„In China allein zu sein, ist unmöglich“

Alexandre J. Gruß hat bereits in den 90er Jahren Sinologie studiert und ging vor 16 Jahren nach China. Erst vor Kurzem ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Wie ihn diese Zeit geprägt hat und was er bereits jetzt vermisst, verrät er in diesem Interview.

EXPAT NEWS: Sie sind vor Kurzem nach 16 Jahren Aufenthalt in China nach Deutschland zurückgekehrt. Haben Sie eine Art „umgekehrten“ Kulturschock erlebt?

Gruß: Das würde ich so nicht sagen. Zum einen bin ich jedes Jahr mindestens einmal in Deutschland zu Besuch gewesen. Zum anderen hatte ich für einen solchen Zustand bisher kaum Zeit, denn ich musste so viel erledigen – zum Beispiel jede Menge Behördengänge. Vielleicht verspüre ich Anflüge von einem umgekehrten Kulturschock. Manches von China fehlt mir bereits jetzt, zum Beispiel der typische Geruch der feuchten Straßen nach dem Regen, mein Nudelhändler des Vertrauens, die Garküchen an jeder Straßenecke. Es ist zugegeben vor allem das Kulinarische, das ich hin und wieder vermisse. Andererseits schätze ich es aber auch, in Deutschland vor die Tür gehen zu können, ohne groß darüber nachdenken zu müssen und vor allem frische Luft einzuatmen.

EXPAT NEWS: Warum haben Sie sich nach einer solch langen Zeit im Ausland für eine Rückkehr nach Deutschland entschieden?

Gruß: Das war ein längerer Prozess und keine Entscheidung von heute auf morgen. Angedacht war eine Rückkehr bereits seit 2001. Aber irgendwie vergeht dann doch ein Jahr ums andere und so wurde erst Ende 2013 etwas daraus. Immer kamen ein neuer job und eine noch spannendere Aufgabe dazwischen! Einer der Hauptgründe, warum meine chinesische Frau und ich uns entschieden haben, fortan in Deutschland zu leben, ist unsere fast vierjährige Tochter. Wir möchten gerne, dass sie in einen deutschen Kindergarten geht und die deutsche Kultur erlebt. In Shanghai war es so: Meine Tochter verstand Deutsch, antwortet aber fast nur auf Chinesisch. Hier hat sich das nach weniger als 2 Monaten komplett geändert- sie kann ohne Probleme zwischen den beiden Sprachen umschalten. Zudem ist das Erziehungssystem hierzulande deutlich besser als in China. Ganz besonders wichtig war mir überdies der Kontakt zu meiner in Deutschland und Frankreich lebenden Familie – insbesondere zu meinen Eltern. Auch die Lebensqualität ist in Deutschland m.E. um ein Vielfaches höher als in China. In meinem Umfeld wird dies zunehmend als Beweggrund aufgeführt, weshalb viele Expats in China die Zelte abbrechen. Ich bin nicht der erste, aber auch nicht der letzte, der deshalb China verlässt.

EXPAT NEWS: Was meinen Sie konkret mit Lebensqualität?

Gruß: China hat sich in den vergangenen Jahren extrem industrialisiert. Die Folgen sind Luft- und Umweltverschmutzung sowie eine zunehmende Urbanisierung beziehungsweise Überfüllung von Städten. Ebenfalls nicht besonders angenehm sind die immer restriktivere Steuerpolitik und die Verschärfung der Einreisebedingungen.

EXPAT NEWS: Inwieweit hat der Aufenthalt in China Ihre kulturelle Identität verändert? Haben Sie spezifische chinesische Angewohnheiten übernommen?

Fotolia_49179178_XSGruß: Oh ja. Ich pflege immer zu sagen, ich bin halb deutsch, halb französisch und zu einem Viertel chinesisch. Wenn man es als Europäer in China gut haben möchte, muss man sich einfach anpassen. Und in den vergangenen 16 Jahren habe ich mich sicherlich stark assimiliert und bin Teil des Ganzen geworden. Das habe ich auch so gewollt, denn die Entscheidung, in China zu leben, traf ich ja bewusst und dazu gehörte auch mein Wunsch, Teil der chinesischen Kultur zu werden. Wer dies signalisiert, wird von den Einheimischen auch anders behandelt. Ich bin beispielsweise so gut integriert gewesen – sicherlich auch durch meine chinesische Frau – dass ich in unserer Wohngegend wie ein Local wahrgenommen wurde, natürlich mit einem besonderen Wiedererkennungswert.

EXPAT NEWS: Haben Sie chinesische Verhaltensmuster angenommen?

