Was es heißt, eine Expat-Frau zu werden

Tausende von Büchern wurden bereits über die Rolle der Frau im 21. Jahrhundert geschrieben. Die in unserer westlichen Welt existierenden Konzepte von Identität, Partnerschaft und Rollenverteilung sind genauso bunt wie komplex. Doch wenn es um Entsendungen ins Ausland geht, zeigt sich die Realität auch im Zeitalter der Generation Y noch immer beunruhigend konservativ: Der Mann wird ins Ausland entsendet und die Partnerin geht als Expat-Frau mit.

Umfragen zufolge ist es in nur zehn bis 15 Prozent der Fälle umgekehrt – ich persönlich kenne ebenfalls nur wenige weibliche (verheiratete) Expats. Zumeist begleitet also auch die emanzipierte Frau von heute noch immer ihren Mann – so wie in meinem Fall. Ich persönlich hatte Glück, denn zum Einen haben wir keine Kinder, das macht das Ganze wesentlich einfacher. Zum Anderen verfüge ich persönlich und berufsbedingt über eine ausgeprägte Neugier gegenüber Allem, was exotisch und anders ist. Trotzdem stellt diese Erfahrung mein Selbstverständnis tagtäglich immer wieder auf den Kopf. Noch bevor unsere Ausreise überhaupt konkret wurde, war mir bereits sonnenklar: meine Rolle würde sich von Grund auf ändern!

Expat-Frau muss meistens verzichten

Bye bye selbstverdiente Kohle, bye bye berufliche Anerkennung, bye bye geliebter pencil skirt… Bye bye allem also, worüber sich ein Großteil meines intellektuellen Selbst bisher definierte. Der mitausreisende Partner spielt bekanntermaßen eine entscheidende Rolle für den Erfolg einer Entsendung, weshalb die meisten Unternehmen mittlerweile auch eine SPOUSE ASSISTANCE anbieten: ein Service, der den Partner zu Beginn des Aufenthaltes unterstützen und – zumindest theoretisch – dessen Karriere fördern soll. Das ist auch sehr löblich! Dennoch stehen die meisten aller mit ausreisenden Partner letztlich ganz allein vor der Tatsache, dass von ihnen vorübergehend eine enorme Verzichtleistung erwartet wird. Allem voran das Verzichten auf eine eigene Karriere, da in den meisten Fällen im Gastland keine adäquate Arbeitsmöglichkeit besteht.

Aber auch Verzichten auf das gewohnte sozial Netzwerk und Freunde. Und natürlich auch auf geliebte Hobbys, eine gewohnte und funktionierende Infrastruktur und die eigene Muttersprache. Natürlich: der Entsendete (Mann) verzichtet auch (und häufig belastet ihn die Frage, ob sich die Familie einleben wird und ob diese Erfahrung wirklich gewinnbringend für alle Beteiligten ist)! Der Unterschied ist aber, dass ER im Job in vielen Fällen einen gewissen Teil der aus dem Heimatland bekannten Firmenkultur oder Organisationsstruktur vorfindet. Und er hat von Anfang an eine definierte Aufgabe, ein Ziel, einen Rahmen. SIE hingegen muss sich genau dieses soziale Gerüst erst einmal aufbauen – und noch einige andere Challenges für die gesamte Familie meistern.

Expat-Frau übernimmt oft „traditionelle“ Rolle

Zunächst betrifft dies das Familienleben. Als Partner übernimmt die Expat-Frau im Ausland eine wesentlich traditionellere Rolle: sie ist in erster Linie Hausfrau und gegebenenfalls Mutter. Sie verantwortet damit den überwiegenden Teil des häuslichen Wohlbefindens aller Familienmitglieder. Aufgrund der fremden Umgebung kommt der häuslichen Sicherheit ja eine große Bedeutung zu. Die Stabilität der Familie liegt also maßgeblich in ihren Händen, sie fühlt sich umso verantwortlicher. Für Heimweh, schulische Probleme, sprachliche Barrieren der Kinder. Berufliche Verpflichtungen, notwendige Mehrarbeit oder interkulturelle Konflikte am Arbeitsplatz des Mannes gehören ebenfalls zu ihren Themen. Zeitmanagement, Organisatorisches, gesundheitliche Aspekte, Kriminalität und und und. Das Alles möchte gemanagt werden!

