„Auf dem Weg nach Bolivien wusste ich, das werden absolute Ausnahmejahre“

Björn Wangemann hat praktisch sein gesamtes bisheriges Leben dem internationalen Sport gewidmet und arbeitete für unterschiedliche Sportverbände, unter anderem in Guatemala, Portugal, Großbritannien, Monaco und Uruguay. Welche Rolle der Sport für die interkulturelle Verständigung hat und wie ihn die vielen Jahre im Ausland geprägt haben, erzählt er im Interview.

Expat News: Sie haben fast ihr komplettes Erwachsenenleben im Ausland verbracht – vorwiegend in Südamerika, Portugal, Monaco und London. Seit Ende letzten Jahres leben Sie wieder in Deutschland. Wie sieht ihr erstes Fazit bezüglich des neuen Lebens in Ihrer alten Heimat aus?

Wangemann: Ich habe das Gefühl, dass das heutige Deutschland ein ganz anderes ist als jenes, das ich 1974 verlassen hatte. Ich bin positiv überrascht und spüre, dass sich etwas signifikant verändert hat. Es ist ein neues Deutschland, in dem die Menschen lockerer, offener und freundlicher sind. Der Umgang miteinander ist wesentlich entspannter als damals. Offenbar hat die 68er Bewegung dafür gesorgt, konservative Strukturen nachhaltig aufzubrechen. Meine Frau und ich leben in einem Randgebiet in Berlin, das ich früher als spießig bezeichnet hätte, aber überall begegnen mir kontaktfreudige Menschen.

Expat News: Sie gingen Anfang 1974 nach Guatemala. Wie kam es dazu?

Wangemann: Nach meinem Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln war ich an meinem alten Hamburger Gymnasium als Lehrer tätig und studierte nebenbei noch Biologie und Geologie auf Lehramt, da ich nicht nur der „Turnlehrer“ sein wollte. Ich wollte aber mehr als das und sparte schon seit geraumer Zeit auf eine Weltreise. Zusammen mit einem Freund wollte ich im VW-Bulli die Welt bereisen. Leider sprang der Freund aus Geldgründen ab und ich beschloss, alleine mit dem Rucksack den Globus zu erkunden. Mein Plan war es, zunächst in Südamerika zu starten. Der Kontinent faszinierte mich enorm, da mein Dozent an der Sporthochschule, Ulrich Jonath – übrigens ein Urgestein der Sportentwicklungshilfe – mich und meine Kommilitonen für das Ausland begeisterte. Er sagte immer: „Geht nach Südamerika.“

Um mir Tipps für die Reise zu holen, rief ich ihn an und kurz vor Ende des Gesprächs fiel ihm etwas ein: Das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) suchte eine Vertretung für eine Trainerfortbildung in Honduras, ob das nicht etwas für mich wäre. Direkt nach diesem Gespräch fuhr ich nach Bonn zum Innenministerium, um mich als Vertretung zu bewerben. Die Ministerialräte wollten mich sofort nach Honduras schicken, mussten allerdings zugeben, dass sie so kurz vor Weihnachten keine Geldmittel für den Hin- und Rückflug sowie die Hotelkosten vor Ort beschaffen konnten. Ich zeigte Risikobereitschaft und bot an, die Kosten zu verauslagen. Glücklicherweise hatte ich ja meine Weltreise-Ersparnisse. Also ging ich am nächsten Tag zum Reisebüro und buchte für 4.000 DM einen Flug nach Honduras.

„In Honduras spürte ich, dass ich für den deutschen Schulbetrieb verloren war“

Expat News: Offenbar hatten Sie einen guten Vertretungsjob gemacht, denn kurz darauf kam ein Angebot vom NOK, für mehrere Jahre Trainer für den Leichtathletikverband in Bolivien auszubilden sowie nachhaltige Verwaltungs- und Organisationsstrukturen im Sport aufzubauen.

