„Die Art zu Reisen hat sich geändert.“

Seit zehn Jahren ist der Reisejournalist Gerd Otto-Rieke Gastgeber der ITB Business Travel Days. Wir sprachen mit ihm über das veränderte Reiseverhalten der letzten 25 Jahre, sein Austauschjahr in Kalifornien 1967/68, den reisenden Amerikaner und über Sicherheit auf Geschäftsreisen.

EXPAT NEWS: Sie sind Initiator und Gastgeber der 2005 gegründeten ITB Business Travel Days. Wer ist das Zielpublikum dieser Veranstaltungsreihe und wie kamen Sie auf die Idee, dieses Event auf die Beine zu stellen?

Otto-Rieke: Die ITB Business Travel Days in Berlin wenden sich an das Fachpublikum von Travel und Event Managern. Also diejenigen, die in Unternehmen und Organisationen in großem Maße Geschäftsreisen und Veranstaltungen planen, einkaufen und abwickeln. Das sind im Grunde betriebswirtschaftliche Aufgaben, flankiert von arbeitsrechtlichen Aspekten wie etwa Sicherheit auf Reisen.

Seit 1981 besuche ich die ITB und ich war von Anfang an begeistert von dem Konzept, das sich mit fast allen Aspekten des Reisens auseinandersetzt. Lange Zeit fehlte jedoch das wichtige Segment der Geschäftsreisen. Also versuchte ich über viele Jahre die Macher der ITB davon zu überzeugen, eine Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, welche diese Lücke schließt. Ich war gewissermaßen der „pain in the neck“ und 2005 war es dann soweit. Seitdem sind die Business Travel Days kontinuierlich gewachsen und haben sich zu einem festen Termin in der Geschäftsreise-Branche etabliert.

EXPAT NEWS: Sie sind außerdem im Bereich Sicherheit auf Reisen aktiv. Was sind hier die Herausforderungen?

Otto-Rieke: Viele Unternehmen haben auf dem Werksgelände oder in den Büros gute Sicherheitsstandards. Aber sobald ein Mitarbeiter das Firmengelände verlässt, scheint keiner so richtig für ihn oder sie zuständig zu sein. Je nach Reiseziel und –dauer gibt es aber etliche Aspekte, die unter die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers fallen: gesundheitliche Vorsorge und schnelle Hilfe bei Erkrankungen oder Unfällen etwa, aber auch Betreuung bei Terroranschlägen und Naturkatastrophen. All diese Zwischenfälle und schlimmen Ereignisse können inzwischen in jedem Land der Welt passieren. Fukushima etwa hat uns gelehrt, dass Naturkatastrophen auch vor hoch entwickelten Ländern keinen Halt machen. In Schwierigkeiten kommen kann der Reisende aber auch durch falsche Visa. Hier herrscht immer noch großer Nachholbedarf für verantwortungsvolles Personalwesen.

EXPAT NEWS: Können Sie Beispiele nennen?

Otto-Rieke: Ein Klassiker ist beispielsweise die Einreise mit dem falschen Visum, etwa der Akademiker, der in den USA auf einem Kongress einen Vortrag hält und mit einem Touristenvisum eingereist ist. Das Referieren vor Fachpublikum stellt bereits eine Tätigkeit dar und somit ist ein Arbeitsvisum erforderlich. Wer mit den falschen Einreisepapieren erwischt wird, kann unter Umständen tagelang festgehalten werden und es droht oft ein Wiedereinreiseverbot. Ein weiteres dramatisches Erlebnis, das ich kenne, betrifft einen Geschäftsreisenden in Indien. Dieser hatte zwar die richtigen Papiere für Kurzreisen, allerdings kommt ein geschäftlicher Aufenthalt, der länger als drei Monate dauert in Indien, einer Geschäftsgründung gleich. Er wurde zum „accidental expat“. Dies wiederum zieht eine Steuerpflicht nach sich. Und wer nicht fristgerecht seine Steuern abführt, hat umgehend die Finanzbehörde auf den Fersen. In Indien fackelt diese jedoch nicht lange und steckt Steuersünder ganz schnell hinter Gitter.

Kürzlich ist mir zudem der Fall eines Deutschen in Dubai zu Ohren gekommen, der Geschäftsführer einer Zweigstelle eines namhaften Reisebüros im Emirat ist. Nachdem er das vierte Mal in Dubai eingereist war, wurde er ohne jegliche Begründung noch am Flughafen verhaftet. Erst nach einigen Tagen kam heraus, was der Grund für diese drastische Maßnahme war: Einer seiner Angestellten, ein Pakistani, hatte die Aufenthaltsdauer überschritten und sein Arbeitsvisum nicht rechtzeitig verlängert. Als dessen Arbeitgeber machten die emiratischen Behörden den deutschen Filialleiter verantwortlich.

EXPAT NEWS: Wie können Unternehmen Betroffenen helfen?

