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Katar: Hochdruck im Treibhaus

Katar pflegt ein Image als regionaler Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Verwirklicht hat es noch nicht allzu viel von seinen hehren Plänen. Nun will sich die Bauindustrie an die Spitze der Bewegung setzen.

Für ein Land, das in diesem Spätherbst die jährliche UN-Klimakonferenz beherbergte und damit die Aufmerksamkeit der weltweiten Umweltschutz-Community auf sich zog, hatte Katar ein objektives Problem. Ungeachtet aller Klimaschutzrhetorik – einschließlich des kühnen Versprechens, ausgerechnet in der Golfregion in zehn Jahren die erste CO2-neutrale Fußball-WM abzuhalten – gibt das reiche Emirat bei den harten Klimafakten bislang kein gutes Bild ab: In der weltweiten Rangliste für den größten »ökologischen Fußabdruck«, die die Umweltorganisation WWF alle zwei Jahre veröffentlicht, ist das Land 2012 wieder auf den ersten Platz vorgerückt.

Dabei mangelt es Katar keineswegs an originellen Ideen. Der Prototyp eines mit Solarenergie gekühlten Fußballstadions ist so ein Fall, die prominent im Sheraton-Park an der Corniche von Doha platzierten Leihfahrräder ein anderer. Beide machen sich stets gut in Powerpoint-Präsentationen über eine grüne Zukunft; doch in der staubigen Realität Dohas setzen sie weitgehend unbeachtet und vor allem ungenutzt eine trübe Patina von Wüstensand an. Was sich vor Ort ganz praktisch beim Thema Nachhaltigkeit bewegt, spielt meist weit unterhalb der Ebene prestigeträchtiger Großprojekte – und könnte längerfristig doch zu einem grundlegenden Wandel beitragen.

Ein Beispiel dafür ist das wachsende Interesse der Baubranche am Thema Umwelt- und Klimaschutz. Den institutionellen Rahmen dafür bildet der »Rat für Grünes Bauen« (Qatar Green Building Council, QGBC). Der 2009 gegründete Zusammenschluss leistet im Wesentlichen unspektakuläre Grundlagenarbeit. In Fachvorträgen informiert er über Möglichkeiten zum Wassersparen, den Umgang mit kompostierbarem Abfall oder das Pro und Contra wiederverwertbarer Baustoffe. Das Ziel: nachhaltige Ideen ins Gespräch zu bringen, zu informieren, Interessierte zu vernetzen und ihnen mit Fachwissen beratend zur Seite zu stehen.

Die meisten Baufirmen in Katar sind halbstaatlich – Man kann sie also zwingen, nachhaltig zu bauen

Doch die Ambitionen der Industrievertreter reichen weiter. Um überhaupt ein Bewusstsein für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen in der Öffentlichkeit zu schaffen, gehen sie bewusst an die Basis. Bei regelmäßigen Schulbesuchen ermutigen sie die Kinder etwa, zu Hause und in der Schule den Wasser- und Stromverbrauch zu messen. »Wir wenden uns an die Kinder, um durch sie auch die Gewohnheiten der Erwachsenen zu ändern«, sagt Mohamed Jaber, der den Bildungsausschuss des QGBC leitet.

Und das ist dringend nötig. »Im Vergleich zu Europa hat Katar in Umweltfragen noch viel nachzuholen«, räumt Alex Amato ein, bis vor wenigen Monaten Partner bei der Bau-Consultingfirma Davis Langdon Qatar und jetzt hauptamtlicher Nachhaltigkeitschef des QGBC. »Aber sie sind dabei. Und sie holen nicht nur auf, sondern haben in Teilen die Chance, weltweit führend zu werden.« Gerade den unvorteilhaft hohen Kohlendioxid-Ausstoß Katars führt Amato als gutes Beispiel dafür an, wie sich mit relativ geringem Aufwand das Bewusstsein für Klimafragen in der Wirtschaft schärfen ließe.

Einerseits, so argumentiert der passionierte Experte für Ökobilanzen, benachteiligten die gängigen CO2-Rankings Katar, weil sie nicht nur den Konsum, sondern auch die Produktion eines Landes berücksichtigten – eine fatale Bewertungsmethode für einen Staat, der einen Großteil seines Einkommens aus dem Erdgasexport erzielt. Deshalb wirbt Amato dafür, auf eine Berechnungsmethode umzustellen, die den Emissionsanteil der Exporte herausrechnet (dafür allerdings auch den der Importe einbezieht), wodurch Katar auf einen Schlag seinen Spitzenplatz unter den CO2-Emittenten verlieren würde.

