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Reise durch den Irak: Mach es wie Harun!

Bildungsarbeit einmal anders: Alexander Haridi vom deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) hat auf seiner Delegationsreise in den Irak Tagebuch geführt. Gedanken über ein Land zwischen Absurdität und Faszination.

Tag 0: Morgen Abenteuer

Ich komme nach Dubai, um von dort aus weiter in den Süden Iraks, nach Basra, zu fliegen. Am Abend werde ich freundlich am großen Pool des Diplomaten eines kleinen Landes empfangen. »Sie reisen morgen in den Irak?« Er zeigt ehrliches Mitgefühl. Es ist ein Abenteuer, das morgen beginnt.

Tag 1: Basra, Du bist keine Schönheit

Mit Emirates von Dubai nach Basra. In Dubai hat mich keiner angeschaut. Ein Fremder zu Gast bei Fremden. Die irakischen Fluggäste in der Maschine hingegen blicken mich neugierig an. Scheint mir. Oder bilde ich mir das ein? Beginnt die Paranoia? Bestaunenswert finde ich diese angelsächsischen Muskelpakete an Bord, hart trainiert, verlebt und irgendwie über ihrem Haltbarkeitsdatum. Zivil gekleidet, aber offensichtlich militärisch sozialisiert. Wem bieten sie zurzeit ihre Arbeitskraft an im Irak, wo der letzte amerikanische Soldat in Kürze das Land verlässt?

Nach weniger als einer Stunde erscheinen die Mündungen von Euphrat und Tigris unter dem Flugzeug. Hier im Schatt al-Arab ist das irakische Hoheitsgewässer keine 50 Kilometer breit, zwischen Kuwait und Iran – aber von enormer strategischer Bedeutung, da von hier aus der größte Teil des irakischen Öls über Terminals verschifft wird.

Wir landen in Basra. Nach der Abnahme von Abdrücken sämtlicher Finger durch die irakischen Grenzbeamten betrete ich das Land des »Friedens und der Nächstenliebe«, wie es auf die Sprengschutzmauer am Flughafeneingang liebevoll gemalt wurde.

Nach der Zollkontrolle klingelt das Telefon: »Hallo hier ist Salah, ich hole Sie ab!« Hm, wollte mich nicht Dr. Kadhim* von der Uni Basra abholen? Üble Szenen aus Agentenfilmen spielen sich vor meinem inneren Auge ab. Ein Kontrollanruf bei Kadhim ergibt, dass es stimmt. Er hat seinen Fahrer geschickt. »Machen Sie sich keine Sorgen, Sicherheit ist kein Thema in Basra.«

Na gut, Sicherheit also nicht. Aber vielleicht Sauberkeit? Entlang der Straßen, die vom Flughafen in die Innenstadt führen, sehe ich vor allem Müll, Schutt und baufällige Behelfsbauten – darf man Slums sagen? Und gepanzerte Militärfahrzeuge. Ich bin ein klein wenig beeindruckt.

Das Hotel, das beste am Platze, ist – wie soll ich sagen, ohne jemandem zu nahe zu treten? Nun: Es ist so teuer wie ein Fünfsterne-Hotel in Berlin, und so komfortabel wie … Nun, lassen wir das. Aber alle Achtung: die Universität Basra schenkt mir den Aufenthalt. Sie hat mir auch den Weiterflug nach Bagdad besorgt. Das Besondere an diesem Flug mit Iraqi Airways: man kann ihn nicht vom Ausland aus buchen. Nicht im Reisebüro, und auch nicht im Internet. Es weiß auch niemand zu sagen, wann das Flugzeug abhebt. Manche meinten, am nächsten Tag um 16 Uhr, andere vermuteten um 18 Uhr. Tatsächlich startete es am nächsten Morgen um 11 Uhr, fünf Stunden früher als gedacht. Mein Besuchsprogramm entfällt.

Dafür treffe ich eine große Gruppe von Dozenten der Uni Basra am Abend im Hotel. Und es gibt viel zu besprechen. Es sind gekommen: Mediziner, Ölingenieure, Hydrogeologen, Maschinenbauer, Philosophen und Germanisten. Alle haben Kontakt mit deutschen Universitäten gehabt, viele haben von Programmen profitiert, die der DAAD gefördert hat. Das Interesse an Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen ist groß, das Vertrauen in das Wissen der Deutschen und ihre Verlässlichkeit offenbar unbegrenzt.

