Geschäftlich erfolgreich im ostafrikanischen Ruanda

Auch in der Entwicklungs-Zusammenarbeit und beim Verhandeln mit internationalen Unternehmen wird eine interkulturelle Handlungskompetenz immer bedeutender. Vor allem dann, wenn man nachhaltige Projekterfolge vorweisen oder lukrative Geschäfte mit verschiedensten Wirtschaftsnationen abschließen will. Doch Ostafrika schien bisher noch nicht wirtschaftlich stark genug, als dass man auch hier ein gesteigertes Interesse oder gar viel Geld investierte, um Auslandsmitarbeiter auf ihren Geschäftsaufenthalt in den Ländern des subsaharischen Afrika in ausreichender Weise vorzubereiten. Dies geschah und geschieht in kleinem Maße nur im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Bemerkenswertes Wirtschaftswachstum

Ruanda hat es in den letzten Jahren jedoch zu einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Wachstum gebracht. Daher ist es möglich, dass auch Deutschland künftig mit diesem ostafrikanischen Kleinstaat verstärkt wirtschaftliche Beziehungen pflegen und Investitionen tätigen wird, die nicht nur im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit stattfinden. Dort sind interkulturelle Kompetenzen gefragt, die über die üblichen Do´s and Don´ts herausgehen, denn Ruanda hat eine schwierige und wechselvolle Geschichte. Es ist wichtig, dadurch bedingte gesellschaftliche Besonderheiten aufzuweisen, wenn Kooperationen erfolgreich verlaufen sollen.

Kultur und Kulturunterschiede in Ruanda

Wie in allen Kulturen sind auch in Ruanda naturräumliche, historische, demographische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Faktoren für die generelle kulturelle Prägung des Landes ausschlaggebend. Im tropischen Hochland Ostafrikas gelegen, weist Ruanda zu großen Teilen eine Hügellandschaft auf, die dem Land den Namen „Land der tausend Hügel“ eingebracht hat. Hauptsächlich durch Landwirtschaft geprägt, sucht Ruanda verstärkt eine ökonomische Entwicklung außerhalb des landwirtschaftlichen Bereichs – etwa in der Telekommunikation, im IT-Sektor und im Wissensmanagement – frei nach dem Vorbild Singapurs.

Dicht besiedelt, haben sich in letzter Zeit regionale Disparitäten zwischen Stadt- und Landbevölkerung verstärkt, die die kulturelle Entwicklung verändern und zu einer großen Binnendifferenzierung zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung führen. Diese extreme Stadt-Land-Abgrenzung braucht zentrumsnahe Bevölkerungsschichten und deren Zugang zu Ressourcen, Gesundheit, Bildung und besseren Arbeitsplätzen. Von einer starken Globalisierung angetrieben, beschleunigts sich auch die Übernahme westlicher Kulturelemente, so dass ein grundsätzliches Verständnis der ruandischen „Kultur“ erschwert wird. Somit ist ein Arbeiten im ländlichen Bereich wesentlich anders als in Kigali und eine Kooperation damit insgesamt stark kontextabhängig – je nachdem, ob man es mit dörflichen Strukturen oder Regierungsmitarbeitern zu tun hat. Viel stärker als bisher angenommen ist für ein Arbeiten und Leben in Ruanda daher eine hohe interkulturelle Handlungskompetenz bedeutsam. Dabei wird es den Deutschen naturgemäß leichter fallen, sich in der so genannten Oberschicht – also der außerlandwirtschaftlichen Gesellschaft städtischer Gebiete mit starker Orientierung zum westlichen Kulturraum –  zu bewegen.

Geschäftsbeziehungen eingehen

Ruanda gehört zum ostafrikanischen Kulturraum und somit tendiert die ruandische Gesellschaft wissenschaftlich gesehen zu Kollektivismus und Beziehungsorientierung, Kurzfristigkeit, geringer Unsicherheitsvermeidung, großer Machtdistanz, geringer Regelhaftigkeit, starker Hierarchieorientierung und einem indirekten Kommunikationsstil.

