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Als ausländischer Unternehmer nach Russland

Die Modernisierung der Verwaltungsvorgänge und die Eindämmung der Korruption in Russland tragen Früchte. Immer mehr Ausländer – auch aus dem westlichen Ausland – zieht es in das Land. Was ausländische Kleinunternehmer beim Markteintritt beachten sollten:

Noch vor zehn Jahren war der Westen überzeugt, dass in Russland nur internationale Großkonzerne eine Chance auf das Überleben haben. Schlechte Erfahrungen und schlimme Gerüchte über die allgegenwärtige Korruption und die rauen Sitten des Geschäftslebens schreckten jeden interessierten Mittelständler und Kleinunternehmer ab. Und tatsächlich: Nach Angaben des Föderalen Steuerdienstes Russlands stellten westliche Ausländer im Jahr 2005 nicht einmal 15 Prozent der ausländischen Unternehmensgründer. Der übergroße Teil entfiel auf Bürger der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), wobei diese vor allem im Klein- und Einzelhandel tätig wurden.

Viele ausländische Kleinunternehmen in Russland präsent

Mittlerweile sind Klein- und mittelständische Unternehmen aus aller Herren Länder in allen Größenordnungen in allen Großstädten und Regionen Russlands präsent. Davon waren im Mai 2013 nach Angaben des Steuerdienstes rund 25.000 Ausländer, die ein Klein- oder Einzelunternehmen führten beziehungsweise ein Gewerbe angemeldet hatten. Unternehmer aus GUS-Staaten stellten mit 60 Prozent immer noch die Mehrheit. Dennoch: In Moskau oder St. Petersburg fühlen sich auch Bäcker aus Frankreich oder Restaurantbesitzer aus Japan oder Kneipiers aus dem ehemaligen Jugoslawien wie zu Hause. Italiener betreiben Boutiquen, und Marokkaner führen Architektenbüros.  

Was bewegt Unternehmer aus dem westlichen Ausland, ausgerechnet in Russland ihr Glück zu suchen? „Im Unterschied zur EU jammert hier niemand über die Finanz- und Eurokrise, und für kleine Start-ups lässt es sich mit dem moderaten Steuersystem – sechs Prozent auf den Gewinn – ganz gut aushalten“, sagt Maruan Sbai. Der Architekt aus Marokko lebt bereits seit 2004 in Russland. „Obwohl der Wettbewerb in meiner Branche ziemlich groß ist, bietet Russland alle Möglichkeiten für das weitere Wachstum meiner Firma.“ Dieser Meinung schließt sich auch die Italienerin Michela Bolognani an, die bereits seit fünf Jahren in Russland lebt. Vor knapp einem Jahr eröffnete sie in Moskau zusammen mit einer russischen Freundin eine Modeboutique. „Im Unterschied zum übersättigten Europa hat in Russland jede Idee ihre Chance. Und das Schönste daran ist, dass der Markt unglaublich wächst und die Geschäfte außerordentlich gut laufen“, erklärt die junge Frau.

Gewerbeanmeldung in Russland vereinfacht

In den vergangenen Jahren hat Russlands Gesetzgebung und Verwaltung viel für die Verbesserung des Investitions- und Geschäftsklimas getan. Insbesondere wurden die bürokratischen Verfahren vereinfacht und Infrastrukturen für ihre Beschleunigung geschaffen.

Vor allem wurden das Verfahren zur Registrierung von Unternehmen und die Anmeldung gemeinnütziger Organisationen beschleunigt sowie bürokratische Verwaltungsvorgänge entschlackt. Wenn für die Anmeldung eines Gewerbes beim Finanzamt vor fünf Jahren noch ein ganzer Tag fällig war, ist die Angelegenheit heute dank „elektronischer Warteschlange“ in einer Stunde erledigt.

Nicht zuletzt ist es diesen Maßnahmen geschuldet, dass das Land seine Position in der Weltbank-Rangliste „Doing Business“ vom 120. Platz auf den 112. Platz verbessern konnte. Bis 2020, so plant es Präsident Wladimir Putin, soll Russland in die Spitzengruppe der zwanzig Länder mit dem besten Geschäftsklimaindex aufsteigen. Derzeit führen Singapur, Hongkong und Neuseeland die Liste an.

Trotzdem sollte eine Gewerbeanmeldung gründlich überlegt sein. „Man muss eine Geschäftsidee haben, den Markt sondieren, einen Geschäftsplan ausarbeiten“, erklärt der marokkanische Architekt Sbai, „und man braucht wie überall auf der Welt das nötige Startkapital.“ Zudem gilt es, alle notwendigen Dokumente sorgfältig zusammenzutragen, die man den Behörden vorlegen muss: Eine notariell beglaubigte Übersetzung des Passes, die Bescheinigung über die Genehmigung des befristeten beziehungsweise ständigen Aufenthalts und schließlich den Einzahlungsbeleg für die entrichtete staatliche Gebühr in Höhe von 800 Rubeln für die Erteilung der Gewerbegenehmigung.

Grundvoraussetzung ist natürlich, dass man schon im Land lebt, also ein entsprechendes Visum und eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis besitzt. Die meisten ausländischen Unternehmer kommen nicht direkt aus ihren Ländern, sondern haben in der Regel schon als Arbeiter oder Angestellte in Russland gearbeitet. Sie kennen schon Land und Leute und haben erste russische Sprachkenntnisse.