Wangemann: Schon nach den ersten Tagen in Honduras spürte ich, dass ich für den klassischen Schulbetrieb verloren war. Ich war derart fasziniert von Mittelamerika, von den Menschen, der Musik, dem Essen. Dieses neue und so andere Lebensgefühl dort hatte einfach etwas für sich und ich war wie elektrisiert. Also nahm ich das Angebot an und blieb bis 1977 in Bolivien.

© lassedesignen - Fotolia.com

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Expat News: Damals war eine Berufstätigkeit im Ausland noch eine Seltenheit. Wie haben Sie sich vorbereitet, gab es dabei Unterstützung?

Wangemann: Damals war es üblich, an vorbereitenden Maßnahmen des  Auswärtigen Amtes teilzunehmen. Dabei handelt es sich um eine Art Intensivkurs in Landeskunde, interkultureller Vorbereitung und  Projektmanagement, alles verbunden mit einem Sprachkurs. Dort bekam ich auch hilfreiche Ratschläge, wie ich mich vor Ort am besten integriere und keine typischen Anfängerfehler mache.

Expat News: Die da wären?

Wangemann: Ich habe schnell gemerkt, dass viele Kollegen damals sich sehr wichtig vorkamen, man bekam ja auch viel geboten: ein Dienstauto, ein Haus, teure Flüge und so weiter. Wenn man aber akzeptiert werden will, dann sollte man möglichst bescheiden auftreten, dazu gehörte für mich auch, dass ich als Single nicht in einem großen Haus lebte, mir reichte eine Wohnung in La Paz. Ich erinnere mich noch gut wie ich mir beim Abheben meines Fliegers in Frankfurt sagte: „Björn, das werden absolute Ausnahmejahre. Genieße sie und vergiss nicht, dass Du hier einmal wieder landen wirst.“ Es war auch eine Art Selbstschutz, um später wieder in das alte, „normale“ Leben zurückzukehren. Ich wollte mich auch nicht an die vielen luxuriösen Annehmlichkeiten gewöhnen. Manch einer kehrte aus einem goldenen Käfig zurück und kam mit diesem Bruch nicht klar. Das sollte mir nicht passieren.

Expat News: Bescheidenes Auftreten in Südamerika schützt Sicherheitsexperten zufolge auch davor, etwa Opfer von Entführern zu werden.

Wangemann: Wohl nicht immer.Tatsächlich ist mir das in Bolivien passiert, allerdings vor 15 Jahren, als ich lediglich zu Besuch an meiner alten Wirkungsstätte war. Ein scheinbarer Polizist und seine Komplizen zogen mich in Cochabamba in ein falsches Polizeiauto und erleichterten mich unter Waffenandrohung  außerhalb der Stadt in der Pampa um mein komplettes Bargeld. Zum Glück wurde ich nach diesem Raub wieder freigelassen. Das war eine bemerkenswerte Erfahrung, um es gelinde auszudrücken.

Expat News: Wie stand Ihr Umfeld dazu, dass Sie einfach einen sicheren Job als Lehrer aufgaben und ein befristetes Projekt des NOK in Bolivien annahmen?

Wangemann: Es gab sicherlich einige, die mich für verrückt hielten, dass ich mein Lehramtsstudium abbrach und einen sicheren zukünftigen Beamtenjob riskierte. Meine Eltern haben mich allerdings ermutigt, diesen Schritt zu gehen. Im Laufe der Zeit schlug mir von Freunden und Bekannten viel Bewunderung entgegen. Es hatte für mich sicherlich auch mit Abenteuerlust zu tun, es war irgendwie Pfadfinderei. Ich machte beispielsweise eine wochenlange Reise gemeinsam mit einem Dominikanerpater mit einem Faltboot auf einem kleinen Fluss im bolivianischen Amazonasgebiet und dachte oft an Klaus Kinski in seinen Herzogfilmen.