Constance_Grundewald_Petschke

Hinzu kommt, dass die Geschlechterrolle der Expat-Frau im Gastland nicht selten per se eine andere ist und Frau sich an diese kulturelle Erwartungshaltung anzupassen versucht um ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Hier können kulturelle Werte, Normen und Verhaltensmuster im Gastland besonders herausfordernd und sogar destabilisierend wirken. Darüber hinaus ist der Umgang mit Einheimischen vor Ort häufig stark von politischen, religiösen und sozialen Besonderheiten geprägt, die fremdartig sind und manchmal sogar unüberwindbar scheinen. Ich zum Beispiel beherrschte – wie die meisten Expats – die Landessprache bei meiner Ankunft kaum und fühlte mich allein dadurch schon extrem gehandicapt…

Kontaktpflege mit sozialem Netzwerk daheim

Mein besonderes Augenmerk gilt darüber hinaus auch dem Versuch nach dem Aufrechterhalten der sozialen Strukturen in der Heimat. Als soziales Bindeglied kommt der Expat-Frau nämlich auch die Aufgabe zu, die Daheimgebliebenen regelmäßig upzudaten und den Kontakt am Leben zu erhalten. Außerdem sollen insbesondere die Kinder ihre Kultur ja nicht verlieren, was einen stetigen Kontakt nach Hause zwingend erfordert. Eltern und Großeltern erwarten das ja auch! Und wenn man irgendwann wieder nach Hause kommt, möchte die Familie doch sicher ihre gewohnten Strukturen wiederfinden (wenngleich sie dann zumeist ohnehin nicht mehr “gewohnt” erscheinen – siehe Kulturschock). Nicht selten fühlt man sich dann hin und her gerissen zwischen dem Gestern, dem Jetzt und dem Morgen…

Trotz oder gerade aufgrund dieser und weiterer zeit- und kräftezehrenden Aufgaben im Gastland mangelt es mir und vielen anderen manchmal an ein wenig Anerkennung. Für das, was ich tue – zumindest gefühlt! Es fehlt mir das, was ich in meinem bisherigen Leben stets in ausreichender Menge erfahren durfte und worüber ich mir in der Vergangenheit eigentlich nie Gedanken gemacht hatte. Oder machen musste? Weil es so selbstverständlich war: eine emanzipierte Mittdreißigerin hatte ihre Karriere, ihre Freunde, ihr eigenes kleines Leben, perfekt integriert in ihre Rolle als Frau. Und dafür erntete sie von ihrem Umfeld stets Wertschätzung und Anerkennung. Vielleicht auch Bewunderung. Insbesondere von Ihrem bis dato stolzen Ehemann.

Harte Probe für Partnerschaften

Und genau hieraus ergibt sich für mich neben der Frage nach meiner Rolle ein weitaus komplexeres Problem: Wie geht denn eigentlich dieser “stolze Ehemann” damit um, wenn seine Frau plötzlich von einer selbstbewussten Emanze zur Begleitperson und Hausfrau mutiert? Denn nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Männer haben uns doch so sehr bewundert für das was wir waren: erfolgreich, unabhängig, aufregend! Wenn diese Attraktivität, dieser Reiz nun zumindest zeitweise verschwindet, laufen wir dann nicht auch Gefahr, das Interesse unserer Männer einzubüßen? Und damit unser Selbstverständnis noch weiter auf eine harte Probe zu stellen?!

Die Autorin:

Constance Grunewald-Petschke betreibt den Blog www.what-about-my-pencilskirt.com, auf dem sie regelmäßig über ihr neues Leben als Expat-Frau in Istanbul berichtet. Sie ist außerdem Inhaberin der Agentur „Abroad [relocation.interculture.language]“, die Expats und ihre Familien berät.

E-Mail: c.grunewald@xpat-abroad.com

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Fotos: Constanze Grunewald-Petschke