»Dürfte ich bitte eine Cola bestellen?«

Höflichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften Schweizer Bürger. Deutsche, die sich weiterhin in typisch direkter Manier verhalten, stoßen in ihrem Lieblingseinwanderungsland schnell auf Schwierigkeiten. Wie sich ihre Lebensqualität nach der Auswanderung ins Land der Eidgenossen verbesserte, erzählt uns Franziska Schmidt.

EXPAT NEWS: Sie leben seit fünf Jahren in Basel, in der Schweiz. Warum haben Sie sich für dieses Land entschieden?

Schmidt: Es ist mir eher passiert, als dass ich eine lang vorbereitete bewusste Entscheidung getroffen hätte. Mein damaliger Freund lebte in Basel und deshalb machte ich ein Praktikum im Rahmen meines Bachelor-Studiums der Europäischen Medienwissenschaft. Die Organisation, bei der ich hospitierte, veranstaltet einmal im Jahr ein Länderfestival, das ich mit organisierte und mir wurde für die Zeit nach dem Praktikum ein Job in Aussicht gestellt. Also entschied ich mich, zu bleiben. Ich wollte immer im Kulturbereich arbeiten und in der Schweiz ist Kultur wesentlich besser finanziert als etwa in Deutschland. Mein Lebensmittelpunkt war damals Berlin; aber Kultur und Berlin bedeutet im Grunde: kein Geld.

EXPAT NEWS: Sind die Schweizer wesentlich kunstbeflissener und kulturversierter als die Deutschen oder wie kommt es, dass dieser Bereich so stark gefördert wird?

Schmidt: Das würde ich so nicht sagen. Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass die Schweiz auf eine sehr lange Stiftungstradition zurückblickt und nach wie vor sehr viele Stiftungen besitzt. Beim wohlhabenden Bildungsbürgertum ist es Usus, ein Teil des Vermögens in Kulturstiftungen oder Theater und Opernhäuser zu investieren. Vor allem aber setzen sich die Kantone und Gemeinden sowie der Bund intensiv für die Kultur ein. Und dabei fördern die Schweizer nicht nur die großen Häuser, sondern durchaus auch kleinere Theater oder Kunstausstellungen in der Provinz. Ich habe allerdings beobachtet, dass das Interesse an zeitgenössischer Kunst bei den Schweizern größer zu sein scheint als bei den Deutschen. Außerdem werden in der Schule Musik und Theater sehr stark gefördert; das kenne ich aus Deutschland nicht so.

EXPAT NEWS: Mit welchen Startschwierigkeiten hatten Sie vor fünf Jahren zu kämpfen?

Schmidt: Eine große Hürde war für mich die Sprache. Zwar erwartet kein Schweizer, dass man als Ausländer Schwiezerdütsch lernt und spricht, aber man sollte es zumindest verstehen. Es ist schon erstaunlich, wie fremd man sich in einem Nachbarland fühlen kann, dessen Amtssprache Deutsch ist. Es ist auch nicht leicht, einheimische Freunde zu finden, denn viele kennen sich seit ihrer frühesten Kindheit und sind nicht unbedingt auf Zuwachs im Freundeskreis durch Ausländer angewiesen. Ich habe dann aber in Basel noch meinen Master im Kulturmanagement gemacht und während dieser Zeit mit einer Schweizerin in einer WG gelebt. So sind schließlich auch Freundschaften mit Einhei- mischen entstanden. Außerdem mache ich regelmäßig Yoga und habe dadurch Kontakte außerhalb des Kulturbereichs geknüpft.

EXPAT NEWS: Welche kulturellen Unterschiede gibt es zwischen Schweizern und Deutschen?

Schmidt: Die Schweizer sind wesentlich ruhiger, zurückhaltender und freundlicher als die Deutschen. Sie kommunizieren eher indirekt und legen viel Wert auf Konversation. Egal wo man anruft oder auch wenn man eine Aushilfe im Supermarkt etwas fragt, es gibt immer einen kurzen kommunikativen Austausch. Ähnlich wie bei den Amerikanern fragen die Schweizer ihr Gegen- über zunächst, wie es ihm geht. Uns Deutsche empfinden die Schweizer als sehr direkt – oft zu sehr, laut und unfreundlich. Zu Hause gelte ich seit je her als ein ruhiger bis zurückhaltender Typ. Meine Schweizer Freunde finden wiederum, ich sei sehr kommunikativ und keineswegs schüchtern. Das hat mir verdeutlicht, wie ausgeprägt die Gelassenheit in der Schweiz ist. Außerdem legen sie hier viel Wert auf Understatement. Reichtum wird nicht zur Schau gestellt und kann allenfalls an Subtilitäten festgemacht werden. Deutsche, die Geld haben und dies demonstrieren, empfinden die Schweizer oft als peinlich oder prollig.

EXPAT NEWS: Was schätzen Sie besonders an der Schweiz?

