„Ich war praktisch ein Arbeitssklave“

Thomas Schumacher wanderte  in die USA aus und erlebte einen Alptraum. Expat News traf den sympathischen Würzburger bei einer Sendung für Sat.1 zum Thema Auswandern. Die Redaktion fragte ihn, was damals schiefgelaufen war.

Expat News: Sie sind 2002 nach Orlando in Florida ausgewandert, um dort als Konditor eine Caféhaus-Kette aufzubauen und zu leiten. Drei Monate später kehrten Sie bereits zurück noch Deutschland. Was war passiert?

Schumacher: Unterm Strich bin ich einem großen Betrug aufgesessen und wollte nur noch nach Hause. Ich habe dort eine der schlimmsten, aber im Rückblick lehrreichsten Erfahrungen meines Lebens gemacht.

Expat News: Wie kam es zu der Auswanderung?

Schumacher: Ich las damals in einer Zeitungsannonce, dass eine in Amerika lebende Deutsche einen Konditor für ihr Caféhaus-Projekt sucht. Ich bin gelernter Bäcker und Konditor und fand das Angebot spannend. Also bewarb ich mich; allerdings ohne mir große Hoffnungen zu machen. Wenige Stunden nachdem ich meine Bewerbung gefaxt hatte, kam ein Anruf der Geschäftsführerin, die mir sagte, ich sei genau der Richtige für den Job. Sie lud mich ein, zunächst zu Besuch zu kommen, Flugticket und Unterkunft übernehme sie, damit ich mir alles anschauen kann.

Expat News: Sie nahmen das Angebot an?

Schumacher: Ich hielt dies zunächst für einen Scherz, aber die Dame rief immer wieder an und insistierte. Also flog ich ein paar Monate später mit dem von ihr bezahlten Flugticket nach Orlando. Am Flughafen wurde durch die Lautsprecherdurchsage mein Name gerufen und es empfing mich die Geschäftsführerin Barbara mit ihrem Mann – ein 12 Jahre jüngerer Afroamerikaner – im Ankunftsbereich. Mit einem ziemlich großen Auto ging es dann gleich in ein Nobelrestaurant und danach in ihre pompöse Villa in einer der besten Wohngegenden von Orlando. Ich erzähle das deswegen, weil ich völlig überwältigt war von der Umgebung, aber auch von der Herzlichkeit Barbaras und ihres Mannes. Wir haben dann ein paar Tage Sightseeing gemacht, ich erlebte jeden Tag etwas Tolles und fühlte mich wie in einem Traumurlaub.

Expat News: Was war mit dem Jobangebot?

Schumacher: Nach etwa vier Tagen sprachen wir endlich über das Geschäftliche. Ich sollte eine Bäckereikette von bis zu 40 Shops in ganz Florida aufbauen helfen, in der gute deutsche Konditorprodukte nach meinen Rezepten verkauft werden sollten. Meine Aufgabe sei es, andere Bäcker anzulernen, die Arbeitsprozesse zu überwachen und meine Kenntnisse weiterzugeben. In etwa drei Jahren sollte ich nur noch von Shop zu Shop fahren und nach dem Rechten sehen. Wir flogen für die Vertragsverhandlungen extra zu einem Spezialanwalt noch Washington, der sich auch um meine Arbeitserlaubnis kümmern sollte. Als Anfangsgehalt waren rund 2.500 Dollar vorgesehen, ein Dienstwagen und eine Wohnung. Obwohl Barbara mich drängte, sofort eine Entscheidung zu fällen, sagte ich, dass ich zunächst Bedenkzeit brauche und erst einmal zurück nach Deutschland müsse. Das hat sie dann widerwillig akzeptiert.

Expat News: Und dann waren Sie wieder zu Hause.

Schumacher: Richtig. Ich entschied mich zunächst gegen das Jobangebot, weil mir das Ganze zu riskant erschien. Doch Barbara rief immer wieder an und versicherte mir, sie möchte nur mich für den Job, ich sei die ideale Besetzung. Freunde und Bekannte rieten mir, zuzusagen und meinten dies sei doch die Chance meines Lebens. Und irgendwann dachte ich, sie haben Recht. Ich war zu dem Zeitpunkt allein, eigentlich passte das Timing. Bevor ich abflog, ließ ich den Arbeitsvertrag von meinem Anwalt prüfen, der mir bescheinigte, es sei alles seriös. Mir fiel der Schritt dennoch nicht leicht. Meine Kollegen und Sportvereine veranstalteten eine tolle Abschiedsparty. Es flossen viele Tränen, aber alle beglückwünschten mich zu meiner Entscheidung.

Expat News: Wie war ihr Start in Orlando?

Schumacher: Mein ungutes Bauchgefühl bestätigte sich. Ich kam an und das erste Café war noch eine halbe Baustelle. Doch mir wurde versichert, dass ich auch für die Zeit, in der ich nicht backen würde, meinen Lohn erhalte. Tatsächlich musste ich den ganzen Tag auf der Baustelle verbringen und durfte das Gelände und die Villa, in der ich mit der Geschäftsführerin und ihrem Mann lebte nicht verlassen. Beide ließen mich nicht aus den Augen. Wenn ich mit anderen Menschen sprach, wollten sie sofort wissen, was ich erzählte. Ich hatte keinen Freiraum, durfte noch nicht einmal alleine Fernsehgucken. Auch ein Ausflug in die Stadt wurde mir mit der Ausrede, es sei zu gefährlich, verboten. Sie hatten die totale Kontrolle über mich.