Otto-Rieke: Jede Firma, die Mitarbeiter auf Geschäftsreisen oder für langfristige Projekte im Rahmen einer Entsendung ins Ausland schickt, sollte ein Notfallkonzept in petto haben. Dazu gehört etwa eine entsprechende Hotline, die 24 Stunden am Tag, an 365 Tagen im Jahr erreichbar ist. Jeder Mitarbeiter im Ausland und in der Heimatbasis muss wissen, was im Fall der Fälle zu tun ist.

EXPAT NEWS: Von 1980 bis 2000 waren Sie Chefredakteur von verschiedenen Reisemagazinen (unter anderem „Touristik Aktuell“) und nach wie vor ist das Thema Reisen Ihr Steckenpferd. Inwieweit hat sich Reisen im letzten viertel Jahrhundert gewandelt? Was sind aus Ihrer Sicht die einschneidendsten Veränderungen?

Otto-Rieke: Der Flugverkehr hat sich radikal gewandelt: Durch die Liberalisierung gibt es jetzt enormen Wettbewerb mit viel niedrigeren Preisen als früher. Bis Anfang der 1980-er Jahre hatten die Fluggesellschaften quasi ein Monopol inne. Erst nachdem Präsident Jimmy Carter in den USA die Luftfahrtbranche deregulierte und diese Bestrebungen auch in Europa Einzug hielten, entstand überhaupt erst ein Markt für Flugreisen. Bis dato wurden Flugtarife (heute müsste es korrekterweise eigentlich lapidar Flugpreis heißen) von den großen Airlines diktiert und mussten behördlich genehmigt werden. Infolge der Privatisierung und mit dem zunehmenden Wettbewerb sind auch die Kapazitäten durch Großraumflugzeuge und zahlreiche neue Routen gestiegen, was auch auf den Preis drückt. Dabei sind starke alte Anbieter vom Markt verschwunden (etwa PanAm, TWA, Swissair), neue hinzugekommen beziehungsweise erstarkt (etwa Singapore Airlines, Emirates, Turkish Airlines). Für die jetzige Generation ist Fliegen ganz normal, das war vor einem Vierteljahrhundert längst nicht so.

Dramatisch verändert hat sich auch der Buchungsvorgang. Es ist ja heute ganz normal, ein Hotel oder einen Standardflug selbst auszuwählen und zu reservieren. Vor 25 Jahren gab es noch Papiertickets vom Reisebüro.

EXPAT NEWS: Was hat sich noch signifikant für den Reisenden verändert?

Otto-Rieke: Im Gastgewerbe ist in Deutschland und weltweit die Expansion der Kettenbetriebe zu beobachten. Das hat unter dem Strich zu Qualitätsverbesserungen für den Gast geführt. Auch gibt es im 2- bis 3-Sterne-Bereich ein viel besseres Angebot. Dass der moderne Kunde vor allem auch technische Anforderungen stellt (etwa Wlan), daran musste sich die Hotellerie allerdings erst gewöhnen.

Auch der grenzüberschreitende Verkehr ist insgesamt leichter geworden, etwa das visafreie Reisen in die USA oder (möge er uns erhalten bleiben) der Schengen-Raum. Durch die Sicherheitslage bedingt umständlicher geworden sind viele Abfertigungsvorgänge mit Kontrollen. So leichtfüßig wie früher reist man dadurch leider nicht mehr.

Insgesamt ist Reisen aber günstiger und bequemer geworden. Ziele, die früher allein aufgrund der Entfernung unerreichbar erschienen, sind inzwischen relativ normale Stationen für die jüngere Generation.

EXPAT NEWS: Ist dadurch möglicherweise der Zauber, das Besondere des Reisens etwas verloren gegangen?

Otto-Rieke: Die Welt ist ja längst bei uns zu Hause angekommen. Nehmen Sie den einfachen Obsthändler: Früher hatte dieser nur saisonale Früchte im Angebot. Heute bekomme ich nicht nur Bananen und Kiwis, sondern auch seltene exotische Früchte wie beispielsweise die thailändische Durian bei ihm. Überall auf den Flughäfen begegnen Ihnen die bekannten Handelsketten und Marken. Kurzum, man ist bereits an so vieles gewöhnt, was es im Ausland gibt. Das ist ein hinlänglich bekanntes Resultat der Globalisierung. Es mag vielleicht nicht mehr so außergewöhnlich sein, beispielsweise nach Indonesien zu reisen, aber es ist ein riesiger Fortschritt und ein großes Privileg für uns, dass uns so viele Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die Welt zu bereisen. Wenn ich sehe, wo meine Söhne überall auf der Welt Freunde haben, ist das schon etwas Großartiges.

EXPAT NEWS: Sie sind teilweise in den USA aufgewachsen, wo Sie auch Zeit zu Studienzwecken verbracht haben. Wo haben Sie genau gelebt und studiert?

