»Erziehungstipps von 20 Nationalitäten«

Seit 2007 lebt Susan Salzbrenner im Ausland, unter anderem in Australien, China, Dänemark und aktuell in Frankreich. Wie ein solches kosmopolitisches Leben aussieht und wie eine bi-kulturelle Partnerschaft gelingt, verrät sie im Interview.

EXPAT NEWS: Sie sind gerade einmal 31 Jahre jung und haben bereits in den USA, Australien, Dänemark und China gelebt. Aktuell ist ihr Zuhause Frankreich. Wie kommt es, dass Sie schon so viel herumgekommen sind?

Salzbrenner: Dies ist wahrscheinlich meiner Erziehung geschuldet. Ich bin in der DDR geboren und meine Eltern hatten erlebt, wie es ist, wenn man kaum reisen darf. Deshalb ermöglichten sie es mir schon früh, die Welt kennenzulernen. Mit 16 machte ich bereits ein Austauschjahr in Kansas, USA. Diese Erfahrung war sehr prägend für mich, denn ich war unter all den Amerikanern in einer typischen Kleinstadtschule die einzige Ausländerin. Hinzu kam, dass ich eine Gesellschaft mit ganz anderen Wertvorstellungen kennenlernte als jene, die in meiner Sozialisation eine Rolle gespielt hatten. Beispielsweise war Religion in der Gegend, wo ich mein Austauschjahr machte, von großer Wichtigkeit, wohingegen dieses Thema im säkularisierten Osten Deutschlands so gut wie gar keine Rolle spielte. Dieser erste lange Auslandsaufenthalt hat mich so sehr geprägt, dass ich fortan eine große Faszination für das Multikulturelle hatte. Ich beschloss, in Jena Psychologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Betriebspsychologie zu studieren und bin dort wieder mit interkulturellen Themen in Berührung gekommen. Später habe ich noch eine Ausbildung zur zertifizierten interkulturellen Trainerin abgeschlossen. Für meine Abschlussarbeit bin ich nach Brisbane in Australien gezogen, wo ich speziell über die Integration asiatischer Immigranten geforscht habe.

EXPAT NEWS: Wie haben Sie sich damals in Australien eingelebt – insbesondere im Vergleich zu Ihrem Highschool-Jahr?

Salzbrenner: Die Situation war natürlich eine ganz andere als in dem gut durchorganisierten Highschool-Jahr. Dort habe ich viel Unterstützung durch die Austausch-Organisation erfahren, es gab Vorbereitungskurse und ich war in eine Familie integriert. Dadurch lief – im Rückblick – vieles sehr viel unselbstständiger ab als beispielsweise während meines Aufenthaltes als Studentin in Brisbane. Nichtsdestotrotz war mir auch während des Austauschjahrs in den USA wichtig, möglichst viel selbst zu regeln, so auch den Wechsel in eine neue Gastfamilie. Der Start in Australien war mit größeren Freiheiten verbunden. Ich lebte in einer großen Wohncommunity mit 12 Zimmern, in denen unterschiedliche Nationalitäten lebten. Das war unheimlich spannend und oft auch stressig, da viele verschiedene kulturelle Kontexte aufeinanderprallen – sei es in punkto Essenszeiten, Nachtruhe oder Partyfrequenz. Die Einheimischen habe ich stets am besten über den Teamsport kennengelernt. Seit meiner Jugend spiele ich leidenschaftlich gerne Basketball. Und Sport ist überall auf der Welt ein wichtiges Bindeglied zwischen Menschen.

EXPAT NEWS: Wo ging es nach Ihrem Studienaufenthalt in Australien hin?

Salzbrenner: Ich bekam einen Praktikumsplatz bei einer amerikanischen Beratungsfirma mit Schwerpunkt interkulturelle Kooperationen in Kopenhagen, der in einem Jobangebot endete. Während unserer Zeit in China konnte ich dann für den chinesischen Stützpunkt der Firma arbeiten. In Kopenhagen lernte ich auch meinen Lebenspartner kennen, der aus Brasilien stammt.

EXPAT NEWS: Das bedeutet, das Interkulturelle setzt sich auch in Ihrem Privatleben fort. Welche Herausforderungen bringt eine bi-kulturelle Partnerschaft mit sich?