Weil das Café immer noch nicht fertig war, sollte ich in der Küche des Hauses backen, um eine Auswahl für das zukünftige Angebot zu schaffen. Auch für Privatfeiern machte ich Gebäck und Desserts. Allerdings unter deutlich erschwerten Bedingungen. Denn ich hatte weder professionelle Küchengeräte noch die richtigen Rohstoffe. Also organisierte ich alles, was ich brauchte – Barbara und ihr Mann hatten vom Konditorgeschäft überhaupt keine Ahnung – und versuchte, damit zu arbeiten.

Expat News: Wie lange ging das so vor sich hin?

Schumacher: Fast drei Monate. Dann stand endlich die Eröffnung an und ich habe drei Tage und Nächte durchgebacken, damit alles rechtzeitig fertig wurde. Bis dahin hatte ich übrigens noch keinen Cent von meinen Arbeitgebern gesehen. Ich war praktisch ein Arbeitssklave. Auch mit meiner Arbeitserlaubnis ging es immer noch nicht voran. Ich war mit einem Touristenvisum und One-Way-Ticket eingereist, was sich später auch als mein Verhängnis erwies. Ich hatte wirklich die Nase voll und wollte nur noch weg. Doch ich saß in der Falle. Denn ohne Arbeitserlaubnis war ich ein Illegaler in den USA. Deshalb konnte ich auch nicht wegen des verweigerten Lohns zur Polizei. Ich beriet mich mehrmals telefonisch mit meinem Anwalt und arbeitete eine Strategie aus, wie ich schnellstmöglich wieder zurück nach Deutschland komme.

Expat News: Wie sollte die aussehen?

Schumacher: Wir vereinbarten, dass mein Anwalt mich anruft und sagt, es sei etwas mit meiner Ex-Frau und meinen Kindern, weswegen ich sofort zurück muss. Das erzählte ich Barbara, die allerdings eine schriftliche Bestätigung per Fax durch meinen Anwalt forderte. Was ich bis dahin nicht wusste: Sie hatte alle meine Telefonate abgehört und kannte meinem Plan. Also fing sie sämtliche Faxe ab und sagte mir, es sei nichts angekommen. Bei einem erneuten Telefongespräch mit meinem Anwalt eskalierte die Situation, als sie sich plötzlich in das Gespräch von einem anderen Telefon aus einschaltete.

Expat News: Was passierte dann?

Schumacher: Es kam zu einem Streit und dann sollte ich innerhalb von zehn Minuten meine Koffer packen. Ihr Mann würde mich zum Flughafen bringen. Meinen Lohn erhielt ich natürlich nicht, aber in dem Moment war mir alles egal. Ich wurde drei Monate wie ein Sklave gehalten, konnte mich nie unbeobachtet bewegen. Ich wollte einfach meine Freiheit zurück. Barbaras Mann fuhr dann wutentbrannt mit mir auf den Highway und bog plötzlich nach ein paar Kilometern in einen entlegenen Weg am Waldrand ab. Dann stieg er aus dem Auto und sagte: „Thomas, get out!“ Ich war total panisch. Dazu müssen Sie wissen, dass ich in der Zwischenzeit erfahren hatte, dass Barbara bereits zweimal verheiratet gewesen war und beide Ehemänner ermordet worden waren. Es war auch unübersehbar, dass zwischen ihr und ihrem dritten Mann nur eine Zweckehe bestand und Barbara eindeutig das Sagen hatte. Ich dachte in dem Moment wirklich, der Mensch erschießt mich. Er warf schließlich meine Koffer aus dem Auto und ließ mich mitten auf dem voll befahrenen Highway stehen – ohne Geld und ohne Flugticket, etliche Meilen vom Flughafen entfernt.

Expat News: Wie konnten Sie dann zurück nach Deutschland reisen?

Schumacher: Ich hatte Glück im Unglück. Eine Woche zuvor hatte ich mir eine Telefonkarte gekauft, so dass ich meine Schwester in deutschland anrufen konnte. Die hatte gerade einen Bekannten bei sich zu Hause, der ihren Computer reparierte. Dieser Bekannte war kurz zuvor als Austauschschüler in Orlando gewesen und kontaktierte umgehend seine ehemalige Gastfamilie. Bei der konnte ich eine Woche wohnen, bis meine Schwester mir das Rückflugticket organisiert hatte.

Expat News: Wie fühlten Sie sich, als Sie wieder zu Hause waren?

Schumacher: Es war zunächst natürlich schrecklich, denn ich musste wieder von Null anfangen. Ich stand vor einem Scherbenhaufen. Glücklicherweise stellte mich mein alter Arbeitgeber wieder ein, so dass ich einen Job hatte. Die erste Zeit war sehr schwierig. Aufgrund dieser einschneidenden Erfahrung, war ich unwahrscheinlich misstrauisch; ich vertraute niemandem mehr. Aber inzwischen sehe ich die missglückte Auswanderung als ein Teil meines Lebens. Das Ereignis hat mich gelassener und tatsächlich stärker gemacht. Es klingt banal, doch mich kann seither so schnell nichts mehr umhauen.

Expat News: Ihr Tipp an Menschen, die auswandern wollen?

Schumacher: Sich fachlichen Rat holen, alles kritisch hinterfragen und sich nicht blenden lassen. Hätte ich damals gewusst, dass es beispielsweise so etwas wie den Bund der Auslandserwerbstätigen gibt, dann hätte ich mich mit Sicherheit informiert. Und ich bin überzeugt, mit euch wäre mir das nicht passiert. Niemals hätte ich mit einem Touristenvisum in die USA einreisen und dort arbeiten dürfen.

Foto: Thomas Schumacher (Mitte) mit BDAE-Gründer Andreas Opitz (links) und Moderator Ulrich Meyer bei der Sendung „Akte.Spezial 2011“ zum Thema Auswandern

Die Sendung findet sich unter anderem in der Sat.1-Mediathek und auf dem Videokanal Youtube.