Ein anderes Mal zog ich allein mit dem Rucksack per Pedes, auf der Ladung von Holztransportern und auf Frachtkähnen von Bolivien aus hoch zum Amazonas nach Manaus und weiter tagelang mit kleinen Transportbooten nach Belem an der Mündung zum Atlantik.

Anders als heute bedeutete dieser Schritt auch einen kommunikativen Abriss mit der Heimat. Um dorthin telefonieren zu können, musste ich zur staatlichen Telefongesellschaft und oft stundenlang warten, bis mir eine Kabine mit einem internationalen Telefon zugewiesen wurde. „Alemania – cabina cinco!“. E-Mail, Skype und Co. gab es damals noch nicht. Als mein Projekt in Bolivien beendet war, hatte ich die Wahl, nach Ecuador oder Portugal zu gehen. Ich entschied mich aus verschiedenen Gründen für die Stelle in Lissabon. Zum einen hatte ich die Chance, dort fünf Jahre lang beim Aufbau eines nationalen Sportinstitut mitzuarbeiten – das ansässige Instituto Nacional de Desportes (IND) – und zum anderen dachte ich, es wäre strategisch sinnvoll, wieder nach Europa zu gehen, um bei einer Rückkehr in die Heimat als ausreichend „entbuscht“ zu gelten. Allerdings bekam ich bei dem Gedanken an Portugal einen kleinen Schreck, weil ich das Gefühl hatte, aufgrund der Nähe zu Deutschland, dass das Abenteuer fast schon wieder vorbei wäre. Inzwischen war ich auch mit meiner bolivianischen Frau verheiratet und hatte einen Sohn. In Lissabon wurde dann auch unsere Tochter geboren.

„Alle Menschen sind von Grund auf gleich“

Expat News: War die Eingewöhnung vor Ort leichter oder schwerer als in Südamerika? Haben Sie eigentlich Freundschaften mit Einheimischen schließen können?

Wangemann: Sicherlich war die Aufbruchsstimmung nicht mehr ganz so groß wie vor Bolivien, aber dennoch war ich wegen der großen neuen Aufgabe sehr aufgeregt. Selbstverständlich habe ich Freunde gefunden, und viele Freundschaften dauern bis heute an. Wenn man ein paar Grundregeln beherzigt, können sehr intensive Beziehungen zu den Gastgebern eines Landes entstehen. An erste Stelle stehen aus meiner Sicht ein ausgewogenes Maß an Demut, Bescheidenheit und Zurückhaltung. Meiner Erfahrung nach sind die Gastgeber oft viel ehrfürchtiger und leichter zu verunsichern als die ausländischen Gäste. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Deutschen, die aufgrund ihrer Historie und Errungenschaften im Ausland ein großes Maß an Bewunderung und Respekt genießen. Aber wenn man versucht, Ängste zu nehmen, sensibel ist, sich selbst nicht zu wichtig nimmt, dann öffnen sich die Einheimischen.

Natürlich prallen unterschiedliche Kulturen aufeinander, aber man sollte sich als Ausländer niemals überheblich zeigen oder zu schnell urteilen. Indem ich gezeigt habe, dass ich nicht anders oder besser bin als die Menschen, die ich ausgebildet und trainiert oder beraten habe, gewann ich das Vertrauen der Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete. Meiner Überzeugung nach sind wir alle von Grund auf gleich – egal welche Nationalität wir haben. Wir Deutschen haben einfach nur das Glück in eine Gesellschaft hineingeboren zu sein, die vieles richtig macht, weshalb es uns gut geht. Das macht uns aber nicht zu besseren Menschen als andere. Das sagte ich auch einmal zu unserem Gärtner in Uruguay, wo wir in einer typischen luxuriösen Expat- und Diplomatengegend lebten, als er mich darauf ansprach, dass ich so anders sei als die anderen im Viertel.

Sport

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Expat News: Mitte der 80er Jahre lebten Sie dann wieder ein paar Jahre in Deutschland und lehrten am Institut für Sportwissenschaft an der Uni Bayreuth. Wie empfanden Sie Ihre Jahre in Deutschland und warum sind Sie nicht geblieben?

