„Singapur ist eine Brücke zwischen Ost und West“

Vor acht Jahren ging die Hamburgerin Melissa Leich nach Singapur, um dort die Niederlassung einer Handelsgesellschaft aufzubauen. Wie es sich in einem der strengsten Länder der Welt lebt, erzählt sie im Interview.

EXPAT NEWS: Sie sind in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur geboren und in Hamburg aufgewachsen. Seit 2006 leben Sie in Singapur. Ist es für das Leben vor Ort für Sie von Vorteil, asiatische Wurzeln zu haben?

Leich: Nicht unbedingt. Eher im Gegenteil. Deutsche und vor allem jene, die der asiatischen Vorstellung von Deutschen am nächsten kommen – also blond und blauäugig – haben einen großen Bonus. Ihnen vertrauen die Menschen mehr und der Respekt ist größer, da die Deutschen hier als intelligent und erfolgreich gelten. Mit meinen malaiischen Wurzeln nehmen mir viele überhaupt nicht ab, dass ich Deutsche bin. Ich muss mich dann jedes Mal erklären, was mitunter etwas anstrengend ist. Elf Tage nach meiner Geburt kam ich mit meinen Eltern nach Hamburg. Ich fühle mich durch und durch als Deutsche. Im Ausland lernt man häufig Dinge schätzen, über die man im Heimatland nicht wirklich nachdenkt. Deutsche werden im Allgemeinen überall gut aufgenommen und ich bin somit dankbar über meinen deutschen Pass. Im Privaten, beispielsweise bei der Anmietung von Wohnungen und auch im geschäftlichen Bereich wirkt sich dies als Vorteil aus. Durch meinen Aufenthalt in Südostasien habe ich jedoch auch die Möglichkeit, meine asiatische Seite zu entdecken. Das ist ganz spannend und hatte ich damals gar nicht erwartet.

EXPAT NEWS: Sie sind bereits mit 25 Jahren für das Hamburger Unternehmen NPC Außenhandel nach Singapur gegangen, um dort eine sehr verantwortungsvolle Position zu übernehmen. Hatten Sie ein wenig Angst vor diesem Schritt?

Leich: Angst hatte ich überhaupt keine. Ursprünglich wollte ich nach Australien, aber das ist nicht so einfach und letztlich an Visa-Schwierigkeiten gescheitert. Als dann die Option Singapur auf die Agenda kam, war ich dankbar, dass es immerhin in Richtung Asien ging, so dass ich zumindest Australien ein Stück näher kam. Schon während meiner Ausbildung wollte ich unbedingt ein paar Jahre ins Ausland. Überhaupt überwiegen bei mir die Neugierde auf die Welt und der Drang, etwas Neues zu erleben, so dass Angst oder Zaudern gar nicht erst aufkommen.

EXPAT NEWS: Wie haben Sie sich vorbereitet und inwieweit hat Sie Ihr Unternehmen dabei unterstützt?

Fotolia_40533545_XSLeich: Ich hatte im Grunde gar keine Zeit, mich vorzubereiten. Im Dezember 2005 war noch gar nicht klar, wo es überhaupt hingehen soll und im Februar saß ich schon im Flieger nach Singapur. Davor ging es zunächst um die Auswahl eines Standortes in Asien. Die Geschäfte mache ich gar nicht hier vor Ort, sondern in den umliegenden Ländern. Singapur bot sich vor allem wegen der Sprache an – hier verständigen sich im Geschäftsleben alle auf Englisch – und wegen der unkomplizierten Voraussetzungen zur Gründung eines Unternehmens. Außerdem lebt man in Singapur sicher. Als Frau war auch das ein sehr wichtiges Kriterium für mich. Die Vorbereitungen habe ich dann alle selbst getroffen. Informationen beschaffte ich mir durch Recherche und ich habe andere Deutsche vor Ort gefragt, was etwa bei einer Firmengründung notwendig ist. Dann habe ich noch das Buch »Kulturschock Südostasien« gelesen, das für mich insofern sehr hilfreich war, als dass mir bereits vor der Einreise bewusst war, dass Singapur architektonisch zwar sehr westlich wirkt, aber durch die vielen verschiedenen Kulturen, seine eigene asiatische Kultur hat. Es heißt häufig, Singapur sei mit einer großen Schüssel Salat zu vergleichen. Schlussendlich war das Meiste learning by doing. Es ist wahrscheinlich eine typisch deutsche Eigenart, immer alles minutiös zu planen, aber ich bin ins kalte Wasser gesprungen und habe gelernt, wie ich in Asien schwimmen muss.

