© Privat

„Manchmal bin ich sehr an meine Toleranzgrenze gekommen“

Die Ärztin Dr. Melanie Menge ist letztes Jahr der Liebe wegen nach London gegangen. Welche Schwierigkeiten sie bei Jobsuche und Eingewöhnung hatte, wie das britische Gesundheitssystem beschaffen ist und wie sie mit dem „Brexit“ umgeht, erläutert sie im Interview.

EXPAT-NEWS: Sie hatten vorher eine feste Stelle als Oberärztin. In England mussten Sie beruflich also noch einmal ganz von vorn anfangen. Wie leicht beziehungsweise schwer ist Ihnen dieser Schritt gefallen?

Menge: Mein Partner und ich hatten fast drei Jahre lang eine Fernbeziehung und wir wollten gerne den Alltag zusammen verbringen, eine Familie gründen. Es war also an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen. Für die Liebe alles zurückzulassen, war im Grunde nicht weiter schwer. Man muss im Leben eben Prioritäten setzen. Der Teil hat auch sehr gut geklappt, wir verleben eine schöne Zeit zusammen und haben inzwischen eine fünf Monate alte Tochter.

Ich hatte in der Tat eine sehr gute Stelle in Deutschland, war finanziell unabhängig und hatte durchaus etwas Mufffensausen, das alles aufzugeben. Aber mein Partner lebt bereits seit 16 Jahren in London und hat eine sehr gute berufliche Position. Insofern war es für mich einfacher, nach London zu gehen als für ihn nach Deutschland zurückzukehren. Allerdings war ich etwas naiv, weil ich dachte, als Fachärztin mit Berufserfahrung würde es nicht schwierig werden, einen guten Job in London zu finden. Zudem hatte ich bereits Auslandserfahrung, denn ich habe je ein Jahr in Südafrika und Australien gelebt – kannte somit auch das angelsächsisch geprägte Umfeld. Doch es war dann weitaus härter als gedacht. Ich bin ja ohne Aussicht auf eine feste Stelle nach London gegangen und habe mir zunächst eine Auszeit genommen, um mich etwas umzuschauen. Ich musste dann aber feststellen, dass eine erfahrene Fachärztin zu sein, bei weitem nicht alle Türen öffnet.

„Es herrscht ein völlig anderes Bewerbungssystem.“

EXPAT-NEWS: Welche Schwierigkeiten hatten Sie konkret?

Menge: Das Schwierigste war, dass ich gar nicht an die richtigen Leute herangekommen bin. Man schickt in London nicht einfach Unterlagen an eine Klinik. Die meisten E-Mail-Anfragen blieben unbeantwortet. Es herrscht ein anderes Bewerbungssystem. Man sollte irgendjemanden kennen, der einem Türen öffnet, um die Bewerbung an den richtigen Ansprechpartner zu bekommen. Ich hatte allerdings keinerlei Connections hier in der Medizin und das ist doch vor allem in der Londoner Innenstadt ganz wichtig. Wenn dich niemand kennt, ist man auch ein Niemand. So kam ich mir zumindest vor.

Nach längerer Suche habe ich dann als Vertretungsärztin – als sogenannter locum doctor – beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS angefangen, wo ich in unterschiedlichen Krankenhäusern eingesetzt wurde. Ich bin HNO-Fachärztin mit der Zusatzausbildung Plastische Operationen. Das wurde hier leider nicht wirklich honoriert und ich war im Grunde überqualifiziert als ich als Junior Doctor mit Stationsarbeit anfing. In der Praxis sah es so aus, dass ich Arbeitsabläufe aus meinen ersten Ausbildungsjahren als Assistenzärztin in Deutschland durchführen musste, allerdings ohne wirkliche Einweisung – sozusagen ab ins kalte Wasser in einem komplett fremden Gesundheitssystem. Damals habe ich das deutsche System noch mal deutlich mehr zu schätzen gelernt – auch die Strukturiertheit in der Administration der Kliniken. In London hatte ich oft 12 Stunden Adrenalin pur.

Schließlich bekam ich ein Interview bei einem netten Chefarzt, der mir gute Ratschläge gab. Diese habe ich auch beherzigt und dann bekam ich eine Stelle in einer privaten Praxis, wo ich bis zu meiner Schwangerschaft arbeitete.

EXPAT-NEWS: Wie sind Sie und Ihr Partner mit den Rückschlägen umgegangen?

Menge: Ich bekam tolle Unterstützung von ihm, aber anfänglich war die Zeit schon schwer für mich. Ich hatte nur wenige soziale Kontakte, mein Partner war oft beruflich unterwegs. Daher musste ich viel mit mir selbst ausmachen. Natürlich war das auch für die Partnerschaft belastend, aber wir haben immer gesagt, dass die Familienplanung Priorität hat. Ich war mir zudem immer sicher, dass der Umzug nach London die richtige Entscheidung war.

EXPAT-NEWS: Inwieweit unterscheidet sich das britische Gesundheitssystem vom deutschen?

