Marieke Terhaar (Daxue Consulting)

„Shanghai ist nicht so international, wie man es sich vorstellt“

Die 23-Jährige Marieke Terhaar absolviert zurzeit ein Praktikum in Shanghai. Im Interview erzählt sie, wie ihr erster Eindruck von der Megacity war, was sie an den Chinesen besonders schätzt und wie fremd ihr die Kultur manchmal ist.

EXPAT NEWS: Sie absolvieren derzeit ein Praktikum bei einem Marktforschungsunternehmen in Shanghai. Wie sind Sie dazu gekommen? War es Ihr expliziter Wunsch, nach Shanghai zu gehen?

Terhaar: Es war nicht mein explizierter Plan, nach Shanghai zu gehen. Die Gelegenheit, mein Praktikum dort zu absolvieren, hat sich für mich relativ spontan ergeben. Während meines Auslandsstudiums in Frankreich im Master „Entrepreneurship“ hat der Gründer des Unternehmens Daxue Consulting, in dem ich jetzt mein Praktikum absolviere, einen Vortrag über die Unternehmensgründung in China gehalten. Da ich sehr an der Arbeit in einer Unternehmensberatung interessiert bin, hat mein französischer Professor mich für eine Praktikantestelle bei Daxue Consulting weiterempfohlen.

EXPAT NEWS: Sie haben zwei Auslandssemester in Frankreich verbracht. Warum haben Sie sich nicht für ein Praktikum in Deutschlands Nachbarland entschieden?

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Terhaar: Tatsächlich hatte ich auch ein Praktikumsangebot aus Marseille, ich habe mich dann aber für Shanghai entschieden. Obwohl ich während meines Auslandsaufenthalts in Frankreich mehr kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich festgestellt habe als erwartet, konnte ich der „Versuchung“ China nicht widerstehen. Mit dem Praktikum in China wollte ich die Gelegenheit nutzen, über den Tellerrand von Europa herauszuschauen. Als International-Business-Studentin bin ich an verschiedenen Kulturen interessiert. Der Wunsch mein Englisch zu verbessern, hat auch eine große Rolle gespielt. Ich fand es einfach komisch, dass mein Französisch um Längen besser als mein Englisch ist.

Darüber hinaus ist China wirtschaftlich ein sehr interessanter Standort. Seit 2010 ist China nach den Vereinigten Staaten von Amerika die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Betrachtet man die Wirtschaftsleitung nach Kaufkraft ist China seit 2014 sogar die größte Volkswirtschaft der Welt. Durch die Übernahme der politischen Macht der 5. Führungsgeneration im Jahre 2013 wurde ein neuer Weg eingeschlagen: China will mithilfe von Reformen eine nachhaltige Wirtschaft erschaffen. Mir diesen Umschwung live anzuschauen, hat mich sehr gereizt – und das in der Stadt Shanghai, die das wirtschaftliche Zentrum Chinas darstellt.

EXPAT NEWS: Erleben Sie etwas von diesem Umbruch?

Terhaar: Natürlich ist dies ein Prozess und ich sehe allenfalls einen Ausschnitt davon. Positiv ist, dass sich die Infrastruktur deutlich verbessert. Dies hat zur Folge, dass weniger Zweiräder auf den Straßen sind. In einigen Stadtteilen sind inzwischen Motorräder verboten und stattdessen findet man nun eine Vielzahl von umweltschonenderen E-Rollern auf den Straßen. Außerdem findet in China gerade ein Trend zu einem bewussterem Leben statt. Durchschnittlich sind 84 Prozent der Verbraucher dazu bereit, 27 Prozent mehr Geld für grüne Produkte zu zahlen. Im Vordergrund steht hier allerdings der Schutz der eigenen Gesundheit und Sicherheit, weil Skandale häufig in der Nahrungs- und Medizinindustrie auftreten sind. Das Kriterium der Umweltverträglichkeit eines Produkts erhält von den Chinesen nur Platz drei, davor kommen Gesundheit und Sicherheit.

Auffällig ist auch der Einfluss des Westens im Alltag, beispielsweise ersichtlich an Modetrends. Was ich außerdem wahrnehme – und das ist sicherlich symptomatisch für eine Wirtschaft im Wandel – ist die starke Kluft zwischen Arm und Reich.

EXPAT NEWS: Noch einmal zurück zu Ihrem Frankreichaufenthalt: Welche interkulturellen Unterschiede haben Sie zwischen Franzosen und Deutschen wahrgenommen?

