„Vor dem Expat-Blues ist keiner sicher“

Als ihr Mann ein Jobangebot in Istanbul bekam, entschied sich die Inhaberin von ABROAD [relocation. interculture. languages.] Constance Grunewald-Petschke mit ihm zu gehen. Wie man das Beste aus der Zeit im Ausland für sich herausholt, erzählt sie im Interview.

EXPAT NEWS: Seit Sie gemeinsam mit Ihrem Mann nach Istanbul gegangen sind, der dort für ein deutsches Unternehmen tätig ist, betreiben Sie einen sehr erfolgreichen Blog über Ihr Leben als Expat-Frau und sind damit eine Rolle geschlüpft, die sonst Ihre Kunden einnehmen. Als Expertin für interkulturelle Kommunikation und Kooperationen dürfte Ihnen sehr bewusst gewesen sein, auf was für ein Abenteuer Sie sich einlassen würden.

Grunewald-Petschke: Oh ja. Absolut! Die Entscheidung, einige Jahre seines Lebens im Ausland zu verbringen, ist nicht einfach. Ich habe auch nicht sofort „Juhu“ gerufen, als mein Mann mir von der geplanten Entsendung erzählte. Es war schon ein anfängliches Zögern da. Ich hatte mir ein sehr glückliches Leben in Düsseldorf aufgebaut, das ich würde zurücklassen müssen. Insofern habe ich mir schon die Frage gestellt: Möchte ich das überhaupt? Wenn man für eine längere Zeit ins Ausland geht, hinterlässt man vieles, was einem lieb und teuer ist: Die Familie, der Freundeskreis, liebgewonnene Routine. Eigentlich ja praktisch den Großteil seines Lebens. Man weiß nicht, was man für das, was man aufgibt, bekommt und beginnt ein neues Leben ganz bei Null. Ich hatte mir in Düsseldorf mein eigenes Unternehmen aufgebaut, eine Karriere gehabt und mir somit die Frage gestellt, ob der Gang nach Istanbul einen Bruch bedeuten oder meiner Karriere mittel- bis langfristig vielleicht sogar einen Schub geben würde. Schlussendlich hat meine Leidenschaft fürs Ausland, für das Fremde die Zweifel dominiert und ich betrachte diesen Schritt als riesige Chance.

EXPAT NEWS: Wie sieht das aus, wenn man in einem fremden Land noch einmal ganz von vorne beginnt?

Grunewald-Petschke: Zum einen muss man sich einen neuen Rahmen für das eigene Leben schaffen und ein komplettes soziales Netzwerk neu aufbauen. Dies ist herausfordernder als im Heimatland, denn es findet alles in einer fremden Sprache und Kultur mit teilweise ganz anderen sozialen Regeln statt. Man muss sich mit anderen Umgangsformen, Wertvorstellungen, einer anderen Kommunikation, sogar mit einer anderen Wahrnehmung von Zeit auseinandersetzen. Darüber hinaus besteht für viele Expat-Partner – die meisten sind nach wie vor Frauen – keine Möglichkeit, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen und damit übernehmen sie im Ausland häufig eine ungewohnte Rolle als Hausfrau und gegebenenfalls als Mutter.

Das Fehlen der beruflichen Perspektive wirkt sich natürlich auf das Selbstverständnis aus. Und dann sind da ganz banale alltägliche Dinge, die man ändern muss. Beispielsweise laufe ich für mein Leben gern. In Düsseldorf startete mein Tag immer mit einer Laufrunde. Hier in der Riesenmetropole Istanbul ist das nicht möglich. Ich habe zwar mit Schwimmen und mit Gymnastik in der Wohnung angefangen und ich versuche so viel wie möglich, zu Fuß zu gehen, aber ersetzen können diese Aktivitäten mein altes Hobby nicht.

EXPAT NEWS: Inwieweit hat Ihnen Ihre berufliche Erfahrung dabei geholfen, die Auslandsentsendung so vorzubereiten, dass Ihnen typische „Expat-Fallen“ erspart geblieben sind?

Grunewald-Petschke: Mein Job hat auf jeden Fall geholfen. Das Bewusstsein darüber, was auf mich zukommen würde, hat dem Ganzen die Brisanz genommen. Wenn ich weiß, was mich erwartet, trifft es mich nicht mehr ganz so schlimm und ich kann mich zumindest in Teilen darauf vorbereiten. Allerdings gibt es auch Situationen, die man nicht vorhersehen kann.