zenith_6_12Durch diesen statistischen Kniff, so Amato, würde nämlich der Blick darauf gelenkt, an welchen Stellen sich Katar tatsächlich einen überproportionalen Ausstoß an Treibhausgasen leistet. »Wie groß ist zum Beispiel der CO2-Fußbdruck der ganzen Nahrungsmittel, die nach Katar eingeflogen werden? Wie groß ist der CO2-Fußabdruck all der Baustoffe für Katars schnell expandierendes Infrastrukturprogramm?«, fragt er. »Werden das die wahren Problemfelder sein, wenn das CO2 der Öl- und Gasproduktion für den Export aus der nationalen Bilanz herausfällt? Im Moment wissen wir es einfach nicht.« Erst mit diesem Wissen, betont Amato, ließen sich aber realistische Ziele zur Emissionsreduzierung festlegen – auch um vermeidbare Energiekosten zu sparen und damit letztlich im ureigenen wirtschaftlichen Interesse des Landes.

Speziell in der Bauindustrie, so nun das Argument des QGBC-Funktionärs, könnten selbst kleine Unterschiede in den Klimaeigenschaften der verwendeten Materialien große Wirkung auf den Ausstoß an Treibhausgasen entfalten – wegen der langen Lebensdauer von Bauprojekten, aber auch weil speziell am Golf oft in großen Dimensionen gebaut wird. Als gutes Anwendungsbeispiel führt er die zunehmende Durchsetzung des katarischen Zertifizierungssystem QSAS an, das eine differenzierte Bewertung von Bauprojekten nach ihrer Klima- und Umweltverträglichkeit erlaubt. Bis jetzt ist die Anwendung des Systems zwar freiwillig – mit der Ausnahme von Wasser- und Energieverbrauch bestimmter Regierungsgebäude und Bauten über einer bestimmten Größe. Bis zum Jahr 2015, zeigt sich Amato überzeugt, sei aber damit zu rechnen, dass die QSAS-Zertifizierung schrittweise verbindlich vorgeschrieben werde.

Darüber hinaus versucht Katar zunehmend, die mittlerweile in GSAS (Global Sustainability Assessment System) umbenannte Zertifizierung auch über die eigenen Grenzen hinaus als Standard zu etablieren. »Nehmen Sie nur einmal die klare und unzweideutige Botschaft, die das an Hersteller von Baustoffen und -produkten sendet: dass die Nachhaltigkeitseigenschaften ihrer Materialien und Produkte als CO2-Äquivalent gemessen werden und dass dies bei den Spezifikationen für jedes Projekt berücksichtigt wird«, sagt Amato.

Als Voraussetzung werde dazu erst einmal nur ein Benchmarking-System benötigt, das jedem in der Branche die Klimaeigenschaften verschiedener Produkte aufzeige. »Das wird ausreichen, um die Hersteller zur Verbesserung ihrer Produkte zu bewegen.« Für denkbar hält er längerfristig sogar die Einführung eines Emissionsrechtehandels, bei dem Unternehmen mit einem bestimmten CO2-Budget haushalten müssten – was für die Golfregion einer kleinen Revolution gleichkäme. »Es gibt die Chance, in einigen Dingen Vorreiter zu werden«, sagt Amato mit Blick auf die Rolle Katars bei solchen Neuerungen.

Als wenig erfolgversprechend schätzt er dagegen negative Anreize wie Strafzahlungen bei Überschreitung bestimmter Grenzwerte ein: »Man muss akzeptieren, dass dies eine ganz andere Gesellschaft als in Europa oder Kanada ist. Man macht das mit anderen Mitteln.« Positive wirtschaftliche Anreize seien dagegen unentbehrlich, um den zur Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards nötigen Kulturwandel zu erreichen. »Man muss die Unternehmen dazu bringen, ein Geschäft daraus zu machen.«

Lee Allen ist einer derjenigen, die diesen Schritt bereits vollzogen haben. Ausgebildet ist er als Landschaftsarchitekt, aber seine Abteilung bei der Architektur- und Bauberatungsfirma Atkins beschäftigt sich zunehmend mit Nachhaltigkeitsfragen. »Das ist dabei, unser Kerngeschäft zu werden«, sagt Allen. Beim Green Building Council steht er dem Interessenverband für »grüne Infrastruktur« vor – worunter erst einmal alles zu verstehen ist, was außerhalb von Gebäuden liegt und geeignet ist, deren negative Umwelteffekte auszugleichen: Parkplätze, Straßen, Parks, Plätze, Naturraum. Den Grundgedanken erläutert Allen so: »Was das Gebäude wegnimmt, gibt die Landschaft – die grüne Infrastruktur – zurück.«

Eine fatale Bewertungsmethode für einen Staat, der sein Einkommen aus dem Gasexport erzielt

Als einfaches Beispiel dafür, wie der bewusste Einsatz von grüner Infrastruktur zu nachhaltigen Lösungen führen kann, nennt er den Umgang mit Regenwasser. Traditionell wird es durch Gullys ins Abwassersystem und letztlich hinaus ins Meer geleitet – oft unbehandelt und womöglich sogar unter Einsatz kostbarer Energie für große Pumpanlagen.

