Abu Dhabi: Den Rotstift ansetzen

Abu Dhabi gehen die privaten Investoren aus. Auf lange Sicht wird man sich prestigereiche aber unwirtschaftliche Vorhaben am Golf nicht mehr leisten können. Die Streichliste könnte die Vorzeigeprojekte des Emirats treffen.

Abu Dhabi muss sich auf neue wirtschaftliche Realitäten einstellen. Der große Entwicklungsplan des Emirats, der bis 2030 eine Verdopplung der Bevölkerung und Investitionen zur Diversifizierung der Wirtschaft in einer Größenordnung von 500 Milliarden US-Dollar vorsah, sei Makulatur, sagen Beobachter, auch wenn dies nicht offiziell zugegeben werde. Abu Dhabi scheint nicht attraktiv genug; wer Investitionskapital hat, geht woanders hin. Alleine aber will Abu Dhabi auch nicht alles finanzieren, und wenn, dann nur, wenn die Rendite stimmt.

Wenn großartige Pläne von der Realität eingeholt und zu Makulatur werden, kann man das in der stolzen Welt der Golfaraber nicht so ohne weiteres sagen. Meist sind es kleine Einzelmeldungen, die sich wie bei einem Puzzle zu einem Ganzen entwickeln. Ein solch neues Bild zeichnet sich in Abu Dhabi ab: Die großen Visionen des reichen Emirats lassen sich nicht realisieren, weil sie von einer Fehleinschätzung ausgegangen sind – der Bereitschaft privater Investoren, die Visionen des Emirats zu kaufen.

Abu Dhabis Zukunftsplan war eine Blaupause aus Dubai. Dort hatte der Herrscher angesichts schwindender Öleinnahmen auf Logistik, Immobilien und Tourismus umgesattelt. Seine Pläne gingen auf: Binnen kürzester Zeit konnte eine blühende Stadt mit leistungsfähigen Dienstleistungssektoren geschaffen werden, die auf der Arabischen Halbinsel Ihresgleichen sucht.

Dass die Immobilienkrise mit den bekannten Auswirkungen dazwischen kam, lag an der Weltfinanzkrise und an der Gier von Bauentwicklern und Spekulanten, nicht aber am Grundkonzept: Mit eigenem Geld ein attraktives infrastrukturelles Angebot schaffen und Projekte anschieben, was dann alles zusammen mit Hilfe privater Investitionen zu einem Selbstläufer wird.

Genauso wollte es Abu Dhabi auch machen und sogar noch besser: So baute Abu Dhabi zuerst die Straßen und erst dann die Häuser, während das in Dubai oft anders herum gelaufen war. Und weil Abu Dhabi ungleich reicher ist als Dubai, wollte es klotzen, wo Dubai nur kleckern konnte – Guggenheim und Louvre-Museum, Formel 1-Rennstrecke und die Vorzeige-Ökostadt Masdar.

Jedoch kam Abu Dhabi zu spät. Trotz Immobilienkrise hat Dubai in Sachen Logistik und Tourismus einen Vorsprung aufgebaut, den Abu Dhabi auf Jahrzehnte nicht einholen kann. Wenn jemand ein Büro oder eine Lagerhalle anmietet, ein Apartment erwirbt, in einem Hotel absteigt oder in einer Shopping-Mall einkauft, dann in Dubai. Und weil die Stadt die erste Wahl ist, gehen dort auch die attraktivsten Firmen, die besten Fachkräfte und die reichsten Urlauber hin.

Alle Vorhaben sollen einer Vier-Schubladen-Klassifizierung unterzogen werden

Derzeit sind es vor allem asiatische Touristen und Firmen, die es neu nach Dubai zieht. Die einen wollen die Stadt sehen, die anderen begreifen sie als Tor zur Arabischen Halbinsel und darüber hinaus und lassen sich nieder. Abu Dhabi ist da höchstens einen Tagesausflug wert. Noch vor ein paar Jahren hätte Abu Dhabi damit leben können, weil es vor allem 2007 und Anfang 2008 eine Schwemme von Investoren und Spekulanten gab, die alles kaufen wollten, was man ihnen anbot. Diese Zeiten aber sind endgültig vorbei, der große Immobilien-Boom am Golf ist zu Ende und weder hier noch im Rest der Welt sitzt das Geld dieser Tage allzu locker. Abu Dhabi fehlen damit die privaten Investoren, die sich an seinen kühnen Plänen beteiligen wollen und können.

Dass Abu Dhabis Geschäftsmodell nicht funktioniert, kann man exemplarisch an der Ökostadt Masdar beobachten – »der CO2-neutralen Wissenschaftsstadt in einer lebensfeindlichen Wüste, gebaut von einem reichen Ölland«, so die Werbung. In der Tat eine tolle Idee, die schnell zu einem medialen Ereignis wurde. Das Preisschild von 22 Milliarden US-Dollar wirkte wie ein seriöses Testat: »Wer so viel Geld ausgibt, der meint es auch wirklich ernst.« Abu Dhabi aber dachte nie daran, so viel Geld auszugeben, sondern spekulierte auf Investoren. Selbst wollte man sich lediglich mit einem Fünftel der Kosten beteiligen, den Rest sollten andere beibringen. Bislang blieben diese aber aus.