Ein Thema zieht sich als roter Faden durch alle Fachgespräche: die Umweltverschmutzung. Die Verseuchung der Böden, des Wassers und der Luft durch die unkontrollierte Ölförderung, durch die vom Saddam-Regime ausgelösten Umweltkatastrophen. Im Zusammenspiel mit Unfähigkeit und Korruption in der Verwaltung führt das zu dramatisch vielen Erkrankungen, vor allem Krebs.

Die Universität möchte zertifizierte Labors einrichten, um die Verschmutzung messen und die Verursacher zur Verantwortung ziehen zu können. Bislang würden unbequeme Ergebnisse als „unwissenschaftlich“ abgetan und die Fachbereiche mit Kritikpotential durch Zahlungen gewisser Summen ruhiggestellt, berichten Dozenten. Mit internationaler Zertifizierung und ausländischen Partnern wären die Institute so stabil aufgestellt, dass sie auch den Mächtigen trotzen könnten. So freuen sich die Hochschullehrer, dass endlich mal Besuch vom DAAD gekommen ist.

Tag 2: Viele Wege führen zum Stipendium: »BaghDAAD« und »KurdDAAD«

Morgens fahren wir schon sehr früh zum Flughafen, man weiß nie, an welchem Checkpoint man hängen bleiben könnte. Aber wir fahren durch die vielen Polizeikontrollen ohne Probleme durch. Vielleicht hilft ja auch ein bisschen das blaue Sonderkennzeichen des Universitätsfahrzeugs, »Hukuma« steht da, »Regierung«. Die Universitäten gehören der Regierung. Das Hochschulministerium spricht von Dezentralisierung, möchte aber gerne alles in den Universitäten entscheiden. Die Lösung des Dilemmas: seine Leute dezentral einsetzen, so dass die Befehlskette bis nach unten funktioniert.

Vielleicht deshalb hat der nach den Wahlen 2010 neu eingesetzte Minister für Hochschulen und Wissenschaft, Ali al-Adeeb, nicht nur die Präsidenten der Hochschulen, sondern auch die Dekane und sogar Abteilungsleiter ausgetauscht. Alle Neuen sind angeblich Schiiten – sagen nicht nur Sunniten. Aufsehen erregte die Absetzung von 140 Dozenten und Angestellten der Universität Tikrit im Sommer 2011. Sie sind allesamt Sunniten. Aber nicht das sei der Grund für ihre Absetzung, sondern dass sie Baathisten seien.

Nun gut. Wer sagt mir jetzt bitte die Wahrheit?

Ankunft in Bagdad. Die Fahrt im gepanzerten Wagen geht von der Flughafenstraße in Richtung Zentrum Bagdad. Stehen die Schützenpanzer alle 500 Meter? Oder alle 1000 Meter? Jedenfalls fahren wir durch ein Spalier. Und durch einen Wald – aus meterhohen Elementen aus Stahlbeton, die die Straße absichern sollen. Die Stadt wirkt zergliedert, zermürbt, erschöpft

Am Abend dann findet in der Residenz des deutschen Botschafters in Bagdad ein Empfang für Angehörige irakischer Hochschulen und Beamte des Hochschulministeriums statt. Rund vierzig Personen sind gekommen, Professoren, Studenten, Unipräsidenten, alle mit einem Bezug zu deutschen Unis.

Ich halte einen Vortrag über die deutsch-irakische Stipendienprogramme, die der DAAD eingerichtet hat. Der Fortbildungsbedarf der irakischen Hochschulen sprengt die deutschen finanziellen Möglichkeiten. Deshalb wirbt der DAAD bei irakischen Ministerien Geld zur Mitfinanzierung ein. Das jeweilige Ministerium möchte sich in den Programmen wiederfinden. So heißen die Stipendienlinien dann zum Beispiel »BaghDAAD«, »KurdDAAD« oder »Ibn Khaldun«.

Beeindruckend ist, was die deutschen Hochschulen trotz widriger Umstände zustande gebracht haben. Sechs funktionierende  Partnerschaftsnetze mit 16 irakischen Partnerunis werden vom DAAD mit Geldern des Auswärtigen Amtes unterstützt. Die höchste Form der Zusammenarbeit ist das gemeinsame Erarbeiten von Doppelabschlüssen: hier müssen die Qualitätsstandards synchronisiert, die Studienpläne und Prüfungsordnungen aufeinander abgestimmt und ein kontinuierlicher Austausch der Studierenden und Lehrenden organisiert werden. Den irakischen Universitäten gefällt das. Das Ministerium dagegen hat das Potential dieser Kooperationen noch nicht wirklich erkannt. Stattdessen stört es sich daran, dass die Kooperationen zwischen den Hochschulen direkt vereinbart worden sind, ohne Genehmigung des Ministeriums.

