»Ich würde es immer wieder so machen«

Lidija Gmür-Lacic ist wohl das, was wir mittlerweile eine Weltbürgerin nennen. Sie ist ein Kind kroatischer Einwanderer, lebte in diversen Ländern der Erde, hat eine Weltreise gemacht und ist schließlich in die Schweiz ausgewandert. Über ihre Zeit in den USA und die Auswanderung in die Schweiz, erzählt Sie im Interview.

EXPAT NEWS: Sie waren von 2005 bis 2007 in Chicago. Was war der Anlass?

Gmür-Lacic: Anlass war ein Großprojekt meines damaligen Arbeitgebers, einem großen deutschen Technologiekonzern, bei dem es um die Implementierung des SAP-Systems ging. Hierfür wurde insbesondere nach einem technisch versierten Prozess-Experten gesucht, der die Anforderung des Implementierungsteams, die deutschen Anforderungen sowie die amerikanischen Gegebenheiten verstand und miteinander verbinden konnte. Das war damals genau die richtige berufliche Herausforderung für mich.

EXPAT NEWS: Wie haben Sie sich auf den Aufenthalt in Chicago vorbereitet?

Gmür-Lacic: Gar nicht! Alles ging so schnell, dass ich überhaupt keine Zeit hatte, mich auf den Aufenthalt in Chicago vorzubereiten. Eigentlich wollte ich beruflich nach Singapur gehen. Eine mündliche Zusage für eine Arbeitsstelle hatte ich bereits seit Monaten. Daher hatte ich mich auch schon intensiv mit den Gegebenheiten, den Menschen und der Kultur Singapurs und dem dortigen Job auseinandergesetzt. Es fehlten nur noch der Arbeitsvertrag und das Visum.

Dann bekam ich plötzlich diesen Anruf aus den USA. Parallel zu Singapur hatte ich mich für eine Stelle in New York beworben und man hatte meine Unterlagen nach Chicago weitergereicht. Während des Telefonats wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte nach Chicago zu kommen. Das waren sechs Wochen vor Beginn des Jobs.

Als der Vertrag aus Singapur dann eintraf, hatte ich bereits vier Interviews mit dem Verantwortlichen in Chicago geführt und auch für diese Position eine Zusage erhalten. Das waren dann nur noch drei Wochen bevor ich den neuen Job antreten sollte. Nun lag es an mir. Ich musste mich für eine der beiden Stellen entscheiden. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt Asien spannender fand, habe ich mich letztendlich auf Empfehlung meines damaligen Vorgesetzten und meiner Kollegen in München für die Stelle in Chicago entschieden. Danach ging alles wirklich sehr schnell.

EXPAT NEWS: Wie hat Sie Ihr Arbeitgeber dabei unterstützt?

Fotolia_36961963_XS Ich würde es immer wieder so machenGmür-Lacic: Mein Arbeitgeber hat innerhalb von drei Wochen, tatsächlich alles organisiert. Bereits eine Woche nach dem letzten Interview hielt ich Jobbeschreibung und Arbeitsvertrag in den Händen. Auch sämtliche Formalitäten für das Visum waren erledigt. Und als ich nach Frankfurt fuhr, um mein Visum abzuholen, konnte ich sofort mit einem 5-Jahres-Visum nach Hause fahren.

Die ersten zwei Wochen in meinem neuen Job verbrachte ich in der Schweiz bei einem Einführungsseminar, aber direkt danach ging es nach Chicago. Dort hatte mir mein Arbeitgeber für die ersten sechs Wochen ein Mietauto und ein Hotelzimmer sowie ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt. Bei sämtlichen Behördengängen und Erledigungen – um beispielsweise meinen Führerschein umzuschreiben, eine Social Security Number zu beantragen oder ein Bankkonto zu eröffnen – wurde ich von der Teamassistentin begleitet und unterstützt.

Nach den ersten sechs Wochen, die eine Art Probezeit waren, flog ich zurück nach Deutschland. Mein Arbeitgeber hatte bereits eine Umzugsfirma organisiert, die mir umgehend Umzugskartons vorbeibrachte und alle relevanten Details mit mir durchsprach. Zurück in den USA wartete auf meinem neuen Konto ein großzügiger Betrag von meinem Arbeitgeber überwiesen, der dafür gedacht war, mich neu einzurichten.

EXPAT NEWS: Wie war Ihr erster Eindruck von Chicago?

Gmür-Lacic: Überwältigend. Ich wurde am Flughafen von der Teamassistentin abgeholt. Und sie fuhr nicht erst in das Hotel oder in die Firma, sondern direkt zum schönsten Aussichtspunkt der Stadt, dem John Hancock Observatory. Wir fuhren mit dem Expresslift in das höchstgelegenen Café der Welt und ich durfte bei einem Kaffee und bei traumhaften Wetter diese unglaubliche Aussicht über die ganze Stadt, den Michigan See und über insgesamt vier Bundesstaaten genießen.