Wangemann: Ich bekam damals zeitgleich die Angebote, entweder für ein Projekt nach Paraguay zu gehen oder an der Uni Bayreuth zu promovieren und zu lehren. Ich empfand letzteres als gute Gelegenheit für meine Familie und insbesondere meine Kinder, die deutsche Sprache und Identität zu erlernen. Dadurch, dass ich aus Lissabon kam, fühlte ich mich auch ausreichend „resozialisiert“ für ein Leben in Deutschland. Es waren spannende Jahre und interessanterweise bin ich ausgerechnet im Frankenland offener für deutsche Kulturunterschiede geworden. Auf die Frage eines Professors zum Beispiel, wie ich denn nach meinen Auslandsjahren in der alten Heimat und besonders mit dem oberfränkischen Dialekt klarkommen würde, sagte ich ihm: „Ach, wissen Sie, ich bin mit so vielen spanischen und portugiesischen Dialekten klargekommen, da komme ich als Hamburger auch sicherlich mit dem Oberfränkischen gut zurecht.“ Die deutsche Kultur ist sehr vielfältig und spannend. Dennoch fühlte ich mich in Bayreuth schnell eingeengt. Der bürokratische Apparat an der Hochschule hatte meine Kreativität ausgebremst. Ich war es gewohnt, zu improvisieren – wenn etwa Leichtathletikgeräte nicht vorhanden waren, dann habe ich diese mit den Studenten gebastelt. Das wurde nicht so gerne gesehen.

Mich überkam schnell das Fernweh. Immer wenn ich am Frankfurter Flughafen vorbeikam und das Kerosin der Flugzeuge roch, erinnerte es mich an die Ferne. Ich vermisste die ausländische Luft, selbst die nach Benzol stinkende – es war absurd, aber ich hatte wieder  richtig Sehnsucht nach dem Ausland, dem Andersartigen. Kondensstreifen am Himmeln ließen mich kribbeln. Als dann 1987 das nächste Angebot für ein Auslandsengagement kam, musste ich nicht lange überlegen.

„London lag mir nicht besonders“

Expat News: Bis 1994 arbeiteten sie als Direktor für Entwicklung für den Internationalen Leichtathletikverband in London. Hat Ihnen das Leben bei den Briten mehr zugesagt?

Wangemann: Tatsächlich gehört London, wo wir lebten, nicht zu meinen Lieblingsstädten und die Briten sind schon ein sehr spezielles Volk, dessen Art mir nicht so sehr liegt. Dennoch war es eine aufregende Zeit und ich hatte eine Position, die mich über die Maßen erfüllte. Auch als ich für den Verband von 1994 bis 2003 in Monaco arbeitete, war dies nicht unbedingt meine Lieblingsstation zum Leben. Zwar lebten wir in Nizza, wir hatten unsere kleine Segelyacht, aber vieles dort unten an der Cote d`Azur  war für mich eine eher oberflächliche Scheinwelt und dieses Glitzerleben, der Gesellschaftsrummel der Schönen und Reichen , das Jetset-Leben sind nichts, dem ich viel abgewinnen kann. Vielleicht hatte ich auf hunderten von Reisen in alle Kontinente dieser Welt zuviel Elend und Unglück gesehen. Auch das Rentenalter dort zu verbringen – nein, das war keine wirklich gute Vorstellung. Ich sehnte mich mal wieder nach Südamerika und dann hatte ich die Chance, für ein ganz besonderes Projekt der deutschen Regierung nach Uruguay zu gehen. Es war mir schon immer wichtig, regelmäßig etwas Neues zu machen. In dieser Hinsicht bin ich anders als die meisten Menschen, die sich nach Stabilität und einer gewissen Vorhersehbarkeit sehnen.

Expat News: Welche Aufgabe erwartete Sie in Uruguay?

