Freiwilligen
© Frank Seidel

„Die meisten Freiwilligen haben eine echte Motivation, langfristig zu helfen“

Derzeit sorgen die verheerenden Buschfeuer in Australien für eine Welle der Solidarität. Viele Menschen möchten gerne vor Ort helfen, doch das ist nicht so einfach umgesetzt, wie manche es sich wünschen. Warum Freiwilligenarbeit komplizierter ist, als es den Anschein hat und was Interessierte bei der Wahl von Organisationen beachten sollten, erläutert Frank Seidel, Gründer des Portals wegweiser-freiwilligenarbeit.com, im Interview.

Expat-News: Australien ist seit Wochen von extremen Buschfeuern betroffen. Viele Deutsche haben das Bedürfnis, vor Ort zu helfen. Wie viele Anfragen erhält Ihr Portal derzeit von potenziellen Freiwilligen?

Seidel: Wir haben innerhalb kürzester Zeit eine massive Steigerung an Anfragen für Hilfsprojekte in Australien verzeichnet. Besonders großes Interesse besteht an Projekten in Tierauffang-Stationen, um Koalas oder Kängurus zu retten. Nur wenige andere Naturkatastrophen in den letzten Jahren, vielleicht das Erdbeben in Nepal 2015 und der Taifun Hayan auf den Philippinen 2013, haben die Deutschen so berührt wie das Inferno in Australien.

Die Interessenten finden nur schwer gut strukturierte Informationen dazu, wie sinnvolles Engagement vor Ort funktionieren kann. Tausende Deutsche suchen mit Begriffen wie „Australien helfen vor Ort“. allerdings ist es in der akuten Phase von Katastrophen selten möglich, als Laie direkt zu helfen.

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Expat-News: Warum ist es so wichtig, als Helfer im Bereich Katastrophenschutz ausgebildet zu sein beziehungsweise Fachkenntnisse mitzubringen?

Seidel: Solche Katastrophen sind immer gefährlich für jeden Einzelnen und ein Engagement erfordert grundsätzlich Spezialkenntnisse. Im Fall von Australien sind vor allem die spezialisierten Einsatzkräfte der Feuerwehr gefragt. Viele der Freiwilligen stehen wahrscheinlich vielmehr im Weg herum und erschwert es den Profis, zu helfen.

Das gilt auch für die Unterstützung von Tierauffang-Stationen. Denn die haben oft gar nicht ausreichend Unterkünfte und Ressourcen für Helfer. So wies uns etwa die Organisation Wildlife Victoria darauf hin, dass sie derzeit von Anfragen potenzieller Helfer überschwemmt würde, aber nicht in der Lage sei, Freiwillige aufzunehmen oder kurzfristig auszubilden.

Auch rechtlich gibt es so einige Hürden. Beispielsweise benötigt man für das Einfangen und die Pflege von Wildtieren in New South Wales eine entsprechende Lizenz, die von der dafür zuständigen Regierungsbehörde ausgestellt wird.

Freiwilligen-Arbeit zwischen Solidarität und Aufwand

Ohne eine explizite Ausbildung in dem Bereich ist es also grundsätzlich keine gute Idee, an den Ort des Geschehens zu reisen. Selbst die Anfragen von Feuerwehrleuten und Krankenschwestern aus Deutschland werden eher abgelehnt. Denn die Hilfskräfte vor Ort haben oft nicht die Ressourcen, sich auch um sie zu kümmern. Flüge, Ankunft und Unterbringung müssen organisiert werden und oftmals wirken sich auch Sprachprobleme hinderlich aus.

Menschen, die sich am Einsatzort nicht auskennen, stellen selbst noch ein potenzielles Sicherheitsrisiko dar. Es braucht Ausbildung und Erfahrung, um sicher auftreten zu können. Auch wenn es hart klingt: Spontane Solidaritätsbekundungen sind eher hinderlich.

Expat-News: Heißt das, externe Hilfe ist in Australien gar nicht erwünscht?

