Familien
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Fünf mal Pro & Contra für junge Familien im Ausland

Der Sommer ist vorüber, die Expatpopulation hat einmal „Bäumchen-Wechsle-Dich“ gespielt und auch vor meinem Bürofenster steht genau in diesem Moment wieder ein internationaler Umzugswagen. Für mich hat sich in diesem Sommer wohnungsmäßig nichts geändert. Wohnungsmäßig. Was sich aber geändert hat, ist der ganze Rest meines Lebens. Es ist schon eine Weile her – um genau zu sein vier Monate und zwei Wochen – dass sich mein Leben radikal verändert hat. An einem frühen und sonnigen Morgen im April dieses Jahres betrat ich mit meinem Mann voller Motivation und Vorfreude die Frauenklinik der Düsseldorfer Uniklinik. Als ich sie ein paar Tage später wieder verließ, waren wir zu viert. Nachdem wir die ersten sechs Wochen unseres jungen Familienglücks im idyllischen Düsseldorfer Stadtteil Bilk verbracht hatten, stiegen wir mit unseren Zwergen schließlich in den Flieger Richtung Bosporus – und in Richtung eines ganz anderen Lebens. Das Leben als frisch gebackene Expat-Familie.

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Was ich die ersten Wochen meines Expat-Eltern-Seins gelernt habe

Es gibt Situationen, die nur Menschen erleben, die fern ihrer Muttersprache, ihrer Ursprungskultur und weit weg von ihren Familien und alten Freunden leben. Und es gibt Fragen, die sich nur Familien stellen, die sich für ein Leben in einem fremden Land entschieden haben. Kinder erweitern das Repertoire dieser Situationen und Fragen um ein Vielfaches.
Was spricht für ein Leben im Ausland mit Babys und Kindern und was dagegen? Sicherlich eine ganze Menge. Und zwar auf beiden Seiten. Auch wenn ich denke, dass ich zu diesem Zeitpunkt wohl noch keine qualifizierte Stellungnahme abgeben und stattdessen mal noch die nächsten achtzehn Jahre oder so abwarten sollte…
Hier sind schon mal ein paar Vorab-Erfahrung nach drei Monaten Mutterdasein in der Türkei.

1. Babypause abroad?

Eine Auslandsentsendung ist für viele Expats ein perfekter Moment, eine Familie zu gründen oder Familienzuwachs zu planen. In vielen Fällen haben Mitreisende nämlich ohnehin wenig Chancen auf eine ihren Qualifikationen entsprechende bezahlte Tätigkeit im Gastland, und müssen ihr Leben demnach sowieso neu organisieren. Was liegt also – gerade für junge Expats – näher als die Gunst der Stunde zu nutzen und genau jetzt eine kleine Babypause einzulegen. So hat man nicht nur ein schönes Projekt für die Zeit des Aufenthaltes, sondern verhindert ganz nebenbei auch, dass im Lebenslauf unschöne Lücken entstehen und später ein potenzieller Arbeitgeber glauben könnte, man hätte sich die Zeit nur mit Maniküre und Yoga vertrieben. Gibt es – wie in vielen Fällen – für die Begleitperson des aus Deutschland entsandten Arbeitnehmers zudem noch den Anspruch auf Elterngeld, bekommt die Mama sogar noch etwas Taschengeld.

Zwillinge

Eine Entsendung ist natürlich ein guter Moment für eine ausgedehnte und entspannte Babypause – ganz klar. Aber was tun mit der vielen Zeit ohne Deadlines und Meetings? Denn wo Müttern in deutschen Klein- und Großstädten mit Kinderwagen-Gangs, Babyschwimmen und allerlei Krabbelgruppen die Elternzeit versüßt wird, sucht man in einigen Ländern diese Art der frühkindlichen Unterhaltung leider vergeblich. Anstelle von nachhaltigen, hygienisch reinen und pädagogisch wertvollen Angeboten für junge Familien, bleibt uns Expat-Müttern mancherorts als Highlight der Woche die nächste Shopping-Mall. Leider nicht zum shoppen! Stattdessen gibt es hierzulande insbesondere an Wochenenden das volle Familienprogramm nach dem Motto ALL YOU CAN PLAY – Lautstarke Musik, grellpinke Zuckerwatte und aufdringliche Clowns inklusive. Möchte man das nicht, organisiert man entweder selbst seine Krabbelgruppe (bei mir kein Problem, sie sind ja schon zu zweit, oder man verzichtet darauf und die Kurzen robben dann den lieben langen Tag von einer Wohnzimmerecke in die nächste (was in der Türkei im Übrigen keine schockieren würde).

