© Tom und Ella

„Wir haben den Kompass unseres Lebens neu ausgerichtet.“

Obwohl die zwei gebürtigen Leipziger ihre zweite Heimat im blauweißen Paradies Griechenland gefunden haben, zieht es sie immer wieder raus in die weite Welt. Während ihrer sechsmonatigen Weltreise 2017 haben sie Südamerika, Australien und Neuseeland erkundet. Was sie alles erlebt haben und welche Erfahrungen sie gesammelt haben, erzählen sie im Interview.

Expat-News: Was war der Auslöser für euch damals, eure Jobs zu kündigen und eine Weltreise zu machen?

Ella: Bis zum Zeitpunkt unserer Weltreise haben wir beide schon sieben Jahre gearbeitet. Unser Leben hatte seit der Schulzeit schnell Fahrt aufgenommen: Abitur, Studium, Diplom, Beruf. Da war gefühlt nie Gelegenheit zwischendurch mal Luft zu holen und bis auf die Urlaubstage nie Zeit für längere Reisen. Dabei lieben wir es ferne Länder zu entdecken und in fremde Kulturen einzutauchen.

Hinzu kam, dass wir beide in unseren Jobs nicht mehr glücklich waren. Wir erfüllten jeden Tag den Traum eines anderen und mussten Unternehmensentscheidungen mittragen, die wir nicht nachvollziehen konnten. Wir wollten innerhalb unseres Aufgabenbereiches mehr bewegen, merkten aber beide schnell, dass für neue Impulse und ein Blick über den Tellerrand gar kein Platz in den starren Hierarchien war.

Schon früh keimte der Wunsch in uns auf unser eigener Chef zu sein. Wir waren voller Ideen, nur diese gingen meist im durchgeplanten Alltag unter. Wir haben damals in Baden-Württemberg gelebt, unsere Familien waren über 500 Kilometer entfernt. Das hat uns als Familienmenschen mit der Zeit belastet. Besuche beschränkten sich auf Feiertage und lange Wochenenden. Jede Rückfahrt war eine Trennung auf Zeit und fiel uns sehr schwer.

Expat News: Gab es einen Schlüsselmoment?

Ella: Ja, es gab plötzlich eine schmerzliche Situation in unserem Leben, die uns bewegt hat, in uns hineinzuhören. Nach dem Tod meines Opas stellten sich uns vermehrt Fragen: Kann ich heute noch so weitermachen wie bisher? Welchen Platz möchte ich im Leben einnehmen? Welche Träume und Wünsche habe ich für die Zukunft?

Wir fingen an, unser bisheriges Leben immer mehr zu hinterfragen und beschlossen, es von nun an selbst aktiv zu gestalten. Diese Entscheidung zog ganz klare Konsequenzen nach sich. Wir kündigten unsere ungeliebten Jobs, gaben unsere Wohnung in Baden-Württemberg auf, verkauften unser Auto und zogen zurück in die Heimat. Außerdem wollten wir das Reisen nicht auf die Rente aufschieben. Daher setzten wir uns am 8. Juli 2017 unsere Backpacks auf und machten uns auf eine Reise, die wir uns so nie erträumt hätten.

Expat-News: Was war für euch am Schönsten und Einprägsamsten?

Tom: Vor allem wurde uns bewusst, mit welcher Geschwindigkeit wir in Deutschland gelebt haben. Schneller, höher, weiter, besser, arbeiten, Geld verdienen, Karriere machen, Haus bauen, Rente genießen. Manch einer hat gefühlt bis zu seinem Lebensende nicht einmal das Hamsterrad angehalten und Luft geholt.

„Es waren vor allem die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die uns am meisten bewegt haben.“

In Südamerika arbeiten die Menschen auch hart, aber sie tun dies mit einer Gelassenheit, die uns beeindruckt hat. Viele leben in sehr einfachen Verhältnissen und strahlen dennoch Zufriedenheit aus. Man genießt das Beisammensein in der Gemeinschaft. Man dankt „Pachamama“, Mutter Erde, jeden Tag, dass man am Leben ist und die Schätze der Natur genießen darf.

Es waren vor allem die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die uns am meisten bewegt haben. So viele Leute haben uns auf unserem Weg bestärkt, indem was wir tun und sie waren begeistert, als sie von unserer Weltreise erfahren haben.

Wir waren überwältigt von der Herzlichkeit und Flexibilität der Australier, die mehrmals im Leben ihre Häuser verkaufen und einfach woanders hinziehen und die dich mit einer Gastfreundschaft bei sich aufnehmen, als gehörest du zur Familie.

Expat-News: Gab es besondere Aha-Effekte?

Tom: Absolut. Es ist nicht in Worte zu fassen, welche landschaftliche Schönheit diese Erde für uns alle bereithält. Wir haben eine so facettenreiche Natur gesehen und waren mancherorts sprachlos, was Mutter Natur imstande ist zu schaffen.

