»Mit meinen Vorstellungen von China lag ich damals völlig daneben«

Das vielfach negativ behaftete China-Bild der Deutschen hat die Kommilitonen von Jonas Polfuß in China sehr verletzt. Was Chinesen über deutsche Chefs denken und noch vieles mehr, erzählt der Sinologe im EXPAT NEWS-Interview.

EXPAT NEWS: Sie sind Dozent und Doktorand am Institut für Sinologie und Ostasienkunde der Universität Münster. Warum haben Sie sich nach der Schule ausgerechnet für dieses exotische Studienfach entschieden?

Polfuß: Ich hatte in der Schule einen Englischlehrer, der selbst ei- ne große Begeisterung für die asiatische Kultur hegte. Das hat sich ein Stück weit auf mich übertragen. Außerdem hat mich insbesondere die chinesische Sprache fasziniert. Wahrscheinlich ist es das Visuelle der Schriftzeichen, das mich so anzieht. Latein mochte ich jedenfalls nie.

EXPAT NEWS: Wie groß ist das Institut?

Polfuß: Derzeit sind knappe 200 Studenten eingeschrieben. Es sind noch relativ wenige in den Chinawissenschaften allgemein, bedenkt man, dass China in Zukunft eine derart bedeutende Rolle einnehmen wird und es  auch für angehende Akademiker von großem Nutzen sein kann, Chinesisch zu lernen. Möglicherweise ist die Hürde vor der sicherlich nicht sehr leicht zu erlernenden Sprache immer noch recht hoch.

EXPAT NEWS: Waren Sie vor Studienbeginn bereits in China gewesen, um Kultur und Sprache vor Ort zu erleben?

Polfuß: Nein, den ersten Chinaaufenthalt hatte ich erst im Jahr 2006. Und ich blieb gleich ein ganzes Jahr in Peking. Seitdem bin ich jedes Jahr nach China gereist, auf der Expo in Shanghai war ich zum Beispiel für einige Unis aus Nordrhein-Westfalen tätig.

EXPAT NEWS: Hatten sich Ihre Erwartungen an den ersten Chinaaufenthalt erfüllt?

Polfuß: Bis auf die Vorstellungen von all den Sehenswürdigkeiten habe ich bei meinem China-Bild damals völlig danebengelegen. Das Land erschloss sich mir weitaus moderner als erwartet. Vielleicht lag die Kluft zwischen Vorstellung und Realität bei mir so weit auseinander, weil ich ein exotisches und vergangenes China aus Filmen und Büchern erwartet hatte.

EXPAT NEWS: Haben Sie einen Kulturschock erlitten?

Polfuß: Einen Schock zwar nicht, aber ich musste mich schon sehr an die Andersartigkeit gewöhnen. Viele meiner westlichen Kommilitonen fielen vor allem um die Weihnachtszeit in eine Art dunkles Loch. Ich habe mich, um das zu vermeiden, in mein Studium gestürzt, mich unter chinesische Studenten gemischt und mich möglichst von Westlern ferngehalten.

Natürlich bin ich als großer Deutscher sehr schnell aufgefallen und mit etlichen Klischees konfrontiert worden. Vieles war positiv, etwa wenn ich auf deutsche Automarken angesprochen wurde, auf den Fußball oder auf den Basketball-Star Dirk Nowitzki, der eine unheimlich große Popularität in China genießt. Generell lobten viele meiner chinesischen Bekanntschaften die Vorzüge Deutschlands wie die Effizienz, Zielorientierung und Pünktlichkeit. Allerdings erfuhr ich später, dass deutsche Geschäftsleute bei Chinesen ziemlich gefürchtet sind, unter anderem aufgrund ihres dominanten Führungsstils und einer gewissen Arroganz. Eine neuere Umfrage unter chinesischen Mitarbeitern über ihre deutschen Chefs hat ergeben, dass sie am meisten die Ignoranz und Ungeduld, die manche deutsche Vorgesetzte ausstrahlen, stören. Als zweiten wichtigen Punkt vermissten sie das Bestreben ihrer ausländischen Führungskräfte, sich mit der chinesischen Kultur zu befassen, die Grundzüge der Sprache zu lernen oder den Kommunikationsstil anzupassen. Zunehmend wird auch in China die negative Berichterstattung über das Land in den deutschen Medien thematisiert; Chinesen die nach Deutschland kommen, sind teilweise wirklich bestürzt.

EXPAT NEWS: Was verletzt sie im Besonderen?

Polfuß: Ich glaube, es ist die Tonalität und die Schaffung eines Bildes, das in Zügen fast schon rassistisch anmutet. Es sind Attribute wie »eisernes Lächeln« oder die »rote Gefahr«, die eine äußerst negative Sichtweise auf die chinesische Kultur suggerieren. Unser Bild von China ist nach wie vor extrem eurozentrisch geprägt und wir projizieren typisch westeuropäische Werte auf die asiatische Kultur, ohne uns hinreichend zu vergegenwärtigen, dass unsere Werte nicht zwangsläufig universal sind. Dass diese Sichtweise nur allzu oft arrogant herüberkommt, sollte vor diesem Hintergrund nicht verwundern. Außerdem gibt es natürlich nicht den einen typischen Chinesen. Kultur und Bevölkerung sind sehr vielfältig und mehr als eine Milliarde Chinesen sind eben auch mehr als eine Milliarde Individuen.

EXPAT NEWS: Wie kann man das negative Bild korrigieren?

Polfuß: Es gibt so viele Kooperationen insbesondere auf Hochschulebene mit China, von denen die deutsche Öffentlichkeit aber so gut wie gar nichts weiß. Meiner Meinung nach sollte die Politik diese Partnerschaften offensiver kommunizieren. Es gibt jede Menge Austauschprojekte für Studenten und Professoren, aber auch für Lehrer und Schüler, zum Beispiel von der Organisation AFS. Allein die Koordination solcher Austauschprogramme birgt großes Potenzial für mehr gegenseitiges Verständnis in der Zukunft.

EXPAT NEWS: Was können wir aus Ihrer Sicht von der chinesischen Kultur lernen?

Polfuß: Ich glaube, dass vor allem die Konfrontation mit den großen interkulturellen Unterschieden bei jedem Einzelnen einen Lernprozess anstoßen kann. Wer etwas für sich daraus mitnehmen möchte, sollte sich mit chinesischen Gesprächspartnern aktiv über die Andersartigkeit der jeweiligen Kultur austauschen.

 

Weitere Informationen:

•           Jonas Polfuß promoviert über die chinesische Netzwerkkultur, die schon im chinesischen Kaiserreich sehr einflussreich war und sich heute in demBegriff Guanxi 关系 niederschlägt.

•           Er betreibt außerdem einen interkulturellen Blog rund um das Thema China (http://interculturecapital.de/) und gibt interkulturelle China-Trainings.

•           Mehr zum Institut für Sinologie und Ostasienkunde: http://www.uni-muenster.de/Sinologie/

•           E-Mail: jonas_polfuss@yahoo.de