2. Ich spreche German

Kleinkindern, die in einer anderen Kultur mit einer anderen Sprache aufwachsen, fällt es später in vielen Fällen nicht nur wesentlich leichter, Sprachen zu lernen. Sie wachsen in den meisten Fällen auch zu überdurchschnittlich toleranten, reisefreudigen und weltoffenen Menschen heran, denn sie werden von Beginn ihres Lebens mit der Tatsache konfrontiert, dass es unterschiedliche – und eben auch sehr widersprüchliche Arten gibt, die Welt zu sehen, zu kommunizieren oder mit Zeit umzugehen. Sie erleben diese Gegensätze in ihren prägendsten Jahren, kommen mit den unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen in Kontakt und müssen lernen, darin erfolgreich zu interagieren. Meine Jungs beispielsweise hören mit ihren vier Monaten jetzt schon tagtäglich 3-4 unterschiedliche Sprachen, sehen mindestens ebenso viele unterschiedliche Hautfarben und erleben hunderte von Situationen, die sie in Düsseldorf niemals zu Gesicht bekämen. Und sie müssen bald ihre eigenen Strategien finden mit diesen besonderen Herausforderungen klarzukommen.

Istanbul Skyline
Multiple interkulturelle Erfahrungen und frühkindliche Sprachentwicklung hin oder her: manchmal ist es als deutsche Mutter in einer türkische Metropole, wo man den ganzen Tag englisch und türkisch spricht, gar nicht so einfach den Kindern ein lupenreines Hochdeutsch beizubringen. Es bedarf nämlich unglaublich viel Selbstdisziplin und Konsequenz mit den Kindern – so klein sie auch noch sein mögen – ausschließlich in der eigenen Muttersprache zu kommunizieren. Verbringt man jedoch den Großteil seiner Zeit mit Freunden aus allerlei Kulturen, ist die englische Sprache das, was die Kurzen am meisten hören. Allerlei Freizeitaktivitäten sind untermalt mit türkischen Kinderliedern und die beste Freundin kommt dann noch regelmäßig mit Französisch um die Ecke. Ich persönlich bin jedenfalls gespannt, in welcher Sprache die ersten Worte meiner Jungs sein werden.

3. Von PEKIP & sonstigen Krabbeleien

Sobald es daran geht, eine KITA, einen Kindergarten oder eine Schule zu besuchen, ist das Expat-Leben häufig gar nicht so übel. Denn in den allermeisten Fällen, haben die Kinder vieler Expats ab einem bestimmten Alter das große Glück eine private Bildungseinrichtung besuchen zu können. Und die horrende Summe dafür vom entsendenden Unternehmen erstattet zu bekommen. Und das wirkt sich natürlich auf die Qualität der Ausbildung der Zwerge aus – ganz klar. Denn nicht nur, dass es an solchen Schulen meist viele andere Kids mit einem ähnlichen internationalen Hintergrund gibt. Auch die Qualität der Ausbildung lässt in den meisten Fällen nichts zu wünschen übrig. Zudem sind – je nach System – die Schulen in praktisch allen gängigen Expat-Destinationen angesiedelt. Sprich gleicher Lehrplan -> unkompliziertes Weiterziehen. Purer Luxus? Vielleicht. Aber in vielen Ländern bitternötig – oder würdest du dein Kind in einem Land, in dem Geschlechtergleichheit für Viele noch ein Fremdwort ist, auf eine staatliche Schule schicken wollen?