Word Cloud "Diversity"Salzbrenner: Ja, das Multikulturelle lebe ich wohl auf ganzer Linie. Eine solche Partnerschaft ist wahnsinnig spannend, weil man nicht nur Neues über den Partner sondern auch über dessen Kulturkreis erfährt. Und ja, einfach ist es nicht immer, denn wir beide sind nun mal unterschiedlich kulturell geprägt und sozialisiert. Aber mein Lebensgefährte verbrachte die Hälfte seines Lebens in Dänemark, so dass er von sich sagt, er sei Brasilianer mit dänischer Prägung. Damit das Zusammenleben gut funktioniert ist es in einer bi-kulturellen Partnerschaft ungemein wichtig, expliziter zu kommunizieren, da viele Situationen eben nicht gleich interpretiert werden. Das heißt, man sollte dem Partner beispielsweise erläutern, weshalb Pünktlichkeit so wichtig für einen selbst ist und somit um Verständnis werben.

EXPAT NEWS: Das Ergebnis sind wahrscheinlich viele Kompromisse.

Salzbrenner: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, ich habe festgestellt, dass ein „Mittelding“ für uns weniger gut funktioniert, weil dann keiner wirklich zufrieden ist. Deshalb handeln mein Freund und ich für wichtige Lebensbereiche einen Weg aus, den wir dann beide konsequent gemeinsam gehen. So gab es etwa Diskussionen um die Abendbrotzeit. Damit wir als Familie – wir haben zwei kleine Kinder – gemeinsam zu Abend essen können, haben wir uns auf einen für brasilianische Verhältnisse frühen Zeitpunkt geeinigt. In Brasilien isst zwar kein Mensch um 19 Uhr zu Abend, aber als Familie war uns das wichtig. Wir sind auch beide der Meinung, dass wir uns weder in Brasilien noch in Deutschland dauerhaft niederlassen werden.

EXPAT NEWS: Wieso das?

Salzbrenner: Wir glauben, dass dadurch einerseits ein Partner, nämlich derjenige, in dessen Heimatland wir leben, immer mehr Verantwortung tragen müsste als der andere, zumindest wenn es um administrative Dinge geht. Fern von unser beider Heimatländer – praktisch auf neutralem Boden – haben wir so die Chance, unseren eigenen Weg zu finden, und Frustrationen gemeinsam zu überstehen. Tatsächlich gelingt uns das sehr gut. Mein Freund erzieht mich zu mehr Spontanität und ich erziehe ihn zu mehr Strukturiertheit.

EXPAT NEWS: Sie sind dann gemeinsam beruflich nach China gegangen. Wie haben Sie sich auf diesen Kulturkreiswechsel vorbereitet?

Salzbrenner: Wir hatten ja fast anderthalb Jahre Zeit, bis es nach China ging. Unsere wichtigste Vorbereitung war im Grunde unsere achtmonatige Backpacker-Reise durch Asien. Auf diese Weise hatten wir bereits gute Einblicke in die asiatische Kultur erhalten und auch die Stadt Tianjin besucht, in die wir ziehen würden. Noch bevor es losging, bin ich das erste Mal schwanger geworden. Vier Wochen vor unserer Abreise ist meine Tochter zur Welt gekommen. Somit erlebte ich in der Anfangszeit eine Art doppelten Kulturschock, denn ich musste mich mit dem neuen Land, aber auch mit meiner neuen Rolle als Mutter auseinandersetzen. Und dann bin ich in der Expat-Community noch mit Erziehungstipps von ungefähr 20 unterschiedlichen Nationalitäten konfrontiert worden. Das war schon manchmal verwirrend, insbesondere weil es mein erstes Kind war und ich noch keine eigenen Erfahrungen machen konnte. Und natürlich waren die Tipps hinsichtlich des Stillens, der Verwendung von Windeln bis hin zu Schlafzeiten sehr unterschiedlich beziehungsweise konträr.