Menge: Das NHS hat sicherlich viele Vorteile, vor allem ist es für jeden einzelnen Bürger zugänglich und kostenfrei. Allerdings hat es eine noch größere Zwei-Klassen-Medizin hervorgebracht als sie in Deutschland bemängelt wird. Den staatlichen Einrichtungen fehlen Gelder und die Krankenhäuser sind chronisch unterbesetzt. Die Kluft zwischen gesetzlicher und privater Behandlung ist groß. Als privat Versicherter ist man geradezu König, wer gesetzlich versichert ist, muss sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen – manchmal bis zu einem Jahr, etwa bei nicht ganz so akuten Operationen wie dem Einsetzen eines neuen Hüftgelenkes oder für das Entfernen der Mandeln.

„Anders als in Deutschland gibt es keine niedergelassenen Spezialisten“

EXPAT-NEWS: Haben Sie als Ärztin auch Unterschiede in der Art zu arbeiten festgestellt?

Menge: Generell fiel mir schnell auf, dass Mediziner in Großbritannien viel akademischer arbeiten als ich es von Deutschland kenne. So sind die Ärzte hier viel stärker auf die Forschung konzentriert, was natürlich auch sehr wichtig ist und es gibt sehr viele Leitlinien, die sehr streng verfolgt werden. So war jedenfalls mein Eindruck. Ich bin eher die ‚Klinikerin‘, für mich ist angewandte Medizin wichtiger. Und öfter mal über den Tellerrand schauen und auch mal Leitlinien infrage stellen und individuell entscheiden, das finde ich wichtig, denn nicht für alle medizinischen Fälle gibt es nur den einen Weg.

Auch die Hierarchie spielt hier eine sehr große Rolle. Ich hatte oft Diskussionen mit Ärzten, die dasselbe Ausbildungsniveau hatten wie ich, aber sobald sie mein Schild mit der Position des Junior Doctors sahen, wurde ich nicht mehr ernst genommen. Manchmal bin ich sehr an meine Toleranzgrenze gekommen und ich habe mich oft missverstanden gefühlt, wollte aber nicht darauf hinweisen, dass ich eigentlich Oberärztin bin.

Anders als in Deutschland gibt es nicht wirklich das System der niedergelassenen Spezialisten. Diese verteilen sich hauptsächlich auf die Krankenhäuser und bevor man einen Facharzt konsultiert, muss man erst einmal zu einem General Practitioner gehen, also einem Allgemeinarzt. In deutschen Krankenhäusern geht es zudem sehr organisiert zu und wenn um acht Uhr morgens eine OP ansteht, dann stehen der Chirurg und sein Team pünktlich bereit. Hier habe ich es auch teilweise anders erlebt.

EXPAT-NEWS: Sie haben Ihre Tochter in London zur Welt gebracht. War es neben der besonderen Ausnahmesituation überhaupt ein Kind zur Welt zu bringen, eine zusätzliche, dies auch noch außerhalb der Heimat zu tun?

Menge: Ein Kind zur Welt zu bringen, ist etwas Wunderbares. Das Schwierige anfangs war eher, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. Es gibt keine Hausgynäkologen, wie wir es in Deutschland kennen. Die Überwachung der Schwangerschaft findet durch den GP, also Allgemeinarzt, und im Krankenhaus statt. Man wird dann hauptsächlich von Hebammen untersucht, einen Gynäkologen sieht man dann nur im Krankenhaus bei Schwierigkeiten – und auch nie denselben. Ab der 20. Woche haben wir uns eine private Gynäkologin gesucht, da ich beim BDAE privat versichert bin und diese Leistung inbegriffen ist. Somit hatte ich eine sehr gute Versorgung während der Schwangerschaft und Geburt, allerdings kostet dies hier ein Vielfaches im Vergleich zu der privaten gynäkologischen Schwangerschaftsbetreuung in Deutschland. Auch die Themen Nachsorgebetreuung nach der Geburt und Kinderbetreuung sind hier sehr viel anders. So gibt es einen stark eingeschränkten Hebammen-Service nach der Geburt. Zusätzliche Hebammenleistung kann man für viel Geld privat kaufen, von der Kinderbetreuung ganz zu schweigen.

Meine Familie und Freunde aus Deutschland während der Schwangerschaft und Geburt nicht dabeizuhaben, war schon traurig, aber mein Partner gab mir großen Halt. Durch die Geburtsvorbereitung habe ich andere internationale Frauen kennengelernt, die alle keine Familie hier und somit keine Unterstützung vor Ort haben. Diese Frauen sind mittlerweile mein soziales Netzwerk geworden und wir treffen uns regelmäßig.

EXPAT-NEWS: Für viele Deutsche ist London dennoch ein Traumziel. Was schätzen Sie an dieser Metropole, was wiederum mögen Sie nicht?

Menge: London ist in einzelnen Regionen Berlin recht ähnlich, aber deutlich größer. Architektonisch ist es eine sehr interessante Stadt mit einem besonderen Flair. Hier treffen noch mehr unterschiedliche Nationen aufeinander als in Deutschlands Hauptstadt. Zudem ist die Metropole reich an Kultur, Kunst und Musik. Andererseits macht London auch nur dann richtig Spaß, wenn man einigermaßen gut verdient, denn das Leben ist sehr teuer hier. Auch die Kluft zwischen Arm und Reich ist viel größer als wir es von Deutschland kennen. Hier gibt es sehr viele sehr reiche aber auch arme Menschen zu beobachten.

Ich glaube, die Stadt kann ein Traumziel für Berufseinsteiger sein, die Erfahrungen sammeln und Karriere machen wollen. Für die Familienplanung gibt es sicherlich andere bessere Städte auf der Welt.