»Es geht nicht um die Wahrheit, sondern um die Wahrnehmung«

Seit 15 Jahren ist Iris Engler als interkultureller Coach tätig und gründete 2005 zusammen mit ihrer britischen Geschäftspartnerin Kulturadvantage. EXPAT NEWS sprach mit ihr unter anderem über die Erfolgsmessung von Trainings und die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Asiaten sowie der deutschen und britischen Geschäftskultur.

EXPAT NEWS: Seit mehr als einem Jahrzehnt trainieren Sie vor allem Fach- und Führungskräfte im interkulturellen Umgang mit Kollegen in Asien, speziell Indien, Japan, China und Korea. Welchen Fehler begehen die meisten Unternehmen mit Asien-Bezug?

Engler: Sie beschäftigen sich viel zu spät mit den Problemen. Oft ist das Kind dann schon in den Brunnen gefallen. Viele Firmen, die ich betreut habe und teils noch betreue, arbeiten bereits seit Jahren an einem Projekt zusammen mit dem asiatischen Partner und suchen sich erst dann Hilfe, wenn es schon fast gescheitert ist. Im Grunde geht es dann hauptsächlich um reale Konfliktbewältigung.

EXPAT NEWS: Was sind die gravierendsten Probleme?

Engler: In Bezug auf Business in Asien ignorieren viele deutsche Manager, dass die asiatische Kultur sehr beziehungsorientiert ist. In Deutschland arbeiten und argumentieren wir sehr stark auf der Sachebene, das Produkt steht im Vordergrund. Deutsche Führungskräfte betrachten es leider als Zeitverschwendung, sich mit den ausländischen Kollegen und Mitarbeitern auch auf persönlicher Ebene zu beschäftigen.

EXPAT NEWS: Was sind die Folgen?

Engler: Die sachlich-kühle Art der Deutschen, zu arbeiten und zu verhandeln, schafft im asiatischen Raum Misstrauen und verhindert den Aufbau einer erfolgbringenden Beziehungsebene. Die Wenigsten erkennen, dass ihnen vielleicht gerade ihre Fachkompetenz an dieser Stelle im Weg steht und sie mehr auf „Beziehungskompetenz“ setzen sollten. Es ist ein hartes Stück Arbeit, die Betroffenen genau dafür zu sensibilisieren. Ich höre immer und immer wieder: „Dafür haben wir keine Zeit.“ Genau das ist der  große Irrtum. Wer Geschäftspartnern und Kollegen in Asien signalisiert, dass er sie wirklich kennenlernen und auf Augenhöhe mit ihnen arbeiten möchte, wird feststellen, dass sich plötzlich viele bislang verschlossene Türen öffnen. Es lohnt sich! Wichtig ist: Lediglich sachbezogene E-Mails zu schreiben, um ein persönliches Verhältnis aufzubauen, reicht nicht.

EXPAT NEWS: Wie schaffen Sie es, Manager genau dafür zu sensibilisieren?

Engler: Erlebnisorientierte Trainingsprogramme mit Simulationsübungen funktionieren sehr gut. Die Teilnehmer werden aus ihrer Komfortzone rausgeholt und reflektieren an ihrem Verhalten und dem der Kollegen neue Handlungskompetenzen. Zusammen mit dem kulturellen Hintergrundwissen erweist sich ein gutes Training als eine Art Puzzle, das sich nach und nach zu einem großen Ganzen fügt. Der Lerneffekt wird fühlbar gemacht und individuelle Handlungsstrategien erarbeitet.

EXPAT NEWS: Wie lässt sich der Erfolg von interkulturellen Trainings messen?

Engler: Das ist schwierig. Interkulturelle Trainings sind vergleichbar mit Führungskräftetrainings. Vor zehn Jahren taten viele sie noch als exotische Spinnerei ab. Ein erster Erfolg am Ende eines Trainings ist die Erkenntnis der Teilnehmer, das plötzliche Verständnis der Zusammenhänge. Plötzlich ergibt das Verhalten der anderen Kultur für sie Sinn, es wird nachvollziehbar! Inwieweit der Erfolg wirklich eintritt, lässt sich erst im Alltag sehen und zwar bei der Umsetzung der Trainingsinhalte. Wer kulturelle Unterschiede kennt und sich darauf einstellt, wird an der Reaktion seines Gegenübers schnell Erfolgserlebnisse spüren: Er kommt leichter an relevante Informationen, er kann besser zwischen den Zeilen lesen, er spürt rechtzeitig, wann Deadlines zu kippen drohen, die gesamte Arbeitsatmosphäre wird angenehmer, er weiß, wann er nachhaken muss und wann er locker lassen muss und so weiter.

