Schulen in Deutschland und den USA: Ein Vergleich – Teil 2

In dem ersten Teil unser zweiteiligen Reihe „Schulen in Deutschland und den USA: Ein Vergleich“, der am Freitag, 10. Juli 2015 veröffentlicht wurde, wurde der Fall der Familie Heining geschildert, die nach zehn Jahren Aufenthalt in den USA nach Deutschland zurückkehrte. Für die Kinder der Familie gestaltete sich der Rückzug in die alte Heimat als schwierig, denn sie hatten mit enormen Hürden beim Wiedereinstieg in das deutsche Bildungssystem zu kämpfen.

Schulformen in den USA

Die Kinder werden gewöhnlich mit sechs Jahren in den sogenannten „Kindergarden“ eingeschult. Dies entspricht in Deutschland der Vorschule. Davor haben die Kinder oftmals bereits ein privates oder öffentliches Betreuungsprogramm besucht (Day Care, Nursery School, Pre-school), welches in Deutschland dem eigentlichen Kindergarten entspricht. Es kommt daher regelmäßig zu Verwechslungen zwischen dem deutschen Kindergarten und dem amerikanischen „Kindergarden“.

Die Elementary (Lower) Schools umfassen die Klassenstufen vom Kindergarden bis zur 4., 5. oder 6. Klasse (je nach Schulbezirk). Die Schüler erhalten eine Buchstabenbenotung von A (sehr gut), B (gut), C (durchschnittlich), D (ausreichend) und F (ungenügend). In den Schulbezirken, in denen keine Middle Schools oder Junior High Schools vorhanden sind, reichen sie auch bis zur 8. Klasse.

Das traditionelle Bindeglied zwischen Elementary School und High School (Secondary Education) ist die Junior High School, eine Schule, deren Fachabteilungen – wie an der High School – mehr oder weniger unabhängig voneinander arbeiten. In zunehmendem Umfang treten an die Stelle der Junior High Schools heute Middle Schools. Der Hauptunterschied zur Junior High School besteht darin, dass die Fach-lehrer der Middle School eng zusammenarbeiten und sogar interdisziplinäre Einheiten bilden. Junior High Schools und Middle Schools umfassen meist die Klassenstufen 6-8, gelegentlich darüber hinaus auch die Klassenstufe 5 oder 9. Die High School ist eine mit der deutschen Gesamtschule (Sekundarstufe I und II) vergleichbare Einheitsschule für die sekundäre Ausbildung. Sie deckt die Klassenstufen 9 bis 12 ab und wird mit dem High School Diploma abgeschlossen. Die High School ist eine Schule mit Kurssystem ohne Klassenverbände.

Unter die Postsecondary Education fallen nun die sogenannten Undergraduate Programs, Junior Community Colleges sowie die Vocational/Technical Institutions, die auch eine praktische Ausbildung, wie etwa zum Mechaniker anbieten. Die Vocational/Technical Institutions wurden vor Jahren sehr eingeschränkt, da sie hauptsächlich von akademisch schwachen Kinder, meist Afroamerikanern, besucht wurden und man die Schulen als diskriminierend ansah.

Unterschiede

Einer der größten Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Schulsystem besteht sicherlich in der vertikalen Differenzierung. Im amerikanischen Schulsystem werden zu keinem Zeitpunkt unterschiedlich begabte Kinder auf unterschiedliche Schulformen – Hauptschule, Realschule oder Gymnasium – aufgeteilt. Vielmehr besuchen sie die für ihr Alter vorgesehene Schulstufe gemeinsam. Kinder mit speziellem Betreuungsbedarf (beispielsweise Kinder mit geistiger Behinderung) besuchen allgemeine Schulen (in Deutschland oft Behindertenschulen) und werden dort entweder integrativ in normalen Klassenverbänden oder in Kleingruppen gefördert. Sie werden dort von speziell qualifizierten Fachlehrern unterrichtet. Hochbegabte Kinder haben die Möglichkeit, einzelne Klassenstufen zu überspringen oder an besonderen Programmen (educational enrichment) teilzunehmen.

Im Gegensatz zum deutschen Schulsystem werden im amerikanischen Schulsystem von der Grundschule an die Klassenverbände jedes Jahr aufgelöst und neu zusammengesetzt. Auch die Klassenlehrer sind auf einzelne Jahrgangsstufen spezialisiert und wechseln meist jedes Jahr. Während die Neubildung der Klassenverbände in der Grundschulzeit vor allem auf Gruppenstrukturen mit günstigem Lernklima abzielt, geht es später darum (Middle School) homogene Gruppen aus gleich begabten Kindern zu bilden. In den höheren Klassenstufen (Junior High Schools und High Schools) gibt es keine Klassenverbände mehr. Ähnlich wie in der gymnasialen Oberstufe in Deutschland belegen die Schüler hier Kurse, die gelegentlich sogar Klassenstufen-übergreifend durchgeführt werden. An die Stelle von Klassenlehrern treten an den Junior High Schools und High Schools sogenannte Ansprechlehrer.

