© David Wolf

„Man muss einfach machen und wagen!“

David Wolf verlor 2018 seinen Job als Redakteur und ging im Anschluss für einen Reiseveranstalter für vier Monate als Wander-Guide nach Sardinien. Im Interview erzählt der 45-Jährige, warum diese Zeit zur schönsten seines Lebens gehört und warum jeder Mensch einmal wandern sollte.

EXPAT NEWS: Sie waren als Wander-Guide auf Sardinien. Was waren Ihre Beweggründe, nach der Kündigung nicht gleich wieder einen Job als Redakteur zu suchen, sondern Menschen durch die Natur Sardiniens zu führen?

Wolf: Ich bin schon immer sehr gerne gewandert und führe als Wanderleiter für den Deutschen Alpenverein (DAV) auch Gruppen durch die Alpen und den Schwarzwald. Nachdem ich meinen Job verloren hatte, überlegte ich, was von dem ich beruflich machen könnte, was mir privat schon immer gut gefallen hat. Ich wollte nicht einfach nur verreisen, sondern auch etwas tun. Als ich bei den Reiseveranstaltern anfragte, ob sie jemanden als Wander-Guide brauchen, war ich schon recht spät dran. Es ergab sich aber, dass ein Veranstalter noch einen Guide für Sardinien suchte. Mich sprach diese Insel besonders an, weil ich zum einen noch nie dort war, es zum anderen auch eine eher ruhige, nicht so dicht besiedelte Insel ist. Sie ist noch sehr ursprünglich und nicht auf Party-Tourismus oder Ähnliches ausgelegt.

Ich arbeitete und wohnte in einem schönen ländlichen Hotel über dem Meer. Meine Wohnung daheim vermietete ich unter und dann ging es los.

„Wandern ist ein idealer Ausgleich“

Expat News: Was ist das Besondere am Wandern?

Wolf: Man hat viel Bewegung in der Natur – da wird der Kopf automatisch frei. Ich finde, man kommt wirklich runter und ist auch mehr „bei sich“. Wandern ist vergleichbar mit Meditation; währenddessen denkt man weder an gestern oder morgen, sondern man ist im Hier und Jetzt. Gleichzeitig betätigt man sich aber auch körperlich und übt einen gesunden Sport aus. Vor allem für Stadtmenschen ist Wandern ein idealer Ausgleich.

Expat News: Ist Wandern auch etwas für absolute Anfänger?

Wolf: Ich empfehle schon eine gewisse Grundfitness. Natürlich ist es stets eine sehr persönliche Einschätzung, ob ich mich selbst als sportlich empfinde oder nicht. Wer unsicher ist, sollte sich ans Wandern lieber langsam herantasten. Beispielsweise könnte man zunächst mit maximal 200 Höhenmetern beginnen und schauen, wie man mit der Steigung zurechtkommt. Es muss nicht gleich eine Gipfelbesteigung sein.

Oft werde ich gefragt, welche Kleidung angemessen ist. Heutzutage ist es nicht mehr zeitgemäß, reine Baumwollkleidung zu tragen. Es gibt spezielle Outdoor-Bekleidung, die leicht und atmungsaktiv ist. Zudem sollte sich jeder Wanderer möglichst ein paar solide Wanderschuhe anschaffen. Wichtig ist festes Schuhwerk, das vor allem Halt am Knöchel bietet. Bei Turnschuhen ist die Gefahr umzuknicken und sich zu verletzen zu groß.

Expat News: Zurück zu Ihrem Aufenthalt auf Sardinien. Wie hat Ihnen die italienische Lebensart zugesagt? Gab es interkulturelle Herausforderungen?

Wolf: In der Tat läuft in Italien schon vieles anders. Die Angestellten des Hotels waren alle Sarden oder vom Festland. Besondere interkulturelle Herausforderungen musste ich jedoch nicht meistern. Eine gewisse Umstellung war für mich das Essen. Die italienische Küche bietet nicht unbedingt das gesündeste Frühstück, aber wer den ganzen Tag wandert, benötigt am Morgen ballaststoffreiche Nahrung. Die Italiener sind berühmt für Pizza und Pasta, die das bekanntlich nicht unbedingt liefern. Insofern gestaltete sich mein Ernährungsprogramm ein wenig einseitig.

Ansonsten liegt mir Italien als Land schon – ich musste mich nicht so sehr umstellen und habe keine lange Zeit gebraucht, um anzukommen.

Expat News: Auf Ihrem Blog wanderwütig schreiben Sie, dass diese vier Monate als Wander-Guide auf Sardinien zu den bedeutendsten Ihres Lebens gehören – warum?

Wolf: Zunächst einmal, weil ich diesen Schritt mit 45 zum ersten Mal gemacht habe. Für mich war dies auch mit großen Emotionen verbunden und ich habe es als Geschenk betrachtet, diese Möglichkeit zu haben. Ich war Teil eines Teams unterschiedlicher, mir bis dato unbekannter Personen, und wir hatten einen tollen Zusammenhalt – auch das war eine sehr schöne Erfahrung.

