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Warum Kultur der Autopilot der menschlichen Wahrnehmung ist

Mein geschätzter Bloggerkollege Roland Kopp-Wichmann veröffentlichte kürzlich einen spannenden Artikel zum Thema Wahrnehmung mit dem Titel: „Es gibt Sie nicht. Sie erschaffen sich selbst.“ In diesem Beitrag behauptet er, die reale Welt existiere nicht, sondern sei lediglich eine subjektive Wirklichkeit, die wir in jedem Moment selbst kreierten. Darüber hinaus schreibt er, die meisten Menschen hätten kein Bewusstsein für dieses Erleben von sich selbst und der Welt. Eine perfekte Steilvorlage für mich um das Thema mal aus interkultureller Perspektive anzupacken…

Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind

“Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, 
wir sehen sie so, wie wir sind.” So beschrieb die französische Schriftstellerin Anaïs Nin (die übrigens spanische, kubanische und dänische Wurzeln hatte und an ganz verschiedenen Orten der Welt lebte) vor fast einem Jahrhundert die Subjektivität unserer Wahrnehmung. Heute ist Allen klar: Was für den Einen ein halbvolles Glas, ist für den Anderen ein halbleeres. Die Frage, die sich aber trotz Diversity und wachsender interkultureller Zusammenarbeit bisher kaum Jemand stellt, ist: Woher kommen eigentlich diese subjektive Wahrheiten?

Deine Kultur beeinflusst deine persönliche Wahrnehmung

Hast du schon einmal etwas genauer darüber nachgedacht, welchen Einfluss deine Vergangenheit darauf hat, wie du die Welt siehst? Zum Beispiel deine Erziehung? Oder deine persönlichen Eigenschaften? Oder die Erfahrungen, die du bisher gemacht hast?

Ich zum Beispiel bin ein ziemlich pünktlicher Mensch. Und habe ein echtes Problem mit Unpünktlichkeit. Ich werde ausgesprochen nervös, wenn ich nicht mindestens fünf Minuten vor verabredetem Zeitpunkt aufschlage. Gleichermaßen nervt es mich, wenn mich jemand warten lässt. Auch wenn es nur ein paar Minuten sind! Ich nehme diese Person dann vorzugsweise als ziemlich respektlos wahr. Typisch deutsch? Obwohl dir jetzt sicherlich mehrere Gegenbeweise der typischen „deutschen Pünktlichkeit“ in deinem Freundeskreis einfallen (ja… auch ich habe Freunde, die man dreißig Minuten früher bestellt, so dass sie dann auch pünktlich sind), wage ich mal zu behaupten, dass ein organisiertes Zeitmanagement und damit auch die vielzitierte Pünktlichkeit in der deutschen Kultur eine wesentliche Rolle spielen. Postwendend werden Verspätungen von mir (wie von vielen anderen meiner deutschen Bekannten) tendenziell eher als negativ empfunden.

Unsere Kultur hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie wir die Dinge wahrnehmen und bewerten. So variiert beispielsweise die Wahrnehmung von Zeit in verschiedenen Kulturen extrem. Was für den Deutschen 16:00 Uhr ist, ist etwa für den Türken irgendwas zwischen 15:30 und 16:30 Uhr. Pünktlichkeit ist also nicht nur subjektiv, sondern auch kulturspezifisch! Kultur als ein Orientierungssystem, das Zusammenleben von Menschen durch gemeinsame Weltbilder, Werte und Normen organisiert, gibt den Menschen einen Rahmen für ihre Wahrnehmung. Dieses Raster wird uns schon sehr früh unter anderem von unserer Familie, den Lehrern und Freunden mitgegeben und wir richten unser Denken, Fühlen und Handeln daran aus. Über die Jahre hinweg geht es in unser Unterbewusstsein über und wird dann nicht mehr wirklich bewusst wahrgenommen und schon gar nicht hinterfragt. Es wird zum Maß unserer subjektiven Welt! Oder hast du anstelle von „Wieso bist du eigentlich immer zu spät?“ dir schon mal die Frage gestellt „Wieso bin ich eigentlich immer zu früh?“

