„Es braucht Zeit, sich einzugewöhnen“

Viereinhalb Jahre lebte Johanna Horn in Dubai und Abu Dhabi, wo sie für diverse Hotels arbeitete. Warum es schwer war, Freundschaften zu knüpfen, welchen Schwierigkeiten sie zunächst begegnete und was ihr der Auslandsaufenthalt gebracht hat, erzählt sie im Interview.

Expat News: In welchem Land haben Sie gearbeitet?

Horn: Ich bin 2006 beruflich nach Dubai gegangen und habe dann später nach Abu Dhabi gewechselt. Dabei bin ich nicht etwa entsandt worden, sondern aus eigenem Antrieb ins Ausland gegangen und zwar zunächst als Director Catering & Events für ein gerade mal ein Jahr bestehendes Hotel.

Expat News: Was hat Sie damals gereizt?

Horn: Einerseits war ich ohnehin auf der Suche nach einer Herausforderung, andererseits hat mich das aufstrebende Emirat Dubai selbst und der völlig neue Hotelmarkt sehr fasziniert. Er war zum damaligen Zeitpunkt kaum vergleichbar mit der europäischen Hotelkultur – sehr dynamisch, schnell wachsend und mit einer hohen Fluktuation belegt. Von Deutschland nach Dubai zu gehen war zugleich das Verlassen meiner »comfort zone« und ein Weg, meine alten Strukturen aufzubrechen. Ich hatte zwar bereits ein wenig Auslandsluft geschnup pert, weil ich zuvor ein paar Monate auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitete. Aber das ist nicht vergleichbar mit einem Leben in einem völlig fremden Land.

Expat News: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert?

Horn: Die Reaktionen waren recht unterschiedlich. Meine Eltern beispielsweise waren natürlich traurig. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt auch nicht, wie lange ich im Ausland bleiben würde – mein Job hatte keine konkrete Befristung. Es gab durchaus die Befürchtung, dass ich da bleiben oder mir einen Scheich »angeln« würde. Im Freundes- und Kollegenkreis gab es auch viel Bewunderung für meinen Mut, ganz allein einen solchen Schritt zu wagen. Einige zeigten allerdings Unverständnis, weil sie nicht nachvollziehen konnten, weshalb ich als Frau unbedingt in die arabische Welt wollte. Dabei sind die Emirate sehr weltoffen; westlichen Frauen wird nicht etwa vorgeschrieben, ein Kopftuch oder ähnliches zu tragen.

Expat News: Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie vor Ort konfrontiert worden?

Horn: Schwierig war ganz allgemein die Phase der Eingewöhnung. Dummerweise bin ich auch noch direkt in der Zeit des Ramadans angekommen und war, was Essen und Trinken in der Öffentlichkeit anging, übervorsichtig. Dann machte mir das Klima anfangs zu schaffen. Wer wie ich aus dem hohen Norden stammt, empfindet auch die vergleichsweise niedrigen Temperaturen im Oktober in Dubai als noch ungewöhnlich warm. Als ich bei meiner Ankunft aus dem klimatisierten Flugha- fengebäude ins Freie trat, hat mich die Luft geradzu umgehauen. Ich dachte nur »Wo bist du denn jetzt gelandet?«

Expat News: Wie haben Sie soziale Kontakte geknüpft?

Horn: Das war gar nicht so einfach, denn aufgrund der vielen unterschiedlichen Kulturen gestaltet sich das Zusammenleben in den Emiraten ganz anders. Es ist ein einziger Schmelztiegel von Mentalitäten und Nationalitäten. Außerdem sind die Locals in einer absoluten Minderheit. Dies macht es auch schwerer, sich richtig einzugewöhnen. Wäre ich beispielsweise nach England oder in die Schweiz ausgewandert, hätte ich mich auf die landestypischen Dispositionen und Verhaltensweisen vorbereiten können. Natürlich gibt es nicht den Engländer oder den Schweizer, aber es gibt schon einen gewissen Querschnitt.

In Dubai habe ich das Zusammenleben häufig als eher oberflächlich und somit sehr gewöhnungsbedürfig empfunden, denn es ist schwer, dort Anschluss zu finden. Allein aufgrund der Tatsache, dass fast alle Ausländer nur für eine befristete Zeit dort leben, bleiben viele unter sich. Man überlegt sich ganz genau, mit wem man eine freundschaftliche Beziehung aufbaut, denn der- oder diejenige könnte bald wieder weg sein.