Ich beschäftige mich seit über 15 Jahren mit dem Thema interkulturelle Kommunikation und habe in der Vergangenheit schon einige Jahre im Ausland gelebt. Mit dieser Thematik setze ich mich also sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus persönlicher Perspektive seit langem auseinander. Darüber hinaus war ich vor unserer Entsendung mit meinem eigenen Unternehmen für viele Firmen im Entsendungsmanagement tätig. Dort habe ich zum einen Mitarbeiter für die Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen fit gemacht und zum anderen dutzende Expat-Familien betreut, die aus aller Welt in die deutsche Zentrale oder Filiale entsandt wurden. Da habe ich immer wieder erlebt, dass es meistens die begleitenden Partner sind – übrigens immer noch zu 80 Prozent Frauen – die mit dieser Veränderung am meisten zu kämpfen haben.

EXPAT NEWS: Warum ist das so?

Grunewald-Petschke: Erstens: Weil sie häufig eine neue Rolle übernehmen wollen oder es gezwungenermaßen müssen. Viele geben ein Stück ihrer finanziellen aber auch emotionalen Freiheit auf, weil sie keinem Job im Ausland nachgehen können, dies oftmals aufgrund der Sprachbarriere und weil es zum Teil aufgrund des Arbeitsrechts nicht möglich ist. Dadurch verändert sich auch das Gleichgewicht in einer Partnerschaft – was nicht schlecht sein muss. Aber: beide Partner müssen sich dessen bewusst sein und Klarheit darüber schaffen, wie sie mit der neuen Situation umgehen werden. Auch für mich war es nicht einfach, plötzlich überwiegend auf das Einkommen meines Mannes angewiesen zu sein.

Zweitens: Weil sie in ein neues Leben katapultiert werden, das sie dann ganz von vorne aufbauen müssen. Dies im Gegensatz zum Expat selbst, der ja durch seinen Job schon eine zeitliche Struktur und ein soziales Umfeld vorfindet. Je nachdem, ob Kinder vorhanden sind oder nicht, finden sich einige Expat-Partner ohne zeitliche Struktur und meist auch ohne sozialen Rückhalt im Ausland wieder. Manchmal entsteht daraus Langeweile, Ziellosigkeit, Einsamkeit. Wenn man es nicht schafft, sich einen ganz klaren Rahmen für sein Leben als Expat-Partner zu schaffen und gezielt Netzwerk aufzubauen, kann das schwerwiegende Konsequenzen haben.

Drittens: Aufgrund ihrer Position in der Familie sind Expat-Partner grundsätzlich sehr stark in das lokale Leben eingebunden. Während der Alltag des arbeitenden Partners im Büro häufig stärker von einer international geltenden Businesskultur geprägt ist, ist das Leben draußen – beispielsweise die Behördengänge, der Besuch lokaler Geschäfte und Ärzte – stärker von der lokalen Kultur geprägt. Das erhöht das Risiko dem so genannten Expat-Blues zu erliegen.

EXPAT NEWS: Was ist der Expat-Blues und wie kann man ihn verhindern?

Grunewald-Petschke: Es ist eine Art Expat-spezifischer Kulturschock mit vielen unterschiedlichen Symptomen. Eines davon ist eine Art emotionale Isoliertheit. Ein Gefühl, das man empfindet, wenn man inmitten von vielen sympathischen Menschen, irgendwie immer noch ziemlich einsam ist. Ein Beispiel: Ich saß mit türkischen Bekannten zusammen und plötzlich erzählten Sie von Kindheitserlebnissen, von Filmen und Produkten, die ich nicht kannte. In diesem Moment war ich meilenweit weg von dieser Gruppe von Menschen und es gab keine Chance auf Annäherung. Gemeinsame Erinnerungen und eine ähnlich soziale Prägung schaffen Zugehörigkeit und Verbundenheit – die einem sonst häufig gar nicht bewusst ist. Aber in diesen Momenten spürt man, wie wichtig es ist, Teil von etwas zu sein.

Ganz verhindern kann man den Expat-Blues jedenfalls nicht. Aber es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, welche Veränderungen eine Entscheidung wie die Auslandsentsendung mit sich bringt und sollte dann entscheiden, ob man bereit ist, mit den Konsequenzen zu leben. Darüber hinaus sollte man sich unbedingt über sein Ziel informieren. Und zwar hinsichtlich der Infrastruktur, des Lebensstandards, der Sicherheit, des Gesundheitswesen sowie der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Man sollte herausfinden, was ganz konkret vor Ort auf einen zukommt, um später böse Überraschungen zu vermeiden. Aber: auf die emotionalen Turbulenzen eines solches Abenteuers kann man sich nur schwer vorbereiten. Man kann und sollte unbedingt wissen, was emotional auf einen zukommt, dass es Tage geben wird, an denen man sich fragt, was man hier eigentlich tut. An denen man sich unter der Decke verkriechen möchte, an denen man alles ganz schrecklich findet und nur noch Heim will. Davor bin auch ich nicht gefeit. Und diese Tage gibt es!

