„Terrorgefahren einzuschätzen ist nicht die Aufgabe von Unternehmen“

BDAE-Experte Claus-Helge Groß informiert entsendende Unternehmen neben Versicherungsfragen auch in punkto Sicherheit der Mitarbeiter und Aufklärungspflichten. Infolge der zunehmenden Terrorgefahr spielen Sicherheitstrainings eine immer größer werdende Rolle. Welchen Stellenwert diese haben und was Teilnehmer lernen, erzählt er im Interview.

Expat News: Einer aktuellen Studie zufolge investiert jedes zweite Unternehmen verstärkt in Maßnahmen zur Reisesicherheit ihrer im Ausland tätigen Mitarbeiter. Fast jedes Dritte hat beispielsweise ein so genanntes Sicherheitstraining eingeführt. Sie bieten ein solches bereits seit 2011 an. Ist bei Ihnen die Nachfrage gestiegen?

Groß: Seit den Anschlägen in Paris im November 2015 haben die Anfragen für diese Trainings tatsächlich bei uns zugenommen. Wir hatten seitdem für dieses im Markt sehr spezielle Angebot Anfragen von etwa 25 Firmen. Tatsächlich zustande gekommen ist ein Training aber nur bei einem Bruchteil der Unternehmen.

Expat News: Warum nur so wenig?

Groß: Zum einen kostet ein solches, in der Regel zweitägiges Training mindestens 2.000 Euro. Hinzu kommen Ausfallkosten von Fachkräften, die an dem Training teilnehmen. Außerdem haben wir festgestellt, dass manche Unternehmen Sorge haben, dass durch die Sensibilisierung auf mögliche Gefahren am Einsatzort Mitarbeiter demotiviert werden könnten und den Auslandseinsatz doch nicht antreten. Ohnehin ist es nicht leicht, für Entsendeprojekte den geeigneten Arbeitnehmer zu finden, der dann auch noch bereit ist, unter Umständen mit Kind und Kegel ein paar Jahre im Ausland zu leben.

Hinzu kommt, dass die Folgen eines Risikos wie zum Beispiel potenzielle Terroranschläge zu abstrakt und auch nicht bezifferbar sind. Dies macht allein das Kostencontrolling sehr schwer.

„Ein Training hilft bei der Erfüllung der Fürsorgepflicht“

Expat News: Über- oder unterschätzen Firmen die Gefahr eines Terroranschlags?

Groß: Aus unserer Beratungspraxis können wir sagen, dass die Unternehmen sich durchaus intensiv mit den Einsatzorten ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten auseinandersetzen. Entscheidend bei den Überlegungen ist oft, wie wahrscheinlich eine Gefahr oder Gefährdungssituation des Mitarbeiters im Ausland sein könnte. Dabei sind die etwaigen Szenarien natürlich auch abhängig vom Entsendeland. Ohnehin ist es fraglich, welche Gradmesser es beispielsweise für Terrorgefahren gibt. Selbst Spezialisten vom Bundesnachrichtendienst, vom Verfassungsschutz, selbst vom US-amerikanischen NSA haben Schwierigkeiten, valide Vorhersagen zu treffen. Wie soll es da erst Personalern gehen? Terrorgefahren einzuschätzen ist ja nicht Aufgabe von Wirtschaftsunternehmen. Genau deshalb empfehlen wir entsendenden Unternehmen, sich spezialisierte Experten an Bord zu holen. Diese können beispielsweise eine Analyse vornehmen und auf dieser Basis fällt es vielleicht leichter, sich für oder gegen ein Sicherheitstraining zu entscheiden.

sicherheitsrisiken

Expat News: Welchen Stellenwert hat ein Sicherheitstraining bezüglich der Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt?

Groß: Aus unserer Sicht kann ein solches Training dazu beitragen, der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nachzukommen. Dieser hat ganz klare Aufklärungspflichten gegenüber seinen Arbeitnehmern. Wird ein Mitarbeiter etwa in ein Land entsandt, in dem es gefährlich werden könnte, darf dies nicht verschwiegen werden. Stellt sich nämlich heraus, dass der Betroffene durch bessere Vorbereitung vor einem Unglück hätte geschützt werden können, steht das Unternehmen in der Haftung. Ein Sicherheitstraining kann eine solche Grundlage für den Schutz des Mitarbeiters darstellen – und sei es nur, dass dieser dazu befähigt wird, wachsam zu sein und möglichst keine Risiken einzugehen.

