„Spätestens wenn Kinder da sind, denken viele Expats über eine Rückkehr in die Heimat nach“

Silke Irmscher lebt mit ihrem indonesischen Mann und ihren beiden Töchtern in Indonesien. Im Interview erzählt sie von der Erziehung ihrer Kinder in einem anderen kulturellen Umfeld, dem Arbeitsstil der Indonesier und erläutert, was Expats in diesem Teil Südostasiens erwartet.

EXPAT NEWS: Sie haben um die Jahrtausendwende ein Praktikum beim Goethe-Institut in Jakarta gemacht. Wie sind Sie ausgerechnet auf Indonesien gekommen?

Irmscher: Ich habe damals Kommunkiationspsychologie in Görlitz studiert und zu dem Studium gehörte es auch, ein Praxissemester zu absolvieren. Weil mein Fernweh so groß war, entschied ich, im Ausland ein Praktikum zu machen. Ich hatte bereits Auslandserfahrung und war mit dem Rucksack durch Südamerika gereist und kannte auch Europa recht gut. Mit dem Praxissemester bot sich mir die Gelegenheit, noch mehr der Welt zu sehen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, ein fremdes Land nicht nur zu besuchen, sondern dort zu leben.

Ein Mitarbeiter an der Uni hatte einen heißen Draht zum Goethe-Institut und schlug vor, dass ich mich in einer der weltweiten Niederlassungen bewerbe. Ursprünglich wollte ich nach Indien, ich bewarb mich allerdings auch auf ein Praktikum in Indonesien – das Goethe-Institut von Jakarta war schließlich schneller und so kam ich nach Indonesien. Ich war damals auf der Suche nach Exotik, deshalb sollte der Aufenthalt in einem möglichst fremden Kulturkreis stattfinden. Mich interessierte besonders die Psyche anderer Völker – die psychologische Sicht der Deutschen kannte ich weitgehend, doch ich wollte erfahren, was die Menschheit ausmacht, indem ich mal etwas ganz anderes kennenlernte.

EXPAT NEWS: Wie erging es Ihnen dann nach Ihrer Ankunft in Indonesien?

Irmscher: Obwohl ich eigentlich nie daran geglaubt hatte, dass es ihn in der Form gibt, bekam ich erst einmal einen saftigen Kulturschock. Ich bin ländlich aufgewachsen, auch mein Studienort Görlitz ist relativ beschaulich und dann kam ich in die 12-Millionen-Metropole Jakarta. Ich habe die klassische Kulturschock-Kurve mitgenommen: Zunächst war alles toll, aufregend und faszinierend. Ich schoss tausende Fotos, war ständig unterwegs und geradezu überwältigt von den vielen exotischen Eindrücken. Doch nach gut einem Monat wurde mir vieles zu viel und ich realisierte, wie anstrengend dieses Leben eigentlich war.

Zum Glück hat mir meine Arbeit am Goethe-Institut wahnsinnig viel Spaß gemacht – das fing mich ein Stück weit auf. Ich beschloss aus meiner Expat-Unterkunft auszuziehen und nahm mir ein Zimmer in einer sechsköpfigen indonesischen Studenten-Mädels-WG. Tagsüber lernte ich im Selbststudium neben der Arbeit mit Hilfe von Büchern Indonesisch und abends wandte ich das Erlernte im Gespräch mit meinen Mitbewohnerinnen an.

„Indonesisch ist keine schwere Sprache“

 

EXPAT NEWS: Und das funktionierte gut?

Irmscher: Sehr sogar. Innerhalb von drei Monaten konnte ich mich auf Indonesisch unterhalten. Meine Mitbewohnerinnen waren begeistert und unterstützten mich gerne beim Indonesisch lernen. So entstanden auch richtige Freundschaften. Mit einem der Mädchen bin ich heute noch gut befreundet. Ausländer sind hier sehr beliebt, denn Indonesier sind sehr gastfreundlich und interessiert an anderen Kulturen. Indonesisch ist übrigens gar nicht so schwierig wie man vielleicht denkt. Insbesondere für den Raum Südostasien ist sie eine gute Einstiegssprache. Wenn man Indonesisch beherrscht, ist beispielsweise Malaiisch nicht schwer zu erlernen. Indonesisch kennt keine Fälle oder komplizierten Konjugationen und auch keinen Singsang. Anders als beispielsweise Thailändisch lässt sich die Schrift relativ leicht lesen.

