psychologische Online-Beratung
© Klemens Lühr - psychologen-online

„Im Ausland einen Therapeuten in seiner Muttersprache zu finden, ist nahezu unmöglich“

Der Diplom-Psychologe Klemens Lühr hat vor etwa drei Jahren eine psychologische Online-Beratung ins Leben gerufen, über die sich auch Expats und deren Angehörige per Videochat aus dem Ausland beraten lassen können. Welche Themen sie bewegen und wie die Online-Psychologen helfen können, erzählt er im Interview.

EXPAT NEWS: Wie hoch ist der Anteil an Expats unter Ihren Klienten auf Ihrem Portal?

Lühr: Etwa jeder zweite Klient lebt zum Zeitpunkt der Beratung im Ausland. Zu ihnen gehören Expats, deren Angehörige, Freiwillige von Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel der OECD oder GIZ und auch Auslandsstudenten. Oft haben wir auch Anfragen von Paaren, die beide getrennt im Ausland leben und eine Fernbeziehung führen.

EXPAT NEWS: Wie ist der Geschlechteranteil unter den Personen im Ausland, die Sie konsultieren?

Lühr: Der ist recht ausgewogen, es gibt eine leichte Tendenz zu mehr Frauen. Meine Erfahrung ist, dass es ihnen leichter fällt, Rat von außen anzunehmen und dass sie generell einen leichteren Zugang zu Bewältigungsstrategien haben.

Einen gewissen Trend gibt es aber beim Alter. In der Regel sind unsere Klienten zwischen 25 und 45 Jahre, ältere Personen kontaktieren uns eher selten. Das hängt möglicherweise mit dem Online-Format zusammen, das einer jüngeren Zielgruppe vertrauter ist als den älteren Generationen und mit der Tatsache, dass in dieser Altersgruppe am meisten passiert: berufliche Entwicklung, Familiengründung und eben auch komplett neue Lebensabschnitte wie zum Beispiel der Auslandsaufenthalt.

„Manche Deutsche fühlen sich orientierungslos im Ausland“

EXPAT NEWS: Wie ist überhaupt die Idee zu diesem Format entstanden?

Lühr: Ich hatte die Idee schon vor zehn Jahren als ich selbst im Ausland lebte und als Freiwilliger für das Programm weltwärts in Nicaragua arbeitete. Damals beobachtete ich, dass einige der Helfer ihren Auslandseinsatz vorzeitig abbrachen. Auch wenn die meisten von ihnen gut vorbereitet waren, sich mit den Gegebenheiten und interkulturellen Besonderheiten vor Ort vorab auseinandergesetzt hatten, so kommt dann doch irgendwann die Krise. Plötzlich ist das Heimweh doch sehr intensiv oder man fühlt sich einsam und hat Schwierigkeiten mit fremden Wertvorstellungen und Lebensgewohnheiten.

Am Zielort einen Therapeuten oder Coach zu finden, der dann auch noch die eigene Muttersprache spricht, ist so gut wie unmöglich. Im Gesundheitsbereich gibt es immer mehr webbasierte Lösungen – vor allem in Skandinavien sind therapeutische Gespräche und medizinische Beratung schon lange auch online möglich, so kam ich auf die Idee, unser Angebot zu entwickeln. Gestartet sind wir vor gut drei Jahren zu Dritt und inzwischen besteht unser Team aus neun Therapeuten.

Wir beraten viele Freiwillige von Entsendeorganisationen, deren Träger gezielt auf uns zukommen, damit wir den Helfern helfen können, aber auch Studenten suchen unsere Unterstützung. Klassische Unternehmen kontaktieren uns eher selten, aber die Expats selbst kommen auf uns zu. Aus Unternehmersicht wäre es jedoch eine gute Investition, ihren Mitarbeitern im Ausland diesen Service einer externen Mitarbeiterberatung zur Verfügung zu stellen. Auch wir haben mehrere Unternehmenskunden, die ihren Mitarbeitern eine psychologische Beratung durch uns finanzieren – etwa um Ausfallzeiten zu reduzieren und insgesamt Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern.

EXPAT NEWS: Gibt es wiederkehrende, typische Probleme, die Deutsche im Ausland haben? Wenn ja, welche?

Lühr: Da gibt es durchaus eine große Bandbreite. Grundsätzlich sind psychiatrische und psychologische Probleme universell und nicht ortsgebunden. Oft haben die Personen im Ausland, die uns kontaktieren, unter den Folgen eines fehlenden sozialen Netzes zu kämpfen. Sie fühlen sich einsam oder orientierungslos, nicht richtig eingebunden oder angenommen. Häufig geht es den Partnern von Expats so, da diese oft keinen Job im Ausland haben und der Karriere des Partners zuliebe mitgekommen sind.