Ja, eine Privatschule hört sich super an. Wenn die Firma die Kosten dafür übernimmt: noch besser! Für meine Jungs ist das Problem allerdings, dass sie noch gar nicht im Schulalter sind – noch nicht mal annähernd. Und während ich in Good Old Germany ab dem Alter von einem Jahr einen Anspruch auf einen bzw. zwei KITA-Plätze hätte – und mich so wieder regelmäßig meiner Arbeit widmen könnte – so beginnt am Bosporus die Betreuung im allerbesten Fall überhaupt erst einmal mit 18 Monaten – und davon gibt es genau eine Einrichtung die innerhalb einer Fahrstunde zu erreichen ist. Das liegt wohl daran, dass hier häufig die Omas die Rolle der frühkindlichen Erzieher übernehmen. Schade! Nicht, weil ich die Kleinen möglichst schnell wieder loswerden möchte. Nein, ich wünsche mir, dass meine Kinder so früh wie möglich lernen, sozial angemessen zu interagieren – und das lernen sie meiner Meinung nach am besten in einer Gruppe von Gleichaltrigen. Also heißt es abwarten, Vollzeitmutter sein und hoffen, dass die einzige Ab-18-Monate-KITA in der Nähe unseren deutschen Qualitätsansprüchen genügen wird. Wir werden sehen…

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4. Maids oder Housekeeping?

Zugegeben, einige Expats können sich auch heute noch die Villa mit eigenem Koch, Chauffeur und einer ganzen Putzkolonne erlauben – das sind jedoch die wenigsten. Trotzdem gibt es im Vergleich zu Deutschland in vielen Ländern – und dazu gehört auch die Türkei – einen wesentlich höheren Servicegedanken. Das beginnt bei kostenfreien Lebensmittellieferungen durch große Supermarktketten bis hin zum Büdchen ums Eck. Da kommt noch der „Bursche“ bei Anruf mit zehn Eiern und der Tüte Milch zu dir nach Hause – und zwar innerhalb von fünf Minuten und ganz ohne Aufpreis. Das gleiche gilt für die Chemische Reinigung, die wöchentliche XXL-Windellieferung, Mc Donald’s und eigentlich alles, was man in einem Zwillingshaushalt so braucht. Eine durchaus komfortable Errungenschaft wie ich finde, auf die ich persönlich heute nur schwer verzichten möchte. Weiter geht’s dann – und das entspricht leider auch ein wenig dem gängigen Klischee – mit dem Hauspersonal. Ja, auch ich habe mir – aufgrund meines ausgeprägten Kindersegens – eine Haushaltshilfe gegönnt. Purer Luxus? Nicht hier! Wer in der Türkei ab einem gewissen sozialen Level Zwillinge hat, der hat nicht nur eine Hilfe. Der hat zwei Rund-um-die-Uhr-Nannys (eins für jedes Kind) plus selbstverständlich eine Putzfrau. Mindestens! Hier werde ich dann auch gerne mal ganz mitleidig angeschaut, wenn meine Maid abends nach Hause geht und ich als Mutter meine Jungs mit dem Kinderwagen selbst in der Gegend rumschippere.

Natürlich ist es großartig, professionelle Unterstützung im Haushalt und bei der Kindererziehung zu haben und ich gebe zu, ohne meine Maid wäre ich schon vor Wochen Amok gelaufen. Trotzdem gleicht es nicht im geringsten das aus, was vielen Expats einfach fehlt: die Nähe zur Familie und alten Freunden. Klar, auch in Deutschland wohnen viele Familien hunderte von Kilometern voneinander getrennt. Aber eben hunderte und nicht Tausende. Mir persönlich fehlt es wirklich sehr, meine Kinder mit den Kindern meiner Freundinnen aufwachsen zu sehen, sich mit den Mädels über Windeleimer & Co. auszutauschen oder einfach mal spontan einen Sonntagskuchen mit Oma & Opa zu organisieren. Das ist etwas, das keine Nanny, keine Köchin und auch kein Facetime oder Skype ersetzen können – so wertvoll sie im Alltag auch sein mögen.