Seidel: Ganz so ist es nicht. Es gibt ein gutes Kreislaufschema des Deutschen Roten Kreuzes, was den Verlauf von Katastrophen gut beschreibt. Nach der akuten Katastrophenhilfe beginnt der Wiederaufbau. Und da kann internationale Freiwilligenarbeit durchaus ansetzen. An diesem Punkt können auch einzelne Personen helfen, die keine besondere Erfahrung haben.

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„Australien hat eine lange Tradition von ehrenamtlichem Engagement“

Nichtsdestotrotz übernehmen die Australier auch in dieser Wiederaufbau-Phase viele Aufgaben selbst. Vor allem von einheimischen Ehrenamtlern oder Volunteers. Australien hat nämlich eine lange Tradition von ehrenamtlichem Engagement. Der Kontinent ist zudem ein Industrieland. Die Menschen können es sich hier leisten, selbst als Freiwillige ihren Landsleuten zu helfen. Anders war es zum Beispiel in Nepal nach dem Erdbeben.

Von einem Koalabären-Krankenhaus fanden wir sogar den Hinweis, dass es bereits vor der Brandkatastrophe keine Plätze mehr für Freiwillige aus anderen Ländern in 2020 gab.

Expat-News: Heißt das, Freiwillige sollten gar nicht erst bei den Hilfsorganisationen anfragen?

Seidel: Jedenfalls nicht sofort. In ein paar Wochen wird es sicherlich Angebote geben, beim Wiederaufbau zu helfen. Legt man den klassischen Kreislauf der Katastrophenhilfe zugrunde, wird dann die akute Katastrophenhilfe abgeschlossen sein, dann beginnt die Phase der Rehabilitation. Es liegt allerdings auch in der Natur der Sache, dass viele Menschen sich dann nicht mehr für die Lage in Australien interessieren werden.

Die helfenden Organisationen nehmen in der Regel keine internationalen Freiwilligen auf, weil sie es müssen. Sie müssen immer zwischen Solidarität und Aufwand abwägen. Die Hilfsorganisationen brauchen nicht zwingend Freiwillige aus Deutschland. Aber sie werden die internationale Solidarität würdigen. Und sie hoffen, dass die Hilfskräfte das Erlebnis in sich tragen – und sich zum Beispiel im Klimaschutz engagieren.

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„Das Erlebnis muss den Weg in Kopf und Herz finden“

Expat-News: Wenn Freiwillige beim Wiederaufbau helfen möchten, welche Aufgaben kommen dann auf sie zu und wie kann Ihre Organisation helfen?

Seidel: Wir von wegweiser-freiwilligenarbeit wollen nicht der „Besserwisser aus Europa“ sein. Wir wollen gezielt herausfinden, was vor Ort benötigt wird. Wir vermitteln zwischen Freiwilligen-Organisation und Freiwilligen. Durch das Vermitteln von seriösen Angebote vermitteln vermeiden wir, dass unstrukturiert, spontan und emotional gehandelt wird.

So erwarten wir etwa, dass es Wiederaufforstungs-Programme geben wird, die dann auch Helfer aus Europa einbinden können. Auch Tierauffang-Stationen und andere Tier-Hilfsprojekte in Australien werden dann wieder nach Freiwilligen suchen.

Grundsätzlich ist es immer eine gute Idee, sich zu engagieren. Neben der Hilfe ist ein weiterer Sinn von internationaler Freiwilligenarbeit, in eine andere Kultur zu reisen und eine emotionale Verbindung mit ihr aufzubauen. Langfristige Veränderungen kann man am ehesten durch eine Einstellungsänderung herbeiführen. Und das funktioniert durch eigenes Erleben am besten. Denn was man vor Ort sieht und erlebt, kann einen erheblich beeinflussen.

Wenn man zu Hause bleibt und nur Medienberichte über die Probleme im globalen Süden konsumiert, hat das oft keine Verhaltens- oder Einstellungsänderung zur Folge. Das Erlebnis hört an der Netzhaut auf. Dabei muss es den Weg in den Kopf und ins Herz finden.