EXPAT NEWS: Sie haben bereits als junges Mädchen einen einschneidenden Kulturschock erlebt, als 1989 der Mauerfall dafür sorgte, dass Ihr Geburtsland die DDR mit der BRD wiedervereinigt wurde. Inwieweit hat Sie dieses Erlebnis geprägt und wie half/hilft es Ihnen, weitere Kulturschocks zu meistern?

Constance_3Grunewald-Petschke: Kulturschock klingt immer so drastisch. Ich würde meine Jugenderlebnisse nicht wirklich als Schockzustand bezeichnen, das wäre völlig absurd. Und viele junge Menschen verlassen ihre Heimatregion, um ganz woanders wieder neu anzufangen – sei es von München nach Hamburg. Da gibt es ja auch kulturelle Unterschiede. Aber im Nachhinein aus interkultureller Sicht betrachtet, war ich tatsächlich sehr überrascht, wie stark die äußeren Einflüsse eines Landes die Kultur der Menschen beeinflusst, wie sich bestimmte Umstände auf die Art zu kommunizieren auswirken, wie sich Politik auf die Individualität der Menschen auswirkt oder klimatische Gegebenheiten auf das Zeitmanagement. Und vor allem ist es faszinierend, wie unbewusst wir das Ganze erleben. Bewusst wird uns unsere Prägung nämlich erst dann, wenn wir auf Fremdheit treffen.

EXPAT NEWS: Gab es persönliche Situationen, die Ihnen aufgrund Ihres beruflichen Kontextes nur allzu bekannt vorkamen und welche waren das?

Grunewald-Petschke: Sicher. Die gab es und gibt es immer wieder. So zum Beispiel der Punkt Wahrnehmung. Es ist doch so, dass wir die Welt und unser Umfeld immer aus unserer ganz persönlichen Perspektive betrachten und auch bewerten. Meist sind wir uns nicht darüber bewusst, dass wir die Dinge schon geclustert haben, noch bevor wir überhaupt darüber nachgedacht haben. Aber das Ganze ist einfach ein psychologischer Prozess – eine Form von Stereotypisierung -,der uns hilft, unsere Umwelt schnell zu erfassen und Entscheidungen zu treffen. Im interkulturellen Kontext nennt man das Ethnozentrismus. Das heißt, wir bewerten alles um uns herum anhand uns bekannter Muster, Normen und Regeln.

EXPAT NEWS: Was bedeutet das?

Grunewald-Petschke: Jeder kennt das: In Deutschland ist es beispielsweise normal, dass man anruft, wenn man sich verspätet. Ist man dann in einem Land, in dem Zeit eine untergeordnete Rolle spielt und unsere Verabredung kommt zu spät, ohne sich auch nur im Geringsten zu entschuldigen oder auch nur vorzuwarnen, fragen wir uns: „Wieso hat er sich nicht gemeldet?“ Eigentlich sollten wir uns aber fragen: „Wieso erwarte ich eigentlich, dass er sich meldet?“ Das ist Ethnozentrismus. Da wir alle Menschen sind, können wir uns von dieser Bewertung wahrscheinlich nie ganz frei machen, denn das hieße, dass wir uns selbst völlig neu programmieren müssten. Ich erwische mich auch immer mal wieder genervt davon, dass die Menschen es einfach nicht so machen können, wie ich es aufgrund meiner eigenen Prägung erwarte.

EXPAT NEWS: Sie haben selbst erlebt, dass nach wie vor die klassische Expat-Situation so aussieht, dass in den meisten Fällen der Mann entsandt wird und die Partnerin diesen begleitet. Warum werden Ihrer Einschätzung nach immer noch vorwiegend Männer und nicht Frauen vom Arbeitgeber ins Ausland geschickt?

Grunewald-Petschke: Über die Gründe kann ich persönlich nur spekulieren, aber ich denke, hier liegt traditionell einfach das gleiche Problem zugrunde, das auch der Grund für den geringen Frauenanteil in den Chefetagen ist. Wie nennt man das? Die gläserne Decke, richtig. Erschwerend kommen die unterschiedlichen sozialen Rolle der Frau in verschiedenen Kulturen hinzu. In Deutschland haben manche Unternehmen Bedenken, die Frau als Führungspersönlichkeit in einen männerdominierte Welt zu senden. Das erhöht das Entsendungsrisiko. Marktentwicklungen zeigen aber, dass in den letzten Jahren immer mehr Frauen entsendet werden. Im letzten Jahr lag der Anteil der entsendeten Frauen weltweit laut der Brookfield-Studie bei 23 Prozent, eine Steigerung von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Erstaunlicherweise sind nicht Europa oder die USA der Vorreiter, sondern vor allem asiatische Unternehmen entsenden immer mehr Frauen in ihre weltweiten Niederlassungen.

