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Studie: Wie sich Entsendungen in Risikoländer auf Expatriates auswirken

Terrorismus war und ist eine Bedrohung für im Ausland tätige Unternehmen, dessen Bedeutung in Zukunft noch weiter zunehmen wird. Während dieser Artikel entsteht, reicht ein Blick auf die Titelseiten großer deutscher Tageszeitungen, um die akute Relevanz zu verdeutlichen. So starben etwa bei einer Serie von Anschlägen im zentralafrikanischen Nigeria in der Stadt Jos mehr als 200 Menschen. Verübt wurden die Anschläge von der islamistischen Terrororganisation Boko Haram.

Nahezu zeitgleich kamen im chinesischen Urumqi 31 Menschen ums Leben; verübt wurde dieser Anschlag von der durch chinesische Regierungskreise als Terrororganisation eingestufte Islamische Turkestan-Partei. Fast täglich gibt es neue Meldungen von Anschlägen in aller Welt, bei denen viele Menschen ihr Leben verlieren oder schwer verletzt werden. Diese Bedrohung betrifft nicht nur die lokale Bevölkerung vor Ort, sondern auch Ausländer, die sich beispielsweise im Rahmen einer Auslandsentsendung als Expatriates in einer gefährdeten Region befinden.

Auswirkungen von Terrorismus auf Stressempfinden von Expatriates

Die Autoren dieses Beitrags haben sich in einer empirischen Studie mit dieser Thematik beschäftigt*. Im Detail wurde untersucht, ob direkte und indirekte Auswirkungen von Terrorismus ein zusätzliches Stressempfinden bei Expatriates hervorrufen und wie sich dies auf die Arbeitseinstellung sowie die konkrete Arbeitsleistung auswirkt. Ausgewertet wurden die Daten von 143 Expatriates, die zum Zeitpunkt der Erhebung beruflich in einem stark von Terrorismus gefährdeten Land tätig waren. Das wichtigste Ergebnis: Insbesondere familieninterne Konflikte hinsichtlich der Sicherheit und das Auftreten von Terroranschlägen in unmittelbarer Umgebung tragen zu gesteigertem Stressempfinden bei.

Schwierigeres Verhältnis zu Einheimischen des Gastlandes

Dies führt in der Folge dazu, dass die betroffenen Expatriates ihre Einstellungen zu ihrer Arbeit überdenken und diese negativer bewerten. Zudem entfernen sie sich emotional von Gastlandangehörigen, weil sie diese implizit der Gruppe der (potenziellen) Terroristen zurechnen, auch wenn dies nur auf eine absolute Minderheit der Menschen vor Ort zutrifft. Dies wirkt sich besonders negativ im Arbeitskontext, speziell im Umgang mit Kollegen aus dem Gastland aus. In letzter Instanz leidet dementsprechend auch die Arbeitsleistung der Entsandten.

Um die Situation vor Ort besser zu verstehen, wurden im Rahmen der Vorstudie Interviews mit Personen im Irak, in Afghanistan und in Mauretanien durchgeführt. Dabei kamen interessante Details zu Tage, die sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen aus Sicht deutscher Unternehmen darstellen. Auf die Frage, wie die terroristische Bedrohung im Irak empfunden wird und welche Auswirkungen persönlich verspürt werden, erhielten wir folgende Antwort:

„Wenn es einen erwischt, dann erwischt es einen halt. (…) Wir haben mal mit ein paar Kollegen ausgerechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Bombenanschlags zu werden, bei etwa 1:100.000 liegt. Was aber extrem belastend war und ist, das sind Entführungen. Das war für mich immer ganz schlimm, weil man dann diesen Leuten ausgeliefert ist. Man weiß nicht, was sie mit einem tun (…) und [Ausländer] hat man ja meistens aus politischen Gründen gekidnappt.“

