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Generation Y: Die neue Expat-Generation?

„Jetzt stell dich mal nicht so an, du lebst doch bald im wolkenlosen Expat-Himmel! Dort, wo immer die Sonne scheint. Wo der Tag nicht mit dem Klingeln des Weckers, sondern dem sanften Rauschen der Palmenwedel beginnt. Wo du dir deine Zeit frei einteilst und tun und lassen kannst, was immer Du willst!Die einzigen Termine, die du haben wirst, sind die bei der Maniküre und deinem braungebrannten Yogalehrer. Was ist eigentlich dein Problem???“

Genau das waren die klischeearmen Worte meiner Freundin, die kurz vor meinem Umzug in die Türkei versuchte, mir meine Angst zu nehmen. Das Bild der cocktailschlürfenden Trailing Spouse, die täglich nichts anderes tut, als sich am Pool ihres mit Stacheldraht umzäunten Compounds der Exotik ihres Gastlandes hinzugeben, ist zweifellos übertrieben. Aber es gibt tatsächlich schlimmere Szenarien im Leben, als sich vom Arbeitgeber des eigenen Mannes ins Ausland versetzen zu lassen. Gerüstet mit einem akzeptablen Package und der ein oder anderen Annehmlichkeit vor Ort. Trotzdem gruselte mich der Gedanke, die nächsten Jahre nichts zu unserem Lebensunterhalt beizutragen. Keine echte Aufgabe zu haben. Keinen „sinnvollen“ Tagesablauf. Kein Umsatzziel. Nichts! Seit fast zwanzig Jahren verdiene ich mein eigenes Geld und arbeite emsig an irgendwelchen Zielen. Manchmal so sehr, dass mir schwindelig wird von der langen To-Do-Liste. Aber mein Job ist eben ein Teil von mir und meiner Identität. Meine Freiheit. Meine Unabhängigkeit…

Die Idee, meinen PencilSkirt einzumotten und stattdessen nur noch „die Frau von“ zu sein, trieb mir kalte Schweißperlen auf die Stirn. Also entschied ich, mal zu schauen, was man denn businesstechnisch in der Fremde so anstellen könnte. Die globale Vernetzung ermöglichte es mir in Sekundenschnelle, die Ausbaumöglichkeiten meines Geschäfts in unserer Wahlheimat zu eruieren. Leider hob das Ergebnis meine Stimmung nicht nachhaltig, denn ich fand heraus, dass die Zugangsmöglichkeiten zum lokalen Markt für Ausländer nicht besonders rosig sind. Damit war der große Traum vom internationalen Business auch direkt gestorben. Und ich wieder arbeitslos!

Ich fragte mich, ob ich eigentlich an latenter Maßlosigkeit leide. Ob es Arroganz ist, Egoismus oder Undankbarkeit die dazu führen, dass mir ein Leben in einem anderen Land, eine neue Sprache, Kultur, Zeit für mich und meine Hobbies immer noch nicht genug waren. Und ich stellte mir die Frage, ob ich die einzige Idiotin bin, die sich lieber durch einen stressigen Arbeitsalltag kämpft, als sich entspannt der Dolce Vita auf irgend einem Bosporuskahn hinzugeben. Durch die letzten Jahre, in denen ich ja nicht wenige Expats betreut hatte, wusste ich, dass die meisten Expat-Frauen keinem Job nachgehen, was mir damals irgendwie normal erschien. Zugegebenermaßen habe ich mir allerdings bis dato über die Gründe wenig Gedanken gemacht. Und noch seltener habe ich mir die Frage gestellt, wie diese – in ihrer Heimat meist berufstätigen – Frauen mit ihrer neuen Hausfrauenrolle eigentlich klarkommen.

Sind Millennials die nächste Expat-Generation?

Überrascht hatte mich allerdings in den letzten Jahren immer wieder, dass viele meiner Kunden gerade mal in den frühen Dreißigern beziehungsweise zum Teil sogar wesentlich jünger waren als ich. Und auch die aktuelle Ausgabe des GRTS 2013 belegt, dass Expats immer jünger werden. Die Gruppe der 20-39 Jährigen macht heute bereits die Hälfte der Expat-Population aus und der Trend wird sich vermutlich weiter fortsetzen. Im Personalmarketing zum Beispiel ist die so genannte Generation Y oder Millennials schon seit Jahren ein Thema, denn sie wird im Jahr 2020 circa 40 Prozent der gesamten Workforce ausmachen. Darüber hinaus stellt sie als Arbeitnehmer völlig andere Ansprüche als ihre Vorgänger-Generation, die Generation X.

Wenn ich mich also – großzügig betrachtet – mal zur Generation Y zähle, bedeutet das vielleicht gar nicht, dass nur ich “egoistisch” und “undankbar” bin. Nein. Es würde nämlich heißen, dass eine ganze Generation – und damit ein Großteil der zukünftigen Entsendungskandidaten – Bedürfnisse haben, die die Expats der Neunziger noch nicht hatten. Hierzu gibt es interessante (und gleichzeitig erschreckende) Zahlen von der EIU:

82% aller Expat-Partner haben einen Hochschulabschluss.