Gruß: Das blieb nicht aus. Gewisse Gesten übernimmt man, andere legt man ab. Den erhobenen Mittelfinger würde in China beispielsweise niemand als Zeichen verstehen. Ich merke auch, dass ich generell etwas lauter in der Artikulation geworden bin, mich in der Öffentlichkeit auch mal vordrängle. Aber das muss in einem Land wie China in dessen Metropolen so sein – andernfalls geht man unter. Auch die Streitkultur ist anders. Typisch chinesisch ist es etwa, kritischer als wir Deutschen zu sein, aber niemals aggressiv zu werden. Es stimmt nicht, dass Chinesen nicht frank und frei aussprechen, was sie denken, aber sie würden einfach niemals jemanden in der Öffentlichkeit bloßstellen.

EXPAT NEWS: Sie sind je zur Hälfte deutsch und französisch. War Ihre bi-kulturelle Sozialisation hilfreich beim Einleben in China?

Gruß: Im weitesten Sinne schon. Ich habe früh gelernt, zwischen mehreren Sprachen umzuschalten; diese Fähigkeit hat mir in China geholfen. Und durch das bi-kulturelle war mein Horizont wahrscheinlich etwas weiter als bei anderen, denn man lernt schneller international zu denken, wenn man Verwandtschaft in unterschiedlichen Ländern hat. Da zwei Kulturen mein Wesen prägen, habe ich zudem gelernt, mehr Toleranz gegenüber anderen Denkweisen und Lebensstilen zu entwickeln.

EXPAT NEWS: Was schätzen Sie besonders an der chinesischen und was an der deutschen Kultur?

Gruß: Wenn man die chinesische Kultur beurteilen möchte, muss man die unterschiedlichen Generationen betrachten. Generell existiert in China eine starke, interessante Mischung aus Tradition und Moderne. Bei den älteren Menschen fasziniert mich, dass diese erlebt haben, wie sich das Land zu ihren Lebzeiten quasi um 180 Grad gedreht hat. Die haben Hungersnöte und den puren Kommunismus, die Kulturrevolution unter Mao erlebt. Sie lebten in Städten voller Fahrräder, aber ohne Autos und Wolkenkratzer und erfahren nun eine Existenz in einer hochindustrialisierten Hightech-Welt.

Die junge Generation wurde aus Sicht der Alten mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Ihnen versuchen sie rudimentäre Werte wie Familienzusammenhalt zu vermitteln. Familie bedeutet den Jungen auch viel, aber die Herangehensweise an diesen Wert ist anders. Früher kümmerten sich die Jungen um die Alten, heute ist das nicht mehr so. Es wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, wonach junge Chinesen verpflichtet werden, ihre Eltern und Großeltern regelmäßig im Altersheim zu besuchen. Daran wird deutlich, wie sehr darum gekämpft wird, dass die Bevölkerung sich auf alte Werte zurückbesinnt..

EXPAT NEWS: Was schätzen Sie an der deutschen Kultur?

Gruß: Ich weiß zumindest, was die Chinesen an den Deutschen mögen. 90 Prozent bekommen glänzende Augen, wenn man ihnen sagt, man sei Deutscher. Sie nehmen uns als eines der unlustigsten, aber zugleich technikversiertesten Völker der Welt wahr und schätzen insbesondere unsere gute, strukturierte Bürokratie. Ich persönlich finde die differenzierte Denkweise der Deutschen sehr positiv – Chinesen denken leider zu selten in Grauzonen, sondern vornehmlich in Schwarz und Weiß. Gut finde ich auch, dass man es in Deutschland ohne Beziehungen und allein aufgrund seiner Qualifikationen schafft, beruflich weiter zu kommen. In Fernost muss man immer seine Kontakte spielen lassen, um etwas zu erreichen. Und ich bin froh über das individualistische Menschenbild und die geringere Einwohnerdichte. In Shanghai z.B. ist man nie allein! Überall sind permanent Menschen und es ist nie dunkel. Und trotz dieser vielen Individuen ist man doch ganz auf sich allein gestellt.

EXPAT NEWS: Sie haben bereits Anfang der 90er Jahre Sinologie studiert, als noch nicht absehbar war, dass China eine Großmacht, wie dies heute der Fall ist, werden würde. Was war der Grund für die Studienwahl?

Gruß: Es gab zwei Gründe. Zum einen war ich damals bei der Bundeswehr, konkret bei der Marine, wo ich das Gegenteil von geistiger Anstrengung erlebte. Ich verspürte ein solches Vakuum im Kopf, dass mein Wunsch nach einer intellektuellen Herausforderung immens stark war. Ich hatte schon immer ein Faible und Talent für Sprachen. Da mein Vater zu jener Zeit beruflich häufig in China unterwegs war, erkannte er, dass China wirtschaftlich auf dem Sprung war. In meiner Familie gibt es viele Mediziner und ich hatte das Bedürfnis, etwas völlig außer der Reihe zu studieren – also entschied ich mich für Sinologie, was ich nie bereut habe.

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