EXPAT NEWS: Wann haben Sie sich entschieden, in Indonesien zu leben?

Irmscher: Nach dem Praktikum reiste ich noch ein Jahr durch Südostasien, allerdings erfüllte mich dies auf Dauer nicht. Das Traveller-Leben ist irgendwie so aufgabenlos, ich wollte etwas tun. Also kehrte ich nach Indonesien zurück und machte noch ein Praktikum bei einer Kinderkultur-Organisation. Dort lernte ich schließlich meinen heutigen Ehemann kennen. Nach dem Praktikum studierte ich in Deutschland weiter, so dass wir zunächst eine Fernbeziehung führten. Für meine Diplomarbeit über die Zeitwahrnehmung zwischen der indonesischen und deutschen Kultur kehrte ich zurück. Nach dem Studium arbeitete ich für die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) in der Wiederaufbauhilfe nach der Tsunamikatastrophe in Aceh, Indonesien.

Davor und auch während dieser Zeit kam mein Mann für einige Monate mit nach Deutschland, lernte Sprache und Kultur meiner Heimat kennen. Es war mir wichtig, dass er meine Wurzeln kennenlernt und die deutsche Kultur erlebt. Für ihn war das besonders aufregend, denn er hatte bis dato überhaupt keine Vorstellung von Deutschland, geschweige denn von Europa. Insofern war dies ein großer Schritt für ihn. Die Tatsache, dass er meinen kulturellen Background kennt, trägt sicherlich zum Gelingen unserer bi-kulturellen Ehe bei.

Irmscher_Familie

EXPAT NEWS: Sie haben zwei Töchter im Alter von acht und sechs Jahren. Machen die kulturellen Unterschiede zwischen Ihnen die Erziehung Ihrer Kinder manchmal etwas kompliziert?

Irmscher: Eigentlich nicht. Vielleicht weil meine Psychologiekenntnisse dabei helfen, Unterschiede zu analysieren und zu verstehen. Dadurch wird wiederum Toleranz erst möglich. Ich muss einfach wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt und dann kann ich auch mit kritischen Situationen gut umgehen. Allerdings haben meine Kinder den Blickwinkel auf die deutsche Kultur und meine kulturelle Identität verändert. Man könnte fast sagen, ich habe mein deutsches Wesen durch sie erst richtig entdeckt beziehungsweise kennengelernt.

„Ich habe mir das Know-how meiner eigenen Kultur noch einmal angeeignet“

 

EXPAT NEWS: Inwiefern?

Irmscher: Ich bin ein großer Fan der indonesischen Kultur und habe alle Verhaltensweisen immer sehr entspannt betrachtet. Mittlerweile kritisiere ich einiges. Unmittelbar nach der Geburt meines ersten Kindes entstand der Wunsch, dass es nicht nur die Kultur seines Vaters, sondern mehr von der deutschen mitbekommen sollte. Möglicherweise lag es an den Hormonen, doch auch mit Abstand betrachtet, gibt es vieles am indonesischen Erziehungsstil, das ich für meine Kinder unter keinen Umständen wollte. Hier werden Kinder sehr verwöhnt und zu Unselbstständigkeit erzogen. Zugleich wird ein nahezu blinder Gehorsam gegenüber den Erwachsenen eingefordert, der eine gewisse Reflexionsfähigkeit vermissen lässt.

Ich habe mir also noch einmal gewissermaßen das Know-how der eigenen Kultur angeeignet und ecke in Sachen Erziehung sicherlich öfter einmal an. So dürfen meine Kinder auch mal allein im Dreck spielen und weder ihr Vater noch ich rennen ihnen übervorsorglich ständig hinterher. Hier werden die Kinder oft mit fünf Jahren noch von ihren Eltern gefüttert. Eine Schwägerin meines Mannes war damals regelrecht schockiert, als sie mitbekam, dass unsere Tochter bereits mit anderthalb Jahren alleine essen „musste“. Tatsächlich zeige ich in punkto Erziehung wenig Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Aber mein Ehemann akzeptiert und schätzt das sogar, weil er viele Vorteile erkennt.

EXPAT NEWS: Welche zum Beispiel?

Irmscher: Dass wir als Familie zusammen essen, findet er sehr gut. Zwar ist Indonesien eine gruppenorientierte Kultur, dennoch sind die Beziehungen oft eher oberflächlich. Das deutsche Familienleben ist dagegen oft intensiver.

