Seyrling. Die Herausforderung in puncto Overtourism – und ein Lösungsansatz – ist das Steuern der Touristenströme, wie Schmude weiß: „Das Problem ist durchaus lösbar. Lenkung der Touristen ist hier das Stichwort – beispielsweise durch Digitalisierung.“

Trend 7: Digitalisierung

Auch wenn alle Welt von Digitalisierung spricht, sind sich die Tourismus-Manager einig. „Wir brauchen Digitalisierung nicht um des Digitalisierens willen“, wie es Patrick Schreib auf den Punkt bringt. „Digitalisierung muss einen spürbaren Mehrwert für den Gast bringen“, pflichtet ihm Markus Wolf bei. Die Usability spielt eine entscheidende Rolle, wenn man will, dass der Gast die Angebote annimmt. „Der Schlüssel ist, die Touristenströme beispielsweise mittels einer App zu lenken“, erklärt Professor Schmude. „Und zwar nicht erst, wenn der Gast am Parkplatz steht, sondern bereits zuhause“.  Das hat Laax über die Inside Laax-App gelöst. Diese erlaubt außerdem den Erwerb von Tickets oder Essen. Baiersbronn hat sich rund um die Nationalparkregion Schwarzwald mit 27 Gemeinden zusammengeschlossen und ein intermodales Routing entwickelt. Dies ermöglicht nicht nur die schnellste Route, sondern auch eine Route mit Unterbrechung. Beispielsweise gibt sie Empfehlungen für eine kurze Wanderung, wenn im Infozentrum zu errechneten Ankunftszeit viel los ist. Das Thema Digitalisierung beschäftigt auch Tourism for Luxembourg schon lange. Die Organisation hat ein selbstlernendes System entwickelt, das entsprechend der aktuellen Auslastung zum Beispiel gewisse Routen nicht vorschlägt. Etwa dann, wenn auf diesen gerade reger Andrang herrscht. „So garantieren wir unseren Gästen das jeweils aktuell beste touristische Erlebnis.“