Expatriates in Risikoregionen haben häufig am meisten Angst vor Entführungen

Die Aussage zeigt, dass sich Expatriates vor Ort mit der Gefahr auseinandersetzen und dabei auch den eigenen Tod in Betracht ziehen. Allerdings wird dabei die Gefahr eines Bombenanschlags als „kalkuliertes Risiko“ dargestellt, während vor allem die Gefahr, Opfer einer Entführung zu werden als besonders bedrohlich empfunden wird. Als Geisel in einem Video zur Schau gestellt zu werden, möglicherweise Misshandlungen zu erleiden oder gar vor laufender Kamera hingerichtet zu werden, sind Schreckensszenarien, die massive Belastungen bei Expatriates hervorrufen.

Da es sich bei den Entführern meist um Gastlandangehörige handelt, erklärt sich auch die in der Studie nachgewiesene sukzessive Distanzierung von diesen. Ein Expatriate in Mauretanien etwa berichtete, dass das (lokale) Sicherheitspersonal vor den Gebäuden alle sechs bis acht Wochen ausgetauscht wird, um ein Ausspähen der Tagesabläufe der ausländischen Mitarbeiter weitgehend zu unterbinden. Auch dieses Beispiel unterstreicht die großen indirekten Effekte, die von einer terroristischen Bedrohung im Gastland ausgehen.

Wirtschaftliche Notwendigkeit der Präsenz in Hochrisikoländer

Andererseits zeigt sich jedoch auch, dass sich zur Sicherung einer erfolgreichen Unternehmenstätigkeit im Ausland die Entsendung von Mitarbeitern in besonders gefährdete Regionen nicht vermeiden lässt. Zeigt man keine Präsenz bei lokalen Kunden und Partnern, so wird der Erhalt relevanter Informationen und Aufträge maßgeblich erschwert. Damit entsteht ein Dilemma zwischen dem bewussten Eingehen eines Risikos und der Wahrung der Sicherheit. Aussagen einer Person im Irak zu Folge hat bei deutschen Unternehmen der letztere Aspekt die oberste Priorität. Was grundsätzlich begrüßenswert ist, geht aber auch einher mit einer weiteren – wirtschaftlichen – Schwierigkeit. Folgende Aussage in Bezug auf andere ausländische Unternehmen verdeutlicht dies:

„Die anderen sind da abenteuerlicher, die sind nicht so futzelig was Sicherheit anbelangt. Aber die Deutschen sind extrem sicherheitsbetont, das sagen hier alle. Deshalb sind sie auch wirtschaftlich deutlich schlechter aufgestellt, beispielsweise im Vergleich zu Frankreich.“

Auf die Frage, weshalb die Franzosen wirtschaftlich besser dastehen als deutsche Unternehmen, antwortete ein französischer Unternehmensvertreter:

„Wir sind die Abenteurer und wenn wir das Feld bereitet haben, dann kommen die Deutschen und konsolidieren. Deutsche Unternehmen gelten als extrem zögerlich (…) und sind mit bei den Schlusslichtern, was das wirtschaftliche Engagement im Irak angeht.“

Deutsche Unternehmen sicherheitsbewusster als ausländische

Diese Ansicht teilen auch deutsche Personen im Irak.

„Das deutsche Wirtschaftsbüro, welches bei Kontaktanbahnungen unterstützen soll, sitzt in der ‚Grünen Zone‘ [in Bagdad], das ist das Regierungsviertel, da kommt niemand rein. Und wenn man Kontakt zu irakischen Unternehmen haben will, dann kann man einfach nicht in der ‚Grünen Zone‘ sitzen. (…) Die Kontakte, die sich bisher angebahnt haben, sind recht ärmlich, muss ich gestehen.“

Dabei sind deutsche Produkte auf dem irakischen Markt extrem gefragt. Auf die Frage, wie sie sich das zögerliche Vorgehen erklärt und ob die Expatriates Angst haben, dass ihnen etwas passiert erhielten wir folgende Antwort:

