„Man wird quasi zu einem Teil der Famile“

Die Auswanderer-Sendung „Goodbye Deutschland“ porträtiert regelmäßig Deutsche, die Ihre Heimat verlassen. Expat News sprach mit dem leitenden Redakteur Sebastian Schulz. Schulz arbeitet für eine der Produktionsfirmen, die für das Format Familien mit der Kamera begleiten. Die Themen des Interviews: Emotionale Filmdrehs, Daniela Katzenberger als Glücksgriff für die Sendung und die Gründe für den Erfolg der Doku-Reihe.

Expat News: Die Sendung „Goodbye Deutschland“ wird seit 2007 bei VOX ausgestrahlt und erfreut sich großer Beliebtheit. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Formats?

Schulz: Ich glaube, es ist die Tatsache, dass nahezu jeder schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, auszuwandern. Der eine mehr, der andere weniger ernsthaft. Und in fast jedem Menschen steckt eine gewisse Abenteuerlust. Die Protagonisten von „Goodbye Deutschland“ tun genau das, was sich viele insgeheim wünschen, sich aber bislang nie getraut haben. Diese Gedankenspiele von einem Neuanfang in fremder Umgebung leben die Auswanderer auf der Mattscheibe tatsächlich. Das hat eine gewisse Faszination. Am Ende der Sendung ist der Zuschauer entweder froh, den Schritt in die Ferne nicht selbst unternommen zu haben oder er bekommt noch mehr Fernweh als bisher.

Expat News: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Protagonisten aus?

Schulz: Ideal sind Familien, weil bei denen am meisten passiert. Kinder müssen in eine neue Schule, der Vater tritt seinen Job an und die Mutter richtet das Haus ein. Grundsätzlich ist es wichtig, dass innerhalb kurzer Zeit viel passiert. Dazu gehören Behördengänge, die Wohnungs- oder Jobsuche sowie Interaktion mit einheimischen Personen vor Ort. Menschen, die schon alles perfekt im Voraus geplant haben und möglicherweise vor der Abreise schon fünf Mal vor Ort waren, sind tendenziell weniger interessant. Umgekehrt ist es aber auch nicht hilfreich, wenn ein Auswanderer noch gar keinen Plan hat und erst einmal eine Woche schauen will, wie das im neuen Land so läuft. Aufgrund unserer begrenzten Drehzeit und der hohen Kosten, müssen wir so viele Aktionen wie möglich in eine Woche packen. Wichtig ist vor allem, dass Spielraum für eine Dramaturgie, eine Handlung besteht, die sich aber aus sich selbst heraus entwickelt, ohne dass gesteuert werden muss. Wir drehen eine Dokumentation und führen keine Regie.

Expat News: Lenken Sie als „Macher“ das Geschehen nicht ein wenig? Mitunter entsteht das Gefühl, die Leute werden vorgeführt.

Schulz: Wir greifen nicht ein, sondern laufen nur mit und fragen nach. Das ist unwahrscheinlich wichtig für die Authentizität des Formats. Unser Team klärt die Protagonisten dezidiert darüber auf, was auf sie zukommt. Denn diese müssen sich klarmachen, dass sie zwangsläufig viel über sich preisgeben und wir immer ganz nah dran sein werden. Die Vorbereitungsgespräche gehen demzufolge sehr in die Tiefe. Wir informieren klar und deutlich, reden nichts schön, denn wenn die Leute nicht wissen, was auf sie zukommt und am Ende schockiert sind und den Dreh abbrechen, dann verursacht das hohe Kosten für uns. Es ist noch nie vorgekommen, dass wir zu jemanden gesagt, wir müssen diese oder jene Szene nachstellen. Sicherlich braucht man vielleicht das eine oder andere Bild, zum Beispiel den Spaziergang am Sandstrand, aber mehr Lenkung gibt es nicht. Es klingt vielleicht ein wenig abgedroschen, aber: Die besten Geschichten schreibt ohnehin das Leben. Nichtsdestotrotz gibt es ein Casting, in dem wir prüfen, ob die Protagonisten einigermaßen telegen sind.

Expat News: Ist die intensive Vorbereitung bei allen Auswandererformaten Usus?

Schulz: Eben nicht. Das Problem ist, dass viele so genannte Reality-Dokus in Wirklichkeit frei erfunden sind. Es gibt ein Drehbuch, es werden Laienschauspieler engagiert und dann hat man nach zwei Drehtagen eine reißerische Sendung. Zwar steht am Ende im Abspann ein klein gedruckter Hinweis, dass die Handlung frei erfunden ist, doch darauf achtet die Mehrheit der Zuschauer gar nicht. Für echte Formate wie „Goodbye Deutschland“ ist das eher schädlich, da uns dies die Suche nach Protagonisten erschwert. Die Leute sind abgeschreckt und fürchten eben genau das, was Sie in Ihrer Frage angedeutet haben: Dass sie vorgeführt werden.

Expat News: Inwieweit können Sie noch Distanz wahren, wenn sie so nah an den Personen dran sind?

