„Viele Deutsche haben eine romantisierte Vorstellung von Schweden“

Vor fast zehn Jahren wanderten Susann und ihr Partner nach Schweden aus, wo sie inzwischen mit ihren beiden Kindern leben. Was sie an Land und Leuten schätzen und warum es sie manchmal in ihre alte Heimat zurückzieht, darüber sprachen wir im Interview.

EXPAT  NEWS: Was waren Ihre Beweggründe, vor nahezu zehn Jahren nach Schweden auszuwandern?

Susann: Wir hatten tatsächlich keinen besonderen Plan gefasst und waren mit Mitte 20 auch noch sehr jung. Ich hatte gerade mein BWL-Studium absolviert und mein Freund hatte Lust, sich beruflich neu zu orientieren. Dass wir uns für Schweden als „Auswanderungsland“ entschieden, hatte in erster Linie pragmatische Gründe, denn ich hatte während meines Hochschulstudiums ein Auslandssemester in Karlstad über die Erasmus-Organisation gemacht und in dieser Zeit Freundschaften mit schwedischen Studenten geschlossen und somit Land und Leute intensiver kennenlernen können.

Es spielten vor allem Abenteuerlust und Neugier eine Rolle. Von Vorteil war, dass wir über keinen besonderen Besitz verfügten und auch keine nennenswerten Verpflichtungen und vor allem noch keine Kinder hatten. Wir packten einfach unser Auto voll mit allem, was wir hatten und fuhren nach Schweden. Über Freunde hatten wir in der Stadt Örebro bereits eine Wohnung organisiert bekommen. Mein Lebensgefährte hatte neben seiner kaufmännischen auch eine handwerkliche Ausbildung genossen und fand somit schnell einen Handwerksjob in Schweden. Ich arbeitete eine gewisse Zeit unter anderem an der Volkshochschule und im Einzelhandel, bis ich schließlich mit einer Geschäftspartnerin eine Boutique eröffnete, die wir seit vielen Jahren erfolgreich in Örebros Innenstadt betreiben.

Rückblickend betrachtet, waren wir vielleicht ein wenig naiv, aber möglicherweise war genau das unser Vorteil, denn es klappte alles ziemlich gut. Heute mit Kind und Kegel würden wir sicherlich mehr über Vor- und Nachteile eines solchen Schrittes abwägen.

EXPAT  NEWS: Gab es zu Beginn gewisse interkulturelle Schwierigkeiten zwischen Ihnen und den Schweden?

Susann: Schwierigkeiten hatten wir keine, denn wir kannten durch schwedische Freunde die Mentalität bereits sehr gut und schätzen diese sehr. Da mein Partner und ich beide aus Norddeutschland stammen, fühlten wir uns den Schweden ohnehin näher als beispielsweise den Bayern. Das Gemüt eines Mecklenburgers ist dem des Schweden gar nicht so unähnlich. Deswegen ist es uns auch nicht schwer gefallen, uns schnell einzuleben. Hätten wir etwa den Kontinent gewechselt, wäre eine interkulturelle Vorbereitung sicherlich unumgänglich gewesen, aber dies war bei uns ja nicht der Fall. Zu wissen, dass es nicht weit weg ist, hat uns geholfen. Wir wollten den Kontakt zu Familie und Freunden in der alten Heimat nicht einfach abbrechen.

EXPAT  NEWS: Gibt es dennoch typisch schwedische Eigenschaften, die Ihnen auffallen und die Sie auch schätzen?

Susann: Es gibt schon einige Dinge, über die man schmunzeln kann. So lieben die Schweden etwa ihre Festtagsbuffets, die sich zu allen Gelegenheiten – ob Mittsommer, Ostern oder Weihnachten – sehr ähneln. So dürfen beispielsweise niemals Köttbullar oder eingelegte Heringe fehlen, da sind die Schweden sehr traditionell. Was uns außerdem auffällt ist, dass es zwischen den Schweden weniger regional-kulturelle Unterschiede gibt als beispielsweise zwischen einem Deutschen aus Berlin und einem aus Baden-Württemberg. Dies liegt sicherlich unter anderem an der geringen Einwohnerzahl. Zudem legt das Volk viel Wert auf Gleichheit, abgesehen von den Großstädten sticht niemand besonders heraus, es dominiert eine gewisse Bescheidenheit. Die Gleichheit zeigt sich beispielsweise auch im Arbeitsleben, wo die Hierarchien allgemein sehr flach sind und man duzt sich überall. Zudem mag ich die Weltoffenheit der Schweden gerne, sie sind außerdem sehr tolerant Neuem gegenüber.

EXPAT  NEWS: Schweden wird oft und gerne als mustergültig in Sachen Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann aufgeführt. Wie empfinden Sie dies?

Susann: Das trifft zu. Sicherlich war das nicht immer so, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich diesbezüglich eine ziemlich klare und einheitliche Einstellung zu diesem Thema entwickelt. Dabei bezieht sich Gleichberechtigung nicht nur auf gleiche Chancen im Beruf, sondern auch auf die Familie. Hierzulande fühlen sich Männer wie Frauen gleich verantwortlich für ihre Familie. Es ist normal, dass beide Elternteile Elternzeit in Anspruch nehmen – oftmals zu gleichen Teilen. Derzeit wird der dritte „Papamonat“ eingeführt, das heißt, dass Väter künftig einen Rechtsanspruch auf mindestens drei Monate Elternzeit haben werden. Die Einbindung des Mannes im Familienleben sieht man beispielsweise auch im Alltag, wo es zum natürlichen Bild gehört, Gruppen von Vätern mit Kinderwagen in der Stadt oder auf Spielplätzen zu erleben.

