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»Schweden sind viel entspannter als Deutsche«

Fast sechs Monate hat Joana Koesling während ihres Studiums in Schweden verbracht. Dort absolvierte sie ein Praktikum und lernte Land und Leute kennen. Von den Anfangsschwierigkeiten und einem ihrer schönsten Momente berichtet sie im Interview.

EXPAT NEWS: Sie studieren seit 2011 Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Westküste in Heide und haben im Rahmen dieses Studiums ein etwa sechsmonatiges Auslandspraktikum von Anfang März 2013 bis Ende August 2013 in Schweden absolviert. Wieso haben Sie sich für Schweden entschieden?

Koesling: Aus privaten Gründen, denn mein damaliger Freund und jetziger Verlobter wohnt dort. Ich kannte Schweden daher auch schon von vorherigen Besuchen und fand das Land schon immer schön. Es war also ganz praktisch das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden und das Pflichtpraktikum in Schweden zu machen. Allerdings habe ich nur circa viereinhalb Monate das Praktikum gemacht und eineinhalb weitere Monate als Urlaub rangehängt.

EXPAT NEWS: Wo genau haben Sie Ihr Praktikum absolviert?

Koesling: Direkt in Stockholm bei einem Tourismusdienstleister, der Ferienhäuser in ganz Schweden vermietet.

EXPAT NEWS: Wie haben Sie sich vorbereitet? Hat Ihre Fachhochschule geholfen?

Koesling: Meine Fachhochschule hat mich da gar nicht unterstützt. Ich habe meinen Auslandsaufenthalt völlig alleine geplant und organisiert. Insgesamt war das auch nicht so kompliziert und aufwändig. Ich habe natürlich einen Krankenversicherungsschutz gebraucht. Da Schweden in der EU ist, war das recht einfach, denn mit der EHIC Gesundheitskarte konnte ich mich auch in Schweden medizinisch versorgen lassen. Ich war sogar schon während eines Schwedenbesuchs beim Arzt und das war ganz unproblematisch. Neben dem Gesundheitsschutz war mir auch der Haftpflichtschutz wichtig. Daher habe ich mich bei meiner Versicherung erkundigt, ob Schadenfälle in Schweden auch übernommen werden und habe eine Zusicherung erhalten. Da ich in Deutschland BAföG erhalte, habe ich für den Zeitraum in Schweden Auslands-BAföG beantragt.

Stockholm

Natürlich gehörte zu meinen Vorbereitungen auch dazu, mir eine Wohnung oder ein Zimmer in Schweden zu suchen. Mein Verlobter wohnt etwa 115 Kilometer südlich von Stockholm und da ich nicht täglich pendeln wollte, musste ich mir eine Bleibe am Arbeitsort suchen. Das habe ich über das Online-Portal www.blocket.se gemacht. Das ist eine Webseite, wo neben Wohnungen und Zimmer auch Kleider, Autos, Kleintiere, Elektronikgeräte und vieles mehr zu finden sind. Dort habe ich dann auch ein Zimmer zur Untermiete aufgetan. Allerdings habe ich dort nur zwei Monate gewohnt und bin dann entgegen meiner ursprünglichen Planung zu meinem Verlobten gezogen. Trotz des täglichen Pendelns war es günstiger für mich, denn für Studenten gibt es in Schweden sehr preiswerte Angebote für das Verkehrsmittelnetz, in dem die Öffentlichen in Stockholm, der Regionalzug von Stockholm nach Nyköping – dem Wohnort meines Verlobten – und viele regionale Busse eingeschlossen sind.

EXPAT NEWS: Wie war dann Ihre Anfangszeit in Schweden? Wie wurden Sie von Ihren Kollegen aufgenommen?

Koesling: Meine Kollegen haben mich total nett aufgenommen. Ich erhielt sogar ein Willkommensgeschenk. Natürlich haben sich alle sehr um mich gekümmert und mich mit wertvollen Tipps und Informationen rund um Stockholm und Schweden versorgt. Auch die Vermieter meines Zimmers – eine Mutter mit ihrem Kind – waren sehr freundlich und hilfsbereit.

EXPAT NEWS: Gab es trotz der vielen Unterstützung Startschwierigkeiten die Sie meistern mussten? Wie haben Sie das geschafft?

Koesling: Das einzige was nicht ideal lief, was aber auch nicht wirklich ein Problem darstellte, war die Beantragung meiner Personennummer. Das ist die Identitätsnummer in Schweden, die für viele Dinge notwendig ist, wie beispielsweise für die Kontoeröffnung, für jegliche Behördengänge, für Bestellungen übers Internet und noch einiges mehr. Die Personennummer wird beim Migrationswerk in Schweden beantragt und dieses hat meinen Antrag leider abgelehnt. Aus dem Ablehnungsschreiben, was auf Schwedisch verfasst war und ich erst übersetzen lassen musste, habe ich erfahren, dass der Grund für die Ablehnung mein geringes Einkommen war. Ich habe bei der Beantragung leider nur meinen Praktikumsvertrag beigefügt und somit ist das Migrationsamt nur von meiner Praktikumsvergütung als Einnahme ausgegangen. Ich habe total vergessen, mein Auslands-BAföG anzugeben. Nachträglich war das dann auch nicht mehr möglich, denn die Ablehnung war unanfechtbar.

