„Deutsch klingt wie Klingonisch“

Als Studentin hat die Grafik-Designerin Franziska Schulz mehr als ein Jahr in Barcelona gelebt. An ihre schönsten Momente, die Eigenarten der Spanier und Katalanen und ihre anfängliche Naivität beim Abenteuer Ausland erinnert sie sich im Expat-News-Interview.

EXPAT NEWS: Sie haben ein Semester an der „EINA Centre Universitari de Disseny i Art“ in Barcelona studiert und dann noch ein Praktikum in Spanien absolviert. Warum haben Sie sich für diese Stadt bzw. für Spanien entschieden?

Schulz: Richtig geplant hatte ich das nicht. Meine Mitbewohnerin wollte kurz vor meinem Auslandsaufenthalt Spanisch lernen und fragte mich, ob ich sie in den Kurs begleiten würde. Dazu hatte ich Lust und so hielt ich es für sinnvoll, in einem Land zu studieren, in dem ich mein Spanisch vertiefen könnte.

Über das International Office an meiner Uni, der Bauhaus Universität Weimar, habe ich mich über Weimars Partneruniversitäten und das Förderprogramm ERASMUS informiert. Mir war es wichtig, eine Hochschule zu finden, für die es gute Chancen auf ein ERASMUS-Stipendium gab. Die Unis von Barcelona und Weimar haben schon seit vielen Jahren eine gute Beziehung zueinander.

EXPAT NEWS: Welchen Studiengang haben Sie absolviert?

Schulz: Ich habe Visuelle Kommunikation mit den Schwerpunkten Illustration und Fotografie studiert. In Barcelona war es dann reines Grafikdesign.

EXPAT NEWS: Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie beschlossen, nach Barcelona zu gehen?

Schulz: Meine Eltern haben es sehr freudig aufgenommen und waren vor allem froh, dass ich ein europäisches Land gewählt hatte. Zuvor hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nach Australien oder Brasilien zu gehen. Dass ich für eine Weile ins Ausland gehen würde, war ohnehin keine Überraschung für sie, denn auch meine älteren Schwestern haben im Rahmen ihres Studiums im Ausland gelebt, etwa in Portugal, Italien und der Schweiz. Hinzu kam, dass auch viele meiner Freunde entweder gerade aus dem Ausland zurückkamen, einen Aufenthalt planten oder bereits in einem anderen Land waren. Ich lag also voll im Trend.

EXPAT NEWS: Gab es gewisse Startschwierigkeiten und wie sind Sie mit diesen umgegangen?

Schulz: Rückblickend hatte sich schnell alles sehr gut gefügt, wenngleich ich auch mit einer ziemlichen Naivität an das Vorhaben heranging. Am Tag meines Abflugs hatte ich weder eine Bleibe in Barcelona noch eine Handykarte, um von dort aus günstig telefonieren zu können. Alles, was ich hatte, war die Telefonnummer eines Spaniers, bei dem eine Freundin meiner Schwester im Rahmen des Couchsurfings mal übernachtet hatte. Ich war am Abreisetag schon ziemlich nervös und erst da wurde mir bewusst, dass ich mich auf ein ganz schön großes Abenteuer eingelassen hatte. Schlussendlich glaube ich, dass diese anfängliche Planlosigkeit für mehr Kontaktfreude meinerseits gesorgt hat.

EXPAT NEWS: Inwiefern?

Schulz: Bereits am Flughafen in Barcelona lernte ich ein deutsches Pärchen kennen, das genauso planlos war wie ich. Wir haben uns dann gemeinsam bei der Ankunft in Barcelona durchgeschlagen, also versucht, das öffentliche Verkehrsnetz zu studieren oder die Stadtkarte zu lesen. Mit dem Pärchen bin ich übrigens bis heute befreundet. Ich rief noch am Ankunftstag meinen spanischen Kontakt an und erreichte ihn tatsächlich. Bei ihm konnte ich die ersten Wochen wohnen. Er hat mich regelrecht unter seine Fittiche genommen, half mir bei der Wohnungssuche und nahm mich immer mit, wenn er mit seinen Freunden unterwegs war. Auf diese Weise bin ich schnell ins spanische Leben eingetaucht und habe Einheimische kennengelernt. Insofern hatte sich meine Naivität ausgezahlt. Ich wollte auch nie in einer typischen ERASMUS-Community sein, wo alle nur Englisch miteinander sprechen. Vielmehr war es mein Wunsch, direkt vor Ort zu sein und von den Menschen in Barcelona auf- und angenommen zu werden.