Wangemann: Ich hatte die Möglichkeit, eines der größten Probleme des weltweiten Sportes, insbesondere in den Ländern der Dritten Welt, dort vor Ort anzugehen: Nämlich diesen in Strukturen zu lenken. Überall auf der Welt mangelt es an effektiver Organisation im Sport, um diesen zu fördern und für alle Gesellschaftsgruppen zu öffnen. In Uruguay habe ich dezentrale regionale Verwaltungs- und Organisationsstrukturen in der Leichtathletik aufgebaut und mit Leben gefüllt. Dazu gehörten der Aufbau regionaler Leichtathletikverbände, die Aus- und Fortbildung von Funktionsträgern und die Einführung einer landesweiten leichtathletischen Spielkultur für Kinder an den Schulen. Diese Aufbauarbeit, die ich leistete, hat sich als wirklich nachhaltig erwiesen und erfüllt mich mit ausgesprochener Zufriedenheit. Heute, zehn Jahre nach Projektende, gibt es in Uruguay in allen 19 Regionen eigene Leichtathletikverbände unter dem Dach des nationalen Leichtathletikverbandes. Aus meiner Sicht ein guter Nachweis von Nachhaltigkeit.

Später, als Rentner in Uruguay, habe ich dort das Deutsche Sportabzeichen, das auch Nichtdeutschen offensteht, eingeführt und erste Schritte zum Aufbau eines eigenen uruguayischen Sportabzeichens eingeleitet.

Expat News: Seit 2008 unterstützen Sie außerdem den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bei verschiedenen Kurzprojekten in Afrika, Asien und Lateinamerika – und das, obwohl Sie bereits Rentner sind. Sie haben also bislang Ihr ganzes Leben dem internationalen Sport gewidmet. Inwieweit trifft es aus Ihrer Erfahrung zu, dass Sport zur Völkerverständigung und zu Frieden in der Welt beiträgt?

„Sport überwindet viele Grenzen“

Wangemann: Sport ist weitaus mehr als nur die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften. Er überwindet Grenzen, Rassen und Standesschranken. Insbesondere für Olympia gilt, dass wohl an keinem anderen Ort, zu keinem anderen Ereignis so viele tausende Menschen unterschiedlicher Staaten zu einem friedlichen Zweck zusammenkommen. Das schafft nicht einmal Musik oder Kunst.

An dieser Tatsache rüttelt auch der abstoßende derzeitige Dopinghorror einer Minderheit nicht. Sport verbindet Menschen jeglicher Couleur und kann ganze Gesellschaftsschichten durchbrechen. Man kann sagen: Auf dem Sportplatz sind alle Menschen gleich. Es spielt keine Rolle, ob auf der Laufbahn ein Teilnehmer aus besonders gutem Hause kommt oder in einer Favela aufgewachsen ist. Für Sportler gelten auch dieselben Regeln. Das zeichnet ihn ja in besonderer Weise aus. Diese systemimmanenten Mechanismen helfen meiner Erfahrung nach auch Menschen bei der persönlichen Entwicklung. In Bolivien fragte mich eine Trainingsgruppe mal, ob ich für das avisierte Training am nächsten Morgen um acht Uhr deutsche oder bolivianische Zeit meinte. Ich erklärte, dass ein gutes Training nur funktionieren kann, wenn alle pünktlich kommen und sich gemeinsam aufwärmen können. Die Athleten haben es verstanden und kamen von da an pünktlich.

In meinen vielen Projekten oder besser noch viele Jahre danach habe ich außerdem feststellen dürfen, dass ausnahmslos alle meiner ehemaligen Mitarbeiter wie zum Beispiel Trainerstudenten, junge Athleten oder auch Funktionäre später in ihrem Leben ihren Mann oder ihre Frau standen und es als Trainer, Sportlehrer oder auch in akademischen Berufen weit brachten. Damit bewahrhaftet sich auch meine These immer wieder, dass besonders in der Dritten Welt jedes Kind mehr im Sport ein Kind weniger auf dem Weg in die soziale Ungewissheit bedeutet.