Kürzlich wurde außerdem das geschlechtsneutrale Wort „hen“ eingeführt, das weder eine weibliche noch männliche Zuordnung beinhaltet. Insbesondere in den Kindergärten – so erleben wir es jedenfalls – wird großen Wert auf eine geschlechtsneutrale Erziehung gelegt. Kinder sollen als Individuen und nicht in erster Linie als Jungen oder Mädchen wahrgenommen und erzogen werden. Gleichberechtigung und Geschlechtsneutralität gilt in Schweden als derart selbstverständlich, dass dies überhaupt nicht mehr zur Diskussion steht.

EXPAT  NEWS: Sie und ihr Partner gehören zu den Auswanderern, die es geschafft haben, sich in Schweden zu integrieren und ein eigenständiges (Familen)Leben mit zwei Kindern aufzubauen. Können Sie sich dennoch vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren?

Susann: Tatsächlich ist dies ein Thema bei uns. Wir fühlen uns sehr wohl in Schweden und haben uns auch ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut, dennoch vermissen wir Familie und Freunde in Deutschland, die Nähe zu unseren Eltern, Geschwistern und deren Kinder. Nach gut zehn Jahren merken wir schon unsere deutsche Identität und wünschen uns für unsere in Schweden geborenen Kinder, dass diese nicht den Anschluss an ihre heimatlichen Wurzeln verlieren. Irgendwie fühlt sich für uns die Vorstellung seltsam an, wenn unsere Kinder ausschließlich zu Schweden heranwachsen. Wir wissen, dass man Herkunft und Identität später nicht nachholen kann.

Entscheidend ist aber unser Wunsch, wieder die Familie um uns zu haben. Bisher hatten wir nur im Urlaub die Chance, diese zu sehen. Wir würden deshalb auch nicht irgendwo in Deutschland leben wollen, sondern in unserer alten Heimat Mecklenburg. Was uns auch manchmal fehlt ist das kulturelle Leben – Theaterbesuche, Ausstellungen oder musikalische Events. Schweden ist eben ein recht kleines Land mit einer niedrigen Einwohnerdichte, so dass das kulturelle Freizeitangebot etwas geringer ausgeprägt ist als etwa in Deutschland.

Sollten wir tatsächlich nach Deutschland zurückkehren, sind wir optimistisch, dass uns auch dieser Schritt gut gelingen wird. Die Auswanderung nach Schweden hat uns stark und zuversichtlich gemacht. Viele Schritte danach kamen uns nicht mehr so gewaltig vor.

EXPAT  NEWS: Inwieweit würde sich Ihr Leben nach der Rückkehr nach Deutschland von dem in Schweden unterscheiden?

Susann: Unsere Familie und Freunde würden zum Alltag dazu gehören. Das wäre ein riesiger Vorteil. Natürlich müssten wir uns neue Jobs suchen, aber das könnte uns ja auch jederzeit in Schweden so gehen.

Sicherlich rechnen wir mit Schwierigkeiten, aber wir glauben als Familie so stark zu sein, dass wir diese bewältigen werden. Ich habe zum Beispiel Sorge, dass kleine Kinder in Deutschland bei der Jobsuche immer noch eher als Hindernis gesehen werden, aber da würde ich kämpfen, um zu belegen, dass dies nicht so ist. In Schweden ist die so genannte Work-Life-Balance sehr ausgeprägt, die Familie spielt eine mindestens genau so große und wichtige Rolle wie die Arbeit. Wir schätzen die langen Sommerferien – Schulkinder haben etwa ganze zehn Wochen Sommerferien – und Eltern können noch bis zum 8. Lebensjahr des Kindes Elterntage nehmen, sofern von den total 480 Tagen/Kind noch einige übrig sind. Das ist schon ein gewisser Luxus, der uns sicher fehlen würde.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass uns Schweden fehlen wird und wir mit einer anderen Art von Heimweh zu kämpfen haben würden, allerdings würden wir sicherlich sehr viel Urlaub dort machen, allein schon, um den Kontakt zu unseren schwedischen Freunden zu halten.

EXPAT  NEWS: Für viele Menschen ist Schweden ein Traum-Auswandererziel. Was raten Sie ihnen für einen erfolgreichen Start vor Ort?

Susann: Meiner Beobachtung nach haben viele Deutsche ein romantisiertes Bild von Schweden, das rote Holzhäuser, Elche und Mittsommer einschließt. Erst neulich habe ich mit einer Behörde meiner alten Heimatstadt telefoniert, um mich über Formalitäten bei einer möglichen Rückkehr zu informieren. Als die Beamtin hörte, dass wir zurzeit in Schweden leben, seufzte sie und sagte „Ach wie schön, Schweden! Bleiben Sie doch bloß da, was wollen Sie denn hier?“ Viele assoziieren mit diesem Land paradiesische Zustände, vergessen aber, dass Urlaub und Alltag sich signifikant voneinander unterscheiden. Auch hier muss man sein alltägliches Leben meistern, die Familie versorgen und im Berufsleben bestehen. Die Probleme, mit denen man konfrontiert wird, sind im Grunde dieselben wie in Deutschland – mit ein paar Ausnahmen vielleicht.

Ich rate also dazu, sich ein realistisches Bild zu machen und sich nicht zu sehr mit den schönen Stereotypen zu befassen. Ganz wichtig ist es, die Sprache zu beherrschen, sonst hat man kaum eine Chance, Teil der Gesellschaft zu werden. Eine wichtige Voraussetzung ist zudem die Neugier auf Land und Leute und vor allem Offenheit. Insofern ist es auch eine Typfrage, ob jemand für ein Leben in Schweden geschaffen ist oder nicht.

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Fotos: Privataufnahmen