»Abenteurer sollten nicht in Krisengebiete entsandt werden«

Welche Länder bergen zurzeit besonders große Risiken für deutsche Geschäftsreisende und was bringen Sicherheitstrainings zur Vorbereitung? Darüber sprach Oliver Schneider, Director Corporate Security Solutions bei der Result Group im Expat-News-Interview.

Expat News: Was sind der Statistik zufolge die häufigsten Vorfälle bei Geschäftsreisen beziehungsweise bei beruflichen Auslandsaufenthalten in Krisenländern?

Schneider: Eine klassische Statistik gibt es dazu nicht. Aber unseren Erfahrungen zufolge kommen Entführungen, Überfälle oder terroristische Akte, die auf Expats oder Geschäftsreisende zielen, glücklicherweise selten vor. 90 Prozent aller Vorkommnisse sind gesundheitlicher Natur. Und da ist von der Blinddarmentzündung über den Arbeitsunfall auf der Baustelle bis zum Autounfall alles dabei.

Expat News: Was ist mit den restlichen zehn Prozent?

Schneider: Das sind diejenigen Vorfälle, die einen kriminellen Hintergrund haben, also Diebstähle, Entführungen, Carjackings oder Einbrüche in Privatwohnungen und Unternehmensräume. Daneben kann es vorkommen, dass staatliche Organe Mitarbeiter festhalten und z.B. an der Ausreise hindern. Selten kann es vorkommen, dass Geschäftsreisende tatsächlich getötet werden. Wir hatten mal einen Fall, bei dem der Expat eines Unternehmens in den USA vor einem Motel erschossen wurde. Das besonders Unglückliche daran war, dass er von einem »Querschläger« getroffen wurde. Er hatte Schüsse gehört, woraufhin er aus seinem Hotelzimmer trat und dann unfreiwillig in die Schießerei geriet.

Expat News: Welche Länder gelten für Geschäftsreisende derzeit als besonders risikobehaftet?

Schneider: Vor dem Hintergrund organisierter Kriminalität ganz klar Lateinamerika, also Mexiko, Brasilien, Venezuela, Honduras oder Guatemala. Ägypten, Libyen und Nigeria bergen zudem noch terroristische und kriegerische Risiken. In Südafrika gibt es oft Kidnappingfälle. Ein sehr kritisches Gebiet ist außerdem Irak, wo viele deutsche Unternehmen Wiederaufbau-Arbeit leisten und ebenfalls einem starken Risiko ausgesetzt sind. Dort gilt vor allem für terroristische Akte ein permanentes Ge- fährdungspotenzial. Dabei zielen die Anschläge längst nicht immer auf Ausländer, sondern sind oft ethnischer oder politischer Natur und zu Tode kommende Geschäftsreisende sind dann aus Sicht der Terroristen »Kollateralschäden«.

Grundsätzlich ist es schwer, einzelne Länder per se zu Risikostaaten zu proklamieren. Syrien ist nicht gleich Syrien. Wir kooperieren mit Spezialisten vor Ort und führen im ersten Schritt eine Desktop-Analyse durch, bei der wir die Gefahrenherde einzelner Regionen differenzieren und unsere Kunden dann entsprechend beraten können.

Expat News: Was vermitteln Sie bei Ihrem Sicherheitstraining?

Schneider: Vor allem die Erkenntnis, dass die größte Gefahr von der Unwissenheit des Menschen ausgeht. Wer weiß, wie er sich in brenzligen Situationen wie einem Überfall am Geldautomaten in Mexiko zu verhalten hat, rettet Gesundheit und Leben.

Expat News: Und wie sollte man sich in einer solchen Situation verhalten?

Schneider: Tun Sie, was die Kriminellen von Ihnen wollen. Heben Sie das geforderte Geld ab und wehren Sie sich nicht. Falscher Heldenmut bringt an einer solchen Stelle niemanden weiter.

Expat News: Wie läuft ein Sicherheitstraining bei Ihnen konkret ab?

Schneider: Es besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. In der Theorie wollen wir die Geschäftsreisenden und Expats vor allem dafür sensibilisieren, welche Risiken sie im entsprechenden Aufenthaltsland erwarten. Dabei geht es um Fragen, welches Hotel in welcher Region am sichersten ist, welche Verkehrsmittel besser nicht genutzt werden sollten oder wie man sich auf Flughäfen bewegt. Der praktische Teil hat nichts Martialisches, aber dort stellen wir beispielsweise eine Car-Jacking-Situation nach. Auf diese Weise be- kommen die Teilnehmer eine Vorstellung vom Ernstfall und fühlen sich durch die vermittelten Inhalte, Tipps und Tricks besser vorbereitet.

Expat News: Inwiefern kann ein Sicherheitstraining oder die Beratung durch Sicherheitsexperten wie Sie kontraproduktiv sein oder zu einer Art Hypersensibilisierung bei den Mitarbeitern führen?