„Im Hinblick auf die Sicherheit ist Deutschland geradezu ein Ponyhof“

Wenn jedoch der Rückhalt durch das gewohnte soziale Umfeld fehlt, dann schlagen Stress- und Belastungssituationen stärker durch als unter normalen Umständen. Man hat die Ressourcen durch Familie und Freunde nicht direkt zur Verfügung und so kann sich eine kleine Krise zu einer großen auswachsen. Das wiederum hat Auswirkung auf die Harmonie und Stabilität der Partnerschaft und somit verstärken sich gewisse Probleme noch mehr und es droht sogar die Trennung.

Ein weiterer Aspekt, den viele Deutsche im Ausland belastet, ist das Sicherheitsgefühl. Plötzlich merkt man, dass Deutschland in punkto Gefahren geradezu ein Ponyhof ist. Viele Menschen belastet, dass sie sich im Ausland nicht so frei bewegen können wie zu Hause. In etlichen Ländern wie zum Beispiel in Brasilien oder Südafrika leben sie dann in sogenannten Gated Communities, die geschlossen sind und von Sicherheitspersonal überwacht werden. Diese buchstäbliche Eingrenzung wird dann schnell als Begrenzung der persönlichen Freiheit empfunden. Auch können sich Frauen oft nicht wie gewohnt abends alleine bewegen oder müssen ihren Kleidungsstil anpassen. Auch drohende Gewalt ist ein Thema, das viele sehr belastet. Ich habe einmal einen Botschaftsmitarbeiter beraten, der sehr darunter litt, dass sich in seinem Einsatzland in Afrika die Sicherheitssituation sehr verschärfte. Seine Partnerin lebte ebenfalls in einem unsicheren Land – das alles war irgendwann zu viel.

Expat News: Welche Probleme haben Studenten?

Lühr: Oft unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von denen, die zu Hause studieren. Es geht um Schwierigkeiten, die Abschlussarbeit oder die Dissertation fertigzustellen. Manche stellen auch fest, dass sie keine Freude an dem gewählten Studiengang haben, trauen sich aber nicht, vorzeitig abzubrechen. Dazu kommt, dass ein Studium ein hohes Maß an Selbstorganisation und Disziplin erfordert. Sind dann Eltern und andere Bezugspersonen weit weg, erschwert das die Situation noch mehr.

EXPAT NEWS: Was gibt es außerhalb der Sicherheitslage noch für typische Problem von Deutschen im Ausland?

Lühr: Oft sind es die kulturellen Unterschiede, die für Frustration sorgen. Erst kürzlich coachte ich einen Geschäftsführer einer Firma im mittleren Osten, der sozusagen noch einmal neu in seine Führungsrolle hineinwachsen musste und beklagte, dass es unmöglich sei, konstruktiv mit den kasachischen Mitarbeitern zu kommunizieren. Er sagte, dass er jeden Arbeitsschritt kontrollieren müsse und selbstständiges Arbeiten dem Personal völlig fremd schien. Er konnte sich schlicht nicht auf die Mitarbeiter verlassen, so klagte er.

Es stellte sich heraus, dass er zu wenig Offenheit gegenüber alternativen Arbeitsweisen und –abläufen zeigte, sehr viel bewertete und beurteilte („Die Leute sind faul, man muss sie triezen“). Wir haben dann den Fokus auf das Positive gelegt, auf all jenes, was bereits gut funktionierte und uns statt des Ärgers darauf konzentriert, welche Ursachen die vermeintlich schlechte Arbeitsmoral hatte. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass der Manager auch schon viele gute Erfahrungen gemacht hatte, auf denen er aufbauen konnte.

„Mit der Zeit fällt das Kartenhaus zusammen“

EXPAT NEWS: Hätte da nicht vorab ein interkulturelles Training schon geholfen?

Lühr: Diese Trainings sind gut für die Feinfühligkeit und um seine eigene kulturelle Brille abzusetzen, manchmal gehen sie aber in die gegensätzliche Richtung, weil ein Muster vermittelt wird, das die Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung drängt. Dann heißt es schnell bezüglich anderer Kulturen „Die sind halt anders“. Das verhindert manchmal, Optionen zu erarbeiten, wie man sein eigenes Verhalten möglicherweise anpassen kann. Trotz der Trainings haben viele Deutsche im Ausland eine defizitorientierte Betrachtung und sehen vor allem, was nicht funktioniert und wo Unterschiede ausbremsen. Diese Sichtweise ist aber oft kontraproduktiv, weil sie weniger auf die Auflösung von Konflikten zielt.