Irmscher_Moped

EXPAT NEWS: Was ist typisch indonesisch an Ihrem Ehepartner, was findet er typisch deutsch an Ihnen?

Irmscher: Ich habe meinen Mann noch einmal extra dazu befragt. Er sagt, sehr Deutsch an mir sei meine Disziplin und meine Fähigkeit, mich gut zu organisieren. Als negativ deutsch-typisch empfindet er es, dass ich schnell in Stress verfalle. Wobei meine Freunde immer meinen, ich sei die Gelassenheit in Person. Daran sieht man, dass dies stets eine Frage der Perspektive ist.

„Facebook wurde praktisch für Indonesier erfunden“

 

Mein Mann ist insofern klassisch indonesisch, als dass er Gelassenheit in allen Lebenslagen ausstrahlt und ein super Netzwerker ist. Die Fähigkeit, sich breit zu vernetzen, besitzen alle Indonesier. Facebook ist praktisch für sie geschaffen worden. Die durchschnittliche Freundesanzahl in diesem Social Network liegt bei 2.000 pro Person. Dies hängt sicherlich auch mit der starken Gruppenorientierung der Einheimischen statt. Unter den Indonesiern gibt es kaum Individualismus. Sie können auch nicht allein sein. Als Expats oder Austauschstudenten in Deutschland fallen sie oft in ein tiefes Loch, weil sie sich plötzlich so einsam fühlen. Für Deutsche ist die mangelnde Privatsphäre in Indonesien wiederum sehr schwierig. Wird man beispielsweise krank wird, kennt gleich das gesamte Umfeld die Diagnose. Bei unserer Nachbarin wurde kürzlich Diabetes diagnostiziert – mein Mann kennt sogar den Wert ihres Blutzuckerspiegels. Selbst intimste Details werden herumgetratscht.

EXPAT NEWS: Gibt es Dinge aus Deutschland, die Ihnen in Indonesien manchmal fehlen? Wenn ja, welche sind dies?

Irmscher: Ja, so fehlt mir etwa das Naturverständnis hierzulande. Wir leben in Jogjakarta – dem beliebtesten Touristenziel nach Bali – sehr schön gelegen und historisch wertvoll, bekannt für seine Spiritualität und Ruhe. Und dennoch ist die Stadt inzwischen unangenehm zugepflastert mit Hotels; überall fahren inzwischen Mopeds herum, es grassiert Verschmutzung. Wir Deutschen haben vielleicht aufgrund unseres kulturellen Erbes einen romantischen Blick auf die Natur und versuchen diese zu bewahren und zu beschützen. In Indonesien werden Reisfelder betoniert und es gibt keine staatliche Regulierung, die dies verhindern oder zumindest eindämmen könnte. Dadurch werden die Grünflächen weniger, es gibt im Grunde keinen öffentlichen Raum, an dem man sich erholen könnte – keine Parks oder grünen Zonen und vor allem keine Spielplätze. Es ist absurd: Dieses Land ist voller Kinder, aber es gibt keine Orte für sie. In Deutschland ist es paradoxerweise umgekehrt. Mit Kindern mal eben draußen Fahrradfahren oder Wandern gehen, funktioniert hier nicht. Der wachsende Wohlstand in der Bevölkerung senkt gleichzeitig die Lebensqualität. Ich habe immer öfter ein Gefühl von Eingesperrtsein.

EXPAT NEWS: Was raten Sie Privatpersonen, die nach Indonesien auswandern beziehungsweise als Expats herkommen?

Irmscher: Unter anderem ein Bewusstsein für das zu entwickeln, was ich eben beschrieben habe. Sie sollten wissen, dass es insbesondere in den Städten – und die meisten jobbedingten Aufenthalte werden in Jakarta sein – kaum Natur gibt, mit Glück bekommen Expats und ihre Familien eine Villa in einer in “gated Community“ gestellt – also in einer eingezäunten Wohngegend, wo es Grünanlagen gibt. Allerdings bedeutet auch dies einen großen Einschnitt für Familien, denn die Kinder sind plötzlich nicht mehr frei, können nicht ohne weiteres Freunde nach der Schule treffen. Wer in der Stadt arbeitet, muss wiederum jeden Tag Stau einkalkulieren. Für 20 Minuten Weg benötigt man aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens oft gut drei Stunden.