Wie wichtig es tatsächlich ist, hängt natürlich auch davon ab, wohin das Unternehmen entsendet. Terrorismus ist zwar ein globales Phänomen, aber es ist ein Unterschied ob ein Mitarbeiter auf einer Geschäftsreise in Frankreich ist oder zwecks Errichtung eines Staudammes von einem Zementhersteller nach Nordirak entsandt ist. Auch wenn Frankreich von Terroranschlägen betroffen war, so ist das Risiko, dort Opfer einer Gewalttat zu werden, immer noch deutlich geringer als im Irak.

Grundsätzlich ist es für Unternehmen schwierig zu definieren, welches Land überhaupt als Krisenregion eingestuft werden kann beziehungsweise sollte. Denken wir beispielsweise an Thailand, denken wir nicht zwangsläufig an Gefahr. Dennoch gab es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Demonstrationen, die in starke Gewalt ausgeartet sind. Eine Situation, in der ein nicht vorbereiteter Mitarbeiter auch zwischen die Fronten geraten kann.

Expat News: Was lernen die Mitarbeiter in den Trainings?

Groß: Im theoretischen Teil erfahren die Teilnehmer Fakten über das Land, also relevante Statistiken, die politische Struktur, Informationen über vorherrschende Religionen und auch Hintergründe über die Landeskultur. Es soll also auch die interkulturelle Kompetenz geschult werden.

„Im Ernstfall kann der Expat souveräner handeln“

Im praktischen Teil geht es dann vorrangig um die Sensibilisierung für potenzielle Gefahren und die Simulierung von Gefahrensituationen. Die Prämisse ist dabei der Schutz und die Unversehrtheit des eigenen Lebens. Dazu gehört etwa auch, die Psychologie von Stresssituationen zu erläutern, damit Expats im Ernstfall gewappnet sind. Vermittelt wird etwa, in einem solchen Extremfall nicht den Helden zu spielen oder zu provozieren, sondern sich zu fügen. Die meisten solcher Aktionen sind darauf ausgelegt, Lösegeld zu erpressen, zum Beispiel um terroristische Anschläge finanzieren zu können. Wer eine schlimme Situation einmal simuliert hat, hat zumindest eine vage Vorstellung davon, was ihn im Ernstfall erwartet und kann souveräner oder zumindest umsichtiger handeln. Der Vorteil dieses Trainings besteht vor allem darin – und das habe ich am eigenen Leib miterlebt – dass sich die simulierten Situationen überaus echt anfühlen und der Körper unter einem immensen Stress steht. Wie heftig selbst gestandene Manager dann reagieren, wenn ihnen beispielsweise eine – natürlich nicht geladene – Kalaschnikow an den Kopf gehalten wird, ist schon bemerkenswert. Da wird regelrecht Angst produziert.

Expat News: Bekommen die Teilnehmer auch nützliche Praxistipps, frei nach McGyver?

Groß: Im weitesten Sinne ja. Es wird ihnen gezeigt, wie sie sich konkret auf Ausnahmesituationen vorbereiten können und beispielsweise ein Sicherheitskit aus einem Rucksack herstellen können. Auch das Verhalten vor Ort in Krisensituationen wird geschult. Da geht es etwa um die Frage, wie und wo finde ich privat oder staatlich organisierte Sammelpunkte für Evakuierungen. Auch lernt man, in welchem Stockwerk eines Hotels man sich besser nicht einbuchen sollte, weil dort Bombenanschläge ihre größte Wirkung entfalten.Unser Trainingspartner Human Ressources Consult legt außerdem viel Wert darauf, zu vermitteln, wie wichtig die Bildung sozialer Netzwerke vor Ort ist. Wer andere Expats und vor allem Locals kennt, der profitiert nicht nur von einer schnellen Informationsübermittlung bei Gefahr, sondern bekommt unter Umständen auch Unterschlupf bei Flucht.

Expat News: Welche Situationen lassen sich nicht üben?

Groß: Der Ernstfall. Wie verhalte ich mich im Realzustand? Das kann niemand vorhersehen. Ein solches Training ist ein Stück weit auch vergleichbar mit einem Selbstverteidigungskurs oder einer Kampfsportart. Beides wird unter kontrollierten Bedingungen ausgeübt und man kann davon ausgehen, dass eine faire oder kameradschaftliche Atmosphäre herrscht. Erst wenn es um echte Gewalt oder eine Entführung geht, also um eine konkrete Bedrohung, stellt sich heraus, wie die eigene Persönlichkeit gestrickt ist. Verfalle ich in Schockstarre, Panik oder handle mit Übermut? Da hilft auch keine Statistik.