“Frauen sollten ihre Auslandserfahrung selbstbewusster kommunizieren“

Für den Job ins Ausland zu gehen, ist längst nicht mehr nur Männern vorbehalten. Auch Frauen zieht es zunehmend in fremde Länder, um Auslandserfahrung zu sammeln. Welche Länder beliebt sind und inwieweit Auslandserfahrungen bei der Karriere helfen, weiß Christa Fellner, Human Ressources Managerin bei InterNations.

Expat News: Wie wichtig ist Auslandserfahrung für die Karriere, speziell für Frauen?

Fellner: Aus meiner Sicht ist Auslandserfahrung sehr wichtig, gerade auch für das eigene Selbstbewusstsein. Wer sich einmal in einem völlig fremden Kontext zurecht gefunden hat, hat keine Angst mehr davor, ins kalte Wasser zu springen und neue Dinge auszuprobieren. So gehört es zu den wesentlichen Erfahrungen im Ausland, sich zunächst fremd zu fühlen und dann nach und nach sein Terrain zu erobern. Vor einer ganz ähnlichen Situation steht man beim Antritt einer neuen beruflichen Anstellung. Wer im Ausland bereits einmal die Erfahrung gemacht hat, sich auf eine unbekannte Situation einzulassen, ist somit für seine Karriere weit besser gewappnet als Konkurrenten ohne Auslandserfahrung.

„Fremdsprachenkenntnisse können bei Bewerbungen den Ausschlag geben“

Expat News: Was bringt berufliche Erfahrung im Ausland?

Fellner: Ein offensichtlicher Vorteil ist der geübte Umgang mit Fremdsprachen, selbst wenn man sie nicht perfekt beherrscht. Das Vertrauen in die eigenen Fremdsprachenkenntnisse kann in Bewerbungsprozessen — ob im Ausland und in der Heimat — in vielen Fällen den entscheidenden Ausschlag geben. Diese Situation haben wir beim Recruiting unserer mehr als 100 Mitarbeiter aus 30 Nationen, die zurzeit bei InterNations beschäftigt sind, des Öfteren erlebt.

Eine Anstellung im Ausland wirkt sich zudem positiv auf die eigene Persönlichkeit aus: Durch Auslandsaufenthalte erfährt man sich selbst ganz neu und anders, Selbstverständlichkeiten werden in Frage gestellt und es eröffnet sich ein ganz neuer Horizont. Diese Erfahrung spiegelt sich in einer Haltung wider, die unterschiedliche Herangehensweisen würdigt und ernst nimmt.

Nicht zuletzt lernen Frauen bei einem Auslandsaufenthalt auch, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen, ihr Leben proaktiv in eine bestimmte Richtung voranzutreiben und sich nicht fremdbestimmen zu lassen.

Expat News: Birgt ein langer Auslandsaufenthalt auch Risiken für das berufliche Weiterkommen?

Fellner: Wenn man bereits mehrere Jahre im Ausland gearbeitet hat und nach Hause zurückkehren möchte, fehlt einem das persönliche und berufliche Netzwerk im Heimatland wie auch praktische Erfahrung im heimischen Arbeitsmarkt. In dieser Situation muss man die neu gewonnen Auslandserfahrungen gut zu verkaufen wissen. Deshalb empfehle ich allen Frauen, den Fokus im Bewerbungsgespräch auf die zusätzlichen Fähigkeiten und Qualifikationen zu legen, die sie sich während des Auslandsaufenthalts angeeignet haben.

Insgesamt sind die Vorteile eines Arbeitnehmers mit Auslandserfahrung aus meiner Sicht eindeutig höher als die damit zusammenhängenden Risiken. Und genau das sollte im Gespräch mit dem potenziellen zukünftigen Arbeitgeber selbstbewusst kommuniziert werden.

„Immer weniger Frauen wollen sich auf das klassische Rollenmodell einlassen“

Expat News: Expats sind doch meistens Männer und die Frauen ziehen mit — oder ändert sich da etwas?