Ansonsten rate ich stets, sich auf die Kultur des Gastgeberlandes einzulassen. Dabei muss man nicht indonesisch werden. Jeder kann seine kulturelle Authentizität beibehalten und zunächst seine eigenen Grenzen testen. Die andere Kultur darf einen nicht auffressen, das tut einem sonst nicht gut. Die eigenen Wurzeln kann man nicht verleugnen. Wem diese starke Gruppendynamik beispielsweise nicht gefällt, der muss sich ihr nicht unterwerfen. Es gehört auch dazu, diese persönliche Grenze höflich zu kommunizieren.

„Indonesier sind noch sehr obrigkeitshörig“

 

EXPAT NEWS: Wie würden Sie den indonesischen Arbeitsstil beschreiben?

Irmscher: Zum einen ist Zeit hier sehr dehnbar. Pünktlichkeit hat keine Priorität. Allerdings sind insbesondere die älteren Indonesier noch sehr obrigkeitshörig. Aber augenblicklich ist alles im Umbruch und auch westliche Führungsstile werden ausprobiert. Dennoch ist Selbstverantwortlichkeit für die eigene Arbeit noch nicht sehr weit verbreitet. Man wartet, dass der Chef einem sagt, ob man etwas richtig oder falsch macht. Dort gibt es für deutsche Expats die meisten Konflikte. Und Jasagen und Lächeln bedeutet bei Indonesiern nicht automatisch Zustimmung. Ich erlebe es immer wieder, dass Expats die Mimik der Einheimische völlig falsch verstehen. Lächeln tun Indonesier oft auch, um die Stimmung zu und ihr Gegenüber vor dem Gesichtsverlust zu bewahren. Zudem sollten ausländische Mitarbeiter sich nicht dagegen wehren, auch im Geschäftsleben über Privates zu reden. Es ist ein großer Fehler, Privates aus dem Beruf herauszuhalten. Indonesier wollen wissen, was für ein Typ man ist und insbesondere als Ausländer wird man permanent ausgefragt.

Irmscher_ToechterEXPAT NEWS: Planen Sie, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren?

Irmscher: Ja, wahrscheinlich werden wir gegen Ende der Grundschulzeit unserer Kinder, also in etwa vier Jahren zurückkehren. Viele Ausländer – unabhängig ihrer Herkunft – kehren wegen ihrer Kinder zurück ins Heimatland. Wir haben etwas Bauchschmerzen in punkto der hiesigen Schule und Bildung. Das System ist ganz anders als wir es in der westlichen Welt kennen. Eine gute Schule bedeutet für Indonesier, dass den Kindern dort Leistungsdruck bei einem immensen Pensum vermittelt wird. Familien geben wahnsinnig viel Geld für Nachhilfe aus. Teilweise sitzen die Kinder noch abends um Acht bei der Nachhilfe. Die Frage ist, wie viel Kindheit gönnt man Kindern? In Indonesien ist das chinesische Erziehungsmodell, bei dem es um strenge Disziplin und Erfolge geht, Vorbild. Leider gibt es hier keine deutschen Schulen, deswegen unterrichte ich meine Kinder zusätzlich zu Hause in Deutsch und Heimatkunde. Hinzu kommt, dass ich mit meiner Familie auch einfach gern mal in Deutschland leben möchte. Nach knapp 15 Jahren im Ausland sehne ich mich immer öfter nach einem Leben in der Heimat. Abgesehen davon, können wir uns auch vorstellen, für ein paar Jahre ein, sagen wir „globaleres“ Leben zu führen und mal in ein ganz anders Land zu gehen. Wir leben in einem Zeitalter, wo es im Vergleich zu früher immer einfacher wird, in und mit fremden Kulturen zusammenzuleben und wir möchten diese Gelegenheit gern nutzen. Wer weiß, wo es uns als multikulturelle Familie noch hinverschlägt?

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Über Silke Irmscher:

Mit ihrer Firma Jogja InterKultur bringt Silke Irmscher europäische und indonesische Kulturen zusammen und dient als eine Anlaufstelle für Geschäftsleute, Akademiker und Kulturschaffende aus Europa und Indonesien. In interkulturellen Trainings und Coachings vermittelt ihr Team Verständnis für die Lebenswelt von Menschen verschiedener Kulturen. Darüber hinaus organisiert Jogja InterKultur (inter-)kulturelle Projekte, Workshops und Veranstaltungen. Dabei greift es auf ein Netzwerk internationaler Institutionen aus dem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich zurück.

www.jogjainter-kultur.com/de

 

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