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Chinas Milliardärinnen machen einen großen Teil der weiblichen "self-made" Milliardäre aus
© leungchopan – AdobeStock

Chinas Milliardärinnen: self-made und innovativ

Trotz turbulenter Märkte und der COVID-19-Pandemie schafften es rekordverdächtige 456 Chinesen auf die Forbes-Weltmilliardärsliste 2020. Besonders interessant: Chinas Kader von „self-made“ Milliardärinnen.

Die meisten der reichsten Frauen der Welt, wie Alice Walton und Francoise Bettencourt Meyers, haben ihren Reichtum geerbt. Von den 234 Frauen auf der Liste der 2.095 Milliardäre gelten nur 67 als „self-made“. Darunter fasst Forbes diejenigen zusammen, die aus eigener Kraft ein Unternehmen aufgebaut oder ein Vermögen gegründet haben. Und fast die Hälfte von ihnen stammt aus dem Großraum China: 28 vom Festland und fünf aus Hongkong. In Indien dagegen, einem Land mit einer Bevölkerung, die mit der Chinas vergleichbar ist, gibt es nur zwei Frauen, die ein Milliardenvermögen geschaffen haben. Wie hat denn China so viele selbstgemachte weibliche Milliardäre geschmiedet?

Die Milliardärinnen des Reichs der Mitte

Gegenwärtig ist die reichste „self-made woman” der Welt Zhong Huijuan, die dem chinesischen Arzneimittelhersteller Hansoh Pharmaceutical vorsteht. Berichten zufolge ist ihr Vermögen 16,3 Milliarden Dollar wert ist. Sie wird gefolgt von Wu Yajun, die nach der Gründung von Longfor Properties. In den 1990er Jahren hatte sie ein Vermögen von 13,7 Milliarden Dollar in der Immobilienentwicklung verdient. An dritter Stelle steht Lu Zhongfang, die zusammen mit ihrem Sohn die Testvorbereitungsfirma Offcn gegründet hat. Der Nettowert ihres Vermögens beträgt 9,5 Milliarden Dollar.

Zhong, Wu und Lu vertreten eine Generation von Frauen, die zu Chinas neuer Klasse der superreichen Unternehmerinnen gehören. Die meisten dieser Frauen sind über 50 Jahre alt. Sie waren Zeugen der rauen, turbulenten Zeit der Kulturrevolution von Mao und erlebten sowohl die Schwierigkeiten als auch die Chancen, als China 1979 seine Tür für ausländische Investitionen öffnete. Was ihre unternehmerischen Ambitionen oft beflügelte, war ihr Wunsch, das Leben ihrer Kinder zu verbessern. Ihr Reichtum stammt hauptsächlich aus der verarbeitenden Industrie und dem Immobiliensektor, aber einige investieren zunehmend in neue Bereiche wie Fintech, Biotech und KI.

Chinas Wirtschaftswunder

Zu Zeiten des Kommunistischen Parteivorsitzenden Mao Zedong galten Elemente einer Marktwirtschaft noch grundsätzlich und in geradezu jeder Form als staatsfeindlich. Maos Nachfolger Deng Xiaoping schaffte eine Kehrtwende, indem er das System der Kommunistischen Partei stückweise für kapitalistische Prinzipien öffnete. Die eine Idee: Um wohlhabend zu werden, musste China einige kapitalistische Praktiken übernehmen und gleichzeitig seine politische Ideologie beibehalten. Unternehmen in Privatbesitz wurden 1981 legalisiert, wodurch Unternehmertum freigesetzt und China nach und nach von einer isolierten Agrargesellschaft in eine dynamische Marktwirtschaft verwandelt wurde.

Chinas Produktionsboom in Shenzhen und anderen Sonderwirtschaftszonen, angelegt als „Experimentierfelder“ eines genuin chinesischen Kapitalismus, eröffnete Frauen neue Beschäftigungsmöglichkeiten, die sie vorher nicht hatten. Viele erfolgreiche Unternehmerinnen stiegen aus der Fabrikhalle auf und überwanden außergewöhnliche Umstände.

Vierzig Jahre später führt die kommunistisch regierte Volksrepublik China die Liste der Staaten an, die mit dem größten Zuwachs an Milliardären bis 2027 rechnen können. Derzeit gibt es weltweit etwa 2.250 Milliardäre, in den zehn Jahren bis 2027 soll die Zahl dann auf mehr als 3.440 steigen.
Infografik: Wo die Zahl der Milliardäre am stärksten wächst | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Durch die Härte fortbestehen

Lange Arbeitszeiten sind in China eine ungeschriebene Regel und damit ein Faktor für den Erfolg der chinesischen Milliardäre. Letztes Jahr verteidigte Alibabas Mitbegründer Jack Ma auf einer chinesischen Social-Media-Site Weibo die „996“-Arbeitskultur in der Technologiebranche, in der die Mitarbeiter an sechs Tagen in der Woche von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends im Büro sein sollen.

