Nordostbrasilien bietet viel Potenzial für deutsche Unternehmen

Der brasilianische Nordosten wächst wirtschaftlich seit Jahren über dem Durchschnitt, ist für deutsche Firmen aber noch weitgehend Neuland. Eine Geschäftspotenzialanalyse von Germany Trade & Invest (gtai) und der AHK São Paulo zeigt gute Chancen für die deutsche Industrie. Potenzial besteht unter anderem für Metallverarbeitung, Informationstechnologie, Petrochemie, Autoindustrie, Gesundheitswirtschaft und erneuerbare Energien. Niedrige Lohnkosten und eine gute Logistik machen die Region sehr attraktiv.

Am 14. November dieses Jahres hat die Außenhandelskammer (AHK) deshalb in São Paulo ein Büro eröffnet.

Bundesstaat Bahia entwickelt sich zum Wirtschaftsprimus

Beschränkte sich die Industrielandschaft dort bis vor kurzem auf das Chemie- und Kfz-Cluster in Camaçari bei Salvador (Bundesstaat Bahia), übernimmt nun der Bundesstaat Pernambuco die Rolle als neues Zugpferd der Wachstumsregion. Deutsche Firmen zeigten sich bislang zurückhaltend mit einem Engagement in Pernambuco, das lange als provinziell, wachstumsschwach und kriminalitätsbelastet galt. Doch die Lage hat sich in den vergangenen Jahren drastisch geändert. Der Bundesstaat hat sich vom Sorgenkind zum Klassenbesten der Region entwickelt. Seit 2005 wächst er kontinuierlich stärker als die brasilianische Wirtschaft im Durchschnitt und wird selbst im schwachen Jahr 2012 um über vier Prozent zulegen, während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) landesweit wohl nur um 1,6 Prozent steigt.

Rückgang von Kriminalität und Arbeitslosigkeit

Kein anderer Bundesstaat verzeichnet einen derartigen Boom im Konsum, der sich nach Prognosen in Pernambuco bis 2020 verdreifachen wird. Kriminalität und Arbeitslosigkeit gingen deutlich zurück und der Staat investiert entschlossen in eine effizientere Logistikinfrastruktur sowie in Ausbildung und Gesundheit. Mit dem Hafen- und Industriekomplex Suape wurde ein Vorzeigeprojekt für effiziente Logistikinfrastruktur aufgebaut. Gouverneur Eduardo Campos gilt als sehr ergebnisorientiert sowie unternehmensnah und wird bereits als Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2014 gehandelt.

Neues Werk von Fiat

Als Früchte dieser neuen Dynamik und Wirtschaftsorientierung zog Pernambuco bereits zahlreiche Großinvestitionen an, darunter die Riesenraffinerie Abreu e Lima von Petrobras, aber auch ein neues großes Werk von Fiat, die größte PET-Fabrik der Welt, drei Werften zum Aufbau der Flotte für die neuen Offshore-Ölvorkommen, ein Stahlwerk, ein Petrochemiepark und ein Pharmacluster.

Um das Geschäftspotenzial für deutsche Unternehmen messbar zu machen, haben Germany Trade & Invest und die AHK São Paulo vor Ort eine qualifizierte Geschäftspotenzialanalyse durchgeführt, in die gewichtet je nach Relevanz für die deutsche Wirtschaft die Indikatoren Geschäftspotenziale, Rahmenbedingungen, Förderinstrumente und Netzwerke eingingen. In die Bewertungen flossen neben ökonomischen Fakten (wie Statistiken und Marktdaten) auch Eindrücke aus Interviews vor Ort mit Unternehmen, Industrieverbänden, Wissenschaftseinrichtungen und Wirtschaftsförderern ein. Hinzu kamen die Ergebnisse bereits bestehender Untersuchungen.

Beim Branchenpotenzial erhielt Pernambuco 6,89 von 10 Punkten. Überdurchschnittlich gute Chancen bieten sich demzufolge für die Metallverarbeitung im Hafenindustriekomplex Suape. Nach Aussagen der dortigen Verantwortlichen fehlt es besonders an Zulieferern für die expandierenden Werften, die angesiedelten Wind- und Solarenergiefirmen sowie den Petrochemiepark und die Raffinerie. Besonders gefragt in diesem Bereich sind alle Produkte, die das Gießen, Zerspanen und Schmieden betreffen, der Kesselbau sowie die Produktion von Teilen für Maschinen und Ausrüstung. „Deutschland hat genau das, was wir brauchen“, sagt Silvio Leimig, Leiter des boomenden Industrieclusters Suape. „Wir begrüßen den Einstieg der AHK. So können wir deutsche Unternehmen besser auf die umfangreichen Möglichkeiten hier hinweisen“, so Leimig weiter.

Viele technische Hochschulen in Pernambuco

Pernambuco besitzt zurzeit 107 höhere Bildungseinrichtungen, darunter sind von besonderer Bedeutung: sechs Universitäten, neun föderale Institute für Bildung, Wissenschaft und Technolgie (IFPE) und 14 technische Hochschulen. Weitere neun technische Hochschulen befinden sich im Bau. Die Forschungsinstitute ITEP und IPA haben einen guten Ruf und mit dem Porto Digital besitzt Recife ein international erfolgreiches Entwicklungszentrum für IT. Daneben liegen die Schwerpunkte der akademischen Landschaft auf Kommunikation, Chemie, Physik, Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Gesundheit und Biologie.

Noch kein Netzwerk aus deutschen Unternehmen

Bei den Faktoren der kulturellen Nähe, Mentalität und Deutschlandbezug schnitt Pernambuco mit 6 von 10 Punkten ab. Ein positiver Faktor für deutsche Firmen ist das aktive, wirtschaftsnahe und gut vernetzte deutsche Generalkonsulat sowie das explizite Interesse an deutscher Technologie bei lokalen Entscheidern in Wirtschaft und Politik. Ein großes Netzwerk deutscher Unternehmen, wie das anderer Regionen, besteht in Pernambuco noch nicht. Neben BASF, Lanxess und Hamburg Süd ist die Diehl-Tochter Sappel do Brasil einer der wenigen Akteure mit deutschem Hintergrund. Auch die Mentalität im Nordosten liegt der deutschen tendenziell etwas ferner als im Süden und Südosten Brasiliens.

Insgesamt ergab sich bei der Bewertung des Geschäftspotenzials von Pernambuco für die deutsche Wirtschaft auf der Skala von 1 (kein Potenzial) bis 10 (Benchmark) ein guter Wert von 6,32, womit Pernambuco nur knapp hinter dem 2007 anlässlich der AHK-Eröffnung in Blumenau analysierten südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina liegt, der mit 6,56 Punkten abschnitt.

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