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Virtuelle Entführung: Eine reale Gefahr für Expats und Reisende

Die virtuelle Entführung beziehungsweise das virtuelle Kidnapping ist ein Betrugsdelikt, bei dem die Täter den Anschein erwecken, einen Familienangehörigen entführt zu haben. Ihre Wurzeln hat die virtuelle Entführung in Mexiko. Von dort breitete sich diese Variante zunächst innerhalb Lateinamerikas aus, schaffte aber recht schnell den Sprung auf andere Kontinente.

Zunehmend tritt dieses Delikt auch in Industrienationen auf. Im vergangenen Jahr warnte das FBI vor einer Zunahme der Fälle in New York. Inzwischen gibt es in den meisten US-Bundesstaaten regelmäßig Fälle von virtuellem Kidnapping. Interessant ist, dass dieses Betrugsdelikt sogar in Ländern präsent ist, in denen es nahezu keine Entführungen gibt, unter anderem in Singapur.

Täter benötigen nur wenige Anhaltspunkte

Vier Voraussetzungen benötigt der Täter, um erfolgreich zu sein: Er muss Informationen zum angeblichen Opfer (unter anderem aus sozialen Netzwerken) und die Telefonnummer der Familienangehörigen beschaffen. Ferner muss er verhindern, dass die Opferfamilie das vermeintliche Opfer oder die Polizei kontaktiert sowie glaubwürdig den Eindruck erwecken, dass er tatsächlich ein Entführungsopfer in seiner Gewalt hat.

In den einfachen Fällen rufen die Täter listenweise Personen auf „gut Glück“ an. Die Anrufe erfolgen teilweise aus mexikanischen Gefängnissen mittels Mobiltelefonen. Bei 20-30 Telefonaten am Tag genügt bereits ein erfolgreicher Anruf, bei dem der Angerufene das Geld an einen Komplizen übergibt.

Virtuelle Entführung betrifft auch Kinder

Da diese Masche leicht zu durchschauen ist, gibt es ausgeklügelte Varianten. Der Täter ruft beispielsweise ein Kind auf dem Handy an und hält es mit dem Hinweis auf den Gewinn eines Computerspiels in der Leitung, erfragt die Handynummer der Eltern. Da das Handy des Kindes besetz ist, können die Eltern das Kind nicht erreichen. Um nun gegenüber den Eltern den Eindruck zu stärken, man habe das Kind in seiner Gewalt, nutzen die Täter unterschiedliche Methoden. Mittels Recherche in den sozialen Netzwerken wissen sie, wo das Kind zur Schule geht und geben vor, man habe die Eltern beim Absetzen des Kindes beobachtet. Dies, gepaart mit Schreien eines Kindes vom Band reicht meistens aus, die überraschten Eltern von der Ernsthaftigkeit zu überzeugen.

Die geforderten Summen liegen in der Regel bei mehreren tausend Dollar, also einer leicht zu beschaffenden Geldmenge. Die Täter setzen ein sehr kurzes Ultimatum von ein bis zwei Stunden. Ein Komplize holt am vereinbarten Übergabeort das Geld ab oder lässt es auf ein Auslandskonto transferieren. Häufig muss der Familienangehörige, der das Geld überbringt, am Mobiltelefon verbleiben, damit nicht das Opfer oder die Polizei kontaktiert werden kann.

Eine andere Variante besteht darin, einen Hotelgast zu kontaktieren. Der Täter gibt sich als Polizist aus und erklärt, man habe Informationen, dass ein Drogenkartell seine Entführung plane. Der Hotelgast wird aufgefordert, sich in ein anderes Hotel zu begeben und gebeten, sein Handy abzugeben, da das Kartell das Handy auch im ausgeschalteten Zustand überwachen und orten könne. Kaum im neuen Hotel im Zimmer angekommen wird das Opfer instruiert, mit niemanden zu sprechen und der “Polizist” bittet um die Telefonnummer der Familienangehörigen, um diese zu informieren, damit sie sich keine Sorgen machen. Die Familie erhält dann einen Anruf mit einer Lösegeldforderung. Dies passierte beispielsweise in ähnlicher Form einer spanischen Band während einer Tournee in Mexiko.

Prävention und richtiges Verhalten minimieren Risiken

Wie immer ist das Wissen um die Existenz solcher Delikte und die Tätertaktiken ein wichtiger Schritt zur Prävention. Vermeiden Sie es, Informationen wie Telefonnummern in sozialen Netzwerken preiszugeben. Sie sollten wissen, wo sich Ihre Familienangehörigen aufhalten.

Grundsätzlich ist zunächst von einer realen Entführung auszugehen. Versuchen Sie das Tempo aus dem Fall zu nehmen und Zeit zu gewinnen. Fordern Sie, mit dem Opfer zu sprechen oder einen anderen Lebensbeweis. Lassen Sie sich zumindest das Opfer beschreiben. Versuchen Sie, auf unterschiedlichen Kanälen Kontakt zum Opfer aufzunehmen und die Polizei zu informieren.

Der Autor:

Pascal Michel ist Geschäftsführer der auf Sicherheits- und Krisenmanagement spezialisierten SmartRiskSolutions GmbH. Er berät Firmen, die im Ausland tätig sind, in Sicherheitsfragen, schult Geschäftsreisende und Expats im sicherheitsgerechten Verhalten und unterstützt Unternehmen im Krisenmanagement.

Kontakt zum Autor unter www.smartrisksolutions.de