EXPAT NEWS: Klingt nach einem Start ohne Schwierigkeiten.

Schulz: Ganz so einfach war es natürlich nicht. Beispielsweise war es nicht leicht, einen Draht zu den Katalanen zu bekommen. Diese sind schon ein sehr eigenes Völkchen unter den Spaniern. Sie wirken auf Außenstehende sehr verschlossen und öffnen sich nicht besonders schnell, vor allem, wenn man keine Ambitionen hat, Katalane zu werden. Sie nehmen ihre eigene Kultur sehr ernst und sind manchmal schon fast nationalistisch. Ich nehme an, dass dies mit der Diktatur unter Franco zu tun hat. Er hat den Katalanen versucht, ihre Identität zu nehmen und das führte dazu, dass sie ihnen umso heiliger wurde. Viele Vorlesungen an der Uni wurden sogar auf Katalanisch gehalten, was für mich natürlich ziemlich schwierig war, denn ich beherrschte anfangs noch nicht einmal Spanisch wirklich gut. Nachdem ich mit der spanischen Sprache sicher war, habe ich dann Katalanisch gelernt.

EXPAT NEWS: Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen dem deutschen und spanischen Hochschulsystem aufgefallen?

Park Guell in Barcelona, Spain.Schulz: Es ist schwer für mich, einen direkten Vergleich zu ziehen, da das Studium in Weimar nicht repräsentativ für die deutsche Unilandschaft ist. Wir hatten in Weimar selten klassische Vorlesungen oder Seminare, sondern überwiegend Projektarbeit. Was mir auffiel war, dass das spanische Hochschulsystem ziemlich verschult ist. Die Vorlesungen haben etwas von einem Klassenzimmer. Es besteht Anwesenheitspflicht, viele Kurse sind obligatorisch und es wird ein breit gefächertes Basiswissen vermittelt. Ich habe viel Grundlagenvermittlung erhalten, was ich als Kontrast zur sehr freien Projektarbeit in Weimar zur Abwechslung als sehr angenehm empfand. Ich hatte einen richtigen Uni-Alltag, der recht früh begann und unter Umständen bis Abends 22 Uhr dauerte. Auf jeden Fall habe ich in Barcelona mehr Zeit an der Uni verbracht als in Weimar.

EXPAT NEWS: Wie hoch war die finanzielle Förderung und konnten Sie Ihre Studienleistungen anrechnen lassen?

Schulz: Für das Auslandssemester erhielt ich von ERASMUS einen Mobilitätszuschuss von 800 Euro. Das hat für den Flug gereicht. Einen Teil meines Praktikums konnte ich gut durch die Förderung des LEONARDO-Programms finanzieren, von dem ich knapp 2.000 erhielt. Die Anrechnung der Studienleistungen waren trotz der unterschiedlichen Systeme – in Weimar Diplom-Studium, in Barcelona Bachelor/Master – relativ problemlos. Ich musste lediglich meinen Professoren erläutern, woraus sich meine Credits zusammensetzen. Es war eine Frage der Kommunikation.

EXPAT NEWS: Wo haben Sie Ihr Praktikum absolviert?

Schulz: Einer meiner Professoren an der Uni Barcelona, ein Amerikaner, hatte ein Unternehmen für Illustration, das Stanton Studio. Dort habe ich viel in Sachen Gestaltung gelernt und beispielsweise die Frühlingskampagne für die Transports Metropolitans de Barcelona, also für das öffentliche Verkehrssystem Barcelonas, gestaltet. Sämtliche Busse waren mit einer Illustration beklebt, an der ich mitgearbeitet hatte und an den U-Bahn-Haltestellen waren die Plakate aufgehängt. Ein tolles Gefühl!

EXPAT NEWS: Welche kulturellen Unterscheide zwischen Spaniern und Deutschen sind Ihnen aufgefallen?