EXPAT NEWS: Warum leben Sie nun seit zwei Jahren in Frankreich?

friends iconSalzbrenner: In China wurde ich erneut schwanger, so dass wir kurz vor der Niederkunft nach Kopenhagen zurückkehrten. Mein Freund ist Ingenieur und erhielt kurz nach unserer Rückkehr ein Jobangebot in Chartres, einer Kleinstadt etwa 90 Kilometer von Paris entfernt. Im Vergleich zu China kam mir die Eingewöhnung hier schwieriger vor. Das liegt sicherlich unter anderem daran, dass wir in China, wo es viele Expats gibt, schnell zahlreiche internationale Freunde und Bekannte fanden. Chartres ist nicht sonderlich international und es ist nicht einfach, Kontakte zu den Einheimischen zu knüpfen. Die Franzosen sind hier sehr für sich. Dass wir fließend Französisch sprechen, ist ein unschätzbarer Vorteil. Über meine Kinder beziehungsweise den Kindergarten habe ich inzwischen auch ein Netzwerk aus guten Bekannten geknüpft. In China war ich für meinen Arbeitgeber unterwegs und habe durch den Job viele Menschen, unter anderem auch Fachkollegen kennengelernt. Hier in Frankreich bin ich selbstständig, so dass ich viel mehr netzwerken muss, um mir einen sozialen Kreis, sowohl professionell als auch privat, aufzubauen. Für einen extrovertierten und sozialen Menschen wie ich es bin, ist es hin und wieder entmutigend, wenn man noch keinen festen Freundeskreis aufgebaut hat. Stattdessen rückt die Kernfamilie noch stärker in den Vordergrund und wir verbringen viele Wochenenden damit, verschiedene Gegenden Frankreichs zu erkunden.

EXPAT NEWS: Viele Menschen würden Sie um ein solch kosmopolitisches Leben beneiden und auch unsere Redaktion packt jedes Mal nach dem Interview das Fernweh.

Salzbrenner: Ohne Frage, dieses Leben ist aufregend und toll! Aber es hat durchaus seine Schattenseiten. Da unsere Auslandsaufenthalte immer befris-tet waren, ist alles sehr temporär. Das gilt insbesondere für zwischenmenschliche Beziehungen. Es ist schwierig, innerhalb von zwei Jahren tiefe Freundschaften aufzubauen. Und unsere Familie lebt nun mal nicht um die Ecke. Die Kinder bei Oma und Opa abzugeben, damit man als Paar mal einen romantischen Abend verbringen oder ins Kino gehen kann, ist bei uns nur schwer möglich. Auch konnten wir bisher noch nirgends Wurzeln schlagen. Und wenn wir nach Hause kommen und Freunden und Familie von unserem Leben berichten, merken wir schon, dass die Erfahrungswelten sehr unterschiedlich sind. Wir beschränken uns deshalb meistens darauf, von unserem Alltag als Familie zu erzählen. Viele Erlebnisse machen wir in einem interkulturellen Kontext, den jemand, der fest in Deutschland verwurzelt ist, nicht kennt. Das macht das Teilen von diesen Erlebnissen schwieriger.

EXPAT NEWS: Überkommt Sie manchmal Heimweh?

Salzbrenner: Hin und wieder schon, besonders Heimweh nach der Familie. Ich bin immer gern auf Besuch in Deutschland und ich liebe Berlin. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass die Grundhaltung der Deutschen im Vergleich zu anderen Nationen sehr negativ ist. Das stört mich schon. Die Australier, Chinesen oder Dänen sind wesentlich fröhlicher. Dänemark ist wahrscheinlich nicht umsonst zum glücklichsten Volk der Welt gewählt worden. Mein Freund und ich können uns gut vorstellen, mit unseren Kindern nach Kopenhagen zurückzukehren. Allein der Kinder wegen wird der Gedanke an eine feste Basis immer präsenter. Seit 2007 sind wir permanent unterwegs, so dass wir uns schon richtig darauf freuen, endlich die eigenen vier Wände mit unseren Fotos, Mitbringseln und nach eigenem Geschmack zu dekorieren. Und einen Freundeskreis für eine längere Zeit möchten wir uns auch gerne aufbauen.

Susan Salzbrenner ist zertifizierte interkulturelle Trainerin und ausgebildete Psychologin. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen interkulturelle Kommunikation, Vielfalt & Inklusion und Organisationspsychologie im internationalen Kontext. Nach Auslandsaufenthalten in den USA, Australien, Dänemark und China lebt sie momentan in Frankreich.

www.fitacrosscultures.com

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