Expat News: Wie haben Sie schließlich Freundschaften geknüpft?

Horn: Durch meinen Job im Hotel habe ich schließlich zwei enge Freundinnen gefunden. In dieser Branche ist es generell oft so, dass Bekanntschaften im Arbeitsumfeld entstehen. Das ist ganz natürlich, denn in der Zeit, wo die Mehrheit der Menschen ihre Freizeit genießt, müssen wir in der Hotel- und Gastronomiebranche arbeiten. Deswegen wäre es für mich auch nicht möglich gewesen, Personen etwa durch einen Sportclub oder andere Aktivitäten kennen- zulernen. Wichtig war mir außerdem, mich nicht ausschließlich mit Deutschen zu umgeben; dafür gehe ich nicht ins Ausland. Dennoch: In der ganzen Zeit habe ich eigentlich nur einen einzigen Local als echten Freund gewinnen können.

Expat News: Das ist sicher mehr, als die meisten Expats in den Emiraten von sich behaupten können.

Horn: Möglicherweise ja.

Expat News: Gab es interkulturelle Konflikte beispielsweise bei der Arbeit? Und wie haben Sie sich auf solche Situationen vorbereitet?

Horn: Echte Konflikte habe ich nicht erlebt. Ich bin auch nicht schlechter behandelt worden, weil ich eine Frau bin. Die Emiratis sind inzwischen an westliche arbeitende Frauen gewöhnt, das ist grundsätzlich kein Problem. Es gibt auch eine Menge Local-Frauen, die mittlerweile einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Auf mein Leben in Dubai habe ich mich hauptsächlich durch Fachliteratur vorbereitet. Und aufgrund meiner Tätigkeit in der Hotellerie war ich den Umgang mit internationalen Gästen gewöhnt. Das hat sicherlich geholfen. Aber schlussendlich kann man sich nicht für alles präparieren. Wichtig ist, vor Ort die Menschen und ihre Verhaltensweisen zu beobachten, sich selbst etwas stärker zurücknehmen und nicht als Großkotz auftreten. Neben der kulturellen Barriere gab es ja auch noch eine sprachliche. Das Englisch-Niveau der Menschen ist sehr unterschiedlich, genauso wie die Dialekte.

Expat News: Sie haben dann entscheidend daran mitgewirkt, ein großes Hotel in Abu Dhabi zu eröffnen. Wo ist der Unterschied zum Nachbaremirat Dubai?

Horn: Abu Dhabi war schon eine Umstellung, denn in Bezug auf die moderne Entwicklung hat es zum damaligen Zeitpunkt Dubai hinterhergehinkt. Das hat es aber besonders reizvoll gemacht. So existierte beispielsweise noch der Altstadtkern; man lebte nicht auf einer Großbaustelle wie in Dubai. Entsprechend habe ich die Menschen als gelassener und weniger gestresst wahrge- nommen. Alles war familienfreundlicher; es gab sogar wesentlich mehr öffentlich zugängliche Strände. Rück- blickend habe ich mich in Abu Dhabi fast wohler als in Dubai gefühlt. Die Hoteleröffnung war aufregend, das Team familiärer und weniger anonym.

Expat News: Sie sind Mitte 2010 nach Deutschland zurückgekehrt?

Horn: Ja, auch in den Emiraten hatte ich irgendwann erneut das Gefühl, es wird zu komfortabel. Und ich hatte einfach das Gefühl, wieder nach Hause kommen zu wollen. Außerdem fehlten mir die Jahreszeiten sehr. Ab einem gewissen Punkt hielt mich nicht mehr so viel im Ausland. Hin und wieder packt mich aber das Fernweh. Ich könnte mir vorstellen, zum Beispiel eine gewisse Zeit in Südafrika zu leben.

Expat News: Was haben Sie aus Ihrer Auslandserfahrung am meisten mitgenommen?

Horn: Toleranz und Gelassenheit. Ich bin von Natur aus eigentlich ein ungeduldiger Mensch, aber in den Emiraten habe ich einige Lektionen gelernt. Manche Dinge kann man weder beschleunigen noch herbeizwingen. Seitdem ich das weiß, bin ich irgendwie unaufgeregter. Und durch das ständige Umgebensein von anderen Kulturen haben sich meine Sinne geschärft. Ich beobachte intensiver und lebe tatsächlich mehr Toleranz.