Otto-Rieke: Ich habe das akademische Jahr 1967/68 in Sacramento, California als Austauschschüler verbracht. In diesem Jahr, an jenem Ort zu sein, war für mich der Hauptgewinn. Es war wohl das gigantischste Jahr überhaupt. In der Zeit traten dort Bands wie Simon & Garfunkel, Jefferson Airplane oder Rockgrößen wie Jimi Hendrix und Janis Joplin auf. Es war der berühmte Summer of Love, die Zeit der Hippie-Bewegung. Allerdings war diese Phase auch ambivalent, zerrissen, denn es herrschte gleichzeitig der Vietnam-Krieg. Ich war dabei, als Familien ihre Söhne an den Flughafen brachten, die als Soldaten in den Krieg zogen. Viele kamen nicht wieder. Außerdem wurden 1968 Martin Luther King und Bobby Kennedy ermordet. All das erlebte ich praktisch vor Ort mit. Rückblickend betrachtet, war ich während meines Schüleraustausches zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

EXPAT NEWS: Inwieweit hat Sie Ihr Aufenthalt noch geprägt?

Otto-Rieke: Viele Freundschaften von damals haben bis heute gehalten. Es war eine einmalige Chance, als Jugendlicher eine andere Kultur von innen heraus zu erleben. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Auch meine beiden Söhne waren Austauschschüler und haben enorm von dem Erlebnis profitiert. Natürlich lernt man die Sprache ganz ordentlich, aber viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass die von zu Hause gewohnte Normalität anderswo ganz und gar nicht normal ist. Und man lebt damit.

Eigentlich hat man zwei Kulturerlebnisse: das erste im fremden Land, das zweite bei der Rückkehr in die Heimat. Dann stößt einem plötzlich vieles auf – zum Beispiel der oft ruppige Umgangston, deutsche Ungeduld und Überheblichkeit, enge Blickwinkel, Humorlosigkeit und Wichtigtuerei. Traditionell sind die USA ja stark angelsächsisch geprägt, da gehört Understatement zum guten Ton und dass man auch über sich selbst lachen kann. Das hat sich hierzulande verbessert, aber in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren war Deutschland noch sehr autoritär, frauenfeindlich und muffig. Der „Beat Club“ von Radio Bremen galt vielen Älteren ja als Teufelsgeburt. Dabei handelte es sich lediglich um eine Musiksendung, die Rockmusik spielte.

Ich wuchs in Kiel auf, wo ich auf eine reine Jungenschule ging. In den USA kam ich dann auf eine gemischtgeschlechtliche Bildungseinrichtung – Jackpot! Auch der Lehrplan an den amerikanischen Colleges unterschied sich deutlich vom deutschen Modell an den Universitäten. Ich belegte Kurse wie „public speaking“ oder „journalism“ – es war fantastisch!

EXPAT NEWS: In Ihrer Publikation „Slanguage – Amerika beim Wort genommen“ klären Sie den Leser sowohl über geografische als auch über sprachliche Missverständnisse auf. Inwieweit unterscheidet sich das Reiseverhalten der Amerikaner signifikant von dem der Europäer? Stimmt das Klischee, dass Amerikaner schlechte geografische Kenntnisse haben und am liebsten nur ihr eigenes Land bereisen?

Otto-Rieke: Weil die USA ja ein Land mit 50 Bundesstaaten sind, mit den großen Nachbarn Kanada, Mexiko und Karibik, bietet sich amerikanischen Urlaubern ja eine enorme Erlebnisfülle „vor der Tür“. Allerdings: Von New York nach Los Angeles sind es rund 4000 km Luftlinie, von Oslo nach Athen nur 2600 km. Da die meisten Amerikaner viel weniger Urlaub haben als etwa Deutsche, steht ihnen weniger Zeit für Reisen zur Verfügung. Trotzdem sind viele Amerikaner außerordentlich reisefreudig.

Klar verwechseln manche Amerikaner Genua und Genf. Oder können Romanik nicht von Gotik unterscheiden. Aber wer mit dem Finger auf jemanden zeigt, dessen Daumen weist ja zurück. Welcher Deutsche kennt schon die Hauptstadt von Wyoming oder die Nachbarn von Texas? Everybody is ignorant, just on different subjects, sagt man in Amerika. Mark Twain hat ja ein wunderbares, selbstironisches Buch geschrieben, „A Tramp Abroad“ („Bummel durch Europa“), voller satirischer Übertreibungen. Das Reiseverhalten „der Amerikaner“ gibt es nicht, genauso wenig wie das „der Deutschen“. Da gibt es ja auch alles zwischen Ballermann und Bildungsreise. Ich habe es mit Amerikanern zu tun gehabt, die nach zwei Tagen etwas anstrengend wurden, aber auch mit ausgesprochenen Feingeistern und Bildungsboliden. Als Reisender in den USA habe ich bei über 120 Besuchen jedenfalls eins immer erlebt: eine riesige Gastfreundschaft.

Infokasten:

Als Reisejournalist und Buchautor hat Gerd Otto-Rieke etliche hilfreiche Publikationen rund ums Travel-Management und Verreisen veröffentlicht. Diese können über die Webseite des Alabasta-Verlags www.mobilitymanager.com in der Rubrik Fachliteratur bezogen werden.