In kollektiven Gesellschaften und auch immer noch in vielen Bereichen der Zusammenarbeit mit Ruanda ist es üblich, dass vor dem Eingehen einer Geschäftsbeziehung zunächst ein Vertrauensverhältnis zu den anderen Teilnehmern der Gruppe aufgebaut werden soll, bevor man „zur Sache“ kommt. Ein harmoniefördernder Small Talk ist also immer wichtig. Doch dieser Kollektivismus, der sich auch in der bevorzugten Anstellung von Verwandten im Unternehmen äußert (Partikularismus) nimmt in der ruandischen Oberschicht ab. Dort wollen die gut verdienenden Individuen auch nicht unbedingt und langfristig für alle anderen Familienmitglieder finanziell aufkommen. Und so verhält es sich ähnlich auch mit der Pünktlichkeit (stark kontextabhängig: Geschäftstermin oder Party am Abend!) oder der Kurzfristigkeit: Müssen längerfristige Verabredungen nochmals kurzfristig bestätigt werden, gibt es auf höherem Niveau durchaus Ansätze zur Langfristigkeit. Dies ist etwa bei der sozialen Absicherung oder dem Aufbau eines Krankenversicherungssystems der Fall. Zudem gibt es Geschäftspläne für mehrere Jahre und Jahrzehnte.

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Basisinformationen Ruanda (Rwanda)

Flächenmäßig sehr klein, zählt Ruanda zu einem der am dichtesten besiedelten Ländern Afrikas mit einer erstaunlichen Vielfalt von Landschaften. 1994 erlebte das Land einen der schrecklichsten Völkermorde der Welt durch die Eskalation ethnisch-sozialer Differenzen in der Gesellschaft. Bis heute sind politische, wirtschaftliche oder soziokulturelle Entwicklungsaktivitäten stark vom Genozid geprägt.

Die Wirtschaft Ruandas befindet sich in einer stabilen Wachstumsphase. Aufgrund der geplanten Investitionen zur Behebung der Infrastrukturmängel kann künftig mit realen Zuwachsraten gerechnet werden. Von den Gebern ist auch in Zukunft mit steigenden Zuflüssen zu rechnen, da Ruanda einen recht guten Ruf hinsichtlich Wirtschaftsreformen und Armutsbekämpfung genießt.

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Nicht Nachahmen, sondern verstehen

Doch Vorsicht: Die Übernahme global gültiger Kulturelemente wie Pünktlichkeit, Zeitmanagement oder Langfristigkeit berührt häufig nur die sichtbare Dimension von „Kultur“ und läuft der eigentlichen kulturellen Prägung entgegen. Daher müssen Deutsche eben nicht nur die sichtbaren kulturellen Unterschiede wie Begrüßungsformeln oder äußere Formen der Verhandlungsführung im ruandischen Kontext beachten, sondern auch verstehen lernen, wie Geschichte und gesellschaftliche Prägungen die ruandische Kultur beeinflusst haben. Das erfordert eine hohe interkulturelle Sensibilität, die das Geflecht von unterschiedlichen Wirkungen auf Kultur und Kulturverständnis zu analysieren weiß, daneben mit sozialer Kompetenz ein Verständnis von kulturellen Unterschieden aufzubringen in der Lage ist und mit Empathie auf schwierige Situationen im interkulturellen Kontext reagieren kann.

Was man in Ruanda tun oder nicht tun sollte

Nun ist es häufig so, dass Fachkräfte der Entwicklungszusammenarbeit, Geschäftsleute oder auch Touristen eine Art „Leitfaden“ wünschen beziehungsweise „Fettnäpfchen“ vermeiden wollen, wenn sie nach Ruanda reisen. Dies darf jedoch nicht dazu verleiten, dass es „damit getan sei“ oder  dass man damit höchst interkulturell sensibel agiere:

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•    Kleiden sie sich sauber und ordentlich, das ist ein Ausdruck von Hierarchieverständnis und Respekt.

•    Reden Sie nicht oder wenig über die historische Vergangenheit, vor allem nicht als Geschäftspartner oder als Tourist, das heißt, wenn es nicht unbedingt sein muss.

•    Sie dürfen unterschiedliche Ethnien in Ruanda nicht öffentlich benennen.

•    Versuchen Sie, sich entweder in Englisch und/oder in Französisch zu verständigen. Am besten ist es, beides zu können. Die Beherrschung der Nationalsprache wird allerdings nicht erwartet, doch freuen sich die Ruander, wenn man einige Worte oder Grußformeln kennt.