Ein Beispiel: Jeder Konsument weiß im Grunde, dass er Lebensmittel regional kaufen sollte und solche Produkte, die nicht im eigenen Land angebaut werden können, nur dann erwerben sollte, wenn sie zu fairen und nachhaltigen Bedingungen produziert wurden. Wenn man einmal in Ghana war und sieht, wie die Menschen dort leben und arbeiten, dann ist die Motivation, fair gehandelten Kaffee zu kaufen, größer, als wenn man einen Zeitungsartikel zum Thema gelesen hat.

Expat-News: Aus welcher Motivation heraus haben Sie 2012 wegweiser-freiwilligenarbeit gegründet?

Seidel: Seit meinem 11. Lebensjahr engagiere ich mich bereits im Naturschutz. Das Thema Freiwilligenarbeit betrifft und beschäftigt mich schon seit 1991. Damals war ich selbst Freiwilliger in Südfrankreich. 1995 erschienen dann mein Buch „Jobben für Natur und Umwelt“. Das war eine Sammlung von Möglichkeiten in der Freiwilligenarbeit.

Diesen Begriff gab es damals noch gar nicht. Es war zu dieser Zeit noch sehr schwierig, an Informationen zu kommen, denn das Internet, wie wir es heute kennen, existierte noch nicht. Deswegen habe ich mit Kollegen zuerst Broschüren herausgegeben und dann das Buch verfasst.

„Die meisten Freiwilligen wollen langfristig ein Teil der Lösung sein“

Expat-News: „Volunteering“ – der gängige englische Begriff für Freiwilligenarbeit – steht aber auch immer wieder in der Kritik. Skeptiker sagen beispielsweise, die Dauer der Einsätze von Freiwilligen sei zu kurz und viele wollten „mal eben im Urlaub die Welt retten“.

Seidel: Volunteering ist gar nicht so kurzfristig, wie häufig dargestellt, wir haben das sogar in einer Studie ermittelt. Es gibt kaum Leute, die diese „Weltretter“-Haltung haben und dies „mal eben“ in ihren Urlaub integrieren wollen. Die Masse an Interessenten hat eine echte Motivation, zu helfen. Natürlich spielt das Interesse an anderen Ländern und das Bedürfnis, eine Kultur zu entdecken, eine Rolle. Aber da ist nichts Schlechtes dran.

Die Studie belegt, dass sich Freiwillige im Schnitt 7,3 Wochen Zeit nehmen, um Projekte zu unterstützen. Die meisten Helfer wollen Teil der Lösung sein – und das eher länger als so schnell wie möglich. Das Bild der selbstverliebten jungen Freiwilligen, die in zwei Wochen die Welt retten wollen, stellt sich als Karikatur der Wirklichkeit und seltene Ausnahme heraus.

Wir sind uns bewusst, dass es viel berechtigte Kritik an Freiwilligenarbeit gibt. Und natürlich existieren gute und schlechte Projekte, deswegen ist unser Ansatz auch ein qualitativer. Beispielsweise schließen wir Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern aus, da es zu viele Pseudo-Waisenhäuser gibt, in denen Kinder leben, die eigentlich noch Eltern haben. Deren Einrichtung stellt bloß ein Geschäftsmodell dar.

Sehr schwierig finden wir zudem Projekte, in denen Freiwillige mit Raubkatzenjungen arbeiten. Wilde Tiere sollten möglichst wenig in Kontakt mit Menschen kommen. Wir wissen von Projekten, in denen Wildkatzen gezüchtet werden und regelmäßiger Kontakt mit den Freiwilligen möglich ist. Man sollte sich immer die Frage stellen, warum die Tiere nicht in freier Wildbahn leben und ob es dafür einen plausiblen Grund gibt, der mit der langfristigen Vision der Organisation übereinstimmt.

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„Die Zeit vor Ort nutzen, um den Ursprung der Probleme zu verstehen“

Expat-News: Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass Freiwilligenprojekte rassistische Vorurteile verstärken.

Seidel: Die Gefahr besteht, aber man darf das nicht verallgemeinern. Es kommt unter anderem auf die Organisation an und auf die Art und Weise, wie sie ihre Arbeit bewirbt. Slogans wie „Make a difference in two weeks“, „Save the world“, „Change the life of a child“ sind Ausprägungen einer „white savior“-Mentalität und sie transportieren keine realistische Erwartungshaltung.

