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„Wo ist eigentlich Macao?“

Wie es sich in interkulturellen Teams an Bühnen in China, Australien, England und Frankreich arbeitet und warum sich Deutsche öfter in Zurückhaltung üben sollten, erzählt die 30-jährige Theatertechnik-Ingenieurin Lina Baden.

EXPAT NEWS: Sie sind ein weit gereister Expatriate. Wann und wo haben Sie Ihre erste Auslandstätigkeit wahrgenommen?

Baden: Das war nach meinem Studienabschluss zur Diplom-Ingenieurin in Theater- und Veranstaltungstechnik im Jahr 2006. Direkt danach hängte ich den Master dran und wollte mir vor meiner Masterarbeit gerne noch eine Auszeit gönnen. Also beschloss ich mit 24 Jahren für eine Weile nach Australien zu gehen. Außer einem Hin- und Rückflugticket und der Adressen dreier potentieller Arbeitskontakte in Australien hatte ich praktisch nichts in der Hand. Nach meiner Ankunft begann ich mich vor Ort als Freelancer bei Theatern und Opern zu bewerben. Einen Job zu finden, erwies sich anfangs schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte, da in dieser Branche praktisch alles über Kontakte läuft. Aber ich bekam dann Engagements unter anderem am Victorian Art Center, den Marriners und dem Malthouse Theatre und beim Comedy Festival in Melbourne, im recht bekannten Capitol Theatre in Sydney und beim Star Theatre des Casinos, ebenfalls in Sydney.

EXPAT NEWS: Was hat dies für Ihre Karriere bedeutet?

Baden: Beruflich hat es mich eigentlich eher zurückgeworfen, denn ich habe anfangs hauptsächlich als Technikerin gearbeitet. Das hat mich zwar gelegentlich unterfordert, mir aber trotzdem viel Spaß bereitet. Mit zunehmenden Kontakten in der Branche und wachsender Erfahrung in australischen Theatern, habe ich mich langsam zum Board Operator und schließlich bis zur Beleuchtungschefin hochgearbeitet und auch eine eigene Spielstätte beim Comedy Festival als Technischer Stage Manager betreut. Für meine persönliche Entwicklung war das Jahr in Australien phantastisch und ich habe meine Art, dort zu leben, sehr genossen. Ich war beruflich frei und flexibel, habe Land und Leute kennengelernt.

EXPAT NEWS: Wie sind die Australier etwa im Gegensatz zu den Deutschen?

Baden: Ich finde die Menschen dort auffällig freundlich; sie sind unheimlich nett und wirken sehr zufrieden. Außerdem habe ich sie als sehr offen wahrgenommen. Die Hauptfreizeitbeschäftigung neben Sport und Outdoor-Aktivitäten ist Barbecue begleitet von eiskaltem Bier. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Lebensqualität in Australien recht hoch ist.

EXPAT NEWS: Was war Ihre nächste Station?

Baden: Mehr durch Zufall bewarb ich mich auf eine Stelle beim berühmten Cirque du Soleil in Macao, China. Ich rechnete mir keine ernsten Chancen aus, dachte aber, es könne nicht schaden und wäre eine gute Übung, mal wieder ein Vorstellungsgespräch auf Englisch zu absolvieren. Noch am Abend des Interviewtages bekam ich eine Zusage und musste erstmal meine damalige Mitbewohnerin fragen: ‚Sag mal, wo ist eigentlich Macao?’ Mit anderen Worten: ich hatte mich nicht besonders umfassend vorbereitet.

EXPAT NEWS: Was haben Sie dort konkret gemacht?

Baden: Es ging darum, für den gigantischen Hotelkomplex „The Venetian“, das nach dem Vorbild vom gleichnamigen Hotel in Las Vegas errichtet wurde, ein festes Theater für den Cirque du Soleil aufzubauen und die Technik für ein gigantisches Akrobatikspektakel namens „Zaia“ zu installieren. Ein tolles Projekt, bei dem ich aber als reine Beleuchtungstechnikerin intellektuell unterfordert war. Also schrieb ich neben meinem Job auch noch meine Masterarbeit. Es war eine sehr anstrengende Zeit. Außerdem wollte ich etwas erleben und ich reise unheimlich gerne. Macao ist flugverkehrstechnisch sehr günstig gelegen, so dass ich manchmal 2-Tages-Trips beispielsweise nach Taiwan, Borneo und Bangkok unternehmen oder ein verlängertes Wochenende auf den Philippinen verbringen konnte. Unmittelbar nach der Premiere des Stückes kündigte ich und kehrte nach einer zweimonatigen Asienreise nach Berlin zurück. Kurz darauf besuchte ich eine Freundin in London.