Wie ihre männlichen Kollegen arbeiten Gründerinnen oft bis nach Mitternacht. Die Praxis ist auch 2020 noch üblich, allerdings tief verwurzelt im konfuzianischen Arbeitsethos, speziell dem sogenannten „Chi ku“ – dem Durchhalten in der Not. Arbeiten bis zur Erschöpfung ist für viele Unternehmer auf dem chinesischen Festland wie auch in Übersee als charakterliche Stärke. Ein weiterer entscheidender Aspekt des Konfuzianismus sind individuelle Opfer zugunsten der Familie, der Heimatstadt oder des Arbeitgebers.

Kontinuierliches Lernen

Zu Beginn der Kulturrevolution schlossen alle Schulen in China. Einige Universitäten blieben gar bis zu Maos Tod 1976 geschlossen. Diejenigen, die in dieser Zeit hätten ausgebildet werden können, gelten als die verlorene Generation. Einige Milliardärinnen haben dementsprechend nie ein College besucht. Doch das hielt sie nicht davon ab, zu lernen. Bildung wird in China hoch geschätzt. Während sie ihre Unternehmungen ausbauen, bilden sich die chinesischen Gründerinnen immer weiter fort, um mit ihren sich entwickelnden Rollen Schritt zu halten. Aus diesem Grund sind Executive-MBA-Programme heutzutage sehr gefragt und mittlerweile zum Kronjuwel der chinesischen Business Schools geworden.

Das Prinzip kontinuierlichen Lernens macht sich offensichtlich bezahlt – die Frauen in der chinesischen Geschäftswelt zeichnen sich durch hohe Innovationsfreude aus. China hat den höchsten Frauenanteil bei internationalen Patentanmeldungen. Wie die Statista-Grafik auf Basis von Daten der World Intellectual Property Organization (WIPO) zeigt, waren hier 28,9 Prozent der Erfinder weiblich. In Deutschland hingegen liegt der Frauenanteil bei nur 10,3 Prozent. Die meisten Erfinderinnen gibt es laut WIPO in den Bereichen Biotechnologie, Pharmazeutika und Lebensmittelchemie – die wenigsten dagegen in den Feldern Werkzeugmaschinen, mechanische Elemente und Motoren, Pumpen und Turbinen.

Infografik: Patente Frauen | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Networking und Guanxi

In China sind persönliche Netzwerke („guanxi“) von entscheidender Bedeutung für den Erfolg neuer Unternehmungen. Guanxi sind die Verbindungen, die durch Gegenseitigkeit und gegenseitige Verpflichtung entstehen und auf Vertrauen und gemeinsamen Erfahrungen beruhen. Unternehmer, die in China tätig sind, müssen sich mit einer Vielzahl von Interessengruppen auseinandersetzen, darunter auch mit wichtigen Regierungsvertretern und Führern lokaler Gemeinden. Weibliche Gründerinnen zeichnen sich dabei aus. Sie neigen dazu, ganzheitlicher zu denken. Sie legen mehr Wert auf ihre Beziehungen zu allen wichtigen Interessengruppen. Oft bekleiden sie nominelle Positionen in der Lokal- oder Zentralregierung.

Geschäftsfamilie

Genauso wichtig wie Guanxi ist das Konzept der „Unternehmerfamilie“. In der traditionellen chinesischen Kultur dient die Familie als Grundlage für alle Arten von Organisationen. Dieses Prinzip hat auch heutzutage nichts von seiner Bedeutung eingebüßt, weder für Frauen noch für Männer. Die uralte Praxis, Geschäft an die Familie anzugleichen, hat nicht nur eine berufliche und finanzielle Bedeutung im chinesischen Wirtschaftskontext. Sie macht die Firmenchefin auch für ihre Mitarbeiter zugänglicher. Darüber hinaus strafft eine typischen Geschäftsfamilie die Organisationsstruktur, um Bürokratie abzubauen und schnelle Entscheidungen zu erleichtern.

Chinas Modernisierungs- und Vermarktungsfortschritte haben Frauen beispiellose Karrierechancen eröffnet und sie in die Lage versetzt, private Unternehmen zu gründen und dabei ein Vermögen aufzubauen. Es wäre jedoch ein Fehler anzunehmen, dass chinesische Frauen in der Vergangenheit den Männern gegenüber machtlos und unterwürfig waren, wie sie im Westen oft dargestellt werden. Tatsächlich spricht man auf Mandarin das Wort für Frau als „Qi“ aus, was „gleich“ bedeutet. In der chinesischen Tradition sind Frauen daran gewöhnt, bedeutende Macht und Einfluss auszuüben, auch wenn dies manchmal „unter dem Radar“ geschieht.