EXPAT NEWS: Sie haben bereits einmal fünf Jahre in Paris gelebt, nun sind Sie seit geraumer Zeit in Istanbul. Wo fiel Ihnen der Eingewöhnungsprozess leichter?

Grunewald-Petschke: Damit vergleichen wir zwei ganz unterschiedliche Lebenssituationen. In Paris hat alles sich einfach so ergeben, ich war ein paar Jahre jünger und habe nicht so viel darüber nachgedacht. Außerdem beherrschte ich die Sprache schon recht gut und habe durch die Arbeit dort schnell Kontakte gefunden. In Istanbul habe ich wirklich bei Null angefangen: kein Türkisch, keinen Job, kein soziales Netzwerk. Nach Paris kam ich ohne ein Enddatum, ohne mir großartig Gedanken zu machen. Es war einfach mein Leben. In Istanbul bin ich voraussichtlich nur für eine beschränkte Zeit, es gibt ein Start- und ein Enddatum. Das ist eine andere Perspektive. Weil meine Zeit hier begrenzt ist, wäge ich viel stärker ab, was in dieser Situation wirklich sinnvoll für mich ist und was nicht. Ich sehe die Zeit hier in Istanbul jetzt mehr als Abenteuer und eine spannende Art zu lernen. Ich bin hier, um die Zeit zu nutzen – für mein persönliches Wachstum und meine berufliche Weiterentwicklung.

Programmablauf

EXPAT NEWS: Haben Sie ein paar Faustregeln, die Sie Expat-Paaren an die Hand geben können, damit Sie gestärkt in das neue Aufenthaltsland gehen und auch gestärkt wieder nach Hause zurückkehren können?

Grunewald-Petschke: Ganz, ganz wichtig ist es, sich über die Lebensbedingungen im neuen Aufenthaltsland zu informieren und sich dann zu fragen, ob man mit Umständen und den Lebensbedingungen dort wirklich leben könnte. Des Weiteren sollte man den Wechsel ins neue Land auch wirklich selbst wollen und es nicht ausschließlich dem Partner zuliebe tun. Die Frage „Was ist da eigentlich für mich drin?“ sollte unbedingt gestellt werden. Außerdem ist es wichtig, dass die Partnerschaft auch im Heimatland schon stabil und stark ist. Ist dies nicht der Fall, sollte man daran arbeiten, andernfalls ist die Gefahr, sich im Ausland auseinanderzuleben noch größer. Auch die Frage der finanziellen (Un-)abhängigkeit sollten Paare für sich klären.. Und man sollte sich als Partnerin klar machen, dass der Mann im Ausland noch öfter unterwegs sein könnte als zu Hause und man folglich häufiger alleine zu Hause ist. Ich denke, Transparenz und Ehrlichkeit – auch wenn es um Ängste oder Befürchtungen geht sind an dieser Stelle auf beiden Seiten das wichtigste.

Um nicht in Expat-Partner-Fallen zu tappen, sollte man sich als Mitreisender zudem eigene Ziele setzen und diese verfolgen. Auch im Hinblick auf die eigene intellektuelle Stimulation ist dies sehr wichtig, sich mit neuen, spannenden Themen zu befassen. Und ganz wichtig: Auf und Abs sind völlig normal. Einen Kulturschock erleidet wirklich jeder. Vielleicht hilft es, zu wissen, dass man mit dieser Erfahrung nicht alleine ist.

[symple_box color=“gray“ text_align=“left“ width=“100%“ float=“none“]

Infokasten:

Constance Grunewald-Petschke betreibt den Blog www.what-about-my-pencilskirt.com, auf dem sie regelmäßig über ihr neues Leben als Expat-Frau in Istanbul berichtet. Sie ist außerdem Inhaberin der Agentur „Abroad [relocation.interculture.language]“, die Expats und ihre Familien berät und hat das erste deutschsprachige E-Coachingprogramm speziell für ExpatPartner entwickelt.

E-Mail: c.grunewald@xpat-abroad.com

[/symple_box]

Logo Programm

Mehr zum Thema:

Pfeil Auslandsentsendung: Expat-Partner müssen ebenfalls überzeugt werden

Pfeil Expat-Partner einbeziehen für eine erfolgreiche Entsendung

Expat-Partner Wie man den Kulturschock vermeidet

Expat-Blues Mit der Roadmap für Onboarding im Ausland ankommen

Expat-Blues Was es heißt, eine Expat-Frau zu werden

Expat-Blues Mitarbeiterentsendung ins Ausland: Nicht ohne meinen Partner

Fotos: Constance Grunewald-Petschke