Was bleibt, sind die Erinnerungen zum Beispiel an den mächtigen Vulkan Cotopaxi in Ecuador, die einzigartige Inselwelt von Galapagos, die Andenregion in Peru und unsere Tour durch die Salar de Uyuni, die größte Salzpfanne der Welt.

Tasmanien hat uns mit seinen Urwäldern und der lebhaften Tierwelt völlig verzaubert und im wunderschönen Neuseeland haben wir uns manchmal wirklich wie am Ende der Welt gefühlt. All diese Erlebnisse haben uns auch ein Stück weit geholfen, uns selbst und unsere „Probleme“ neu einzuordnen beziehungsweise anders wahrzunehmen.

Erst nach der Weltreise wurde uns so richtig bewusst, was man in einem halben Jahr alles sehen und erleben kann. Mehr als fünf Jahresurlaube wären dies in einem Angestelltenverhältnis gewesen. Der Begriff Freiheit hat für uns so eine ganz neue Bedeutung bekommen.

„Wir haben den Kompass unseres Lebens neu ausgerichtet.“

© Tom und Ella

Expat-News: Welche größten Hindernisse oder Probleme hattet ihr bisher auf Reisen?

Ella: Wir sind dankbar, dass wir bisher keine schlechten Erfahrungen auf Reisen gemacht haben. Lediglich unseren Aufenthalt auf Bali mussten wir damals stornieren, da der Vulkan Agung kurz vor einem Ausbruch stand. Wir blieben daraufhin in Australien, wobei die Umbuchungen und die Kosten vor Ort unser Weltreise-Budget ganz schön strapazierten. Da kommt man schon mal kurz ins Schwitzen. Aber rückblickend würden wir das eher als kleinere Hürden des Reisens bezeichnen. Auch in ärmeren Ländern erlebten wir nie eine brenzlige oder unangenehme Situation. Vielleicht hatten wir einfach kein Pech, zumindest haben wir immer versucht, uns an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Expat-News: Was habt ihr aus den Reisen bisher mitgenommen, gibt es zum Beispiel Lebensweisheiten, die für euch wichtig sind?

Tom: Der Spruch unseres bolivianischen Tourguides wird uns immer im Hinterkopf bleiben und hat unseren weiteren Lebensweg nachhaltig geprägt: „For everything there is a solution in life.“ Für alles im Leben gibt es eine Lösung, egal wie aussichtslos die Situation scheint. Wenn man sich dies zu Herzen nimmt, dann geht man seinen Weg, egal wie steinig er manchmal auch sein mag.

Diese Lebensweisheit hat uns auch gelehrt, niemals aufzugeben und an seine Träume zu glauben. Wenn man etwas unbedingt möchte, dann gibt es da draußen Kräfte, die dich in dem unterstützen, was du vorhast.

„Die Welt ist ein guter Ort ist mit vielen hilfsbereiten und liebenswerten Menschen.“

Wir haben schon während der Reise viel über den Sinn des Lebens nachgedacht, Prioritäten haben sich daraufhin verschoben. Uns wurde immer mehr bewusst, was wir möchten und was nicht mehr.

Expat News: Inwiefern?

Tom: Auf unserer Reise durch ärmere Länder sahen wir, dass es nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Wir haben daraufhin unseren Lebenskompass neu ausgerichtet, verfolgen konsequent unsere eigenen Ziele, konsumieren weniger, dafür nachhaltiger und streben ein minimalistisches Leben an.

Während unserer Weltreise haben wir außerdem gemerkt, dass die Welt ein guter Ort ist mit vielen hilfsbereiten und liebenswerten Menschen. Und dass es nur ein kleiner Teil der Menschheit ist, der versucht diese Harmonie zu stören. Viel zu oft entstehen dadurch Vorurteile über einzelne Länder, die durch die Medien noch gefestigt werden. Ein Gedanke des Reisens ist es daher, diese Vorurteile abzulegen und sich selbst vom Gegenteil zu überzeugen.

Expat-News: Als Paar länger gemeinsam auf Reisen zu sein ist manchmal bestimmt nicht einfach, man verbringt viel Zeit miteinander und es gibt Konfliktpotenzial. Wie geht ihr damit um?

Ella: Bis zu unserer Weltreise haben wir fast neun Jahre zusammengewohnt und in den letzten drei Jahren im gleichen Unternehmen gearbeitet. Daher war es für uns nicht ungewohnt, 24 Stunden beisammen zu sein. Natürlich gab es bei so viel Reizüberflutung auch Meinungsverschiedenheiten, die wir aber dank der Engelsgeduld von Tom gut bewältigt haben.

Wenn man auf engstem Raum so lange zusammenlebt und auch Hindernisse gemeinsam meistert, dann schweißt einen das noch mehr zusammen. Wir sind dankbar, all unsere Erlebnisse miteinander teilen zu können, immerhin möchten wir irgendwann unseren Enkeln noch davon erzählen.

© Tom und Ella

Expat-News: Wie bereitet ihr euch auf die Reisen vor?