Es ist 17 Uhr, Sonnenuntergang, ein milder Wintertag geht in Bagdad zu Ende. Jetzt noch einmal rausgehen und ein schönes Kebab essen…Leider nicht, denn fünf Stahltüren und ungezählte Mauern trennen mich von draußen. Bei Dunkelheit wird es noch gefährlicher. Ich bin in der Botschaft, sicher, doch in einem Käfig. Aber morgen! Da werde ich mich unter die Iraker mischen und inkognito durch Bagdad fahren.

Tag 3: »40 Räuber? Häng noch ein paar Nullen dran!«

Am nächsten Morgen holt mich mein Kontaktmann in der Botschaft ab. Um 7 Uhr, um dem heftigen Morgenstau ein Schnippchen zu schlagen. Ich steige in seinen privaten PKW, bemühe mich, ganz entspannt zu gucken und lege vor allem keinen Gurt an, das wäre verräterisch! Low Profile heißt die Strategie, und abgesehen davon, dass ich keine andere Wahl habe, ist diese Strategie nicht schlecht, vorausgesetzt man kann von seinem Äußeren her irgendwie als Iraker durchgehen.

Wir sprechen über die politischen Verhältnisse im Jahr acht nach dem Sturz von Saddam. »Früher hatten wir einen Dieb als Regierung, jetzt haben wir viele«, sagt der Kollege am Steuer. Ich spaße zurück: »Früher Ali Baba, jetzt die 40 Räuber?« Er: »Häng noch ein paar Nullen dran!« Wir kommen in der Universität an: Bagdad University of Technology.

Ein Name, der fein in meinen Ohren klingt, denn vielen Absolventen dieser Hochschule bin ich schon in Auswahlkommissionen und Universitäten begegnet. Mein Eindruck: organisiert, gutes Englisch, motiviert, gutes Benehmen. Wer etwas werden will, der wird Ingenieur, Arzt oder Apotheker. Die deutschen Hochschullehrer loben die theoretische Ausbildung der irakischen Ingenieure und Naturwissenschaftler. An der praktischen Ausbildung mangelt es, sagt auch der Dekan eines der fünfzehn Colleges, der seine Dozenten im Büro zusammengerufen hat, um den Gast aus Deutschland zu empfangen: »Wir wollen die Grundlage für den neuen Irak legen. Und dazu gehört auch, dass wir unsere Labore von Grund auf neu ausstatten. Und zwar mit unseren eigenen Mitteln. Ich weiß wovon ich spreche, ich bin ein Mann der Industrie!« In der Tat, was ich an Ausstattung sehe, ähnelt einem schlecht sortierten Heimwerkerkeller. »Es war einmal alles da«, fährt der Dekan fort, »aber nach 2003 wurden die Labore geplündert und gebrandschatzt«. Dann verweist er auf die großen Infrastrukturprojekte, wie den Neubau des Hafen bei Basra.

Unmengen von Stahl werden dort verbaut, die Materialprüfung könne seine Abteilung übernehmen. Die Dozenten heben die Augenbrauen. Später im Flur flüstern sie, dass der Dekan vom neuen Hochschulminister frisch eingesetzt worden sei, ein Industriemanager und kein Akademiker, keiner von ihnen sei. Nun, was braucht das Land?

Unten im Hof sitzen die Studierenden, lernen oder plaudern. Ausnehmend viel Frauen darunter, wahrscheinlich mehr als ich an einer deutschen Technischen Universität antreffen würde. Es ist kurz vor Weihnachten. Auch hier in Bagdad nicht zu übersehen, denn dort steht der Weihnachtsmann, mitten auf dem Campus. Zwei süße kleine Santa Claudines lassen sich gerne neben dem Baba Noël ablichten, Glückwünsche zum Geburt von Christus erhalte ich allenthalben, von Sunniten und Schiiten gleichermaßen, und es klingt nicht wie neu gelernt, sondern wie alte Sitte in einem Land, dass bis vor nicht zu langer Zeit zwar von einem Despoten drangsaliert wurde, in dem die Konfessionen untereinander aber friedlich zusammenlebten. Auf dem Schreibtisch eines anderen Dekans entdecke ich im Glasrahmen die heilige Jungfrau.

»Der Dekan ist nur noch ein paar Tage im Amt, dann wird er abgelöst.« Warum, frage ich mich? Weil er Christ ist, weil er Baathist war, weil er in der falschen Partei oder gar keiner ist, weil seine Amtszeit einfach abgelaufen ist? Inzwischen habe ich es raus. Je nachdem, welche Antwort ich möchte, muss ich die Person auswählen, der ich die Frage stelle.