Man kann vor diesem Hintergrund auch das Auswärtige Amt in Berlin gar nicht hoch genug schätzen, dass die deutschen Sportförderungsmaßnahmen in den Ländern der Dritten Welt im Rahmen der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik finanziert.

„Mein Heimatbild ist zerrissen.“

Expat News: Sie sind mitten im Zweiten Weltkrieg geboren und waren mit Ihrer Familie auf der Flucht aus Hinterpommern. Hat diese Flucht Ihr Verständnis von Heimat geprägt?

Wangemann: Natürlich. Die Heimat war verloren. Wir waren aus unserer Sicht aus einer heilen Welt aufgebrochen, in die es kein Zurück mehr gab. In den Erzählungen meiner Familie drehte es sich oft um die Heimat – nur blieb sie immer virtuell, da sie nicht mehr erreichbar war. Mein Heimatbild ist gewissermaßen zerrissen, vielleicht fiel mir deshalb die Entwurzelung nicht schwer und der Aufbruch in oder die Suche nach  immer wieder neue/n temporäre/n „Heimaten“ umso leichter. Ich spürte bei mir nie diese Tiefe in den Empfindungen für das Land, in dem ich aufwuchs. Einmal reiste ich nach Pommern, an den Ort, wo unser Haus stand. Es stellte sich auch dort kein richtiges Heimatgefühl ein.

Expat News: Warum entschieden Sie sich letztes Jahr, nach Deutschland zurückzukehren und hier Ihren Ruhestand zu verbringen?

Wangemann: Eigentlich war ich zu 100 Prozent davon überzeugt gewesen, dass meine Asche im Rio de la Plata verstreut werden würde. Nun wird es wohl eher die Ostsee sein. Vielleicht ist es eine Form von Alterssehnsucht, ich weiß es nicht genau. Jedenfalls begann sich in den vergangenen Jahren bei mir so ein Gefühl zu regen, wenn ich beispielsweise Deutsche Welle im Fernsehen sah und in irgendeinem Krimi beispielsweise jemand in einem typisch deutschen Wald joggte. Ich bekam dann plötzlich Neidgefühle und sehnte mich nach deutschen Landschaften, richtigen Jahreszeiten  und den historischen Altstädten. Uns ging es eigentlich hervorragend in Montevideo. Wir hatten ein Haus am Meer, ich ritt mit meinen Pferden durch die freie Pampa , schoss auf der Ranch eines pommerschen Landsmannes meine Wildschweine und uns ging es wirklich gut.

Ich vermisste meine Kinder, die uns in der Regel einmal im Jahr besuchten. Plötzlich fühlte ich mich sehr egoistisch, denn die Kinder brauchen ja auch ihre Eltern, doch auf uns konnten sie aufgrund der Entfernung nicht zurückgreifen. Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in Berlin, mein Sohn mit seiner in München. Die Freundschaften, die wir in Uruguay aufgebaut hatten, waren auch nicht von dieser Tiefe erfüllt, wie ich mir es gewünscht hätte. Als Freunde ist man eben nicht Familie und wenn dort die Familie zusammenkommt, gehören die Freunde nicht dazu. Diese Faktoren und die zunehmende persönliche  Unsicherheit in Uruguay führten dazu, dass in mir der Wunsch wuchs, nach Deutschland zurückzukehren. Meine Frau hatte sich diesen Schritt schon viel früher als ich vorstellen können und war sofort einverstanden als ich ihr meine Gedanken mitteilte. Bis jetzt haben wir diesen Schritt nicht einen Moment bereut.

So glücklich, wie ich war als mich das Fernweh packte so war ich es im gleichen Masse als ich über vierzig  Jahre später schliesslich dem Heimweh folgte. Ein Happy End also, wenn man so will.