Schulz: Punkt Eins: Spanier haben im Vergleich zu uns einen extremen Nationalstolz. Punkt Zwei: Spanier nehmen es mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Einmal verspätete sich ein Prof eine geschlagene Stunde und hielt es noch nicht einmal für nötig, irgendein Wort darüber zu verlieren. Punkt Drei: Spanier sind lauter und überdrehter als wir. Im Vergleich zu ihnen sind wir Deutschen ruhig und zurückhaltend. Die Spanier finden es sogar merkwürdig, dass wir bei Unterhaltungen dem anderen für gewöhnlich nicht ins Wort fallen. Bei ihnen gilt: Der Lauteste in der Runde ist der Wortführer. Punkt Vier: Spanier haben eine weniger bewusste Esskultur. Sie achten nicht so sehr darauf, was sie essen und es ist auch normal, zweimal am Tag warm zu essen.

EXPAT NEWS: Was empfinden denn die Spanier als typisch Deutsch?

Schulz: Sie schätzen unsere Effizienz und Pünktlichkeit, finden aber unsere Sprache furchtbar. Meine Mitbewohner sagten mir, dass jedes Telefonat, das ich auf Deutsch führte, so klang, als würde ich mich streiten. Sie meinten, Deutsch klingt wie Klingonisch. In einer WG, in der ich lebte, gab es einen Kater, mit dem ich immer auf Deutsch redete. Meine Mitbewohner baten mich, damit aufzuhören, weil sie Angst hatten, der Kater würde ihnen eines Tages auf Deutsch antworten und das würde sie dann zu Tode erschrecken.

Ansonsten ist mir aufgefallen, dass die Spanier große Berlin-Fans sind. Ich habe versucht, so viel wie möglich über die deutsche Kultur zu vermitteln. So haben wir uns beispielsweise in meiner WG die Filme »Goodbye Lenin«, „Das Leben der Anderen“ und »Absolute Giganten« angesehen. Und ich habe öfter typisch deutsche Gerichte wie Hühnerfrikassee, Königsberger Klopse oder Sauerkraut gekocht. Trotz anfänglicher Skepsis hat es meinen Mitbewohnern sogar geschmeckt.

EXPAT NEWS: Was waren Ihre schönsten Erlebnisse während des Auslandsaufenthaltes?

Schulz: Es gab so viele schöne Augenblicke. Ich erinnere mich noch an den Anfang, als die erste Nervosität vorbei war und mir plötzlich bewusst wurde, dass ich nicht als Touristin in Barcelona war, sondern wirklich in dieser atemberaubenden Stadt lebte. Gerne denke ich auch an die Sommerabende auf öffentlichen Plätzen und das Gefühl zurück, dass man in die Stadt gehört. Dann die geheimen Orte, die sonst keiner kennt. So haben Freunde und ich mal einen kleinen Bunker aus der Bürgerkriegszeit entdeckt, von dem man einen 360-Grad-Blick über Barcelona hatte. Dort haben wir uns oft aufgehalten – ohne Touristen in der Nähe. Einmal hatte es im März angefangen zu schneien – das erste Mal seit 20 Jahren – und ein Freund schnappte mich und fuhr mit mir mit seinem Motorrad in die Berge. Von dort aus blickten wir über die Stadt und auf von Schnee bedeckte Palmen. Und im Sommer haben wir gerne am Strand außerhalb von Barcelona gegrillt. Das vermisse ich auch sehr. Ich kann sagen, dass ich Barcelona wirklich kennengelernt habe und mich nach einem Jahr dort heimischer gefühlt habe als etwa jetzt nach einem Jahr in Hamburg. Als ich ging, hatte ich mir meinen eigenen Freundeskreis aufgebaut und so richtig angefangen zu leben.

EXPAT NEWS: Inwieweit hat der Auslandsaufenthalt Einfluss auf Ihre Persönlichkeitsentwicklung gehabt?

Schulz: Ich bin auf jeden Fall geduldiger geworden, auch wenn sich diese Einstellung etwas relativiert hat. Anfangs war ich überzeugt, dass ich fortan an alles ruhiger rangehen würde. Aber man fällt doch wieder schnell in seine alten Muster zurück. Freunde aus Spanien, die mich in Deutschland besuchten, sagten, in Barcelona sei ich lockerer gewesen. Ein positiver Effekt aus der Zeit in Spanien ist, dass ich inzwischen besser auf Leute zugehen kann. Denn wenn ich es in einem fremden Land mit einer fremden Sprache geschafft habe, nette Leute kennenzulernen, sollte es auf Deutsch doch erst recht leicht sein. Und mein Orientierungssinn ist deutlich besser geworden. Barcelona war die erste Großstadt in der ich gelebt habe und das scheint sich positiv auf mein Verständnis von Straßensystemen ausgewirkt zu haben.

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