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"Goodbye Deutschland"
© Song_about_summer - AdobeStock

„Goodbye Deutschland“ – Ein zunehmender Trend?

Schon immer wanderten Hunderttausende Deutsche pro Jahr aus. Hat die Pandemie dafür gesorgt, dass es mehr geworden sind oder werden es künftig noch mehr werden? Ein paar – nicht repräsentative – Eindrücke.

„Goodbye Deutschland“, das sagen immer mehr Menschen – zumindest hat es seit gut einem Jahr den Anschein. Einer, der diesen Eindruck seit Längerem hat, ist Rolf Schäfer, der bereits seit mehr als 30 Jahren im Umzugsgeschäft tätig ist. Er arbeitet beim Wiesbadener Umzugsunternehmen Andreas Christ GmbH. und berät Personen, die mit ihrem Hab und Gut ins Ausland ziehen.

„Meine Wahrnehmung ist, dass es einen verstärkten Trend zur Auswanderung gibt – und zwar eine Auswanderung, die gesellschaftlich motiviert ist“, sagt Schäfer. Normalerweise erhält er drei bis vier Anfragen pro Jahr von Personen, die Deutschland für immer den Rücken kehren wollen. „In den letzten 12 Monaten waren es aber mindestens drei bis vier Anfragen pro Monat“, berichtet Schäfer. Bei diesen Anfragenden handele es sich nicht etwa um Expatriates, die temporär und job-bedingt ins Ausland gehen, sondern in der Tat um Personen, die mit ihrem Leben in Deutschland unzufrieden sind und deshalb einen Neustart in einem anderen Land wagen wollen.

Viele Familien verlassen Deutschland für immer

„Früher waren die Personen, die für immer von Deutschland wegwollten, eher vom Typus Abenteurer. Diesen konnte das Ziel auch gar nicht weit genug entfernt sein, beispielsweise gingen sie nach Kanada, Australien, Neuseeland oder in die USA“, erinnert sich Schäfer. Die aktuellen Auswanderungswilligen ziehe es eher nach Irland, Skandinavien oder in die Schweiz. Dabei interessieren sich diese weniger für die Metropolen dieser Länder, weiß der Umzugsexperte, sondern eher für ländliche Gebiete. Was auffällt: „Häufig wollen komplette Familien mit schulpflichtigen Kindern oder Kleinkindern ins Ausland gehen. Und es handelt sich dabei um einen Abschied für immer. Diese Familien geben alles auf, ihr Haus, ihre Wohnung und das soziale Umfeld“, so Schäfer. Eine bestimmte berufliche Gruppe oder gar Bevölkerungsschicht ließe sich dabei nicht ausmachen – die Gruppe der Auswanderungswilligen ist sehr heterogen.

Beim Raphaelswerk e.V. in Hamburg ist das Thema Auswanderung kein neuer Trend: Die gemeinnützige katholische Institution berät seit 150 Jahren Personen, die auswandern wollen. „Neu sind in der letzten Zeit Anfragen von Personen, die wegen der Coronapandemie auswandern wollen“, sagt Renate Albrecht vom Raphaelswerk. Fraglich sei jedoch, ob es sich tatsächlich um einen signifikanten Trend handelt. Hinzu komme, dass die Beratungen meist weit im Vorfeld stattfinden und die Ratsuchenden ihre Entscheidung für oder gegen die Auswanderung oft erst im Anschluss treffen. Die Beraterinnen und Berater vom Raphaelswerk wissen daher nicht immer, ob die von ihnen beratenen Personen ihr Auswanderungsvorhaben am Ende auch umsetzen. Umzugsexperte Rolf Schäfer begleitet die Personen organisatorisch so lange, bis sie ihr Hab und Gut am Zielort erhalten haben und kennt zumindest für seinen Wirkungsbereich das Verhältnis von Auswanderungsplänen und deren Umsetzung. Denn ein Umzugsunternehmen wird nur kontaktiert, wenn der Umzug bereits feststeht – im Gegensatz zu einer Beratung beim Raphaelswerk, die oft aber die Entscheidungsgrundlage ist.

Dass die gegenwärtige Pandemie-Situation ein Treiber von Auswanderung ist, hält Renate Albrecht für plausibel: „Gesellschaftliche Motive waren schon immer ein wichtiger Beweggrund für potenzielle Auswanderer. Viele Menschen streben deswegen ein neues Leben in Ländern, in denen sie sich bessere Lebensbedingungen versprechen, an.“

Viele Auswanderer kehren nach Deutschland zurück

Umgekehrt beobachten die Auswanderungsberater*innen vom Raphaelswerk seit Jahren auch einen Trend zur Rückkehr nach Deutschland. „Politische und gesellschaftliche Auswirkungen merkt man recht schnell“, sagt Albrecht. So mehrten sich beispielsweise seit der Entscheidung zum Brexit Beratungsanfragen von in Großbritannien lebenden Deutschen zu einer möglichen Rückkehr nach Deutschland.

Und noch eine Beobachtung hat Albrecht gemacht: „Früher gab es viele arbeitsmarktbedingte Auswanderungen, weil sich Deutsche andernorts bessere Jobchancen ausgerechnet hatten. Seit Ausbruch der Coronapandemie interessieren sich die Menschen, die sich im Raphaelswerk beraten lassen, zunehmend für das Thema Homeoffice im Ausland – ein Trend, der bereits seit einigen Jahren besteht.“ Um im Ausland arbeiten zu können, müssten also nicht mehr gleich alle Brücken abgebrochen werden. Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch, dass sowohl von Arbeitnehmer*innen- als auch von Arbeitgeberseite die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen dafür geprüft werden müssen.

