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Houses in Cairo, Egypt

Stadt, Land, Futsch

Die irakischen Altstädte werden von Abrissbirnen bedroht. Nicht zuletzt, weil die dortigen Planer die Fehler des Westens wiederholen. Deutsche Experten versuchen nun zu retten, was zu retten ist.

Es sieht aus wie in den Suburbs von, sagen wir, Albuquerque, New Mexiko. Identische ockerfarbige Einfamilienhäuser so weit das Auge reicht. Die kleinen Vorgärten werden künstlich bewässert, und auf der Straße parken säuberlich die Mittelklassewagen.

Doch das Bild täuscht. Es handelt sich nicht um eine jener immer gleichen amerikanischen Vorstädte, sondern um das »Italian Village« in Erbil. Eine so genannte Gated Community für die wohlhabende Mittel- und Oberschicht, wie sie in vielen irakischen Städten aus dem Boden sprießen. Mit eigenem Supermarkt, eigenem Notstromaggregat und Sicherheitsdienst.

Die Gated Communities – in Erbil gibt es außerdem noch das »English Village« und das »Dream Village« – sind aktuelle Beispiele für die Wucherungen der irakischen Stadtplanung. »Es ist ein Ansatz, der Segregation eher verstärkt als vermindert«, sagt Dr. Christoph Wessling, Partner eines Berliner Stadtplanungsbüros und Nahost-Koordinator am Lehrstuhl Städtebau und Entwerfen der Technischen Universität Cottbus. »Was wir in Deutschland als unsere Aufgabe verstehen, nämlich soziale Mischungen zu befördern, findet im Irak gar nicht statt.«

Der Lehrstuhl kooperiert mit der Universität Bagdad, dem College of Engineering und den Universitäten Dohuk und Sulaimaniya. Von Dezember 2009 bis Februar 2010 waren vier irakische Doktoranden in Cottbus. Mit ihnen haben die deutschen Städteplaner einen Workshop durchgeführt und die Ausstellung »Urban Development of Bagdad and further Cities in Iraq« konzipert. Darin wird vor allem Entwicklung der Bagdader Altstadt seit der Gründung der Stadt 762 nach Christus mit vielen Grafiken und Fotos detailliert dargestellt.

»Soziale und wirtschaftliche Struktur einer Altstadt begreifen«

Denn gerade die irakischen Altstädte sind in Gefahr, im Zuge einer Stadtplanung mit der Abrissbirne unwiderruflich zu verschwinden. In Kerbala, einem der großen schiitischen Pilgerzentren, sieht der Gewinnerentwurf eines Wettbewerbs vor, direkt unter dem Gelände des historischen Iman-Hussein-Schreins eine unterirdische Stadtautobahn zu bauen. Parallel dazu soll ein Gutteil der verfallenden Altstadt abgerissen werden.

»Auch in Bagdad oder Nadschaf gibt es Riesenprojekte, nach denen die gesamte Altstadt in einem Zug abgerissen und mit historisierenden Fassaden neu errichtet werden soll«, sagt Christoph Wessling. »Das ist natürlich das Gegenteil von dem, was wir unter Altstadtsanierung verstehen. Vielleicht kann man es mit den Flächensanierungen der 1960er und 1970er Jahre vergleichen, wo auch in deutschen Städten ganze Quartiere abgerissen wurden.«

So gesehen wiederholen die irakischen Stadtplaner die alten Fehler ihrer westlichen Kollegen. »Ein Umdenken hat da noch nicht stattgefunden«, sagt Christoph Wessling. »Eine behutsame Stadtsanierung wäre, nicht nur die alten Monumente wie Moscheen zu sanieren, sondern Innenstadt und Altstadt von der sozialen und wirtschaftlichen Struktur her zu begreifen.«

Die Ausnahme ist die Zitadelle von Erbil. Sie wird unter Federführung der Unesco umfassend restauriert. Später soll die Zitadelle zum Weltkulturerbe gehören. Zunächst sahen die Planungen eine Art unbewohntes Museumsdorf vor, doch nach dem heutigen Stand soll in der Zitadelle auch wieder gelebt werden. »Obwohl das extrem schwierig ist, sobald die sozialen und ökonomischen Netzwerke einmal zerstört sind«, meint Christoph Wessling.