Schmidt: Das Land ist sehr arbeitnehmerfreundlich. Während man in Deut- schland nur Ganztages- oder Halbtagsjobs machen kann, gibt es hier die Möglichkeit, prozentual zu arbeiten. Das heißt, es gibt 40-Prozent- oder 70-Prozent-Stellen und so weiter. Zurzeit arbeite ich beispielsweise 40 Prozent für das Festival »Wildwuchs« und 60 Prozent bei »Stranger in company«, einer Künstleragentur, die ich gemeinsam mit ein paar Kolleginnen gegründet habe. Wir setzen genreübergreifend Theater-, Tanz- und Performanceproduktionen um, sorgen also für die Finanzierung und Kommunikation von Kunstprojekten. In der Schweiz treten viele internationale Kompanien und Operngruppen auf, weil das Interesse an zeitgenössischer Performance-Kunst sehr groß ist.

Ganz besonders schätze ich die authentische Schweizer Freundlichkeit. Neulich rief mich das Schweizer Bundesamt für Statistik an und ich erlebte das erste Mal, dass meine Antworten kommentiert wurden. Zum Beispiel wurde ich zu meinem Gesundheitszustand befragt, der glücklicherweise sehr gut ist und da hörte ich am anderen Ende der Leitung: ‚Das ist schön, dass Sie gesund sind!’. Auf die Frage, ob Ausländer in der Schweiz die gleichen Chancen haben sollten, wie die Einheimischen, antwortete ich, dass ich dafür sein müsste, weil ich ja selbst Ausländerin bin, sagte sie aus vollem Herzen: ‚Nein, Frau Schmidt, SIE sind Nachbarin.’ Das fand ich sympathisch. Man fühlt sich irgendwie geborgener durch diese menschliche, freundliche Art.

EXPAT NEWS: Können Sie sich vorstellen, für immer in der Schweiz zu leben? Welche anderen Länder reizen Sie noch?

Schmidt: Im Prinzip schon. Doch mich interessieren auch noch andere Orte, beispielsweise New York, Tel Aviv oder Skandinavien. Weniger vorstellen kann ich mir, in asiatischen Ländern, vor allem China, zu arbeiten. Die Mentalitätsunterschiede scheinen mir so gravierend zu sein, dass ich meine Art zu denken und zu arbeiten, deutlich ändern müsste. Grundsätzlich ist eine Rückkehr nach Deut- schland auch immer eine Option für mich. Ich habe sehr gerne in Berlin gelebt. Ich lasse alles auf mich zukommen und genieße die Freiheit der Wahl.

EXPAT NEWS: Die Schweiz ist das Lieblingsauswanderungsland der Deutschen. Was raten Sie potenziellen Auswanderern vor dem Schritt in die Ferne?

Schmidt: Auf jeden Fall sollte niemand auswandern, ohne vorab einen Job gefunden zu haben. Außerdem darf man sich nicht von der Bürokratie abschre-cken lassen; es sind zunächst unzählige Formulare auszufüllen, beispielsweise muss ein Ausländerpass beantragt werden. Und es ist sehr hilfreich, ein kleines finanzielles Polster zu haben, denn auch wenn der Verdienst in der Schweiz in der Regel gut ist, so ist und bleibt es ein ziemlich teures Land, vor allem in Bezug auf die Krankenversicherung.

Wer in die Schweiz zieht sollte sich zudem unbedingt in Zurückhaltung üben. Wir gelten bei den Eidgenossen als sehr direkt, bis hin zur Unhöflichkeit. Beispielsweise sollte man in einem Café bei der Bestellung niemals sagen ‚Ich kriege eine Cola.’, sondern besser ‚Dürfte ich bitte eine Cola bestellen?’. Für Gespräche jeglicher Art sollte man immer etwas mehr Zeit einplanen, denn Kommunikation ist wichtig.

EXPAT NEWS: Inwiefern haben Sie die bisherigen fünf Jahre in der Schweiz verändert?

Schmidt: Ich bin wesentlich entspannter, aber auch um einiges langsamer geworden als früher. Ich kann viel besser genießen als damals in Deutschland. Irgendwie habe ich hier ein stärkeres Sicherheitsgefühl, zu Hause ist die Existenzangst oft groß. In Deutschland zählt oft nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Hierzulande ist es völlig normal, manchmal bis zu zwei Stunden Mittagspause zu machen und diese mit den Kollegen zu verbringen. Selbst in großen Unternehmen scheint das Gang und Gebe zu sein. Und niemand erwartet, dass die aufgewendete Zeit für die Mittagspause am Ende des Arbeitstages wieder rangehängt wird. Meine Lebensqualität hat sich deutlich verbessert. Gleich nach dem Interview werde ich noch ein wenig arbeiten und dann springe ich in den Rhein, um mich an diesem heißen Sommertag etwas abzukühlen.

Kulturprojekte in Basel:

Cultures Scapes: Internationales Festival zum Erleben kultureller Landschaften. Im Mittelpunkt steht jedes Jahr ein anderes Land. (www.culturescapes.ch)

stranger in company: Künstleragentur für Theater-, Tanz- und Performance-Produktionen (www.strangerincompany.ch)

wildwuchs: Kulturfestival für Solche und Andere, also Minderheiten und Menschen mit Behinderungen (www.wildwuchs.ch)

 

Fotos: Jan Geerk, Franziska Schmidt