Tom: Wir sind sehr strukturiert und lieben es, unsere Reisen akribisch im Voraus zu planen. Wir lassen uns unterwegs nicht komplett treiben, sondern fühlen uns einfach wohl, wenn ein grober Fahrplan für das nächste Abenteuer steht. Dennoch möchten wir beim Reisen flexibel bleiben und nehmen gerne auch Tipps von Einheimischen an oder erkunden spontan Dinge vor Ort.

Für die Reiseplanung besorgen wir uns meist noch ganz altmodisch Reiseführer vom jeweiligen Land und schmökern ausgiebig darin. Unsere Reiserouten legen wir über Google MyMaps an. Wir recherchieren nach Highlights und sehenswerten Orten und holen uns Inspiration von anderen Reisebloggern.

Soziale Medien wie Pinterest und Instagram nutzen wir auch zur Ideensammlung. Aus den ganzen Infos erstellen wir dann unseren Reiseplan und definieren einen Zeitraum für das jeweilige Land. Auch TV-Dokumentationen sind perfekt, um einen ersten Eindruck von einem Reiseland zu bekommen.

Expat-News: Was in Deutschland vermisst ihr am meisten, wenn ihr auf Reisen seid?

Ella: Um ehrlich zu sein, vermissen wir nicht wirklich viel. Dennoch waren wir überrascht, dass sich nach knapp drei Monaten ein wenig Heimweh bemerkbar machte. Auf längeren Reisen vermissen wir vor allem unsere Familie und Freunde. Egal ob es der selbstgebackene Kuchen der Mama oder die Lagerfeuermomente bei den Eltern im Garten sind. Wir sind gerne Zuhause und genießen die Gemeinschaft. Ja und auch wir geben zu, dass uns vor allem die leckeren Brötchen auf Reisen gefehlt haben.

„Lasst uns lieber langsamer reisen, aber dafür das Land intensiver kennenlernen.“

Expat-News: Welche Tipps könnt ihr anderen Reisenden geben?

Tom: In Zeiten von Instagram und Co. geht leider immer mehr der eigentliche Gedanke des Entdeckens auf Reisen verloren. Man dokumentiert für andere seine Erlebnisse und vergisst dabei einfach den Moment zu genießen. Wir alle sollten das Smartphone unterwegs mehr aus der Hand legen und den Zwang, alles mit den anderen teilen zu müssen ablegen.

Vor allem beim Thema Weltreise lohnt es sich einen Gang zurück zu schalten. Wir beobachten, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich darauf konzentrieren Reiseziele förmlich abzuhaken und einen Counter für ihre bereisten Länder anzulegen.

Dabei geht es beim Reisen nicht um Quantität, sondern eher darum in das Land und seine Kultur einzutauchen, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen, die Natur zu entdecken und mit der Zeit den Rhythmus des Landes anzunehmen. Lasst uns lieber langsamer reisen, aber dafür das Land intensiver kennenlernen. Dazu gehört auch, sich ein paar Worte in der jeweiligen Sprache anzueignen.

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Expat-News: Ihr möchtet nach Griechenland auswandern, warum gerade dieses Land?

Ella: Vor zehn Jahren unternahmen wir unsere erste gemeinsame Reise und sie führte uns ins blauweiße Paradies. Seitdem haben wir fast kein Jahr ausgelassen, Griechenland zu besuchen. Wir lieben vor allem die gelassene und entspannte Mentalität der Einheimischen. Die Griechen warten nicht auf die Rente, sie leben jeden Tag, als gäbe es kein Morgen. Es ist das griechische Lebensgefühl, die Wertschätzung gegenüber dem Leben, die auch unsere persönlichen Werte widerspiegelt.

Auf vielen kleinen Inseln lebt man ein einfaches und dennoch glückliches Leben. Die Menschen schätzen das Beisammensein und pflegen ihre sozialen Kontakte. In den Großfamilien unterstützt man sich gegenseitig, jeder hat seine Aufgabe und auch die alten Menschen werden in die Gemeinschaft integriert.

Griechenland ist für uns Lebensfreude und Genuss. Es wird viel gefeiert und getanzt, man sitzt abends beisammen und bekommt selbst nach 22 Uhr in der Taverne noch leckere griechische Gerichte und einen Wein serviert. Wir lieben das mediterrane Klima, den Sonnenschein, die türkisblaue Ägäis und dass es noch Strände gibt, die man ganz für sich alleine genießen kann.

Und wer einmal durch die weißgekalkten Gassen der Inselstädte flaniert ist, der kennt dieses magische helle Licht. Die griechischen Inseln sind für uns ein heiliger Ort auf dieser Welt und dort möchten wir in Zukunft Zuhause sein.

„Wir haben den Kompass unseres Lebens neu ausgerichtet.“

© Tom und Ella

Über Tom Ella Moments

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Auf ihrem Reise- und Fotografieblog tom-ella-moments.de berichten sie über alle Stationen ihrer Weltreise, geben nützliche Reisetipps und zeigen ihre Highlights aus 11.000 Foto-Momenten.

Homepage: https://tom-ella-moments.de/

Instagram: https://www.instagram.com/tom.ella.moments/