•    Versuchen Sie, dem vielfach vorhandenen indirekten Kommunikationsstil zu folgen und nicht mit Gewalt ein „kommen wir mal zur Sache“-Stil zu fordern.

•    Verfallen Sie nicht in blinden Aktionismus und in Solidarität, indem Sie sich auf dem Land ebenfalls in einer Grasmatte schlafen legen oder auf ein Moskitonetz verzichten: beides wird man mit Verwunderung wahrnehmen!

•    Gleiches gilt für Deutsche, die keine Hausangestellte einstellen, weil sie dem „Kolonialismus“ nicht verfallen wollen: in diesem Fall wird sich diese Verhaltensweise als kontraproduktiv herausstellen und man wird als geizig bezeichnet werden.

•    Mit Kritik am Land oder gar an der Politik sollten Sie nur sehr vorsichtig sein.

•    Geschmäcker sind verschieden und sollten respektiert werden – dies gilt zum Beispiel für die Inneneinrichtung von reicheren Familien, Gaumenfreuden oder die „Autofrage“.

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Die Ruander wollen als Kooperationspartner ernst genommen werden

Seit dem furchtbaren Genozid von 1994 hat in Ruanda eine bemerkenswerte Wandlung in Richtung eines wirtschaftlichen Aufschwungs stattgefunden. Auch wenn eine Verbesserung der Lebensbedingungen sich zunächst hauptsächlich auf die städtische Bevölkerung konzentriert, können die Ruander mit Recht stolz darauf sein. Nicht zuletzt durch rigide Sicherheitsvorschriften, die Korruptionsbekämpfung und durch hohe Disziplinierung in der Arbeitswelt werden Ruander heute auch als Investitionspartner geschätzt. Dabei ist ein „Kolonialgehabe“ von Europäern oder Deutschen der garantiert falsche Weg, um zu einer guten und fruchtbaren Kooperation zu gelangen. Die mit hohen Qualifikationsanforderungen erreichte Fachkompetenz vieler Ruander in besserer Stellung ist in der Tat eine gute Ausgangssituation für Verhandlungen „auf Augenhöhe“.

Anpassung an die kulturellen Gegebenheiten in Ruanda heißt jedoch nicht die Aufgabe der deutschen Kulturwerte. Vielfach werden Deutsche insbesondere wegen ihrer Zielstrebigkeit, Strukturierung und Effektivität im Arbeitsleben und klarer Formulierungen geschätzt. Es ist natürlich alles eine Sache der Sensibilität im Umgang zueinander, dass man Integration nicht mit Assimilation verwechselt. Die (gezeigte) Offenheit, kulturelle Werte und Normen verstehen zu wollen, Einfühlungsvermögen und Geduld sind hier oft mehr wert als die Übernahme von falsch verstandenen Verhaltensweisen.

Die Ruander gelten als äußerst distanziert und verschlossen

Wenn man mit Vorurteilen dieser Art nach Ruanda kommt, kann das nur von Nachteil für die Kommunikation sein, den Projekterfolg gefährden und ein schlechtes Image der Deutschen in Ruanda prägen. Denn zunächst einmal ist es (fast) immer so, dass es durchaus einen Wahrheitswert hat, wenn man annimmt: „wie man in den Wald hineinruft, so wird einem herausgerufen“. Die Frage ist daneben auch: in welchem Kontext und gegenüber wem oder was sind die Ruander angeblich verschlossen? Nur den Deutschen beziehungsweise den Weißen gegenüber ? – die koloniale Vergangenheit ist nicht vergessen. Im Arbeitskontext? In Ihrer Familie?

Also Vorsicht mit derartigen Vorurteilen bzw. Stereotypen. Bei der interpersonalen Distanz – also der räumlichen Distanzeinhaltung (= Proxemik) – scheint Ruanda zunächst anderen afrikanischen Ländern ähnlich: sie gilt als tendenziell niedrig. Bemerkbar macht sich das beispielsweise im Schlangestehen in der Bank. Der hinten Stehende ist sehr nah! Doch betrachtet man traditionelle Formen der Distanzhaltung, so fällt auf, dass die disperse Siedlungsweise (Streusiedlungen; früher galt: eine Familie bewirtschaftet einen Hügel) in Ruanda auch heute noch gefühlsmäßig zu einer gewissen Distanzwahrung führt. Ähnlich wie in Deutschland versucht man seinen privaten Bereich gegenüber dem Nachbarn abzugrenzen. In Restaurants findet man häufig kleine Hütten vor, die einer Familie oder einer Gruppe vorbehalten sind und die sich von den übrigen Gästen abgrenzt. Also hier sind Überraschungen bei kulturellen Ausprägungen durchaus gegeben.