EXPAT NEWS: Gibt es in Asien viele Frauen in Führungspositionen? Wie werden Sie in der asiatischen Geschäftswelt wahrgenommen?

Leich: Ja, aber das ist nicht immer sofort offensichtlich. Mein Eindruck ist sogar, dass es hier mehr Frauen in Führungspositionen gibt als etwa in Deutschland. Bei Gesprächen und Verhandlungen werden die Karten nicht unbedingt immer sofort auf den Tisch gelegt. Man verhandelt mit bestimmten Partnern und erfährt erst später, dass eine Frau im Hintergrund agiert. Und es kommt auf den kulturellen Hintergrund an. Im muslimischen malayischen Kontext etwa spielt die Frau wiederum eine ganz andere – häusliche – Rolle. Im Vergleich dazu hat Indonesien viele starke Frauen, wobei diese meistens einen chinesischen Hintergrund haben, so dass diese auch in der Wirtschaft sehr präsent sind. Generell empfehle ich jungen, fleißigen Menschen – egal ob Mann oder Frau – im Businessleben möglichst keine Unsicherheit zu zeigen. Ein klares, konsequentes und entschiedenes Auftreten ist wichtig, um ernst genommen zu werden. Im Zusammenhang mit älteren Kooperationspartnern muss man auch schon mal deutlich machen, werde der Boss ist.

Hierbei ist es jedoch sehr wichtig, dass man darauf achtet , dass sein Gegenüber „sein Gesicht nicht verliert“ und Respekt entgegenbringt. Diese beiden Eigenschaften sind sowohl im Privaten als auch im Geschäftlichen äußerst wichtig, um in Asien erfolgreich zu sein. Für Deutsche gilt dies ganz besonders, da sie mit ihrer direkten Art manchmal als aggressiv oder arrogant wahrgenommen werden.

EXPAT NEWS: Was sind Ihrer Erfahrung nach die auffälligsten Unterschiede zwischen der deutschen und der asiatischen Verhandlungspraxis?

Leich: In Südostasien ist es unüblich, konkrete Angaben zu machen. Das ist mitunter sehr ärgerlich, denn beispielsweise findet man nie ausgeschrieben Preise für Waren oder Dienstleistungen. Als ich auf der Suche nach einem Fitnessstudio war, wollte ich gerne die Preise vergleichen. Das war aber nicht möglich. Man muss den Preis immer aushandeln; um den Wert wird stets ein großes Geheimnis gemacht. Das Dumme daran ist, dass man meistens nicht genau weiß, ob man gerade einen guten oder schlechten Deal gemacht hat. Deutschland ist da viel transparenter. Grundsätzlich ist das Arbeits- und Geschäftsleben hier wesentlich personenbezogener. Vieles muss über den persönlichen Kontakt geklärt werden. Selbst wenn man eine E-Mail rausschickt, ruft man noch ein bis zwei Mal beim Empfänger an, um sicherzugehen, dass dieser die Nachricht liest. Einen klassischen 9 to 5 Job ist hier seltener vorzufinden. Persönliches und Privates sind stärker vermischt und es ist normal, wenn man vom Chef oder von Partnern auch um Mitternacht noch Anrufe bekommt.

In Bezug auf Personal habe ich festgestellt, dass die Menschen hier sehr anspruchsvoll sind und sehr hohe Anforderungen an den Arbeitgeber stellen. Arbeitnehmer sind außerdem sehr markenorientiert, sie wollen sich damit rühmen, bei einer großen Firma zu arbeiten. Der Titel auf der Visitenkarte ist ebenfalls immens wichtig. Und es gibt sehr viele, sehr ehrgeizige Menschen, die unbedingt an die Spitze wollen.

EXPAT NEWS: Sind Sie schon mal in interkulturelle Fettnäpfchen getreten?

Leich: Ja, eine Sache ist mir noch nach all den Jahren immer noch sehr unangenehm. Es ist üblich, dass man auf der Straße ständig von Händlern angesprochen wird, ob man nicht etwas kaufen möchte. Deswegen wehre ich jeden automatisch ab, der auf mich zukommt und mir Ware anbietet. Während des chinesischen Neujahrs wurden mir Orangen angeboten, die ich dankend ablehnte. Nach einigem Hin und Her und nachdem mir jemand zuflüsterte, dass man Orangen als Glücksbringer anderen schenkt, nahm ich dankbar und etwas verschämt die Orange an.