Jemand, der ebenfalls einen Trend zur Auswanderung feststellt, ist Matt Abold, der selbst vor mehr als zehn Jahren nach Thailand auswanderte. Dort bietet er für Langzeitmieter aus Europa zusammen mit seiner Frau einige Wohnungen an.  „Früher habe ich im Jahr etwa 10 ernstgemeinte Anfragen um auf unserem Anwesen zu Überwintern beziehungsweise Auswandern bekommen, 2021 waren es etwa 50“, berichtet er. Die Beweggründe fürs Auswandern sind meistens Unzufriedenheit mit der politischen Situation. Abold selbst sagt von sich, dass er im Ausland sensibler für die politische Situation in der alten Heimat Deutschland geworden ist.

Niedrige Rente und Corona-Politik treibt manche Deutsche ins Ausland

Die gegenwärtige Coronapolitik habe bei vielen Deutschen eine gewisse Deutschland-Frustration verstärkt, die aber schon vorher da war. „Ich habe genug von Deutschland, war etwas, das ich öfter zu hören bekam“, erzählt Abold. Es herrsche das Gefühl vor, dass es nicht mehr gerecht zugehe. Er berichtet von mehreren Rentnern, die nach einem langen Arbeitsleben oft nur etwas über 1.000 Euro hätten – zu wenig, um in Thailand das Resident Visa zu bekommen. „Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und dennoch reicht die Rente nicht aus. Das kann einen wirklich frustrieren“, resümiert Abold. Früher war Thailand für Ruheständler ein beliebtes Ziel, weil die schmale deutsche Rente dort aufgrund der geringen Lebenshaltungskosten immer noch ein gutes Leben ermöglichte. Doch weil Thailand sich vor ausländischer Armut schützen wollte, wurde der Erhalt des Aufenthaltsvisums an ein Mindesteinkommen von umgerechnet rund 1.600 Euro geknüpft.

Die Unzufriedenheit mit der deutschen Regierung und deren Krisenmanagement während der Pandemie seien auch Beweggründe jener Auswanderer, die Rolf Schäfer berät und beim Umzug unterstützt.

„Goodbye Deutschland“, hallo Paraguay

„Einige sagten mir etwa, sie möchten ihren Kindern eine Zukunft in Deutschland unter den aktuellen Bedingungen nicht zumuten. Weitere Gründe sind die zu erwartende niedrige Rente und die Angst vor einer Geldentwertung“, berichtet Schäfer. Aber auch eine bessere berufliche Perspektive ziehe viele Auswandernde weg aus Deutschland. „Eine Familie, die ich unterstützt habe, wandert nach Kanada aus, weil dort Handwerker gesucht und gut bezahlt werden. Nach Skandinavien wollte eine Familie auswandern, weil sie die Corona-Politik menschenfreundlicher das Schulsystem kindgerechter und die Natur schöner findet“, so Schäfer weiter.

Parallel zur Recherche für diesen Artikel berichteten zwei überregionale Medien über deutsche Auswandernde, die wegen der hiesigen diskutierten Impfflicht Deutschland den Rücken kehren wollen. Hauptziel dabei ist Paraguay. So porträtiert etwa die Süddeutsche Zeitung, eine Familie, die in Paraguay alle Coronamaßnahmen hinter sich lassen möchte. Und Die Zeit schreibt ebenfalls über zwei Familien, die sich gegen die Coronaimpfung aussprechen und als Zielland Paraguay ausgewählt haben. Paraguay sei vor allem deshalb ein beliebtes Ziel bei den Bundesbürger*innen, weil die Einwanderung für Deutsche relativ unkompliziert ist, die Lebenshaltungskosten niedrig sind und rund sieben Prozent der Einwohner deutsche Wurzeln haben.

Weniger Wegzüge im Jahr 2020 laut Statistik

Doch was sagen eigentlich die offiziellen Zahlen? Laut dem Bundesamt für Statistik sind im ersten Corona-Jahr 2020 deutlich weniger Menschen ausgewandert als in den Jahren zuvor. Gegenüber 2019 wurden 19 Prozent weniger Fortzüge deutscher Staatsbürger registriert. Als Grund führt Destatis die weltweiten Einschränkungen beim Reisen aufgrund der Pandemie an. Restriktionen bei den Reisemöglichkeiten und wirtschaftliche Gründe, die eine geplante Zu- oder Abwanderung verhindert oder verschoben haben, könnten einen Effekt auf die Gesamtzahl der registrierten Fortzüge gehabt haben. Immerhin dürften im ersten Pandemiejahr kaum Visa- und/oder Arbeitserlaubnisse erstellt worden sein. Allein die USA und Australien hatten einen rund anderthalb Jahre dauernden Einreisestopp verhängt.

"Goodbye Deutschland"

2020 meldeten sich insgesamt 220.239 Deutsche ab und zogen ins Ausland. Die Schweiz, Österreich und die Vereinigten Staaten waren dabei die drei Hauptzielländer. Es zogen 15.000 Deutsche in die Schweiz, 11.000 nach Österreich und 6.000 in die USA. Im Jahr zuvor meldeten sich noch 270.294 Deutsche beim Einwohnermeldeamt ab.

Es mag nicht unwahrscheinlich sein, dass die Zahl der Auswandernden für das Jahr 2021 wieder deutlich höher sein wird. Die Beweggründe der Menschen werden allerdings statistisch nicht erfasst, so dass in der Regel nur ein Stimmungsbild entworfen werden kann und Zahlen bestenfalls interpretiert werden können.