EXPAT NEWS: Welche interkulturellen Unterschiede sind Ihnen zwischen Deutschen und Amerikanern aufgefallen?

Gmür-Lacic: Die Freundlichkeit und Höfflichkeit der Amerikaner empfand ich als sehr angenehm. Ich fühlte mich wirklich von allen mit offenen Armen empfangen. Auch außerhalb der Arbeit war es sehr einfach, Bekanntschaften mit Einheimischen zu schließen. Viele meiner Kollegen und Bekanntschaften luden mich zu sich nach Hause ein. Auch an Feiertagen, die immer in einem großen familiären Rahmen zelebriert wurden, war ich jederzeit herzlich willkommen. Aber auch das Arbeiten mit amerikanischen Kollegen empfand ich als angenehm, respektvoll und entspannt.

Was in Amerika auch sehr ernst genommen wird ist das Thema »Sexuelle Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz«. Gleich in meiner ersten Woche wurde ich daher einer Art Gehirnwäsche unterzogen. In einem Meeting mit Videopräsentation wurden mir die Unternehmenskultur, Regeln, Pflichten, Go’s, No-go’s und alles zu sexueller Belästigung und Mobbing eingebläut. Ich als Frau habe diese ganzen Regeln als sehr angenehm empfunden, weil ich mich dadurch beschützt fühlte.

EXPAT NEWS: Gab es interkulturelle Herausforderungen bei der Arbeit in Ihrem Team?

Gmür-Lacic: Die Sprache beziehungsweise die Ausdrucksart war eines der größten Herausforderungen. Ich wurde ziemlich schnell zurechtgewiesen, meine Prozesse und Dokumente so simpel wie möglich zu schreiben getreu dem Motto »keep it short and simple«. Es wurde immer wieder kritisiert, dass die Vorgaben vom SAP-Team in Deutschland viel zu kompliziert geschrieben seien. Von meiner Arbeit in Deutschland war ich es gewöhnt, alles so detailliert wie möglich zu dokumentieren. Das liegt wohl an den deutschen Tugenden Fleiß und Genauigkeit.

Lidija_2 Ich würde es immer wieder so machenWeiterhin war es herausfordernd, dass einige Meetings wegen Mangel an Zeit auch morgens um 7 Uhr stattfanden und dass bei längeren Meetings oder Workshops nur ein schnelles Mittagessen in einem fensterlosen Sitzungszimmer eingenommen wurde. Eine richtige Pause entfiel dann. Auch dass kenne ich so aus Deutschland nicht. In Deutschland ist es alleine aus arbeitsrechtlichen Aspekten schon nicht möglich eine Mittagspause zu streichen.

Ebenso waren die Arbeitszeiten recht gewöhnungsbedürftig. Sie können sich das wie in diesen amerikanischen Serien vorstellen. Die Amerikaner arbeiten Tag und Nacht. Dabei zählt nicht unbedingt, wie schnell man mit seinen Aufgaben fertig wird, sondern dass man so lange wie möglich, im Büro bleibt. Es ist eine Art Wettbewerb, bei dem derjenige gewinnt, der den längsten Arbeitstag hat. Es war unglaublich. Zum Ausgleich ist es dann aber auch üblich, längere Mittagspausen zu machen, in denen man Sport treibt oder Einkäufe erledigt. Das verschieben wir Deutschen eher auf die Zeiten nach oder vor der Arbeit beziehungsweise auf das Wochenende.

EXPAT NEWS: Welche Tipps können Sie Expatriates, die in die USA entsandt werden, mit auf dem Weg geben?

Gmür-Lacic: Ich kann nur jedem Entsandten – egal wohin es geht – empfehlen, sich nicht allzu sehr auf die anderen Entsandten zu konzentrieren, sondern zu versuchen, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und sich schnell zu integrieren. Nur so lässt sich die Sprache perfektionieren, das Land und die Denkweise des Landes begreifen und von der Auslandserfahrung maximal profitieren. Leider ist mir aufgefallen, dass viele Expats sich in erster Linie mit anderen Expats angefreundet haben und nur ein geringer privater Kontakt zu Einheimischen bestand.

Außerdem kann ich jedem, den es nach Chicago verschlägt, empfehlen Downtown in einem High Rise Building mit Doorman und Pool zu ziehen. So lassen sich der Pulsschlag und das wahre Leben dieser Großstadt am besten spüren. Auch wenn dieses meistens mit längeren Arbeitswegen verknüpft ist und man häufiger in diesen wahnsinnigen Staus stecken bleibt. Aber auch dadurch haben sich im Nachhinein spannende Erfahrungen ergeben, denn ich bin gezwungen durch die Staus öfter vom Highway abgebogen und konnte so die Umgebung via Landstraße entdecken. Aber auch das Nutzen des öffentlichen Verkehrs kann ich sehr empfehlen. Ich bin oft mit dem Zug zur Arbeit gefahren und habe dort wirklich viele spannende Menschen kennen gelernt.