Der Job selbst war sehr vielseitig. Ich war nicht nur Wanderführer, sondern auch Erklärer, Helfer, Spaßmacher, Zuhörer, Unterhalter, Moderator, Beschwichtiger, Organisator, Antreiber, Mutmacher, Reiseleiter – manchmal fast Seelsorger. Letzteres empfand ich jedoch als schwierig und sollte meiner Meinung nach eigentlich nicht Teil des Jobs sein. Ich lernte somit auch, mich abzugrenzen.

Die Arbeit mit den Gästen war für mich sehr lehrreich, denn es gibt die unterschiedlichsten Typen mit unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungshaltungen. Das war für mich eine große interessante Erfahrung und definitiv eine Herausforderung.

„Ein Wander-Guide sollte empathiefähig sein“

Expat News: Können Sie ein Beispiel nennen?

Wolf: Da ist zum Beispiel ein Gast, der auf einer Wandertour plötzlich und für einen längeren Zeitabschnitt weiter hinten zurückbleibt. Meine erste Reaktion war, nach hinten zu gehen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Es könnte ja möglich sein, dass es ihm oder ihr nicht gut geht, dass die Kondition nachlässt oder dergleichen. Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit: Der Gast möchte einfach eine Zeit lang alleine und in Ruhe wandern – ungestört von den anderen Gästen, ohne sich zu unterhalten. Eine Weile bei sich und der Natur sein. Dies gilt es in dieser Situation zu bedenken, wenn man sich als Guide dem Gast nähert und vorsichtig fragt, was denn der Grund für sein Zurückbleiben ist. Wer ganz hinten läuft, muss nicht zwangsweise kaputt sein. Es geht ihm oder ihr nicht unbedingt schlecht. Wer den Gästen mit dieser Offenheit begegnet, sich nicht gleich auf eine „Lösung“ festlegt beziehungsweise indirekt unterstellt, es sei etwas nicht in Ordnung, erntet in der Regel entspannte und freundliche Gesichter – und am Ende des Tages zufriedene Gäste. All das setzt aber eine gewisse Empathiefähigkeit voraus.

Wander-Guide

© David Wolf

Expat News: Sie waren bis dato als Redakteur tätig. Ist der Job als Wander-Guide eine gute Alternative?

Wolf: Das kommt natürlich immer auf den Einzelnen selbst an. Ich für meinen Fall würde gerne nochmal in Österreich und in der Schweiz als Wander-Guide arbeiten. Für mich war die Erfahrung auf Sardinien die Bestätigung, dass ich einen Job machen möchte, bei dem ich Kontakt zu Menschen habe.

Ich habe einen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt und einen Hochschulabschluss in Politologie. Nach dem Abitur wusste ich nicht genau, was ich zukünftig machen will. Wahrscheinlich würde ich mich heute anders entscheiden. Letztendlich testet man sich durch „Try and Error“ durchs Leben. Momentan lege ich mich ungerne auf ein und dieselbe Sache fest. Mir ist aber inzwischen klar, dass ich nicht zwangsläufig 40 Stunden in einem Büro sitzen möchte.

„Ich hätte schon viel früher auf mein Bauchgefühl hören sollen“

Das „Abenteuer“ Sardinien war für mich die wichtige Erfahrung zu spüren, dass der Zeitpunkt gekommen war, zu tun, worauf ich Lust hatte. Im Grunde hätte ich schon viel früher auf mein Bauchgefühl hören müssen. Meine Empfehlung an Personen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie ich und mit einem Auslandsaufenthalt liebäugeln, ist: Einfach machen und wagen! Es kann nichts passieren. So etwas ist eine Lebenserfahrung, die man machen sollte, wenn sie einem geboten wird.

Expat News: Können Sie sich vorstellen, im Ausland zu leben? Wäre ein Dasein als digitaler Nomade denkbar für Sie?

Wolf: Vor meinem Ausflug nach Sardinien war ich noch nie länger im Ausland. Eine Art Auswanderung oder das Nomadentum kann ich mir nicht vorstellen, ich bin nicht dafür geschaffen. Ich brauche meine Basis, meine sozialen Beziehungen. Ich kann mir aber vorstellen, so etwas in der Art noch einmal zu machen. Tatsache ist aber, dass Arbeiten im Ausland etwas völlig anderes ist als dort Urlaub zu machen. Da wo ich war, war das nächste Krankenhaus 50 Kilometer weit entfernt – das ist schon was anderes. In solchen Momenten weiß man das System zu Hause zu schätzen. Obwohl man sich auch an so etwas anpassen kann.

Für die Zukunft kann ich mir vorstellen, als Wander-Guide zu arbeiten und gleichzeitig Menschen zu coachen. Also mit ihnen in die Natur zu gehen und Themen zu bearbeiten, die sie gerade beschäftigen. Das geht in Richtung Persönlichkeitsentwicklung. Schon heute biete ich so genannte Achtsamkeitswanderungen im Schwarzwald an, bei denen ich Meditationen anleite. Mit den Gästen im Freien zu meditieren ist etwas Wunderbares.

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