Dieses Auftreten sieht man eher bei amerikanischen, missionarischen Organisationen, in Deutschland ist dieser Komplex nicht so ausgeprägt. Wir empfehlen den Helfern, die Zeit vor Ort zu nutzen, um den Ursprung der Probleme zu verstehen.

Ein Zeichen, dass man nicht alles verallgemeinern kann, ist die Tatsache, dass viele Volunteers eher nach Projekten in Industrieländern suchen als in Entwicklungsländern. Wer sich engagieren möchte, sollte immer hinterfragen, mit welcher Botschaft eine Freiwilligenorganisation auftritt.

Expat-News: Weiter sagen Kritiker, dass Hilfsprojekte unter einer mangelnden Nachhaltigkeit leiden. Das läge auch daran, dass Freiwillige in der Regel keine Profis sind.

Seidel: Man muss immer den Einzelfall betrachten. Das Argument, nur wer zu Hause Experte sei, könne auch als Experte im Ausland helfen, gilt aus unserer Sicht nicht. Auch ein 18-jähriger Abiturient kann den Englischunterricht in Kambodscha verbessern. Dort herrscht ein erheblicher Mangel an Lehrern, die überhaupt Englisch sprechen.

Oft sagt das Lehrpersonal etwas auf, die Klasse wiederholt es lediglich. Wenn dann deutsche Helfer einige didaktische Methoden aus dem selbst erfahrenen Englischunterricht anwenden, bedeutet das bereits einen nennenswerten Fortschritt für die Schüler vor Ort.

Ich stelle immer wieder fest, dass manchmal berechtigte Kritik über das Ziel hinausgeht und in Pauschalurteilen endet. Unsere Richtschnur fürs Helfen ist die Frage: Würde ich mir das in Deutschland zutrauen? Lautet die Antwort ja, dann kann das auch im Ausland funktionieren. Ich sage ausdrücklich „kann“, nicht „muss“.

Es ist sehr wichtig, dass das Aufnahmeprojekt entscheidet, welche Mindestqualifikation Freiwillige mitbringen müssen. Und Fakt ist, dass viele Projekte die Messlatte bei weitem nicht so hoch legen wie Kritiker aus Europa.

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Über wegweiser-freiwilligenarbeit

Wegweiser-Freiwilligenarbeit.com ist ein unabhängiges Portal für flexible Freiwilligenarbeit im Ausland. Kern des Angebots ist eine Datenbank von derzeit mehr als 550 Freiwilligen-Projekten in mehr als 50 Ländern auf allen Kontinenten. Die Portalbetreiber führen diese Projekte nicht selbst durch, sondern geben unabhängigen Freiwilligenorganisationen die Möglichkeit, ihre Projekte vorzustellen.

Alle Hilfsmöglichkeiten in dieser Datenbank finden außerhalb geregelter Freiwilligendienste wie dem Europäischen Freiwilligendienst (EFD) oder auch dem deutschen weltwärts-Programm statt.

Flexible Freiwilligenarbeit heißt in diesem Kontext, dass die Volunteers nicht den strengen Rahmenbedingungen geförderter Programme (etwa einer Bewerbung sechs bis zwölf Monate im Voraus oder einer Mindestdauer von rund einem Jahr) folgen müssen.

Das Team von wegweiser-freiwilligenarbeit.com prüft gewisse Kriterien wie zum Beispiel die Frage nach der ordnungsgemäßen Registrierung oder danach, welche Strukturen hinter der Organisation stehen. Entscheidend ist außerdem, welche Projekte durchgeführt werden, inwieweit es übergeordnete Leitlinien wie zum Kindesschutz gibt und wie die Organisation über die Projekte und ihre Arbeit kommuniziert.

Als seriöse Organisation für Hilfen in Australien empfiehlt Frank Seidel übrigens das Portal Conservation Volunteer Australia. Wer sich umfassend über das Thema Volunteering informieren möchte, dem sei der „Ratgeber Freiwilligenarbeit“ ans Herz gelegt.