Titelbild: AHK Israel

„Der deutsche Mittelstand hat in Israel Nachholbedarf“

Trotz Konflikten und geringen Rohstoffvorkommen kann Israel eine exzellente wirtschaftliche Entwicklung vorweisen, wie eine BIP-Steigerung seit Staatsgründung 1948 um das 60-fache und eine Arbeitslosenquote von nur 5,9 Prozent. Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der AHK Israel, über die Krisenfestigkeit der israelischen Wirtschaft und die deutsch-israelischen Beziehungen.

Expat News: Deutschland ist nicht nur das beliebteste EU-Land der Israelis, sondern nach den USA und neuerdings China auch der drittwichtigste Handelspartner. Wie kam es zu dieser Entwicklung, die nach der Shoah undenkbar erschien?

Alroi-Arloser: Es ist schon wundersam, dass die Bande heute so eng und freundschaftlich sind. Das ist auch der Vernunft des ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion und des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer zu verdanken: Deutschland wusste, dass eine echte Rückkehr in die Völkergemeinschaft ohne eine Aussöhnung mit dem jüdischen Volk nicht möglich sein würde. Israel wiederum wusste, dass es intensive Unterstützung benötigen würde, um in einer dem Land feindselig eingestellten Region fortbestehen zu können. So hat die Bundesrepublik eine zentrale Rolle beim Aufbau der gesamten Infrastruktur eingenommen. Und auch die länger andauernden Vorbehalte gegenüber deutschen Konsumgütern sind heute nicht mehr vorhanden.

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Expat News: Israel gelang es besser als vielen anderen Industriestaaten durch die Finanzkrise zu kommen. Woher kommt die Robustheit?

Alroi-Arloser: Israel erlebte in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts eine enorme Krise mit einer Hyperinflation, die teilweise über 1.000 Prozent erreichte. Das gesamte Bankenwesen stand vor dem Kollaps. Durch eine konzertierte Aktion der Gewerkschaften, Arbeitgeber und des Staates sowie durch die Verstaatlichung der großen Banken konnte damals die Wirtschaft stabilisiert werden. Damit wurden die Weichen für eine moderne Marktwirtschaft und eine sehr effektive, harte Bankenaufsicht gestellt, die Israel gut durch die jüngste Finanzkrise gebracht hat. Hinzu kommt, dass Israel ein Bevölkerungswachstum von 1,5 Prozent verzeichnet und eine sehr moderne, exportorientierte und international präsente Hightech-Industrie hat.

Expat News: Wegen dieser weltweit höchsten Dichte an Unternehmen aus diesem Bereich, spricht man auch von dem „Hightech-Industrieland“. Wie können deutsche Unternehmen davon profitieren?

Alroi-Arloser: Israel ist ein sehr innovatives Land, insbesondere bei der Entwicklung von „Disruptive Innovations“, also Innovationen, die Quantensprünge ermöglichen. Bei der Umsetzung aber sind die Israelis oft zu ungeduldig oder verfügen nicht über die geeigneten Kapazitäten. So lassen sich viele Start-ups ihre Erfindungen gerne abkaufen, was die Inhaber der Start-ups reich macht, aber keine Industrie entstehen lässt. Aus dieser „Schwäche“ entsteht eine große Chance. Viele Konzerne haben das längst erkannt und setzen gezielt Technologiescouts ein. Der deutsche Mittelstand hat da aber noch Nachholbedarf.

Expat News: Welche Rolle kann die AHK dabei einnehmen?

Alroi-Arloser: Wir haben diesen Trend früh erkannt und uns ein großes Know-how angeeignet. Wann immer mittelständische Unternehmensdelegationen nach Israel kommen, legen wir einen Schwerpunkt auf die Kontaktaufnahme zwischen den deutschen „Hidden Champions“ mit der israelischen Start-up-Szene. Diese Kompetenzerweiterung führt dazu, dass wir beliebter Ansprechpartner vieler Wirtschaftsförderer in den IHKs sind und im Mittelpunkt eines großen Netzwerkes stehen.

Expat News: Dank riesiger Gasfunde will Israel in den kommenden Jahren nicht mehr nur Technologie, sondern auch Gas exportieren. Was bedeuten die Funde und welche Auswirkungen haben sie auf den Energiemarkt?

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Alroi-Arloser: Zunächst sind die Funde ein großer Segen für das Land, weil es unabhängiger von Importen wird und gleichzeitig die Produktionskosten sinken. Zudem entstehen natürlich neue Investitionsmöglichkeiten. Für die Erneuerbaren Energien bedeuten die Entdeckungen nach guten Fortschritten in der Vergangenheit allerdings sicher einen Rückschritt, da die Förderung des Erdgases oberste Priorität hat. Dies wird sich aber wieder ändern. Die Nachfrage nach energieeffizienten Produkten besteht unvermindert fort. Für die in diesem Bereich weltmarktführenden deutschen Unternehmen bleibt Israel ein wichtiger Markt.

Expat News: Beenden Sie bitte den folgenden Satz: „Investitionen in und Exporte nach Israel lohnen sich, weil…“

Alroi-Arloser: …Israel als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten Rechtssicherheit, Weltoffenheit, Innovationskraft und mediterrane Lebensfreude miteinander verbindet.

 

Das Interview wurde vom DIHK – Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V. zur Verfügung gestellt.

 

 

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