Für den besonderen Nervenkitzel empfehle ich jedem sonntags früh nach South Chicago zu fahren, um einen der tollen Gottesdienste mit den wahnsinnig guten Gospel Choren zu lauschen. Es ist einfach toll!

EXPAT NEWS: In Chicago haben Sie Ihren heutigen Ehemann, einen Schweizer, kennen gelernt und auch geheiratet. Direkt nach Ihrem Einsatz in Chicago sind Sie daher der Liebe wegen mit ihm nach Zürich gezogen, wo sie seitdem leben. Wie hat Ihr Umfeld in Deutschland auf diesen Schritt reagiert?

Gmür-Lacic: Mein Umfeld war zuerst etwas schockiert. Ich hatte ja bereits ein Jahr, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, geheiratet – in Chicago und ohne Familie. Einfach so aus Liebe und nur für uns. Hinzu kam, dass ich schon lange bei diesem Unternehmen tätig war und wirklich gute Aussichten hatte, mich innerhalb des Konzerns karrieretechnisch weiterzuentwickeln. Ich hatte sogar schon ein konkretes Angebot für eine Position in New York und auch mein direkter Vorgesetzter in Chicago versuchte mich und meinen Ehemann zum Bleiben zu bewegen. Ich hatte einen guten Ruf im Unternehmen und auch die richtigen Kontakte, doch ich habe mich gegen den bequemen Weg und eine sichere Karriere und für die Liebe und das Unbekannte entschieden.

Wir sind aber auch nicht direkt in die Schweiz gezogen, sondern haben erst noch eine fünfmonatige Weltreise gemacht. Mein Mann war ja ein Entsandter aus der Schweiz und konnte ein Sabbatical nehmen. Nicht jeder aus meinem Umfeld hat verstanden, dass ich das Unternehmen verlassen habe, dass ich nie wieder nach Deutschland kommen würde, dass ich geheiratet habe und auch nicht, dass ich mein gesamtes Erspartes für eine Weltreise ausgegeben habe. Aber ich würde es immer wieder so machen. Es war eine wunderbare Erfahrung und hat meinen Horizont noch mehr erweitert. Jeder hat nur ein Leben und man sollte jede Chance nutzen.

EXPAT NEWS: Mit welchen Schwierigkeiten wurden Sie als Einwanderin in die Schweiz konfrontiert?

Fotolia_50721214_S Ich würde es immer wieder so machenGmür-Lacic: Die Schweiz ist sehr speziell. Ich bin in Deutschland als Kind kroatischer Einwanderer aufgewachsen. In Deutschland standen mir immer alle Türen offen und ich war völlig integriert. Auch in Kroatien, Spanien und in den USA, wo ich jeweils zwischendurch kurzeitig gelebt hatte, war ich immer integriert. In der Schweiz habe ich mich dann das erste Mal wirklich als Ausländerin gefühlt. Ich empfand den Start als schwer. Ich erinnere mich auch noch genau daran, dass gerade in meinen ersten Tagen in der Schweiz überall diese Propaganda-Plakate einer großen Schweizer Partei zum Thema Ausländer und den davon ausgehenden Gefahren hingen. Das hat mich im ersten Moment sehr schockiert.

Glücklicherweise hatte ich schnell einen neuen Job gefunden, was mir den Einstieg erleichterte. Mit der Zeit verstand ich das System und die Menschen in der Schweiz besser und habe festgestellt, dass nicht alle Schweizer so denken, wie es die Plakate vermuten ließen oder wie es in den Medien thematisiert wird. Ich glaube, dass mein internationaler Background und meine Offenheit gegenüber Neuem, mir sehr dabei halfen, mich zügig zu integrieren. Dennoch war es in der Schweiz wesentlich schwerer, im Vergleich zu anderen Ländern Einheimische kennen zu lernen. Aber jedes Land hat seine Vor- und Nachteile. Und jeder muss für sich entscheiden, was ihm wichtig ist.

EXPAT NEWS: Können Sie sich vorstellen mit Ihrer Familie für immer in der Schweiz zu leben? Wenn ja, warum?

Gmür-Lacic: Für immer ist eine mächtige Aussage. Grundsätzlich kann ich es mir vorstellen, für immer in der Schweiz zu leben. Es ist ein tolles Land mit einer, insbesondere in Zürich, hohen Lebensqualität. Der Arbeitsmarkt bietet für Personen mit einer guten Ausbildung sehr viele Chancen und Möglichkeiten. Aber dennoch würde ich nicht ausschließen, wenn das Schicksal mir oder meinem Ehemann eine spannende Chance außerhalb der Schweiz bietet, diese zu ergreifen. Aber im Moment sind wir sehr zufrieden hier und unsere Kinder sind darüber hinaus noch zu klein für große Veränderungen.