„Ja, ich denke schon! (…) Gerade deutsche Unternehmen hätten hier eine riesen Chance [auf lukrative Verträge] die sie meiner Meinung nach verpassen, weil deutsche Produkte jeder haben will. Die sind gefragt ohne Ende: deutsch, deutsch, deutsch! Das geht schon so weit, dass hier Plagiate auf den Markt geschmissen werden mit dem Label „made in Germany“ nur um mit dem Label zu werben. Das geht los bei einer schwarzen Marlboro, die „made in Germany“ sein soll, die aber in der Türkei hergestellt wurde, bis hin zu Shampoos angeblich von Schwarzkopf, wo man dann unten lauter chinesische Zeichen entdeckt“.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde nochmals herausgestellt, dass deutsche Unternehmen dieses Potential nicht ansatzweise nutzen. Es lässt sich daher feststellen, dass die deutsche Wirtschaft ein verstärktes Engagement zeigen sollte, dies aber selbstverständlich nicht um jeden Preis geschehen kann. Denn natürlich sind die Ängste der Mitarbeiter verständlich. Unternehmen sollten dort ansetzen, indem sie einen Mittelweg wählen zwischen „Verbarrikadieren“ in der „Grünen Zone“ und allzu abenteuerlicher Geschäftstätigkeit. Die Studie zeigt zwar, dass Stress aufgrund von Terrorismus negative Auswirkungen hat und Expatriates schlechtere Leistungen erbringen. Dies kann aber auch als Chance begriffen werden und genau da sollte man ansetzen. Beispielsweise verdeutlicht sich anhand folgender Aussage die Wichtigkeit von Netzwerken:

„Man braucht auf jeden Fall ein Netzwerk von Leuten, auf die man sich verlassen kann, die einem sagen ‚hör mal, da war jetzt ein Bombenanschlag oder es ist zu unsicher, geh da mal lieber nicht hin‘“.

Netzwerke vor Ort können überlebenswichtig sein

Für Expatriates ist es elementar, dass das entsendende Unternehmen sie schützt. Sofern dies aber dazu führt, dass sich das Engagement betriebswirtschaftlich nicht lohnt, sollte es entweder abgebrochen werden oder aber das Auftreten am Markt muss angepasst werden. Dies heißt nicht, dass deutsche Unternehmen in Zukunft ihre Mitarbeiter schonungslos den Gefahren aussetzen sollen. Allerdings empfiehlt es sich, sich aktiv um hilfreiche Kontaktpersonen zu bemühen und den Expatriates zu helfen, solche Netzwerke aufzubauen. Dies kann beispielsweise durch den Einsatz von Mentoren für neue Expatriates erfolgen oder eine Verstärkung der Sicherheitskräfte.

Zudem sollte die Sicherheitslage von externen Experten eingeschätzt werden, um im Zweifelsfall eine unabhängige, professionelle Meinung zu haben. In jedem Fall muss die Sicherheit der Mitarbeiter in einem angemessenen Verhältnis zu der Geschäftstätigkeit stehen. Sollte dies nicht gelingen, so muss über eine Beendigung des Engagements nachgedacht werden. Eine halbherzige Betätigung kostet Geld und bringt niemandem etwas – weder dem Unternehmen, noch den entsandten Mitarbeitern, welche so unnötig Gefahren ausgesetzt werden.

Die Autoren:

Dr. Benjamin Bader und Prof. Dr. Nicola Berg forschen und lehren am Lehrstuhl für Strategisches Management an der Universität Hamburg und befassen sich vor allem mit dem Thema Auslandsentsendung.

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Informationen zur Studie:

*Bader, B., & Berg, N. (2013). An Empirical Investigation of Terrorism-Induced Stress on Expatriate Attitudes and Performance.
Journal of International Management, 19(3), 163 – 175.

Kontakt: benjamin.bader@uni-hamburg.de

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