EXPAT NEWS: Wo Sie Ihre nächste Station erreichten?

Baden: Ja, zumindest stolperte ich so in mein nächstes Projekt. Über einen Kontakt unserer Uni traf ich auf den Leiter des Konstruktionsbüros der Royal Shakespeare Company. Eigentlich hatte ich ihn nur gebeten mir ein Theater in London zu zeigen, aber bei einem Café erklärte er mir, dass sie für ein neues Stück für etwa drei Monate lang Unterstützung in der Bühnenbildkonstruktion bräuchten und so bot er mir kurzerhand einen Job als Konstrukteurin in Stratford-upon-Avon an.

Was mir damals niemand verriet: Diese drei Monate waren eigentlich eine Art Probezeit und man plante bereits kurze Zeit später, mich fest und dauerhaft anzustellen. In der Zwischenzeit hatten Freunde aus meiner Zeit in Macao meinen Lebenslauf an eine Company namens Franco Dragone weitergegeben, ein ähnliches und ebenso berühmtes Ensemble wie Cirque du Soleil mit dem Hauptsitz in Belgien. Dragone befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Planung und Konstruktion der spektakulären Wassershow „The House of Dancing Water“ in einem gigantischen Theater in Macao, was eigens für diese Show gebaut werden sollte. Dieses Projekt hat mich sehr gereizt, vor allem in der mir angebotenen Position als Technischer Projektleiter und Technischer Assistent. Für das Projekt sollte ich zwei mal drei Monate in Belgien und vier Monate in Macao verbringen. Am Ende wurden es dreieinhalb Monate in Europa und 14 in Macao.

EXPAT NEWS: Haben Sie in dieser Zeit dort intensiveren Kontakt zu den Einheimischen aufbauen können?

Baden: Das war nahezu unmöglich. Einerseits hatte ich oft eine 80-Stunden-Woche teilweise ohne Wochenende oder freien Tag und andererseits ist es schwierig, Beziehungen zu den Einwohnern herzustellen, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Selbst wenn ich mehr als die paar Brocken Chinesisch, die ich kenne, erlernt hätte, wäre dies nicht von großem nutzen gewesen. Die Alltagssprache in Macao ist nämlich kantonesisch. Ich war aber sehr in die Expat-Community integriert, wo ich Menschen aus aller Herren Länder kennenlernte.

Ein bisschen mehr Kontakt mit den Einheimischen Chinas hatte ich während meines anschließenden – wohlverdienten – Urlaubs, in dem ich unter anderem von Macao ohne ein Flugzeug zu benutzen, nur mit Bahn und Schiff und auch der Transsibirischen Eisenbahn, nach Berlin zurückkehrte.

EXPAT NEWS: Ihr Engagement in Macao beendeten Sie im Oktober 2010. Seit Anfang des Jahres arbeiten Sie als Technische Produktionsleiterin an der weltberühmten Pariser Oper – genauer an der Opéra Bastille. Wie ergeht es Ihnen dort?

Baden: Zunächst einmal konnte ich kaum glauben, dass es für diese Stelle niemanden intern gab. Sie müssen wissen, dass an dieser Oper viele erfahrene Bühnenleute arbeiten, die – wenn sie einmal im Haus Fuß gefasst haben – diesen Job möglichst nicht wieder aufgeben wollen. So kommt es, dass viele in meinem Team im Schnitt 15-20 Jahre älter und auch schon seit etwa 20 Jahren an der Bühne arbeiten. Und als Frau in meiner Position tätig zu sein, erhöht den Schwierigkeitsgrad noch zusätzlich. Aber das Management wollte mich und nach zwei erfolgreichen Showprojekten bin ich sehr glücklich dort.