Terhaar: Das waren eher Kleinigkeiten des Alltags. Zum Beispiel ist es in Frankreich nichts Ungewöhnliches, zu Verabredungen oder Terminen zu spät zu kommen. Deadlines werden im Arbeitsalltag nicht so ernst genommen, wie etwa in deutschen Unternehmen, und nach meinem Empfinden herrscht weniger Struktur. Auch in Sachen Essgewohnheiten ticken die Franzosen anders als wir. Während bei uns die letzte Mahlzeit normalerweise gegen 19 Uhr eingenommen wird, ist es in Frankreich völlig normal, sich noch um 21 oder 23 Uhr ein Gericht zu kochen.

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EXPAT NEWS: Das Unternehmen ist chinesisch; sind Sie die einzige Ausländerin dort oder gibt es international gemischte Teams?

Terhaar: Daxue Consulting ist ein junges und internationales Unternehmen und sein Gründer kommt aus Frankreich. Folglich kommen viele Mitarbeiter aus Frankreich, aber auch aus Italien, England, Israel, Norwegen und natürlich China. Zurzeit arbeite ich in zwei verschiedenen Teams: Ein rein internationales und ein Team mit relativ vielen Chinesen. Da die Unternehmenssprache aber immer Englisch ist, kann ich mich in beiden Teams mit allen Teammitgliedern prima verständigen und die Zusammenarbeit klappt sehr gut.

Was mir am Arbeiten in diesem Unternehmen äußerst gut gefällt ist, dass ich nicht nur eine neue Kultur kennen lerne. Wir diskutieren und erklären uns gegenseitig gerne die kulturellen Unterschiede und Gewohnheiten der verschiedenen Herkunftsländer. Oft lachen wir, wenn wir ein Stereotyp oder Vorurteil einer Nation bestätigen oder entkräfteten können.

EXPAT NEWS: Zum Beispiel?

Terhaar: Interessant ist, dass es dabei fast immer ums Essen beziehungsweise um Essgewohnheiten geht. Fast bei allen Europäern kursiert ja das Gerücht, dass Chinesen Hunde und Katzen essen. Dies ist allerdings nur in gewissen Regionen der Fall. Man darf nicht vergessen, China hat in etwa die Größe von ganz Europa! Allein in Deutschland gibt es ein riesiges Nord-Süd-Gefälle, wenn es ums Essen geht. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr das Kulinarische die Expats in China beschäftigt. Ein Freund von mir lebt in einem Vorort von Shanghai und vermisst die westliche Küche manchmal wahnsinnig. Um internationales Essen zu bekommen, fährt er eine Stunde mit der Metro ins Zentrum. Hier in Shanghai gibt es für chinesische Verhältnisse eine große Auswahl an internationaler Küche. So kann man beispielsweise auch mal in ein französisches Restaurant gehen oder findet einen deutschen Bäcker. Auch was das Englisch angeht, sind wir in Shanghai besser dran als in irgendeiner anderen Region Chinas. Die allermeisten Chinesen sprechen bislang kein Englisch als Fremdsprache.

„Deutsche sind in Shanghai sehr beliebt“

 

EXPAT NEWS: Wie werden Sie als Deutsche in Shanghai wahrgenommen?

Terhaar: Sehr positiv – das hätte ich so nicht erwartet. Deutsche sind hier aufgrund ihrer Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit sehr beliebt. Tatsächlich habe ich hier einen gewissen Stolz auf mein Heimatland entwickelt. Ansonsten sind die deutschen in punkto Nationalstolz im Vergleich zu anderen Kulturen eher zurückhaltend.

EXPAT NEWS: Inwieweit unterscheidet sich das Arbeitsleben in Shanghai von dem in Deutschland?

Shanghai 3Terhaar: Da das Marktforschungsunternehmen Daxue Consulting ein sehr internationales Unternehmen ist, unterscheidet sich das Arbeitsleben nicht sonderlich von dem in Deutschland. Ein wichtiger Punkt im Umgang mit den chinesischen Kollegen ist auf jeden Fall die Höflichkeit: Arbeitsaufträge, Erklärungen, Mails etc. werden immer äußerst höflich und entschuldigend formuliert. Diesbezüglich habe ich mich schnell angepasst und stelle oft meine „deutsche direkte“ Art hinten an, auch wenn dann eventuell ein paar mehr Fragen gestellt werden müssen, um an die gewünschte Antwort zu kommen. Außerdem läuft alles etwas weniger strukturiert ab. Oft wird erst einmal „drauf losgearbeitet“ und die aktuelle Strategie nochmal neu aufgestellt oder Termine sehr kurzfristig verschoben. Von Freunden, die in ihrem Praktikum oder bei der Arbeit deutlich mehr Zeit mit Chinesen verbringen, weiß ich, dass das Arbeitsleben sich aber deutlich mehr unterscheiden kann: Eine halbe Stunde Gymnastik statt Kaffeepause gehören dort zum Alltag. Außerdem schlafen Chinesen gern überall – so auch in der Pause auf der Arbeit.

