Tourismus in Ägypten nimmt wieder Fahrt auf

Ägyptens Touristiksektor spürt langsam Aufwind. Er gehörte zu den besonders stark von den Umbrüchen betroffenen Wirtschaftsbereichen. Die Rückkehr der Reisenden sollte auch die Zurückhaltung bei den Investitionen überwinden helfen.

Ägyptens Tourismus strebt nach Normalisierung. Insbesondere nach den Präsidentschaftswahlen blickt das Land seit Jahresmitte 2012 wieder nach vorne. Mit Belegungsraten von 60 bis 70 Prozent befinden sich die Baderegionen Rotes Meer und Sinai im Vorwärtsgang. Schwächer sieht es noch für die Nilschiene aus, die vor allem vom Kultur- und Bildungstourismus abhängt. Für Kairo und Alexandria stellt die Erhöhung der Besucherzahlen weiterhin eine Herausforderung dar. Im Jahr 2012 erhofft man sich insgesamt immerhin 12 Millionen Auslandstouristen, die etwa 10 Milliarden US-Dollar an Devisen bringen sollen.

Dies liegt zwar noch klar unter dem Höhepunkt 2010 mit 15 Millionen Reisenden bei 12,5 Milliarden US-Dollar, überwindet aber den revolutionsbedingten Knick des Jahres 2011. Für die Branche scheinen die Belegungsraten nicht das Hauptproblem, sondern der eingetretene Preisverfall. Drei bis vier Jahre soll es dauern, bis die Preise wieder auf dem früheren Niveau angelangt sind, denn die Einbußen können nicht kurzfristig rückgängig gemacht werden.

Die Bautätigkeit im Touristikbereich erscheint stark reduziert. Dies gilt sowohl für große inländische Entwickler wie auch für ausländische, die meist aus der Golfregion stammen. Nur wenige neue Projekte sind in der Planung zuletzt fortgeschritten. Eine Reihe von Vorhaben wurde angesichts der politischen Umwälzungen und den damit verbundenen Einbrüchen der Touristenzahlen auf Eis gelegt und harrt nun der Wiederaufnahme. Etwa 20 größere Projekte, meist in einer Größenordnung von 100 bis 200 Millionen US-Dollar sind betroffen. Hierbei geht es um Hotels, Ferienanlagen, Golfplätze und ähnliche Projekte.

Das Konzept des billigen Massentourismus soll gezielt ergänzt werden

Der Investitionsstau sollte sich in den kommenden Jahren abbauen und Anlass für weitere neue Vorhaben geben. Die fortgesetzte Konsolidierung der politischen und Sicherheitslage vermittelt Zuversicht. Die Politik scheint sich im Klaren, dass die Weiterentwicklung des Tourismus eine der Grundbedingungen für einen nachhaltigen Aufschwung der Wirtschaft ist. Das Programm der regierenden islamistischen »Partei für Freiheit und Gerechtigkeit« (FJP) weist dem Tourismus eine führende Rolle zu.

Der Tourismusentwickler »Radamis for Hotels and Touristic Resorts« blickt optimistisch in die Zukunft und setzt auf Investitionen. Fünf Hotels werden auf dem Süd-Sinai in der beliebten Ferienregion Sharm El Sheikh gebaut. Das erste wird über eine Kapazität von 444 Zimmern verfügen, komplettiert durch den größten Wasserpark des Landes, wenn nicht im Nahen Osten. Die Fertigstellung ist für Oktober 2013 vorgesehen. Die anderen vier Hotels werden auf 800.000 Quadratmetern Land direkt am Roten Meer in Sharm gebaut, drei Hotels mit zusammen rund 3.300 Zimmern sowie ein Boutique Hotel mit etwa 200 Zimmern. Zudem entsteht eine 42.000 Quadratmeter große Lagune zwischen Strand, Promenade und Hotels. Die Fertigstellung soll 2015 erfolgen.

Die politische Umbruch- und touristische Ruhephase haben zu einen intensiven Prozess des Nachdenkens geführt, wohin und wie sich das Land am Nil touristisch entwickeln soll. Diversifizierung ist das Schlüsselwort. Das Konzept des billigen Massentourismus, der für wenig Geld nach Sonne, Strand und Meer strebt, soll ergänzt werden durch gezielte Vermarktung des Landes in Segmenten wie kaufkräftiger beziehungsweise Luxustourismus, Kurztrips, Öko-, Tauch- und Wüstentourismus, Nilkreuzfahrten oder Residenztourismus. Es fehlt an abendlicher Unterhaltungs-Attraktivität jenseits von Diskotheken. Kinos und Theater sollten die Angebotspalette erweitern.

Ägypten verfügt trotz der großen Bedeutung des Reiseverkehrs nicht über Hotelfachschulen

Für eine vor allem muslimische Klientel soll ein Halal-Tourismus gemäß Scharia angeboten werden, der von getrennten Stränden über das Burkini-Gebot bis hin zum Alkoholverbot reicht. Verbessert werden soll auch die medizinische Versorgung in den Feriengebieten.

Als notwendig gilt ein Rebranding des Landes mit Promotion bestimmter Regionen und Produkte. Zudem sollen neue Besuchermärkte erschlossen werden wie China, Indien oder Lateinamerika. Neue Destinationen, die sich zum Beispiel aus der Wiedereinführung der langen Nilkreuzfahrten von Kairo bis Luxor ergeben, bedürfen des Ausbaus der touristischen Infrastruktur, so in Städten wie Minya, Assiut oder auch Sohag. Hier bieten sich kleinere Hotels und Anlagen mit exzellenter Qualität an. Eine verbesserte Gästebetreuung gilt generell als erforderlich. Personaltraining zählt zu den Schwachpunkten, die Unternehmen geben in der Regel kein Geld für adäquate Schulung aus. Das Land verfügt trotz der großen Bedeutung des Reiseverkehrs nicht über Hotelfachschulen.

Regionalflughäfen sind neu zu bauen beziehungsweise auf internationale Standards anzuheben

Auch auf politischer Ebene gibt es großen Handlungsbedarf. Die Vielzahl involvierter Ministerien und Behörden erschwert nicht nur die Herausbildung klarer Leitlinien für den Tourismus. Vielfach behindern sich die Träger gegenseitig, hebeln sich aus und verhindern eine notwendige Transparenz. Ein Hohes Komitee für Tourismus in kontinuierlicher Kooperation mit dem Privatsektor wird als ein Lösungsansatz angesehen. Vor allem eine bessere Koordination der investiven Aktivitäten scheint vonnöten. Die angestrebten Zuwächse bei den Besucherzahlen erfordern gezieltere regionale und lokale Investitionen, damit die Vielzahl von Bauruinen nicht weiter wächst.

Quelle: zenith BusinessReport

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