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Taiwan: Viel Leistung für wenig Geld

Wer in Taiwan krank wird, dem steht ein exzellentes Versorgungssystem zur Verfügung. Allerdings ist dessen Finanzierung von einer rasant alternden Bevölkerung bedroht. 

Taiwans Gesundheitssystem gilt als eines der fortschrittlichsten und effizientesten der Welt. Es steht jedem Bürger und ausländischen Residenten, darunter auch Auslandsstudenten und Expats, zur Verfügung. Grundlage des Versorgungssystems ist die 1995 gegründete National Health Insurance (NHS), über die mehr als 99 Prozent der Bevölkerung abgesichert sind. Es besteht eine Versicherungspflicht für alle in Taiwan lebenden Personen, also auch für Ausländer, die sich temporär im Land aufhalten. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, muss sogar Strafe zahlen (zwischen 100 und 500 US-Dollar).

Die NHS bietet weit mehr als einen Basisversicherungsschutz, neben der Notfallversorgung sind auch Leistungen im zahnmedizinischen Bereich, bei Schwangerschaft und Entbindung inbegriffen ebenso wie der Zugang zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Hinzu kommt, dass die Versicherungsbeiträge im Vergleich zu anderen westlichen Ländern äußerst niedrig sind. So zahlt beispielsweise eine vierköpfige Familie rund 75 US-Dollar pro Monat an Beiträgen, diese sind sogar steuerlich absetzbar. Nicht inbegriffen im Versicherungsschutz sind Leistungen bei Urlaubsreisen ins Ausland, Geschlechtsumwandlungen, Behandlungen bei Unfruchtbarkeit, Sehhilfen und Hilfsmittel (wie zum Beispiel ein Rollstuhl oder ein Hörgerät) sowie Medikamente für den Drogenentzug. Darüber hinaus haben Versicherte im ganzen Land freie Arzt- und Krankenhauswahl. Um in einer Klinik oder beim Facharzt behandelt werden zu können, genügt es, die Versichertenkarte vorzuzeigen. Die Karte erhalten Versicherte sobald sie bei der NHS gemeldet worden sind. Bei entsandten Arbeitnehmern muss der Arbeitgeber die Registrierung vornehmen, bei Schülern und Studenten ist die jeweilige Bildungseinrichtung zuständig und nicht erwerbstätige Angehörige sind in der Regel über den Partner beziehungsweise den erwerbstätigen Elternteil mitversichert. Für die Einreise von Ausländern verlangt Taiwan übrigens eine Gesundheitsuntersuchung inklusive HIV-Test.

Der Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung beträgt derzeit durchschnittlich 4,53 Prozent, der des Arbeitnehmers 1,41 Prozent bei einer Bemessungsgrenze von 182.000 taiwanischen Dollar (entspricht einem Bruttolohn von rund 5.070 Euro). 2013 wurde allerdings eine Zusatzprämie erhoben – sogenannte NHI2-Generation -, um das finanziell angeschlagene Versicherungssystem zu entlasten. Im Kern hat die Regierung die Basis der Prämienzahlung auf andere Einkommensarten, abgesehen vom Lohn, ausgeweitet. Dazu gehören etwa zweite Gehälter, Einkommen aus professionellen Diensten, Zinsen aus Sparguthaben, Dividenden, Boni und Mieteinnahmen. Seit Anfang 2016 wird außerdem auf Mehreinkommen, die 20.000 taiwanesische Dollar (circa 557 Euro) pro Zahlung übersteigen, eine Prämienzahlung von 1,91 Prozent fällig.

An gut ausgestatteten Krankenhäusern und qualifizierten Ärzten mangelt es in Taiwan nicht, Expats bevorzugen jedoch die privaten Krankenhäuser, da das Personal in der Regel besser Englisch spricht und auch mit der westlichen Medizin vertraut ist. Zu nennen sind exemplarisch das Taiwan Adventist Hospital, das Mackay Memorial Hospital, das Wang Fang Hospital das National Taiwan University Hospital. Allerdings übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung in der Regel die (oftmals höheren) Kosten nicht. Ausländische Arbeitnehmer sollten deshalb zusätzlich eine internationale Auslandskrankenversicherung abschließen. Etwas befremdlich mag es für Ausländer zudem wirken, dass in den Krankenhäusern seltener von Reinigungspersonal saubergemacht wird. Es wird erwartet, dass sich die Angehörigen, um die Hygiene der Patienten kümmern. Um es ihnen leichter zu machen, ist es in der Regel möglich, dass mindestens ein Verwandter beim Patienten im Zimmer übernachten darf, ohne dass dafür ein Privatzimmer gebucht werden müsste.