Amerikanische Schulen sind von der Grundschule an Ganztagsschulen. In Deutsch-land besucht dagegen nur etwa jeder dritte Schüler eine Ganztagsschule.

Allgemeine Empfehlungen

Grundsätzlich sollten sich Familien vor einem internationalen Schulwechsel detailliert über die Schullandschaft am neuen Wohnort informieren. Nur wenn alle Parameter bekannt sind, kann eine sinnvolle und zukunftsorientierte Entscheidung für die Bildungslaufbahn der Kinder getroffen werden. Bei einem Schulwechsel ins Ausland sind folgende Fragen besonders wichtig:

Welche Schulen gibt es vor Ort? Gibt es freie Schulplätze?

Besonders in größeren Städten trifft man häufig auf eine breite Vielfalt an öffentlichen, privaten und auch internationalen Schulen. Achten Sie z.B. auf die Entfernung der Schule von Ihrem Wohnort, die infrastrukturelle Anbindung oder auch die sozio-ökonomische Zusammensetzung der Schüler. Besonders auf internationalen und privaten Schulen kommt es häufig zu langen Wartelisten. Erkundigen Sie sich recht-zeitig, ob Ihr Kind an der gewünschten Schule angenommen werden kann.

Welche Abschlüsse werden von diesen Schulen angeboten? Werden diese Abschlüsse in Deutschland anerkannt?

In den USA bieten die meisten Schulen das High School Diploma (HSD) an. Mit dem HSD alleine erhält der Studienbewerber in Deutschland allerdings keine Hochschulzugangsberechtigung. Auf der sicheren Seite ist man mit dem Internationalen Baccalaureat (IB), welches inzwischen an vielen Schulen in den USA erzielt werden kann. Die Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse kann über die Datenbank der Zentrale für Ausländisches Bildungswesen (ZAB) abgefragt werden (Link: http://anabin.kmk.org/anabin-datenbank.html). Einige private Schulen bieten nur Unterricht bis Klasse 6 oder Klasse 8 an, sodass man an diesen Schulen gar keinen Abschluss erzielen kann. Überlegen Sie in einem solchen Fall im Voraus, welche Schule im Anschluss besucht werden soll.

In welcher Sprache wird unterrichtet? Beherrscht mein Kind die Unterrichts-sprache?

In den öffentlichen Schulen in den USA ist die Unterrichtssprache Englisch. Es ist von Vorteil, wenn der Schüler bereits grundsätzliche Kenntnisse der englischen Sprache vorweisen kann. Meist finden sich die Kinder aber sehr schnell in den englischen Unterricht ein. Internationale oder private Schulen können eine andere Unterrichtssprache anbieten oder auch mit mehreren Unterrichtssprachen arbeiten.

Welche Kosten entstehen für den Schulbesuch?

Die öffentlichen Schulen sind in den USA in der Regel kostenfrei. Internationale oder private Schulen dagegen können mitunter sehr hohe Schulgebühren (tuition) zwischen 15.000 USD und 50.000 USD pro Schuljahr verlangen.

Wird Deutschunterricht angeboten? Auf welchem Niveau?

Vor allem, wenn eine Rückkehr nach Deutschland nicht ausgeschlossen wird, sollte dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, seine Deutschkenntnisse auf altersgerechtem Niveau zu erhalten bzw. auszubauen. Internationale Schulen bieten teilweise muttersprachlichen Unterricht an. Auch in einigen anderen Schulen wird eventuell Deutschunterricht angeboten. Achten Sie hier auf das Unterrichtsniveau. Deutsch als Fremdsprache ist für muttersprachlich deutsche Kinder nicht geeignet. Wenn es keine Angebote vor Ort gibt, bietet die Deutsche Fernschule für die Grundschulklassen und das Institut für Lernsysteme ab Klasse 5 vollwertige Deutschkurse als Fernunterricht an (www.deutsche-fernschule.de / www.ils.de).

Lassen Sie sich nicht entmutigen!

Ziehen Sie im Zweifel Experten zu Rate, welche Schulwahl in Ihrer individuellen Situation für Ihre Kinder die Beste ist (zum Beispiel www.schulexpert.de) und bereiten Sie Ihren Start im Ausland so gut wie möglich vor. Trotz unterschiedlicher Schulsysteme und Herausforderungen bei der internationalen Schulwahl, wird ein Auslandsaufenthalt mit der richtigen Vorbereitung für die ganze Familie eine wunderbare Bereicherung.

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Über die Autorin:

Muriel Plag ist Auslandskoordinatorin bei schulexpert und Pädagogische Leitung bei Deutsche Fernschulen.

Herbert-Flender-Straße 6
35578 Wetzlar

Telefon: 06441 921892
E-Mail: plag@schulexpert.de

www.deutsche-fernschule.de
www.schulexpert.de
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Titelbild: © contrastwerkstatt – Fotolia.com

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Titelbild: © nerthuz – Fotolia.com