Das Ziel Abu Dhabis, durch Immobilien-, Tourismus-, Kultur- und Industrieprojekte die Nicht-Öl-Einnahmen nachhaltig zu erhöhen, scheint so schnell nicht erreichbar. Die 500 Milliarden US-Dollar, die all das kosten sollte, müsste das Emirat weitgehend selber bezahlen. Ob sich das eines Tages alles rechnen wird, erscheint mehr als fraglich.

In der Konsequenz tritt Abu Dhabi seit dem Frühjahr 2011 auf die Bremse und überdenkt seine ehrgeizigen Entwicklungspläne gründlich. Nach Aussagen von Beobachtern werden alle Vorhaben einer groben Vier-Schubladen-Klassifizierung unterzogen: Profitabel und ökonomisch sinnvoll, aus sozialen Gründen dringend erforderlich, aus strategischen Gründen unverzichtbar und, Kategorie vier, derzeit nicht erforderlich.

Für Masdar, Guggenheim und Louvre wird die Luft dünn

Zur strategischen Kategorie gehören vor allem die Öl- und Gasvorhaben, der Transportkorridor nach Fujairah, einem VAE-Emirat am Golf von Oman, und alles, was mit der nationalen Sicherheit zu tun hat. Zur Kategorie »Sozialbau« zählen unterdessen Villen für die einheimische Bevölkerung sowie Schulen und Krankenhäuser – angesichts des Arabischen Frühlings eine unverzichtbare Beschwichtigungsmaßnahme.

Dabei werden die hohen Bevölkerungsprognosen kräftig nach unten korrigiert und deshalb auch zum Beispiel so manches Krankenhausprojekt hintenangestellt. Verzichtbare Projekte, die bereits laufen, werden abgespeckt und verzögert. Die Zahl der ausländischen Berater wurde bereits spürbar reduziert.

Projekte, die für sich alleine genommen keine ordentliche Rendite erwirtschaften können, werden erst einmal aufgeschoben – und das auf unbestimmte Zeit. Für Masdar, Guggenheim und Louvre wird die Luft dünn. Offiziell werden die Vorhaben weiter verfolgt, daran zu glauben vermögen nur noch wenige.

Die Liste der in Abu Dhabi offiziell stornierten und gestoppten Vorhaben wird unterdessen immer länger. Aktuell sind 194 Projekte im Wert von 121,5 Milliarden US-Dollar »cancelled« oder »on-hold«, sagt MEED Projects, ein Unternehmen, dass Projekte in der Region regelmäßig zählt und beobachtet. Eigentlich müsste die Liste sehr viel umfangreicher sein, verrät ein MEED-Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte. »Wir müssen Rücksicht auf unsere Informanten nehmen. Viele Projekte werden aus politischen und Prestige-Gründen noch nicht offiziell begraben.«

Auf Baufirmen und ihre Mitarbeiter kommen wohl schlechtere Zeiten zu. Bereits jetzt klagen viele, dass es an Anschlussaufträgen fehlt. Nachdem zuerst Dubai als Auftraggeber ausgefallen war, folgt nun Abu Dhabi. Aldar Properties, der größte Bauentwickler Abu Dhabis hat bereits angekündigt, Arbeiter und Angestellte zu entlassen. Man werde sich auf begonnene und profitable Projekte konzentrieren. Die staatliche »Tourism Development and Investment Co.« (TDIC) gab Ende Oktober 2011 zu, der Bau des Zayed National Museums (200 Millionen US-Dollar) sowie der Louvre- und Guggenheim-Dependancen (1 Milliarde beziehungsweise 400 Millionen US-Dollar) werde »wegen des Ausmaßes der Projekte verschoben«.

Das TDIC-Budget war für 2011 bereits um 28 Prozent auf 3,6 Milliarden US-Dollar gekürzt worden. Der geplante Verkauf von Anleihen in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar wurde Mitte 2011 verschoben. Gläubiger der TDIC haben, Berichten der Fachzeitschrift MEED zufolge, große Schwierigkeiten, ihre Außenstände einzutreiben – kein gutes Zeichen. Marktkenner warnen: Nur weil Abu Dhabi über einen immensen Ölreichtum verfüge, bedeute das noch lange nicht, dass das Emirat keine Liquiditätsprobleme habe. Auch eine TDIC könne nicht endlos unwirtschaftliche Investitionen unterstützen.

Quelle: zenith BusinessReport

Foto: © Akhilesh Sharma – Fotolia.com