Schulz: Den nötigen Abstand zu halten, ist wirklich schwer. Insbesondere wenn wir Einzelpersonen begleiten, sind wir natürlich die erste Bezugsperson. Man baut ein gewisses Vertrauensverhältnis auf. Oft wird man quasi zu einem Teil der Familie. Doch wir sagen vor dem Dreh stets: Wir sind eigentlich gar nicht da. In der Praxis ist das natürlich nicht so einfach. Man trinkt abends auch mal ein Bier zusammen und lässt den Tag Revue passieren oder sagt hin und wieder auch seine Meinung. Das ist eigentlich nicht so gut, denn damit beeinflusst man die Menschen. Vor allem Drehs, wo es um eine Familiensuche geht, können sehr emotional sein, etwa wenn der Suchende erfährt, dass der Vater oder die Mutter nicht mehr lebt. Das sind die schwierigsten Momente und man fragt sich, soll ich die Kamera ausmachen oder anlassen, soll ich trösten oder nicht? Eine solche Sendung lebt von Emotionen. Deshalb sind nach der Auswandererfamilie Frauen unsere beliebtesten Protagonisten, denn die sind für gewöhnlich emotionaler.

Expat News: So wie der aktuelle Star von „Goodbye Deutschland“, Daniela Katzenberger?

Schulz: Die war ein echter Glücksgriff, allerdings hauptsächlich, weil sie so polarisiert. Menschen die sie lieben, schauen die Sendung ihretwegen und wer sie hasst, guckt sie sich auch an. Und wenn es nur darum geht, dass Frau Katzenberger auf die Nase fällt. Hinzu kommt, dass sie wahnsinnig telegen ist. Man vergisst sie einfach nicht. Seit die Katzenberger dabei ist, haben sich die Einschaltquoten signifikant erhöht.

Expat News: Wie verläuft der Dreh, wenn Sie eine Familie oder Einzelpersonen beim Auswandern filmen?

Schulz: Jeder Protagonist hat am Ende 60 Sendeminuten. Dafür sind in insgesamt sieben Drehtagen gut 1.200 Minuten gefilmtes Material notwendig. Der Ablauf ist in der Regel so, dass wir die Familie in ihrem alten Zuhause beim Sachenpacken und dem Abschied filmen. Dann begleiten wir sie bei den ersten Schritten im neuen Land. Das betrifft beispielsweise die Ankunft am Flughafen, den Einzug ins Haus und den erste Tag im neuen Job. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass wir Familien ein bis zwei Jahre später erneut besucht und gefilmt haben, um zu zeigen, was aus ihnen geworden ist. Einer der absoluten Publikumslieblinge ist die Familie Reimann aus Hamburg, die nach Texas ausgewandert ist und regelmäßig gezeigt wird.

Expat News: Bekommen die Protagonisten Geld dafür, dass sie sich von Ihnen begleiten lassen?

Schulz: Lediglich eine Aufwandsentschädigung, derentwegen es sich überhaupt nicht lohnen würde, an der Dokumentation mitzuwirken. Geld soll auch beileibe nicht der Anreiz sein. Wir suchen Menschen, die der Sache wegen gefilmt werden wollen beziehungsweise für sich und andere dokumentieren wollen, wie ihre ersten Schritte in der Fremde aussahen.

Expat News: Haben sich die Gründe für das Auswandern n den vergangenen Jahren verändert?

Schulz: Meiner Einschätzung nach sind es immer die gleichen Hauptmotive: Abenteuerlust, Fernweh – häufig gepaart mit dem Wunsch in einem Land mit wärmerem Klima zu leben – und das Bestreben, einen Neuanfang zu wagen. Aufgefallen ist mir in letzter Zeit, dass viele Personen für sich in Deutschland keine Perspektive gesehen haben. Das mag mit der Wirtschaftskrise zusammenhängen.

Expat News: Als Fazit aus Ihren Beobachtungen: Welche typischen Fehler begehen die Auswanderer?

Schulz: Viele Menschen schwärmen anfangs immer davon, dass es in anderen Regionen lockerer als hierzulande zugeht. Sie bedenken aber nicht, dass eben jene Lockerheit beispielsweise dazu führt, dass wieder neue, aber andere Probleme als in Deutschland entstehen. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, woanders ist alles besser als daheim.

Der größte Teil der Auswanderer ist sich allerdings durchaus darüber im Klaren, was für einen großen Schritt das Auswandern bedeutet. Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die blauäugig an die Sache rangehen, aber das würden wir niemals verurteilen. Wir nehmen die Geschichte wie sie ist. Selbst die naive Herangehensweise kann gut enden. Wir haben mal eine Familie begleitet, die sich in den USA mit der klassischen Würstchenbude eine Existenz aufbauen wollte und beim ersten Versuch scheiterte. Sie dachte sich dann aber, wir sind jetzt hier und geben nicht auf, sondern versuchen es erneut. Und im zweiten Anlauf klappte es tatsächlich.

 

Sie wandern aus?

Die Produktionsfirma AZMEDIA sucht im Auftrag des Fernsehsenders VOX für dessen wöchentliche Doku „Goodbye Deutschland“ Personen, die Lust haben, sich mehrere Tage lang bei ihren ersten Schritten ins Ausland filmen zu lassen. Die Motive, das Ausland zu verlassen, können dabei ganz unterschiedlicher Natur sein.

Bekannt geworden ist das erfolgreiche Format „Goodbye Deutschland“ vor allem durch die nach Texas ausgewanderte Familie im den Hamburger Conny Reimann. Die Sendung wird für gewöhnlich immer Dienstags ab 20 Uhr ausgestrahlt und dauert rund zwei Stunden. In dieser Zeit werden über mehrere Folgen verschiedene Protagonisten parallel gezeigt.

Interessenten können sich direkt an den leitenden Redakteur Sebastian Schulz wenden. Tel.: +49 341 2134-271; E-Mail: sebastian.schulz@azmedia.de