EXPAT NEWS: Sie haben in vielen interkulturellen Teams gearbeitet. Welche Vorteile, aber auch welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Baden: Es ist unwahrscheinlich spannend, mit Menschen anderer Kulturen zusammenzuarbeiten. Mir macht es vor allem Spaß, mehrsprachig zu arbeiten. Hier an der Pariser Oper sprechen wir hauptsächlich Französisch, während bei meinem letzten Projekt der Grossteil der Kommunikation auf Englisch stattfand, aber auch Französisch gesprochen wurde. Die Menschen an den Opern und Theatern sind für sich genommen schon sehr interessant, weil sie durch ihre kreative Arbeit viel erlebt haben. Zusammen mit dem anderen kulturellen Background sind sie für mich oft noch spannender. Beizeiten schwierig ist der Umgang im Hinblick auf die eigenen kulturellen Gepflogenheiten.

EXPAT NEWS: Inwiefern?

Baden: Deutsche haben tatsächlich ein anderes Verständnis von Pünktlichkeit und Qualität. Das kollidiert hin wieder mit den Ansichten beispielsweise der chinesischen oder französischen Kollegen. Und wir sind meiner Erfahrung nach detailversessener und konkreter. Während in anderen Ländern oft stundenlange Diskussionen in Meetings geführt werden, kommen wir doch deutlich schneller zum Punkt. Am schwierigsten fand ich die Zusammenarbeit mit den Chinesen. Das ausgeprägte Maß an Höflichkeit, kann Deutsche oft an die Grenzen bringen. Man fragt etwa, ob dieses oder jenes termingerecht fertig gestellt wird und bekommt grundsätzlich ein ja – egal, ob es stimmt oder nicht. In multikulturellen Teams beobachte ich außerdem hin und wieder eine gewisse Rivalität zwischen zwei Nationen. So haben etwa die Engländer und die Franzosen einen recht ausgeprägten Nationalstolz, der sich bei beiden nicht viel nimmt. Aber viele Eigenschaften bewundere und schätze ich auch:

EXPAT NEWS: Welche zum Beispiel?

Baden: Viele andere Völker, darunter besonders die Franzosen, mögen das ‚schöne’ Leben. Sie können besser genießen. Und sie sind oft sehr herzlich, charmant und gefühlsbetont. Wir Deutschen sind eher förmlich bis distanziert. Dennoch werde ich mich an manches hier in Frankreich vielleicht nie gewöhnen. Seit Februar wurde an der Oper zweimal gestreikt. Meine Kollegen sagten mir, dass sei noch wenig gewesen bisher. In Deutschland ist es fast undenkbar, dass der Theater- oder Opernbetrieb die Arbeit niederlegt. Das letzte Mal haben die Kollegen hier am Haus gegen die Erhöhung des Rentenalters von 55 auf 62 protestiert. Ich glaube, in Deutschland hat man für so etwas höchstens Spott übrig.

EXPAT NEWS: Welche Empfehlungen geben Sie zukünftigen Expats oder Auswanderern?

Baden: Am wichtigsten ist es immer noch, die Sprache zu beherrschen. Sicher ist das nicht für alle Länder realisierbar. Aber grundsätzlich hilft es dabei, sich im neuen Land schneller zu Hause zu fühlen. Auch Bekanntschaften sind ungemein wichtig. Neuankömmlinge sollten sich etwa beim Sportverein anmelden oder auf speziellen Internetplattformen für Expats vor Ort anmelden und auf diesem Wege Kontakte knüpfen. Ideal ist es natürlich, wenn man einen Weg findet, sich mit Einheimischen anzufreunden. Für einen guten Start in den Job und eine schnelle Integration in das Team hat es mir immer geholfen, zunächst etwas zurückhaltender zu sein. Ich habe zunächst aus der Distanz heraus beobachtet, wie die neuen Kollegen ticken und wie das Team im Rahmen seiner Abläufe funktioniert. Ich wollte nicht als die Deutsche in Erscheinung treten, die alles besser weiß, sondern mich in mein Arbeitsumfeld einfühlen. Bei Ländern wie Frankreich, mit denen Deutschland nun mal eine schwierige Historie hat, empfinde ich Zurückhaltung als besonders wichtig.

Für diese Projekte hat Lina Baden gearbeitet: