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„Nur wer sich selbst in Frage stellt, kann im Ausland erfolgreich sein.“

Wie werden Deutsche im Ausland wahrgenommen? Expat News sprach mit Elisabeth Altmann, Interkulturelle Trainerin beim BDAE e.V..

Expat News: Was bedeutet Interkulturelles Training?

Altmann: Die Bezeichnung ist sehr weit gefasst und recht abstrakt. Grundsätzlich wollen interkulturelle Trainings eines: interkulturelle Kompetenz fördern. Diese gehört zu den Schlüsselkompetenzen, die unabhängig von einer spezifischen Ausbildung in vielen Berufen gefordert werden. Sie ist aber nicht nur für Personen wichtig, die ins Ausland entsandt werden oder in offensichtlich internationalen Bereichen wie dem Tourismus arbeiten. Auch für Lehrer in multikulturell geprägten Schulen ist interkulturelle Kompetenz entscheidend geworden. Alexander Thomas, ein deutscher Psychologe mit dem Forschungsschwerpunkt interkulturelle Psychologie, definiert interkulturelle Kompetenz als die „Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren in Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln bei sich selbst und bei anderen Personen zu erfassen, zu respektieren, zu würdigen und produktiv zu nutzen.“

Expat News: Was heißt das konkret?

Altmann: Diese Fähigkeit setzt sich aus verschiedenen Teilkompetenzen zusammen. Natürlich muss spezifisches Wissen über andere Kulturen vorhanden sein, aber auch Interesse und Aufgeschlossenheit, Empathie und eine große Toleranz gegenüber Andersartigkeit. Zusätzlich müssen Kommunikationsfähigkeiten geschult werden. In gut konzipierten Trainings werden all diese Teilkompetenzen angesprochen und mit den Teilnehmern ausgebaut, damit sie künftig besser mit interkulturellen Situationen umgehen können. Ein einzelnes Training kann dabei allerdings nur ein Anstoß sein – manchmal ist dieser aber entscheidend. Uns ist besonders wichtig, dass die Trainings auch Spaß machen. Was man selbst in Übungen und Simulationen erfahren hat, bleibt viel länger und besser in Erinnerung als das, was man in einem theoretischen Vortrag gehört hat. Darauf setzen wir und konzipieren individuelle Trainings, ganz nach den Anforderungen unserer Kunden.

Expat News: Wann wurde Interkulturelles Training entwickelt?

Altmann: Erstmals kam es in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg auf, um Diplomaten und Entwicklungshelfer auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Während der Kriegsjahre hatte man die Erfahrung gemacht, dass amerikanische Diplomaten im Ausland zum Teil deshalb scheiterten, weil sie Sprache und Kultur ihrer Einsatzländer nicht kannten. Seit den 80er Jahren werden interkulturelle Trainings auch in Europa durchgeführt, aufgrund der Globalisierung der Märkte nimmt ihre Bedeutung seitdem kontinuierlich zu. Spätestens innerhalb des letzten Jahrzehnts kommt interkultureller Kompetenz ein sehr hoher Stellenwert zu. Viele Menschen verstehen nun, dass ein erfolgreicher Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen spezifische Einstellungen und Fähigkeiten erfordert. Das betrifft eigentlich jeden – vom Studenten bis zum Topmanager muss jeder mit Mitgliedern anderer Kulturen erfolgreich kommunizieren können.

Expat News: Warum ist die interkulturelle Kompetenz von Expatriates für entsendende Unternehmen von Bedeutung?

Altmann: Die Unternehmen möchten, dass ihre Mitarbeiter im Ausland für sie erfolgreich sind. Ein neues Werk soll aufgebaut, Systeme implementiert oder Wissen weitergegeben werden. Die Mitarbeiter sind jedoch im Ausland nicht in einer Blase, sondern interagieren natürlich täglich mit den dortigen Kollegen und Vorgesetzten. Dabei entstehen Konflikte, was ganz normal ist. Verhindert werden sollte jedoch, dass diese Überhand nehmen und die Arbeit des Expatriates negativ beeinflussen. Wenn sich etwa ein deutscher Projektleiter in Indien fragt, warum sein Team einfach nicht weiterarbeitet, wenn eine Maschine kaputt ist und ihn darüber nicht informiert, entstehen leicht Frustrationen.

Durch ein gezieltes länderspezifisches Training vor seinem Aufenthalt kann man später viele unangenehme Situationen verhindern und so den Aufenthalt für den Expat wesentlich angenehmer und erfolgreicher machen. Das kommt auch dem entsenden Unternehmen zugute. Vor allem aber kann so die Gefahr eines vorzeitigen Abbruchs des Auslandseinsatzes minimiert werden. Oft kommt es aufgrund von mangelnder interkultureller Kompetenz gar zu gescheiterten Geschäftsabschlüssen auf internationaler Ebene. Dann ist es neben der Frustration und der verlorenen Zeit auch noch bares Geld, das durch die Lappen geht.

Expat News: Welche typischen interkulturellen Probleme treten bei Entsendungen auf?

Altmann: Meistens ist es einfach der bekannte Sand im Getriebe: Insbesondere im Geschäftsleben gibt es viele ungeschriebene Gesetze, die man kennen und vor allem vor dem kulturellen Hintergrund des jeweiligen Gastlandes verstehen sollte. Dabei denke ich gar nicht so sehr an die bekannten Ratschläge dazu, wie Visitenkarten in China übergeben werden sollten und so weiter. Es geht vielmehr um einzelne Aspekte des Arbeitslebens. Wer muss wann mit wie vielen Details informiert werden, wie viel Eigenverantwortung und Eigeninitiative kann man von einzelnen Kollegen erwarten, wie direkt können Probleme und Fehler auch vor anderen angesprochen werden und wie wichtig ist etwa das Herstellen einer angenehmen Verhandlungsatmosphäre bei einem wichtigen Geschäftsabschluss? Selbstverständlich kann man auch nicht für jedes Problem kulturelle Faktoren verantwortlich machen. Oft spielen persönliche und situationsbedingte Kriterien eine Rolle. Aber ein Wissen über die eigenen kulturellen Werte und deutsche Kulturstandards ist für deutsche Expats für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt unabdingbar.

Expat News: Welche interkulturellen Fähigkeiten sollten besonders geschult werden?

Altmann: Aus unserer Sicht ist zunächst einmal sehr wichtig, sich selbst zurückzunehmen und Situationen zu beobachten. Der erste Schritt sollte immer eine Reflexion über eigene Werte und Verhaltenstendenzen sein. Was für uns völlig normal und selbstverständlich erscheint, ist es im interkulturellen Kontakt oft absolut nicht. Nur, wer sich auch einmal selbst in Frage stellt und Empathie entwickelt, kann im Ausland oder im Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen dauerhaft erfolgreich sein. Deshalb ist es uns so wichtig, in unseren Trainings auf typisch deutsche Kulturstandards einzugehen. Dabei geht es um die Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns, die von der Mehrheit der Mitglieder einer Kultur, also in diesem Fall in Deutschland, als normal und verbindlich angesehen werden. Diese Kulturstandards sollten Expatriates kennen, wenn sie ins Ausland gehen – ganz egal, wohin es sie verschlägt.

Auf der Basis dieses Wissens können sie dann ganz anders mit Situationen umgehen. Ein Beispiel aus persönlicher Erfahrung: Mit der bei uns oft praktizierten direkten Kommunikation stößt man im Arbeitsalltag in Südamerika sehr oft an Grenzen, erzeugt Unverständnis und wirkt sogar unhöflich und dominant. Dabei wollte man einfach nur klar seine Wünsche und Bedürfnisse aussprechen und nicht die Zeit des Gegenübers verschwenden.

Expat News: Wie werden Deutsche im Ausland gemeinhin eingeschätzt?

Altmann: Sehr interessant finde ich, dass viele Deutsche über sich selbst sagen – oder zumindest denken – dass sie ja „gar nicht so deutsch“ sind. In einem sehr guten Buch, das ich nur allen Deutschen empfehlen kann, die ins Ausland gehen, erklärt die Autorin, dass viele Deutsche nicht dem vermeintlich negativen Deutschlandbild entsprechen möchten, das – so vermuten sie – im Ausland vorherrscht. Es ist aber so, dass in vielen Ländern Deutsche gerade wegen unserer – dort gar nicht negativ besetzten – Charaktereigenschaften so geschätzt werden. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass für viele Deutsche Folgendes gilt: Wir bevorzugen direkte Kommunikation, sind sachorientiert, mögen Struktur und Regeln, eine strenge Zeitplanung und trennen unsere Persönlichkeits- und Lebensbereiche voneinander, ganz nach dem Motto: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Wer mehr über sich selbst erfahren möchte und sich für diese Themen interessiert, ist uns jederzeit in einem interkulturellen Training hier im Haus willkommen! Wir freuen uns auf interessante Gespräche und viele neue Erfahrungen.

Expat News: Was bieten Sie im Trainingsbereich an?

Altmann: Es sind verschiedene Trainings vorgesehen. Von allgemeinen Kultursensibilisierungs- Trainings über länderspezifische Vorbereitungen beispielsweise für einen USA-Aufenthalt bis hin zu Workshops für internationale Teams. Auf Wunsch konzipieren wir gerne auch ein individuelles Training.

 

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