Wenn man sich vorstellt, wie viel Geld in Form von Gehältern bei einem Meeting an einem Tisch sitzt, dann kann man sich auch ausrechnen, welche Summen verschwendet werden, wenn diese Meetings nicht zufriedenstellend laufen. Solche und ähnliche Berechnungen könnte man beispielsweise anstellen, wenn es um die Messbarkeit des Trainingserfolgs geht.

EXPAT NEWS: Lohnt sich ein Training für Einsätze innerhalb Europas?

Engler: Unbedingt!

EXPAT NEWS: Weshalb?

Engler: Vor allem weil wir glauben, unsere europäischen Nachbarn schon sehr gut zu kennen, ist die Gefahr, ins Fettnäpfchen zu treten, viel größer. Ich trainiere auch viele Führungskräfte, die nach Großbritannien gehen beziehungsweise viel mit Briten geschäftlich zu tun haben. Wenn ich diese konkret frage, wie Briten im Geschäftsleben »ticken« und was sie antreibt, schaue ich oft in fragende Gesichter. Die Geschäftskultur im Vereinigten Königreich unterscheidet sich in einigen Punkten eklatant von der deutschen.

EXPAT NEWS: Zum Beispiel?

Engler: Wenn in Deutschland etwas schief geht, wird als allererstes nach der Fehlerquelle beziehungsweise dem Schuldigen gesucht und jeder versucht, eine Mitschuld abzuweisen. In Großbritannien nimmt man die Schuld rhetorisch auf sich. Auf diese Weise haben alle die Chance, in Ruhe zu reflektieren, weshalb eine Sache nicht geklappt hat. Es wird keine Energie in die Schuld-, sondern in die Lösungsfrage gesteckt. Was hast du daraus gelernt? (Lessons learnt) lautet die Devise.

Damit eine interkulturelle Zusammenarbeit funktioniert, sollten sich alle Beteiligten möglichst häufig rückversichern, etwa indem Anweisungen noch einmal paraphrasiert werden beispielsweise durch eine Frage wie »Habe ich richtig verstanden, dass…« Wenn man mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, muss man diese nicht zwangsläufig hinnehmen; Probleme sollten aber möglichst auf sanfte Art benannt werden.

EXPAT NEWS: Wie schätzen ausländische Fach- und Führungskräfte die Deutschen ein?

taj mahal orange IEngler: Um bei den Briten zu bleiben – sie empfinden Deutsche oft als rüde und unhöflich. Als gelernte Fremdsprachentrainerin habe ich früher viele Briten unterrichtet und diese haben immer mit denselben Dingen in Deutschland Ihre Mühe gehabt und von ganz ähnlichen Beispielen berichtet. Den ersten Kulturschock erhalten sie oft im Supermarkt. Sie haben das Gefühl, dort überfährt man sie mit den Einkaufswagen, die Konsumenten und auch die Kassierer sind furchtbar unfreundlich, gehetzt und so weiter. Geht man in Großbritannien in einen Supermarkt, kann man verstehen, was Briten in Deutschland meinen. Dort herrscht ein anderer Umgang miteinander: ausgesucht höflich und rücksichtsvoll. Auch wenn wir in Deutschland unser Verhalten niemals als ungehobelt oder unfreundlich betrachten würden, der Punkt ist: Es geht nicht um Wahrheiten, sondern um Wahrnehmung. Es ist egal, ob ich gar nicht unfreundlich sein wollte, wenn es mein Gegenüber aber genau so empfunden hat, dann ist es ein Faux-pas.

EXPAT NEWS: Woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung?

Engler: Vieles hängt mit der grundlegenden Weltanschauung zusammen. Am deutlichsten wird dies immer wieder, wenn ich Deutsche und Inder trainiere. Während für Inder die Welt unbeherrschbar und ständig im Wandel ist, an den man sich anpasst, wollen wir Deutschen die Dinge lieber unter Kontrolle haben. In der indischen Vorstellung, weiß man nie, was in der Zukunft passieren wird, deswegen sind nur situative Reaktionen sinnvoll und langes Vorausplanen eben nicht. Die Deutschen wollen auf etwaige Ereignisse in der Zukunft vorbereitet sein und schmieden vorab Pläne für den Fall X und auch gleich für den Fall Y.

Über KulturAdvantage:

•           Gründung: 2005

•           Geschäftsführung: Iris Engler

•           Sitz: Frankfurt/Main

•           Tel.: 0162-2932997

•           E-Mail: i.engler@kulturadvantage.com

•           Web: www.kulturadvantage.com

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 Fotos: Iris Engler, © WoGi – Fotolia.com