»Wenn man nun die Straßen als grüne Infrastruktur und nicht als schwere Infrastruktur behandelt, kann man das Regenwasser in der Straßenmitte oder auf einem Parkplatz managen, indem man es ihm ermöglicht zu versickern. Man kann es sogar einer Art Bio-Aufbereitung oder -Filterung unterziehen und natürliche Systeme nutzen, die die Qualität des Wassers verbessern, bevor es zurück ins Grundwasser läuft.«

Das bringt gleich mehrfachen Nutzen: Weil das Regenwasser einer nützlichen Verwendung zugeführt wird, muss weniger Meerwasser aufbereitet werden. Entsprechend weniger Energie wird verbraucht, es entstehen keine Klimagase, und im Idealfall profitieren von dem Wasser sogar Lebensräume für Pflanzen und Tiere.

Die Schlüsselerkenntnis für solche Lösungen besteht darin, dass eine Infrastruktur mehr als nur eine Verwendung haben kann: Ein Straßenbelag kann durchlässig sein und das Wasser in den Boden sickern lassen. Eine Gebäudehaut kann mit Solarzellen belegt sein und damit zugleich die Sonnen- und Hitzeeinstrahlung im Innern reduzieren. Durch Versickerung gefiltertes Brauchwasser kann Solarzellen vom Wüstensand reinigen und kühlen.

Längst werden solche Erkenntnisse auch in der Praxis angewandt. Atkins etwa arbeite in öffentlichem Auftrag daran, die Seitenstreifen der Straßen in Katar für alternative Fortbewegungsarten zu nutzen, berichtet Allen. Ein wichtiger Schritt dabei sei es, für Schatten zu sorgen, um trotz des heißen Klimas Bewegung im Freien etwa für Fußgänger erträglich zu machen.

Ein anderes Beispiel ist der gezielte Ausbau der Radwege in Doha. Schon jetzt gibt es laut Allen 50 Kilometer davon, auch wenn es derzeit noch an Verbindungen zwischen den Teilstücken mangele. Für alle neuen Straßenprojekte seien begleitende Radwege überdies zwingend vorgeschrieben. Große Hoffnungen setzt der Planer in diesem Zusammenhang auf Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor: Sie ermöglichen das Radeln auch bei heißen Temperaturen und sorgen zudem durch den Fahrtwind für Kühlung.

Zur grünen Infrastruktur gehöre außerdem, den Übergang zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln zu ermöglichen – etwa durch Fahrradparkplätze und Radverleihe an den Bahnhöfen der künftigen Metro in Doha. Dass es in Katar an Bewusstsein für die Klimaproblematik mangele, lässt Allen jedenfalls nicht gelten: Obwohl es bislang keine gesetzliche Vorschrift zum nachhaltigen Bauen gebe, sei es an vielen Stellen längst Praxis. Auch in den Baubeschreibungen seien immer öfter Elemente nachhaltiger Gestaltung vorgesehen.

Zudem spiele eine Eigenheit des katarischen Markts dem politisch gewünschten Wandel in die Hände: »Die meisten Baufirmen hier sind halbstaatlich – was bedeutet, dass man sie automatisch dazu bringen kann, nachhaltig zu bauen.« Selbst der Finanzdistrikt West Bay mit seinen planlos wuchernden Hochhäusern, der bislang eher notorisch für eine nichtnachhaltige Bauweise stand, hält Allen nicht für einen hoffnungslosen Fall, was den intelligenten Einsatz grüner Infrastruktur angeht. »Ich weiß, dass es geschehen wird und schon in Arbeit ist«, sagt er.

Entscheidend sei, was zwischen den Gebäuden geschehe: welche Verkehrsinfrastruktur es dort gebe, wie der öffentliche Raum genutzt werde, wie viel davon für Autospuren zur Verfügung stehe. »Weil Katar die Fußball-WM hat, musste es sich festlegen. Das Land ist in der einzigartigen Lage, nicht von Etatschwankungen beeinflusst zu werden, und es hat einen Plan«, sagt Allen. Und wagt eine kühne Prognose: »Ich halte es für möglich, dass Doha innerhalb der kommenden zehn Jahre eine der nachhaltigsten Städte sein wird.

Quelle: zenith BusinessReport

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