Schneider: Jedes Unternehmen sollte bei der Vorbereitung genau prüfen, welcher Mitarbeiter etwa für einen Einsatz in Südafrika in Frage kommt. Gewisse Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale sollten Geschäftsreisende und Expats in Risikoregionen schon mitbringen.

Expat News: Welche zum Beispiel?

Schneider: Charakterstärke, Stressresistenz, interkulturelles Verständnis und Lebenserfahrung sind wichtig. Auch sollte ein gewisses Risikobewusstsein vorhanden sein. Abenteurer sollte man ganz bestimmt nicht in kritische Gegenden schicken. Wer besonnen vorgeht, kommt mit Gefahrensituationen besser zurecht. Oft steht bei den Unternehmen aber das Fachwissen im Vordergrund, weil bestimmte Positionen im Ausland entsprechende Fachleute erfordern. Leider ist die Auswahl nicht immer groß. Umso wichtiger ist es, dass die Firmen solche Mitarbeiter entsprechend vorbereiten und schulen.

Expat News: Sind Unternehmen bei Geschäftsreisen und Entsendungen in Risikoländer dazu verpflichtet, ein Sicherheitstraining durchführen zu lassen?

Schneider: Nein. Aber es gibt eine gesetzlich verankerte Fürsorgepflicht. Und was diese angeht, sind die Grenzen fließend. Unabhängig davon dankt es der Mitarbeiter seinem Arbeitgeber ganz gewiss, wenn dieser signalisiert: »Du bist mir so wichtig, dass ich alles tue, damit du dich für deine Reise gut vorbereitet fühlst.« Wenn aufgrund mangelnder Vorbereitung etwas passiert und der Vorwurf laut wird, der Arbeitgeber habe seine Mitarbeiter nicht hinreichend vorbereitet, droht neben einem finanziellen auch ein Image-Schaden für das Unternehmen.

Expat News: Inwiefern hilft interkulturelles Wissen dabei, kritische Zwischenfälle im Ausland zu vermeiden?

Schneider: Eine interkulturelle Sensibilisierung kann ein falsches Agieren vermeiden, durch das sich kritische Personen provozieren lassen. In den arabischen Ländern sollten Männer es beispielsweise unterlassen, kurze Hosen zu tragen oder ihrem Gesprächspartner die Schuhsolen zu zeigen. Vielerorts wird dies als Zeichen mangelnden Respekts gedeutet. Und in Regionen mit einem extremen Wohlstandsgefälle ist es nicht von Vorteil, besonders teuer gekleidet durch die Gegend zu laufen. Wir halten interkulturelle Kompetenzen für genauso wichtig wie ein Sicherheitstraining. Dies ist auch der Grund, warum wir mit dem BDAE das kombinierte Training entwickelt haben, bei dem die interkulturelle Einführung der Sicherheitsschulung vorausgeht.

Expat News: In welchen Fällen ist es für Unternehmen ratsam, eine Versicherung bei Entführungen abzuschließen?

Schneider: Diese so genannten Kidnap and Ransom Versicherungen lohnen sich aus unserer Sicht immer dann, sobald ein Mitarbeiter in ein gefährdetes Land reist. Die Spezialisten in diesem Segment sind die Allianz und die HDI Gerling Versicherungen.

Expat News: Abschließend ein paar Tipps für Geschäftsreisende in Krisenregionen?

Schneider: Ich mag nicht gerne pauschale Aussagen treffen, aber beispielsweise empfehlen wir, sich in Hotels die Fluchtwege genau anzusehen und einzuprägen. Und man sollte sich nicht unbedingt in den ersten beiden Stock- werken einquartieren lassen, wo Fremde schneller eindringen können. Zu weit oben sollte das Zimmer aber auch nicht sein, damit man etwa im Falle eines Brandanschlags noch mit einfachen Hilfsmitteln wie dem Bettlaken hinausgelangt. Zudem gibt es portable Rauchmelder, die Sie bei einem Feuer in der Nacht wecken. Fest integrierte Alarmsysteme sind nicht in jedem Land selbstverständlich.

Über die Result Group:

  • Gegründet: 1996 von Walfried O. Sauer
  • Sitz: München
  • Standorte: Belgien, Schweiz, Frankreich, Russland, China, Nord- und Lateinamerika, Mittlerer Osten und Nordafrika, West- und Südafrika
  • Schwerpunkte: Sicherheitstrainings für Expats und Geschäftsreisende, Frühwarnsysteme für Krisenländer, Krisenmanagement bei Entführungen und Erpressungen, Informations- und Personenschutz, Prävention vor Wirtschaftskriminalität
  • Sicherheitsspezialisten: Sind unter anderem ehemalige Mitarbeiter nationaler und internationaler Spezialeinheiten, z.B. GSG 9, Kommando Spezialkräfte (KSK), Spezialeinsatzkommandos (SEK), mobile Einsatzkommandos (MEK), SAS, ehemalige Angehörige des Bundesnachrichtendienstes (BND) sowie von MI5, MI6, Psychologen, Juristen usw.

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