EXPAT NEWS: Wie kann man sich denn am besten auf den Kulturschock und etwaige Konflikte im Ausland vorbereiten?

Lühr: Ich beobachte oft, dass die Vorteile und der Nutzen des Auslandsaufenthaltes im Vorfeld nicht genug abgewogen werden. Jeder sollte sich fragen, ob er diesen Schritt wirklich gehen möchte, was er persönlich für sich daraus ziehen wird. Anfangs ist die Euphorie groß, aber nach kurzer Zeit kommen immer mehr Nachteile zum Vorschein und dann fällt das Kartenhaus in sich zusammen.

Es ist aber sehr wichtig, sich von Anfang an bewusst zu machen, dass die Ankommensphase dauert, man muss sich und den anderen Zeit geben, sich einzugewöhnen. Oft pegelt sich dann alles auf ein gutes Niveau ein. Manchmal muss man aber vielleicht auch erkennen, dass die attraktive Vision des Auslandsaufenthalts, die man anfangs hatte, auf Dauer nicht tragfähig ist. Je realistischer man an ein solches Vorhaben herangeht, desto eher ist man vor Enttäuschungen gefeit.

„Über die Aufgabe des mitreisenden Partners machen sich viele Paare zu wenig Gedanken“

EXPAT NEWS: Früher war der Regelfall unter Expats, dass der erfolgreiche Mann für Firma und Karriere ins Ausland ging, (Haus)frau und Kinder folgten ihm selbstverständlich. Heute liegt der Anteil der weiblichen Expats nach wie vor bei lediglich bei circa 20 Prozent. Demzufolge sind es immer noch überwiegend Männer, die für den Job die Heimat verlassen. Welche Paarprobleme bringt dies heute mit sich?

Lühr: Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich oftmals beide Partner im Vorfeld zu wenig Gedanken darüber machen, was die andere Person im Ausland machen wird, die nicht in einen Job eingebunden ist. Diese stellt sich vor Ort aber oft schnell die Sinnfrage und ihr fehlt eine Aufgabe. Diese Ungleichheit wird dann schnell als Ungerechtigkeit wahrgenommen. Dann kommt Frustration hinzu und das Paarthema ist schnell im Vordergrund. Sind überdies noch die Rahmenbedingungen ungünstig, steigt der Druck auf den arbeitenden Partner. Schwierige Rahmenbedingungen sind etwa fehlende Bezugspersonen wie Familie, Freunde oder Nachbarn, die einen in der Frustration auffangen. Insbesondere zu Beginn eines Auslandsaufenthaltes hat man sich noch kein soziales Netz aufgebaut, das vieles kompensieren könnte.

Paare sollten dann gemeinsam überlegen, wie sich der Partner ohne einen Job im Ausland anderweitig selbstverwirklichen kann, um einen Großteil der Unzufriedenheit zu nehmen. In der Fremde und ohne das gewohnte Umfeld wachsen sich viele Probleme erst richtig aus, weil der sonst vorhandene emotionale Puffer nicht da ist. Ein typisches Paarthema ist zudem der Nachwuchs.

Oft ist die Überlegung Kinder zu bekommen, dann erneut ein Anlass, den Auslandsaufenthalt zu überdenken. In risikoreichen Regionen kann es dann zu einem vorzeitigen Abbruch kommen, wenn Kinder geplant sind. Bei Paaren in stabilen Regionen wird der Auslandseinsatz wiederum auch schon mal zum Anlass genommen, eine Familie zu gründen.

Den Wohnort zu wechseln, bedeutet immer eine Kraftanstrengung

EXPAT NEWS: Berufliche Mobilität ist bei Fach- und Führungskräften inzwischen eine Selbstverständlichkeit und wird von den Arbeitgebern erwartet. Was hat das Ihrer Erfahrung nach für Auswirkungen auf die Psyche von Arbeitnehmern?

Lühr: Den Wohnort zu wechseln ist eine große Kraftanstrengung, denn zusätzlich zur neuen beruflichen Herausforderungen kommt die Schwierigkeit, neue Netzwerke aufzubauen, aber man kann nicht immer und überall ankoppeln. Wenn die emotionale Unterstützung durch die gewohnten Bezugspersonen ausbleibt, man niemanden hat, mit dem man sich austauschen kann, dann wird das zu einer nicht zu unterschätzenden seelischen Belastung.

EXPAT NEWS: Wie genau können Sie dann mit Ihrer Online-Beratung helfen? Sie sind ja genauso wenig vor Ort präsent wie etwa Freunde und Familie.