Bei Maruan Sbai war es das Studium. „Ich habe an der Moskauer Architekturhochschule studiert“, berichtet er, „und spreche deshalb recht gut Russisch. Ich habe die Möglichkeiten gesehen und wollte ein eigenes Büro aufmachen.“ Dazu musste er sich mit der Gesetzeslage beschäftigen und die für ihn geeignete Rechtsform für seine Firma finden. „Ich entschied mich, mein Gewerbe als Einzelunternehmer anzumelden.“ Denn für die Registrierung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH, russisch „Obschtschestwo s Ogranitschennoj Otwetstwennostju“, OOO) müssen deutlich mehr Dokumente beigebracht und höhere Anfangsinvestitionen getätigt werden. Zudem sind die Steuern höher. Doch ist eine solche Gesellschaftsform wird zwingend notwendig, wenn man die Firma zusammen mit einem russischen Partner gründet.

Empfehlenswert: Beratung durch Anwälte

Trotzdem sich der Architekt mit den Behörden gut auskannte und auch Russisch beherrscht, hat er doch 5.000 Rubel, etwa 125 Euro, investiert und sich von einer Anwaltskanzlei begleiten lassen. Er ist kein Einzelfall. Weil viele Ausländer unsicher sind, die richtigen Schritte in der richtigen Abfolge bis zur Eröffnung ihres Geschäftes zu gehen, gibt es auch viele Firmen, die Rechtsberatung und tatkräftigen Support anbieten. Auch die kommerzielle Tochter „OOO Infozentr“ der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer bietet dafür ihre Unterstützung an.

Die Höhe des Startkapitals, das man für die Gründung einer Firma in Russland benötigt, hängt ganz vom Tätigkeitsfeld ab. 10.000 bis 15.000 Euro sollte man schon zur Verfügung haben, selbst wenn man Internetdesigner ist und keine größeren Anfangsinvestitionen tätigen muss. Neben dem geeigneten Laden oder Büro müssen Ausländer oftmals auch noch die richtige Wohnung finden und einrichten. Die Mieten sind in der Regel hoch, hängen aber entscheidend vom Standort ab. Während in Nowosibirsk oder Jekaterinburg eine kleine möblierte Wohnung monatlich mit 10.000 Rubeln zu Buche schlägt, liegt die Untergrenze in Moskau – selbst in Stadtrandlage – schon bei 25.000 Rubeln pro Monat.

Ohne russische Sprachkenntnisse geht nichts

Unabdingbar, das haben die Recherchen von Russland HEUTE ergeben, muss jeder Unternehmer Russisch beherrschen. „ Zwar kommt man in den Metropolen und in den großen internationalen Unternehmen mit Englisch ganz gut zurecht, meint Jolanta, „aber ein eigenes Geschäft kann man ohne Sprachkenntnisse in Russland nicht aufmachen.“ Man müsse – wie überall auf der Welt – die Sprache seiner Kunden beherrschen, ergänzt die litauische Jung-Unternehmerin, die sowohl in ihrer Heimat als auch in Russland mit einem Tourismusunternehmen erfolgreich ist.

„Die Russen sind an steigenden Investitionen und speziell an Firmengründungen durch Ausländer in ihrem Land interessiert“, ist Jolanta überzeugt. „Doch die Zeiten, als jeder, der aus dem Westen kam, als Genie und Wohltäter angesehen wurde, sind inzwischen vorbei. Heutzutage benötigt man für den Erfolg qualitativ hochwertige und preisgünstige Dienstleistungen“, ist sich die Litauerin sicher.

Noch ein paar Hürden zu überwinden

Was bremst die Geschäfte in Russland aus? Immer noch stehen Bürokratie und Korruption der freien Entfaltung des Wettbewerbs entgegen. So stößt man zum Beispiel beim Anmieten von Wohn- und Büroräumen auf eine unglaubliche Menge von Fragen, Erklärungen und Überprüfungen, die durch den Eigentümer, seine Bank, die Brandschutzbehörden, das Hygieneamt und andere staatliche Einrichtungen gefordert werden. Aber mit Fleiß und Hartnäckigkeit sind auch diese Hürden, die man auch in Deutschland kennt, zu überwinden.

Angelockt von großen Verdienstmöglichkeiten wollen mehr und mehr Ausländer ein Unternehmen in Russland gründen. „Bevor man in Russland seine Zelte aufschlägt und sein Erspartes in ein eigenes Geschäft steckt, muss man sich alles gründlich überlegen“, meint der 32-jährige Grieche Andres. „Man sollte einen Businessplan erstellen und die Besonderheiten der Region und der Branche, in der man tätig werden will, analysieren und bewerten.“ Vor zwei Jahren probierte Andres es in Moskau mit einem Gemüseladen. Aber der ging Pleite, weil der Grieche nicht mit der großen Konkurrenz gerechnet hatte. „Zum Glück habe ich nicht sehr viel Geld verloren, weil ich rechtzeitig die Kurve gekriegt habe. Jetzt sammele ich erst einmal Erfahrung. Später kann ich es dann immer noch versuchen.“

Quelle: Russland HEUTE

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