5. Wohnqualität hui, Lebensqualität pfui?

Nicht nur das Service-Level ist für unsereins in vielen Expat-Ländern wesentlich besser – weil günstiger zu haben. Auch die Wohnqualität ist für viele Expats im Ausland höher als in der Heimat. Dies liegt allerdings – wie hier in Istanbul – nicht immer unbedingt an den günstigen Immobilienpreisen vor Ort. Vielmehr sind die Budgets, die Familien im Ausland von vielen Firmen zur Verfügung gestellt werden, einfach höher als die Kaltmiete, die sie selbst in Oberammergau ausgeben würden. Hinzu kommt, dass viel Platz für viele Kulturen – mal abgesehen von China & Co. – einfach ganz selbstverständlich ist. So kommt es, dass Wohnungen mit 200 bis 300 Quadratmetern und fünf Schlafzimmern samt Ensuite-Bädern gar keinen so großen Seltenheitswert haben und für einige Türken eine 100qm-Wohnung gerade mal als Junggesellenbude taugt. Im Übrigen würde hier kein Mensch, der einigermaßen bei Sinnen ist und es sich irgendwie leisten kann, ein Apartment ohne Klimaanlage und Pool mieten. Dieser ist glücklicherweise auch Teil unserer bescheidenen Bleibe – wenngleich ich ihn bisher auch dank meiner ausgeprägten Fruchtbarkeit – leider nur sehr eingeschränkt zu nutzen in der Lage bin. An dieser Stelle möchte ich meinen lieben Freunden danken, die es sich mittlerweile zur Gewohnheit gemacht haben, den Samstag hier mit uns zu vertrödeln – es ist wunderbar, euch zu haben!

Schon mal versucht, mit einem Zwillingskinderwagen in der Istanbuler Innenstadt spazieren zu gehen? Hm… meine Realität sieht so aus, dass ich meinen Wagen in einem Radius von circa zwei Kilometern hin und her schiebe. Das war’s! Denn dann sind die Bordsteine so schmal, dass noch nicht mal ein Einzelwagen draufpassen würde, die Löcher darin so tief, dass das ganze Rad darin versinkt und der Verkehr daneben ist so laut, dass ich den Jungs kleine Wattekügelchen in die Ohren schieben müsste – aus Angst, dass sie sonst einen bleibenden Gehörschaden davontragen könnten. Ist dazu in einem solchen Land noch Sommer, geht das ganz eh nur vor neun Uhr morgens oder nach neun Uhr abends – sonst kleben die Jungs im Kinderwagen fest während sich ihre Haut farblich in die türkische Flagge verwandelt. Sollte jetzt jemand auf die glänzende Idee kommen, ich solle doch einen größeren Park aufsuchen: ja, das könnte ich – mit so circa einer Stunde Anfahrt. Achso: und falls gerade mal wieder Bombenwarnung ist, bleiben wir ohnehin auch mal tagelang zu Hause – ein Zustand der in Deutschland undenkbar wäre und hier zur totalen Normalität gehört. Woran man sich nicht alles gewöhnt…

Mein Fazit für Familien

Was ist die Konsequenz für Familien? Machen oder lieber lassen? Keine Ahnung, das hängt von unglaublich vielen Faktoren ab. Mein Fazit ist jedenfalls, dass es Für und Wider gibt was ein Leben als Expatfamilie angeht, die jeder für sich selbst abwägen sollte. Denn einerseits kann es mit einigen netten Annehmlichkeiten gespickt sein. Andererseits bietet es aber vor allem in emotionaler und sozialer Hinsicht viele Herausforderungen für Kinder und Eltern. Momentan überwiegen für mich noch die Vorteile – zumindest im ersten Lebensjahr der Jungs. Was danach passiert, werden wir sehen…

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Über die Autorin:

APROADConstance Grunewald-Petschke lebt mit ihrem Mann und ihren Zwillingen in Istanbul/Türkei. Sie beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Kulturen und sieht das Leben in einem fremden Land als Chance und Herausforderung zugleich. Sie begann 2013 damit, diesen Blog zu schreiben um anderen mitreisenden Partnern im Ausland eine Plattform zu bieten, Erfahrungen auszutauschen und sich inspirieren zu lassen. Mehr gibt es in der Facebook-Gruppe WHAT ABOUT MY PENCILSKIRT.

Sie ist außerdem Inhaberin der Agentur „Abroad [relocation.interculture.language]“, die Expats und ihre Familien berät und hat das erste deutschsprachige E-Coachingprogramm speziell für ExpatPartner entwickelt.

E-Mail: c.grunewald@xpat-abroad.com