SchwedenIch habe dann noch einen zweiten Antrag gestellt, der jedoch ebenfalls abgelehnt wurde, weil inzwischen mein Praktikumsvertrag älter als drei Monate war, was er aber nicht sein durfte. Auf einen dritten Antrag habe ich dann allerdings verzichtet. Wegen der fehlenden Personennummer hatte ich auch kein schwedisches Konto und mein Arbeitgeber musste mir mein Gehalt auf mein Konto in Deutschland überweisen. So war das alles natürlich nicht geplant. Aber mein Arbeitgeber war da wirklich sehr verständnisvoll und entgegenkommend. Für die Gehaltsabrechnung, also für die Versteuerung, erhielt ich dann ziemlich zum Ende meines Praktikums über das schwedische Finanzamt eine Zuordnungsnummer.

EXPAT NEWS: Welche kulturellen Unterschiede sind Ihnen zwischen Schweden und Deutschen aufgefallen?

Koesling: Die Schweden sind viel entspannter und nicht so nörgelig wie die Deutschen. Außerdem finde ich Schweden irgendwie familiärer. Auch der Staat unterstützt Familien mehr. Weiterhin ist mir aufgefallen, dass die Schweden  auch viel fortschrittlicher sind als wir Deutschen. Zum Beispiel können Schweden Ihre Steuererklärung auch per SMS abgeben.

EXPAT NEWS: Welchen Moment in Schweden werden Sie niemals vergessen und wieso?

Koesling: Mittsommer. Das war wirklich ein schönes Erlebnis. Eigentlich haben die meisten Unternehmen Mittsommer geschlossen. Doch für die Tourismusbranche gilt das nicht immer. Meine Kollegin und ich mussten arbeiten. Und wir haben uns das so schön wie möglich gemacht. So haben wir Blumenkränze, die typisch für das Mittsommerfest sind, in einem Blumengeschäft bestellt und haben diese in der Mittagspause abgeholt. Auf dem Rückweg zum Büro haben wir die Blumenkränze aufgesetzt und sind durch die Altstadt gelaufen. Viele Menschen – Einheimische und Besucher – haben geschaut und einige haben sogar gefragt, ob sie uns fotografieren dürften. Dabei kam ein richtig schwedisches Gefühl auf.

EXPAT NEWS: Können Sie behaupten, dass der Auslandsaufenthalt einen Einfluss auf Ihre Persönlichkeitsentwicklung hatte? Wenn ja, inwieweit?

Koesling: Natürlich hat es mich irgendwie geprägt. Sich alleine in einem fremden Land in einer Großstadt zurechtzufinden, es hat mich auf jeden Fall selbstständiger gemacht. Ich bin auch mutiger und offener für Auslandsaufenthalte geworden. Denn ich weiß jetzt, dass ich mich mit Sicherheit in vielen Orten zurechtfinden würde. Der Aufenthalt hat mich auch darin bestärkt, nach Schweden auszuwandern. Und ich bin mir sicher, dass ich einen guten Start haben werde, denn ich konnte auf jeden Fall meine Sprachkenntnisse verbessern und schon ein kleines soziales Umfeld aufbauen. Außerdem denke ich, dass sich meine Berufserfahrung in Schweden positiv auf meinen Lebenslauf auswirken und ich bessere Chancen erhalte, eine Arbeitsstelle zu finden.

EXPAT NEWS: Welche Tipps haben Sie für andere Studenten, die sich entscheiden, ein Auslandspraktikum oder –semester in Schweden zu verbringen?

Koesling: Auf jeden Fall ist es wichtig, sich gut vorzubereiten, insbesondere in Bezug auf die Personennummer. Also am besten vorher schon alle Unterlagen zusammensammeln und sich über die Voraussetzung informieren. Wenn möglich, sollte auch die Unterkunft vorher besichtigt werden. Ich habe das auch gemacht, denn es gibt überall »schwarze Schafe«, die beispielsweise sehr viel Geld für eine Wohnung oder ein Zimmer in einem wirklich schlechten Zustand verlangen. Und mein besonderer Tipp für jeden Studenten der ins Ausland möchte ist, rechtzeitig ein ERASMUS-Stipendium zu beantragen. Hierbei handelt es sich um ein Förderprogramm des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes. Die Beantragung ist ganz einfach und es lohnt sich: Ich erhielt 300 Euro monatlich. Mein ganz persönlicher Schweden-Tipp für ein wirklich schwedisches Gefühl ist natürlich beim Mittsommer- oder auch Luciafest, das die Weihnachtszeit einläutet, teilzunehmen.

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