EXPAT NEWS: Singapur gilt als einer der strengsten Stadtstaaten der Welt. Strafen wirken aus westlicher Sicht geradezu drakonisch. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck?

Fish-eye view of Singapore city skyline at sunset.Leich: Es geht hier wirklich sehr streng zu. Interessanterweise sieht man wenig Polizisten. Allerdings gibt es überall Kameras. Man ist in Singapur ein gläserner Mensch. Anfangs fand ich die hohen Strafen als sehr befremdlich und habe mir über die Todesstrafe Gedanken gemacht und hatte Angst, dass ich aus Versehen oder unverschuldet für ein Vergehen gerügt werden könnte, aber man lernt mit der Zeit damit umzugehen. Ich denke, dass die Strenge der Multikulturalität in Singapur zuzurechnen ist. Hier leben so viele Menschen mit unterschiedlichen Kontexten und auch Benimmregeln oder Toleranzgrenzen. Beispielsweise sieht man oft Plakate, in denen vor Straftaten oder Verbrechen gewarnt wird. Dabei wird oft an das familiäre Gewissen appelliert. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert und es ist mitunter das Schlimmste, was man einer Familie antun kann, wenn man sie aufgrund eines Vergehens entehrt.

Die strengen Regeln sind so eine Art gemeinsamer Nenner im Miteinander. Hinzu kommt, dass ich inzwischen der Überzeugung bin, dass nicht immer – und vor allen nicht zum jetzigen Zeitpunkt – unsere westlichen Wertevorstellungen eins zu eins übertragbar sind. Bei uns spielen Individualität und der freie Wille, die Selbstverantwortung eine sehr große Rolle.

Aber dies war auch nicht immer so und ist ein Prozess gewesen. Manche Länder sind noch nicht so weit. Letztendlich ist Singapur auch nur meine Wohnstätte, eben weil es hier so sicher ist. Meine Geschäfte mache ich in den wachsenden Märkten.

EXPAT NEWS: Wie oft zieht es Sie nach Deutschland und haben Sie manchmal Heimweh?

Leich: Als ich vor acht Jahren hierher kam, hatte ich bewusst nur ein One-Way-Ticket in der Hand. Natürlich vermisse ich meine Familie und ab und an fehlen mir auch ganz alltägliche Dinge, die ich mit Deutschland verbinde. Ich mag die Jahreszeiten, lange Sommerabende, an denen es bis in die Nacht hinein noch hell ist oder den Weihnachtsmarkt im kalten Advent. Hier wird es jeden Tag ab 19 Uhr dunkel; die Jahreszeiten machen sich kaum bemerkbar. Egal wann: Ich verlasse mein Büro immer im Dunkeln. In Deutschland genieße ich es dann anzukommen und auch mal einen Spaziergang zu machen oder mit meiner Schwester auszureiten. Außerdem schätze ich die ganz normalen Gespräche oder den Schnack in der Region, wo ich aufgewachsen bin. Wenn ich dort zum Bäcker oder in den Supermarkt gehe, werde ich von den Verkäufern direkt angesprochen und plaudere ein wenig. Das erlebe ich in

Singapur weniger. In diesem Multikultistaat gibt es auch immer noch eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Das heißt, dass man sich meist mit Personen in ähnlichen Positionen umgibt wie die eigene. Dementsprechend sind die Gespräche auch anders. Es dreht sich fast immer um Geschäfte, um Geld und um Status. Ernstes Heimweh habe ich schon manchmal. Aber die Welt ist so klein geworden und dank Skype, Smartphones und sozialen Netzwerken kann man seinen Lieben trotzdem sehr nah sein und ist nicht völlig aus ihrem Leben ausgeschlossen.

EXPAT NEWS: Was raten Sie Expats, die nach Singapur entsandt werden beziehungsweise welche wichtigen Tipps würden Sie diesen an die Hand geben?

Leich: Nicht zu viele Gedanken machen und einfach reinspringen. Singapur ist relativ einfach. Egal, ob es die Wohnungssuche, der Internet- oder Telefonanschluss ist, es geht alles schnell und unkompliziert. Dann sollte man möglichst schnell Anschluss suchen. Es gibt derzeit etwa 7.500 Deutsche in Singapur. Über soziale Netzwerke wird man schnell fündig. Nichtsdestotrotz sollte man sich nicht nur in Expat-Kreisen bewegen, sondern auch über den Tellerrand zu schauen, so lernt man Land und Leute aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen und wertschätzen. Im Arbeitsleben ist es absolut erforderlich, klare Ansagen zu machen. Eigeninitiative darf nicht vorausgesetzt werden.

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