Tag 4: Beim Wesir

Der Wesir, also der Minister, ist ein hohes Tier. Denn er ist nicht nur Gebieter über die irakischen Hochschulen und Berufsbildungseinrichtungen, sondern auch der zweite Mann im Politbüro der Daawa-Partei von Premierminister al-Maliki. Wie alle gewichtigen Politiker im heutigen Irak war er jahrzehntelang im Exil, denn Opposition unter Saddam bedeutete Tod. Und wie für viele der einflussreichen, schiitischen Daawa-Politiker war sein Exil im Iran. Dies löst nun bei mir allerdings keine Berührungsängste, sondern freundliche Neugier aus, bin ich doch im DAAD auch für Iran zuständig und von unseren iranischen Stipendiaten ganz angetan.

Unsere Delegation führt der deutsche Botschafter in Bagdad an, Christian Berger. Mit dabei ist auch ein Wirtschaftsvertreter, der Industriekunden, aber auch Hochschulen mit deutschen Anlagen und Gerät ausstatten kann: Verschiedene Hersteller, aber alles aus einer Hand, Ausbildung am Gerät inklusive. »Wie können wir den Preis drücken?«, fragt der Minister auf Arabisch seinen Abteilungsleiter. Kaum möglich, erwidert dieser, die Preise seien internationale Listenpreise. »Wer sind die Mitbewerber?« »Einige spanische und chinesische Firmen«, kommt die Antwort. Der Minister weist an: »Mitbewerber aus Deutschland suchen, vom selben Kaliber, aber nur erstklassiges Gerät, dann runterhandeln. Aber keine Kompromisse bei der Qualität!«

Na, denke ich, da sind wir ja an den richtigen geraten. Nun haben die Produkt des DAAD leider kein Preisschild. Master- und Doktorandenausbildung für junge Iraker haben wir im Angebot. Dank begrenzter oder qua Landesgesetz ganz untersagter Studiengebühren quasi umsonst. Noch dazu mit Stipendien zu 50 Prozent durch den DAAD kofinanziert, dafür aber auf hundert Neustipendien pro Jahr gedeckelt. Die Zulassung oder Betreuung durch den Doktorvater muss sich der Stipendiat selbst besorgen, soviel Selbständigkeit müsse man schon verlangen können, ist herrschende Meinung im DAAD.

Doch offensichtlich ist es für die irakischen Verhältnisse zuviel verlangt. Die wissenschaftlichen Zeitschriften sind verbrannt oder die Sammlung unterbrochen, internationale Konferenzen finden im Land nicht statt, aufgrund der Sicherheitslage verirrt sich nur selten ein ausländischer Professor in den Irak. In der Kommunikation mit internationalen Ansprechpartnern sind sogar die Dozenten ungeübt. Wie also in Kontakt kommen mit potentiellen Betreuern?

Haben die irakischen DAAD-Stipendiaten jedoch einmal die Hürden überwunden, werden sie von vielen Kommilitonen, auch solchen, die selbst im Ausland studieren, beneidet, nämlich für die gute Betreuung durch die Sachbearbeiterinnen im DAAD. Jeder Student hat einen Ansprechpartner, der den Stipendiaten betreut. Bei der Bewerbung und im Auswahlverfahren, bei Visum, Wohnungssuche, Zulassung, Lebenskrisen und bis zum erfolgreichen Abschluss. Ein schönes Produkt, aber leider sperrig in dieser Welt.

Attraktiver erscheint hier zum Beispiel das australische Produkt: Kontingentweise Zulassungen im Paket, einen schönen Rabatt auf die enormen Studiengebühren, die sich der verhandelnde Abteilungsleiter gegenüber dem Chef zugute halten kann. Dazu noch eine attraktive Reise inklusive.

Was der Minister im Moment vor allem benötigt, sind Erfolgsmeldungen. 10.000 neue Stipendien für Iraker für Studien im Ausland hat er verkündet, nur: welche Länder nehmen sie auf? Die Regierung ist in Bedrängnis, sie fürchtet die arabischen Frühlingsgefühle, deshalb braucht sie schnell Erfolg. Zurück in Deutschland werde ich in Bewegung setzen, was ich kann. Und vielleicht anders als mancher Kollege werde ich wiederkommen. Denn wir haben einen verdammt langen Atem in Deutschland. Also ich werde wieder auftauchen in Bagdad. Mal schauen, wer dann noch da ist.

Quelle: zenith BusinessReport

Foto: © Markus Schieder – Fotolia.com