Fellner: Für unsere jährliche Expat Insider Studie haben uns mehr als 14.000 im Ausland lebende und arbeitende Personen Informationen zu zahlreichen Aspekten ihres Lebens im Ausland und zu ihrer Person zur Verfügung gestellt. Unter allen Umfrageteilnehmern befanden sich 53 Prozent Frauen. Sie sind also leicht in der Überzahl.

Bei den klassischen Auslandsentsendungen sind jedoch lediglich 40 Prozent weiblich. Auch die Gruppe der Expats, die von einem neuen Arbeitgeber ins Ausland wegrekrutiert wurden, ist männlich dominiert. Hier sinkt der Frauenanteil auf 36 Prozent. Sobald wir jedoch Auslandsaufenthalte betrachten, bei denen die Partnerschaft im Vordergrund steht, sind Frauen wieder in der Mehrzahl. 64 Prozent der romantisch veranlagten Expats, die sich im Ausland neu verlieben oder im Heimatland des Partners leben wollen, sind weiblich. Außerdem wissen wir, dass rund 84 Prozent der sogenannten „Traveling Spouses“ weiblich sind. Dagegen sind nur 16 Prozent derjenigen, die ihren Lebenspartner aufgrund dessen Karriere oder Studium ins Ausland begleiten, männlich. Allerdings waren mehr als ein Drittel der befragten Mitarbeiter aus dem mittleren und oberen Management weiblich. Wir werten das als positives Zeichen werten.

Generell ist mein Eindruck beim Recruitment unserer weiblichen Mitarbeiter, dass Frauen sich immer weniger auf das klassische Rollenmodell einlassen und beides für sich einfordern: Beruf und Familie. Dazu gehört aber natürlich auch ein „moderner“ Mann, der flexibel genug ist, die Ernährer-Rolle aufzugeben und sich auf neue Erfahrungen einzulassen.

„In Ecuador und Malta fühlen sich weibliche Expats am wohlsten“

Expat News: In welchen Ländern fühlen sich weibliche Expats am wohlsten?

Fellner: Aus der jährlich durchgeführten Expat Insider Studie wissen wir, dass Ecuador, Malta und Thailand bei weiblichen Expats am beliebtesten sind. Die Umfrageteilnehmerinnen in Ecuador sind mit ihrem individuellen Lebensentwurf ganz besonders zufrieden. Sie bewerten auch Faktoren wie Freizeitgestaltung, kostengünstige medizinische Versorgung und Lebenshaltungskosten im Allgemeinen durchwegs positiv. An zweiter Stelle folgt das mediterrane Malta. Hier tut sich der Inselstaat insbesondere mit seinem sonnigem Klima, dem positiv bewerteten Gesundheitswesen und einer leichten Eingewöhnung für die weiblichen Expats hervor. Auch Thailand kommt bei Frauen besonders gut an. Genau wie in Malta bewerten die weiblichen Expats sowohl die Qualität als auch die Kosten der medizinischen Versorgung positiv. Ein weiterer Faktor für die Lebensqualität sind die hervorragenden Reisemöglichkeiten im Lande, beziehungsweise im gesamten Asien-Pazifik-Raum.

Expat News: Welche Standorte bevorzugen Managerinnen?

Fellner: Etwa 30 Prozent der weiblichen Befragten aus der Expat Insider Studie arbeiten im Management und sechs Prozent sind Top-Managerinnen. Im Vorjahr waren es  nur drei Prozent. Bei den männlichen Befragten ist ein etwas höherer Anteil von 10 Prozent im Top-Management tätig. Diejenigen Länder, in denen besonders viele weibliche Expats als Managerinnen tätig sind finden sich in Ostasien (China, Hong Kong, Singapur) und einigen Golfstaaten (Katar, VAE). Dort sind zwischen 20 bis 27 Prozent der weiblichen Expats in Management-Positionen. Bis auf Katar sind alle genannten Länder auch auf der Liste der 20 häufigsten Zielländer für Frauen vertreten.

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