An der Restaurierung der Zitadelle arbeitet Larin Pchdari mit, die an der TU Cottbus Bachelor und Master in Architektur gemacht hat. Sie fungiert als stellvertretende Geschäftsführerin und Architektin der italienischen Stadplaner A. R. S. Progetti, die die städtebaulichen Richtlinien für die Puffferzone der Zitadelle erstellt haben und in der Stadt ein Büro unterhalten. »Den ersten Masterplan für die Innenstadt Erbil hat 2003 das libanesische Büro Dar Al Handasah erstellt«, mailt Larin Pchdari aus Erbil. Inzwischen haben sie und ihre Kollegen durch die Einrichtung der Pufferzone dafür gesorgt, dass zukünftige Masterpläne der Zitadelle nicht mehr schaden können. Außerdem wurde ein Inventar der etwa 500 historischen Gebäude erstellt. Auch eine deutsche Firma ist in Erbil tätig: Das Ingenieurbüro Vössing aus Düsseldorf ist für das so genannte Geospacial Information System – eine Art digitaler Landschaftsmodelle – zuständig und plant ein Wasser- und Abwassersystem.

Mögen die Planungen für die Restaurierung der Zitadelle vorbildlich sein, in Erbil selbst verläuft die Stadtplanung ungeregelt und eher im Sinne des Autofahrers als des Allgemeinwohls. »Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, die Städte wachsen extrem in die Breite«, erzählt Christoph Wessling. »Das ist natürlich nicht in unserem Sinne – es gibt keine integrierte Stadtentwicklung, bei der soziale Aspekte oder die Verkehrssituation mit einbezogen werden.« Hasan Sinemillioglu von der TU Dortmund teilt diese Einschätzung. »Es gibt in Erbil extrem breite Straßen, aber der für 2030 vorgesehene Grüngürtel ist jetzt schon gestrichen worden«, sagt er. »Viele Leute verdienen viel Geld, aber die Kompetenz fehlt.«

Städte vor Gesichtslosigkeit bewahren

Der Diplom-Ingenieur ist wissenschaftlicher Angestellter und Projektkoordinator Irak an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund. Im Zuge eines DAAD-Austauschprogrammes wurde dort ein Bachelorstudiengang aufgebaut, an dem zehn irakische Studenten teilnehmen. »Ursprünglich waren es zwölf, aber zwei sind wegen Kulturschock abhanden gekommen«, erzählt Hasan Sinemillioglu. Stadtplanung ist nur ein Teil des Fachs Raumplanung, aber natürlich spielt auch sie innerhalb der Ausbildung eine Rolle.

»Unsere Tätigkeit ist eine vermittelnde«, erklärt Hasan Sinemillioglu. »Wir versuchen Fachkräfte zu stellen und im Irak eine gewisse Sensibilität für eine andere Art der Planung zu vermitteln: eine interdisziplinäre, zukunftsorientierte und partizipative Planung, an der die Menschen beteiligt werden.« Auch in Konferenzen mit den irakischen Partneruniversitäten werben die deutschen Raum- und Stadtplaner für diese Richtung. »Denn häufig tragen die Investitionen nicht dazu bei, das Land für die Zukunft vorzubereiten«, meint Hasan Sinemillioglu. »Auch das ist Teil unseres Austausches.«

Er jedenfalls ist zuversichtlich, dass die Dortmunder Absolventen einmal eine andere Note in die irakische Stadtplanung bringen werden. »Wie die Planungen im Moment laufen, ist es problematisch«, sagt Hasan Sinemillioglu. »Da erstellen Firmen mit den Behörden Masterpläne, und am Ende hat man ein Papier, das mehr Fragen als Antworten gibt.«

Neben den zahlreichen türkischen Büros sind übrigens auch deutsche Stadtplaner im Irak engagiert. Die Firma Stadt- und Regionalplanung Dr. Jansen aus Köln ist in Kufa aktiv, einer Stadt mit knapp 130.000 Einwohnern nordöstlich von Nadschaf. Das Architekturbüro Hoops und Hilgendorff aus Flensburg hat an den Wettbewerben für das Zentrum von Kerbala, die »Science City« Nadschaf und die Industriestadt Al-Hillah nahe Babylon teilgenommen.

»Internationale Expertise gibt es«, bestätigt Christoph Wessling. Trotzdem laufen viele der Planungen bisher nach dem Motto: Anything Goes. Gerade bei Bürobauten herrscht ein neureicher, protziger Postmodernismus vor »Es ist schwierig, sich in Erbil oder Sulaymania zu orientieren – alles sieht anders, aber in der Menge dann doch gleich aus«, erzählt Christoph Wessling. »Wir haben auch mit den irakischen Kollegen über die Herausforderung gesprochen, die Städte vor einer Gesichtslosigkeit zu bewahren.« Aber weil anstelle von traditionellen Baumaterialien lieber der billige Marmor aus China importiert wird, entsteht kein einheitliches, identitätsstiftendes Stadtbild. Oder wie es Christoph Wessling ausdrückt: »Weil es keinen gesellschaftlichen Konsens mehr gibt, was man baut und was man nicht baut, ist im Moment alles möglich.« Sogar ein italienisches Dorf im kurdischen Erbil.

Quelle: zenith BusinessReport

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