Taiwans Bevölkerung überaltert rapide

Experten befürchten, dass Taiwan den Standard seines Gesundheitswesens nicht mehr allzu lange aufrechterhalten können wird. Grund dafür ist die rasante Überalterung der Bevölkerung. Laut derzeitigen Erhebungen sind bereits jetzt etwa 12,5 Prozent aller Taiwanesen älter als 65 (zum Vergleich: 1993 waren es nur 7,1 Prozent) und das bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von gerade einmal 1,2 Kindern pro Frau. Einer aktuellen Reportage der Welt zufolge (8. August 2017) sollen es im Jahr 20160 bereits 31 Prozent sein (ähnlich hoch wie derzeit in Japan). Vor Kurzem gab es deshalb eine landesweite Debatte darüber, ob das Land ebenso wie Deutschland, Japan und Korea eine Pflegeversicherung einführen soll, allerdings entschied sich die Regierung dagegen. Immerhin wurde das Pflegegesetz reformiert, so „Die Welt“, und die vom Staat finanzierten Pflegeangebote speziell für ältere und behinderte Menschen erweitert. Dadurch seien jedoch die finanziellen Aufwendungen erheblich gestiegen: Für 2018 prognostizieren Experten einen Anstieg der Ausgaben um 852 Millionen auf 1,14 Milliarden Euro. Die Taipei Times weist überdies darauf hin, dass noch in diesem Jahr mindestens 10.000 Pflegekräfte benötigt werden, um alle betroffenen Alten zu versorgen.

Obwohl auch das Sozialversicherungssystem mit den westlichen Modellen mithalten kann, existiert zwischen Deutschland und Taiwan kein Sozialversicherungsabkommen, das beispielsweise die Ansprüche in der Renten- und Arbeitslosenversicherung in Deutschland sichern würde. Deutschen Entsandten in Taiwan könnten deshalb unter Umständen Versorgungslücken drohen. Das taiwanesische soziale Sicherungssystem besteht wie auch in Deutschland aus einer Rentenversicherung, einer Berufsunfähigkeitsversicherung und einer Arbeitslosenversicherung.

Rentenversicherung: Diese wurde erst 2005 etabliert und verpflichtet Arbeitgeber, für jeden Beschäftigten mindestens sechs Prozent des monatlichen Bruttolohns an Beiträgen abzuführen. Der Betrag landet auf einem individuellen übertragbaren Rentenkonto des Arbeitnehmers und kommt nicht wie in Deutschland der Allgemeinheit im Umlageverfahren zugute. Ein weiterer Unterschied zu Deutschland besteht darin, dass Arbeitnehmer ihren Rentenbeitrag freiwillig einzahlen können. Wer dem System nicht vertraut, verzichtet darauf und zahlt beispielsweise für eine private Altersvorsorge. Das Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 65 Jahren.

Berufsunfähigkeitsversicherung: Seit 2013 müssen Unternehmen mit mehr als 70 versicherten Angestellten einen Beitrag zur Berufsunfähigkeitsversicherung zu leisten, der sich an der ausgezahlten Versicherungsleistung in der jeweiligen Branche in den Jahren 2009 bis 2011 orientiert. Die Beiträge variieren zwischen 0,11 bis 0,99 Prozent des Bruttogehalts; Arbeitnehmer müssen nichts entrichten.

Arbeitslosenversicherungen: Leistungen aus dieser seit 1950 bestehenden Säule der Sozialversicherung sind neben dem Arbeitslosengeld auch Weiterbildungsangebote, die dabei helfen sollen, den Wiedereintritt in den Job zu beschleunigen. Arbeitgeber zahlen 0,7 Prozent und Arbeitnehmer 0,2 Prozent des Bruttolohns in die Arbeitslosenkasse ein. Parallel dazu existiert seit 1948 ein Arbeiterwohlfahrtskomittee, dessen wesentliche Aufgabe darin besteht, Aktivitäten, Fortbildungen und Kinderbetreuung für Arbeitnehmer zu fördern. Im Komitee sitzen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer. Beide teilen sich die Beiträge dafür, wobei der Beitrag von Firmen abhängig vom Umsatz maximal 0,15 beträgt und der von Mitarbeitern pauschal 0,5 Prozent vom Gehalt.

Fakten zum taiwanesischen Gesundheitssystem

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