90% der Befragten hatten vor ihrer Entsendung einen Job.

65% gehen während ihrer Entsendung keiner bezahlten Tätigkeit nach.

Über die Gründe kann man sich natürlich streiten: auch die junge Generation Y entscheidet sich manchmal ja für eine persönliche Auszeit vom Job oder nutzt diese Lebensphase um sich verstärkt der Familie zu widmen. Auch das ist ja durchaus legitim. Fakt ist jedoch, dass ein doch ziemlich großer Teil meines Expat-Bekanntenkreises gerne arbeiten würde, die rechtlichen Bestimmungen den Zugang zum lokalen Arbeitsmarkt aber extrem erschweren oder sogar unmöglich machen. Sehr zum Leidwesen der Betroffenen!

Wir erleben derzeit einen demografischen Wandel innerhalb der Expat-Population. Aus diesem Wandel ergeben sich natürlich auch veränderte Erwartungen der Expats bzw. ihrer PartnerInnen an eine Entsendung. Die Trailing Spouse der Generation Y benötigt weder Happy Hour noch Yogalehrer, mit denen sie sich ihre Langeweile vertreibt. Sie schreit nach Weiterentwicklung. Und zwar sowohl privat als auch beruflich!

No work is not an option for generation y!

Die Generation Y lebt und kommuniziert global. Und sie sucht die Herausforderung im internationalen Umfeld – ist flexibel, open-minded und international mobil! Aber sie legt eben auch enormen Wert auf Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Und da liegt für die Unternehmen der Hase im Pfeffer, denn die Generation Y ist zwar vielleicht bereit, auch ohne dickes Package nach Hintertimbuktu zu gehen. Wenn aber ein Partner im Spiel ist, muss dieser Schritt einen echten Mehrwert für die persönliche und berufliche Entwicklung beider Partner bieten. Und das trifft bisher trauriger Weise in den seltensten Fällen zu.

Die Realität des Entsendungsmanagements deutscher Unternehmen erfüllt die Erwartungen der neuen Expat-Generation bisher gar nicht oder nur sehr eingeschränkt. Viele entsendende Unternehmen geben zwar an, dass die veränderten Erwartungen der Gen Y ein kritischer Faktor für ihr Mobility Management seien. Die Konsequenz, die daraus gezogen werden wird, lässt bisher aber häufig noch auf sich warten.

1. Die Partnerkarriere als kritischer Faktor für eine erfolgreiche Entsendung hat sich innerhalb von zehn Jahren von 29 Prozent (2002) auf 60 Prozent (2012) mehr als verdoppelt (ECA).

2. Aktuell werden ca. 17 Prozent aller Entsendungen deshalb abgelehnt, weil der Partner die eigene Karriere nicht aufgeben will (GRTS 2013).

3. Bei 62 Prozent der befragten Unternehmen mussten bereits Entsendungen aufgrund von Unzufriedenheit des Partners frühzeitig abgebrochen werden. (Mercer Hier bleibt natürlich zu spekulieren, was die Unzufriedenheit auslöste…)

Was ist die Konsequenz?

Constance_Grundewald_Petschke_3Ich für meinen Teil habe mich nach monatelangem Hadern damit abgefunden, dass unsere Brötchen in der nächsten Zeit praktisch ausschließlich von meinem Mann verdient werden. Trotzdem habe ich mir natürlich ein Projekt gesucht, das mich fordert und beruflich weiter bringen soll. Ich seh’ das so: Ich investiere jetzt in meine Karriere und arbeite daran, dass sich die Investition irgendwann auszahlt. Es gibt zwar keine Erfolgsgarantie, aber immerhin ist es ein Ziel! Außerdem lerne ich ja meine Gastlandsprache und schreibe diesen Blog. Zeit für ausgiebige Yogastunden bleibt mir also nicht, der ein oder andere Cocktail hingegen ist schon noch drin…

Trotzdem würde ich mir für meine nächste Entsendung wünschen, dass meine Bedürfnisse als mitreisende Partnerin nicht mit einer Überweisung auf das Gehaltskonto meines Mannes abgefrühstückt würden, denn die hilft mir weder dabei meine Identität zu wahren, noch einen Job zu finden. Stattdessen sollte man diese Gelder in die Hand nehmen und sich überlegen, was wir Trailing Spouses von Heute denn wirklich brauchen.

Die Autorin:

Constance Grunewald-Petschke betreibt den Blog www.what-about-my-pencilskirt.com, auf dem sie regelmäßig über ihr neues Leben als Expat-Partner in Istanbul berichtet. Sie ist außerdem Inhaberin der Agentur „Abroad [relocation.interculture.language]“, die Expats und ihre Familien berät.

E-Mail: c.grunewald@xpat-abroad.com

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 Fotos: © Thomas Pajot – Fotolia.com; © Constance Grunewald-Petschke