Das Gleiche wird unterschiedlich wahrgenommen

Studien zeigen, dass Menschen aus individualistischen Kulturen, wie zum Beispiel Deutschland, ihren Fokus auf die Eigenschaften einzelner Objekte und Personen richten. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die Angehörigen kollektivistischer Kulturen, beispielsweise die Türkei eher auf das Zusammenwirken der Objekte und Personen. In einem Experiment (Quelle: Matsumoto, D.; Juang L. (2008)) hat man japanischen (kollektivistisch) und amerikanischen (individualistisch) Probanden ein Unterwasserbild gezeigt. Darauf befanden sich jeweils ein großer Fisch im Vordergrund und einige kleinere Fische und Wasserpflanzen im Hintergrund. Die Versuchspersonen sollten anschließend beschreiben, was sie gesehen hatten. Beide Gruppen hatten zwar den Fisch im Vordergrund deutlich wahrgenommen. Erstaunlich war jedoch, dass die japanischen Versuchspersonen außerdem die Umgebung des Fischs (kleine Fische und Pflanzen) wesentlich detaillierter beschreiben konnten, als die amerikanischen Probanden. Die hatten nämlich den Hintergrund kaum oder überhaupt nicht wahrgenommen. Für mich Beweis genug, dass exakt die gleichen Dinge in zwei verschiedenen Kulturen völlig unterschiedlich wahrgenommen werden können!

Deine momentanen Gefühle machen dein Erleben subjektiv

Wenn du Lust hast, hier ist ein kleiner Selbsttest: Wie bist du gerade drauf? Relaxt und entspannt weil du einen erfolgreichen Arbeitstag hinter dich gebracht hast? Oder gestresst und angespannt weil noch tonnenweise Arbeit auf dem Tisch liegt?

Wie wirkt dieser Artikel in deinem jetzigen Gemütszustand auf dich? Nimmst du ihn als spannend und interessant wahr? Oder findest du ihn zäh und langweilig? Sollte das der Fall sein, lies’ lieber ein anderes Mal weiter. Wie würde er möglicherweise auf dich wirken, wenn du dich im gegenteiligen emotionalen Zustand befändest?

Die Entscheidung, ob wir etwas als positiv oder negativ, als höchst interessant oder völlig irrelevant wahrnehmen, hängt neben unseren Interessen und der Prägung durch die Vergangenheit auch wesentlich von unserem momentanen emotionalen Zustand ab. Deshalb verändert sich beispielsweise auch unsere Wahrnehmung während eines Kulturschocks: je nachdem, in welcher Phase wir uns gerade befinden. Das, was während der Honeymoon-Phase noch wunderbar exotisch und aufregend gewesen ist, wird später in der Schock-Phase häufig als extrem befremdlich und verunsichernd wahrgenommen.

Übrigens: wenn wir bei emotionaler Wahrnehmung sind, drängt sich der Bereich „Schubladendenken und Vorurteile“ regelrecht auf. Da das Thema im interkulturellen Kontext eine Riesen-Rolle spielt, werde ich ihm meinen nächsten Beitrag widmen.

Es gibt keine Wahrheit. Also schärfe deine Wahrnehmung!

Die Frage „Wie geh ich denn jetzt damit um, wenn ich weiß, dass wir alle doch nur subjektiv erleben und meine Welt unter Umständen das komplette Gegenteil der Realität meines Gegenübers ist?“ bleibt noch zu beantworten. Für mich persönlich haben sich einige Handlungsstrategien als relativ erfolgreich erwiesen, vielleicht helfen sie auch dir deine interkulturelle Wahrnehmung zu relativieren (die Liste ist beliebig erweiterbar und freut sich über jede Ergänzung):

  1. Es gibt keine Wahrheit! Sei dir bewusst, dass Wahrnehmung subjektiv ist und es möglicherweise hunderte anderer Sichtweisen auf eine Sache gibt!
  1. Werde dir über deine eigene Prägung bewusst! Schau dir genau an, welche Dinge dir wichtig sind, welche Werte du hast, welche Normen dein Handeln bestimmen.
  1. Informiere dich über deine Mitmenschen! Gerade wenn du dich in einer anderen Kultur bewegst, solltest Du wissen, wie diese Menschen die Welt sehen.
  1. Schärfe deine Wahrnehmung! Sei dir in jedem Moment bewusst, dass in deinem sozialen Umfeld Dinge passieren, die du bisher vielleicht noch nicht wahrnimmst.
  1. Achte auf die Interaktion um dich herum! Die meisten Kulturen sind beziehungsorientiert und richten ihr Handeln weniger an den Fakten aus.
  1. Versetze dich in die Lage der anderen! Ein Perspektivwechsel kann dir helfen, ein besseres Verständnis für ungewohnte Verhaltensweisen zu bekommen (dafür brauchst du Punkt 3.)
  1. Sei nachsichtig und rücksichtsvoll! Du weißt nicht, wie dein Gegenüber die Welt wirklich sieht. Hilf ihm, deine Perspektive einzunehmen.

 

Die Autorin:

Constance Grunewald-Petschke betreibt den Blog www.what-about-my-pencilskirt.com, auf dem sie regelmäßig über ihr neues Leben als Expat-Partner in Istanbul berichtet. Sie ist außerdem Inhaberin der Agentur „Abroad [relocation.interculture.language]“, die Expats und ihre Familien berät.

E-Mail: c.grunewald@xpat-abroad.com

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