Lühr: Die Beratung findet in der Regel per Bildschirm statt, so dass der Psychologe und Klient sich sehen können. Gewisse Emotionen und Schwingungen sind auch auf diesem Weg spürbar. Aber ja, zu Anfang erscheint es den Betroffenen wie eine technische Barriere, doch nach ein bis zwei Sitzungen ist diese kaum noch präsent. Der Klient und Berater sind so stark auf das Thema konzentriert, dass die Technik überhaupt kein Hemmnis mehr ist. Voraussetzung ist allerdings, dass die Leitungen gut funktionieren. Im Erstgespräch klären wir zudem die datenschutzrechtlichen Gegebenheiten und weisen darauf hin, dass wir nur über eine sichere SSL-Verschlüsselung kommunizieren.

psychologische Online-Beratung

Die psychologische Online-Beratung kann bequem per Videochat stattfinden.

Die Online-Beratung hat große Vorteile, denn es gibt praktisch keine Wartezeiten. In Deutschland muss man in der Regel monatelang auf einen Therapieplatz warten und dann ist es auch noch aufwändig, die Finanzierung zu klären. Ich muss aber dazu sagen, dass wir keine klassische Psychotherapie anbieten, das ist in Deutschland online verboten. Wir sehen uns unter anderem als Lückenfüller, wenn jemand beispielsweise noch lange auf einen Therapieplatz warten muss. Wer etwa eine psychotische Episode hat, dem helfen wir auch, einen geeigneten Therapieplatz zu finden. Insgesamt bieten wir in erster Linie eine psychotherapeutische Beratung sowie ein Coaching an.

EXPAT NEWS: Sie waren selbst im Ausland in der Entwicklungshilfe unterwegs. Was haben Sie dort an typischen Problemen bei entsandten beobachtet?

Lühr: Eine ziemlich große Bandbreite, angefangen bei Erfahrungen mit Gewalt, ungewollten Schwangerschaften und Drogenmissbrauch. Vorzeitige Abbrüche der Entsendungen waren nicht selten. Vor allem junge Menschen sind öfter in Schwierigkeiten geraten, weil sie beispielsweise die Sicherheitslage falsch eingeschätzt haben, mitunter zu naiv waren oder einfach noch nicht die Sensibilität dafür entwickelt hatten, was erlaubt beziehungsweise angemessen ist und was nicht.

Ich war in Nicaragua, wo die persönliche Freiheit von Frauen stark eingeschränkt ist. Das hat viele Entwicklungshelferinnen verunsichert und einige sind auch sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen. Auch die Konfrontation mit der Armut war für viele nicht so leicht zu bewältigen, obwohl die Entsendeorganisationen in ihren Vorbereitungsprogrammen durchaus für das Thema sensibilisieren.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass vor allem viele junge Menschen in den 20ern und 30ern ins Ausland gehen. In dieser Alterspanne treten in der Regel die ersten psychologischen Krankheitsbilder und depressiven Phasen auf. Man ist ohnehin in einer Findungszeit und oft nimmt man dann die Probleme von zu Hause auch ins Ausland mit. Klassische Zukunftsfragen, wie ‚Was will ich eigentlich?‘, ‚Was passt zu mir?‘ stellen sich in diesem Altersabschnitt besonders häufig.

Die nächsten Probleme stellen sich dann oft nach dem Auslandsaufenthalt bei der Rückkehr in die alten Strukturen. Auch da haben viele Menschen Probleme, wieder richtig anzukommen und ihr neues altes Leben in Einklang zu bringen mit den in der Ferne gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen.

Über Psychologen Online:

psychologische Online-Beratung2015 setzte Klemens Lühr zusammen mit Psychologin Nora Thiemann sowie Lebensberaterin und Erziehungstrainerin Petra Hellmann (siehe Foto) die Idee zur Onlineberatung um und gründete psychologen-online.com. Inzwischen besteht das Team aus neun Beratern, die Menschen auf der ganzen Welt coachen und therapeutisch beraten.

Und so funktioniert das Angebot:

1. Interessierte suchen sich einen Berater aus und wählen einen freien Termin. Es kann auch angegeben werden, ob die Beratung per Webcam oder Telefon stattfinden soll. Darüber hinaus gibt es eine 24-Stunden-Hotline zur Terminvergabe.

2. Per E-Mail erhält der Klient eine Terminbestätigung und den Zugang zur gemeinsamen Sitzung.

3. Zum vereinbarten Zeitpunkt treffen sich Klient und Berater entweder zur Videokonferenz, am Telefon oder im Chat. Anschließend stellt der Berater per E-Mail eine Rechnung.