Interessanterweise ist in der neueren wissenschaftlichen Grundlagenforschung über Kulturdimensionen verschiedener Länder oder Ländercluster außerdem eine doch starke Ähnlichkeit der ruandischen mit der deutschen Kultur erkennbar, was die so genannte Hingabe und Beherrschung betrifft – ein starker Gegensatz zum Beispiel zu Westafrika und sogar zu Uganda, dem nördlich von Ruanda gelegenen Nachbarstaat. Überraschend, oder? Denkt man doch – wenn man Afrika hört – noch sehr in Schubladen und Stereotypen.

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Ruandas Platz in der Beherrschungsskala (Disziplin)*:

Ruanda: Rang 57
Deutschland: Rang 52
Uganda: Rang 33
Ghana: Rang 10
(Je höher der Rang, desto größer die Beherrschung)

*nach „Die sechste Kulturdimension“ von Hofstede: Indulgence versus Restraint

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Selbstwahrnehmung, Reflektion und Perspektivenwechsel

Die Wahrnehmung der eigenen kulturellen Prägung, Reflektion über kulturell bedingte Handlungsweisen und sich einmal in eine andere Kultur hineinversetzen – das sind Methoden, die interkulturelle Handlungskompetenzen erhöhen beziehungsweise erst möglich machen. Insbesondere in Ruanda empfiehlt es sich, auch einmal die eigene Sicht- und Handlungsweise in alltäglichen Situationen, bei Geschäftsverhandlungen und bei der Projektumsetzung zu hinterfragen. Wie würde man selbst reagieren, hätte man heute mit einer ähnlichen gewalt- und misstrauensgeprägten Vergangenheit zu leben? Wie würde man handeln, hätte man Existenzängste und Angst vor Verarmung, Hunger und Isolation? Die Ruander danken es uns, den „muzungus“ (= Weißen), wenn wir mit Geduld, Verständnis, Einfühlungsvermögen und Interesse an der ruandischen Kultur zu einer interkulturellen Verständigung kommen. Und für uns selbst ist es bedeutend, als Basis für Kooperation eine interkulturelle Sensibilität aufzubauen und damit uns selbst und unsere Persönlichkeit zu verändern und zu stärken.

Vorsicht: Vorurteile!

Ruanda ist sehr arm, die Menschen leben von der Landwirtschaft, es existiert eine geringe Produktivität der Wirtschaft, Hunger, Mangelernährung, AIDS!

Es stimmt, dass
– ein großer Anteil der Menschen diesem Bild entspricht
– fast die Hälfte des Staatshaushaltes von externen Geldgebern abhängig ist
– nur mit landwirtschaftlicher Aktivität die Bevölkerung schon jetzt nicht mehr ausreichend ernährt werden kann
– die Schulbildung noch nicht das Niveau europäischer Länder erreicht und vor allem nicht für alle Bevölkerungsschichten zugänglich ist (Sekundarschule)
– rund 80 Prozent der Bevölkerung als arm gelten können

Es stimmt aber auch, dass
– Ruanda als einziges Land südlich der Sahara seit 15 Jahren ein stetig ansteigendes Wirtschaftswachstum aufweisen kann
– über Auslandsinvestitionen in großem Umfang verfügt
– ein Krankenversicherungssystem nach europäischem Vorbild aufgebaut hat
– die Schulbildung besser organisiert ist als in vielen Nachbarstaaten
– dass Sicherheit herrscht, die Kriminalität insgesamt gering bleibt
– der Staatsapparat funktioniert (z.B. Gehälter gezahlt, Steuern verwaltet, Straßen gebaut werden usw.)

Die Autorin:

Dr. Eva Biele ist freiberufliche interkulturelle Trainerin für Ostafrika (mit dem Schwerpunkt Ruanda und Burundi). Sie arbeitet freiberuflich unter anderem für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ).

Kontakt: ik@bieleinterkulturelle-laendertrainings.de

Titelfoto: © Detelina Petkova – Fotolia.com

Fotos im Artikel: Dr. Eva Biele