Noch eine Besonderheit: In der Businesswelt ist es nicht unüblich, das Thema des Meetings zu ändern: War ein Angebot zu einer Dienstleistung zu besprechen, bekundete der chinesische Geschäftspartner bei einem Geschäftstermin eines Freundes sein Interesse an einem Joint-Venture.

„Ich hatte noch nie so viele Menschen auf engem Raum gesehen“

 

EXPAT NEWS: Was war Ihr erster Eindruck, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie in Shanghai gelandet sind und die Megacity zum ersten Mal sahen und erlebten?

Terhaar: Der Unterschied zu meiner französischen „Heimat“ in der naturbelassenen Provence war sehr deutlich zu spüren: Shanghai ist keine normale Stadt, sie ist wirklich eine Megastadt! Über 23 Millionen Menschen leben hier – allein das Viertel, in dem ich wohne, hat mehr Einwohner als ganz Köln. So viele Menschen auf so engem Raum hatte ich zuvor noch nie gesehen.

Als ich die Metro vom Flughafen zu mir nach Hause nahm, habe ich bei der anderthalb Stunden langen Fahrt keinen einzigen Europäer/Westler/Nicht-Asiaten gesehen. Erst im Stadtzentrum angekommen, habe ich welche getroffen. Shanghai ist eine sehr internationale Stadt, aber dennoch nicht so international wie es sich so mancher Europäer wahrscheinlich vorstellt: Man wird ständig bestaunt und beobachtet, aber daran habe ich mich schon total gewöhnt. Chinesen, die Shanghai besuchen und nicht aus einer der internationalen Städte Chinas kommen, machen auch gerne Fotos von den exotischen Westlern oder möchten sie anfassen.

Mein erster Eindruck war wirklich von der Menschenmasse geprägt: Durch diese Masse an Individuen kommt es nämlich dazu, dass Chinesen einen sehr groben Umgang pflegen. Sei es beim Umsteigen in der U-Bahn, beim Einkauf oder im Restaurant – unter so vielen Menschen zu sein, heißt auch viel drängeln zu müssen und oft ist hier Durchsetzungskraft gefragt. Aber auch daran gewöhnt man sich, obwohl ich immer noch Tage habe, an denen ich den einen oder anderen Chinesen wegen seiner groben Art „verfluchen“ könnte. Jedoch habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass Chinesen sehr freundlich und höflich sind: Steht man mit ihnen in einem direkten Bezug (freundschaftlich, auf der Arbeit oder es reicht auch aus, im gleichen Haus zu wohnen, seine Einkäufe im gleichen Supermarkt um die Ecke zu machen), übertreffen sie jeden Europäer an Freundlichkeit: Da wird einem Wechselgeld aus dem Supermarkt nachgetragen, weil man mit einem größeren Schein bezahlt hat als gedacht, Aufzüge aufgehalten oder man bekommt ein Gratisgetränk, weil im Restaurant um die Ecke keiner Englisch spricht und die Karte auf Chinesisch ist, das heißt, man bestellt mal wieder ein „Überraschungsmenü“ (man weiß schlichtweg einfach nicht, was man bekommt). Außerdem darf das nette asiatische Lächeln auf den Lippen der Chinesen nicht vergessen werden, wovon wir uns definitiv etwas abgucken können.

EXPAT NEWS: Haben Sie aufgrund der Mentalität der Chinesen schon gewisse Schwierigkeiten im Alltag gehabt?

Terhaar: Am meisten Schwierigkeiten bereitet mir die Sprache. Ich spreche kein Chinesisch und war mir vor der Abreise nicht darüber im Klaren, wie wenig Menschen in einer internationalen Stadt wie Shanghai Englisch sprechen. In Frankreich habe ich es sehr genossen, mich mit jedem Menschen unterhalten zu können. Meiner Meinung nach taucht man nur so richtig in eine Kultur ein. Mein Praktikum in Shanghai hat eine Dauer von drei Monaten, in denen das Erlernen einer so komplexen und andersartigen Sprache wie Chinesisch unmöglich ist. Ich versuche, so viele Wörter aufzunehmen wie es geht, aber mein Umfeld ist durch die Sprachbarriere sehr westlich geprägt.

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