„The German Way“ in Brasilien

Sechs Tage wollten wir der brütenden Hitze der Megacity entfliehen. 1.628 Meter über dem Meeresspiegel, in den Bergen der Serra da Mantiqueira gelegen, schien Campos do Jordão, die „Schweiz Brasiliens“, das perfekte Ziel zu sein – mit einer geradezu bestechenden Wettervorhersage: Keinen Tag würde das Thermometer zu dieser Zeit dort die 25-Grad-Marke übersteigen.

Während sich der klassische brasilianische Sommerurlauber – bei für den durchschnittlichen Mitteleuropäer kaum vorstellbaren Temperaturen – lieber an überfüllten Stränden tummelt, müssten wir damit rechnen, dass der Hotspot der brasilianischen Wintersaison vielleicht etwas einsam sein würde, gab Heloisa, die Sprachlehrerin, deren Familie dort ein Haus besitzt, zu bedenken. Noch nie habe sie den Jahreswechsel in Campos verbracht. Auch kenne sie niemanden, der je auf die Idee gekommen wäre, dies zu tun, führte sie aus.

Die höchstgelegene Gemeinde Brasiliens, nach deutschen Maßstäben mit knapp 50.000 Einwohnern eine Mittelstadt, schien tatsächlich wie gemacht für uns und steckte, wie sich herausstellen sollte, voller Überraschungen.

Brasiliens Winter-Hotspot

Ebenso unerwartet wie uns im Vale do Paraíba, dem Paraíbatal, die Liebe auf den ersten Blick in Form unseres „Zimmers mit Aussicht“ ereilt hatte, traten Valeria und Alexandre in unser Leben. „Das Paar dort drüben scheint im nächsten Jahr auf die ganz große Liebe und Leidenschaft zu hoffen“, mutmaßte ich am Silvesterabend, während wir am “coquetel na noite do dia 31/12”, einem kleinen Empfang unserer Pousada, am frühen Silvester-Abend teilnahmen. Beide trugen rote Oberteile, was nach meiner Recherche brasilianischer Silvesterbräuche eindeutig dafür zu sprechen schien, dass für sie die Liebe im Jahr 2013 an erster Stelle stehen sollte.

Wie uns Campos do Jordão gefalle und seit wann wir in São Paulo lebten, erkundigte sich Marcio, der Besitzer der Pousada. Campos sei großartig, antwortete ich. São Paulo gefalle uns auch, doch berge das Leben in einem anderen Land durchaus auch seine Tücken, erklärten wir einhellig. Woher wir denn stammten, erkundigte sich plötzlich die Frau in der roten Bluse, die Marcio als guter Gastgeber nach allen Regeln der Gastgeberkunst fast unmerklich in das Gespräch einbezogen hatte.

Kaum war die Frage nach der Herkunft beantwortet, strahlte die zierliche Frau, als habe sie gerade eine besonders gute Nachricht erhalten. Ihre Mutter sei Deutsche, erklärte sie daraufhin. Sie selbst sei in Rio geboren und gehöre somit zur ersten Generation, informierte sie uns weiter. Ihr Mann habe italienische Wurzeln.

Untypisch für Brasilien: Offenheit und Verbindlichkeit

Ein Wort gab das andere und innerhalb von Minuten entwickelte das Gespräch eine beeindruckende Dynamik. Erstaunlicher noch seine Offenheit, Klarheit und Verbindlichkeit, die wir hier bisweilen sehr vermissen. Sie hadere häufig mit ihren eigenen Landsleuten, erklärte die Frau in ihrem charmanten Carioca-Akzent, der speziellen Aussprache der Einwohner Rio de Janeiros.

Die Brasilianer seien beruflich wie privat wenig verlässlich und unverbindlich. DieAmanhã”-Mentalität – was der Wortbedeutung nach morgen heißt, in der Tat aber auch nächste Woche, in einigen Monaten, kommendes Jahr oder niemals bedeuten könne – treibe auch ihn als Brasilianer, gerade im beruflichen Kontext, immer wieder einmal zur Verzweiflung, räumte der zurückhaltende Mann ein.

“The German way – the reliability and the commitment – is making life so much easier”, erklärte die Frau, die ich auf Anfang 40 schätzte, in großer Ernsthaftigkeit und ohne jede Schmeichelei, als die man ihre Worte hätte abtun können.

Ganz im Sinne dieser Verbindlichkeit luden beide uns ein, sie wenig später zum Feuerwerk in das Zentrum des kleinen Städtchens zu begleiten. Sie hätten dies vor vier Jahren schon einmal besucht und wären angetan gewesen. Keine 30 Minuten zuvor waren wir ins Gespräch gekommen und schon hatten wir eine Einladung für den Jahreswechsel erhalten.

„Das war wirklich ein erstaunliches Gespräch“, erklärte mein Mann auf dem Weg in unser Zimmer. „Allerdings steht mir nicht der Sinn danach, mich später in die Menschenmassen in Capivari zu stürzen“, führte er aus. „Mir geht es nicht anders. Ich denke, es wäre kein Drama, wenn wir die Einladung absagen“, merkte ich an. „Ich habe das Gefühl, dass es kein Gerede war, dass wir uns bald in São Paulo treffen sollen“, sagte ich überzeugt.

„The German way“ in Brasilien

Eine Stunde später fanden wir uns am Treffpunkt ein und sagten die ausgesprochene Einladung tatsächlich ab. Menschenansammlungen um Mitternacht wollten wir in diesem Jahr eher vermeiden. „Kein Problem!“, sagten beide und einmal mehr war deutlich zu spüren, dass unsere Absage das Interesse an einer Weiterführung des Kontakts nicht minderte.

Ich übergab meine Visitenkarte und erklärte, dass wir uns gern nach unserer Rückkehr in São Paulo mit ihnen treffen würden. Zur Sicherheit fügte ich hinzu, dass wir dies wirklich so meinten – eben “in the German way”, was beide herzlich lachen ließ. Eine verbindliche Verabschiedung folgte und unsere Wege trennten sich.

Vielleicht 100 Kilometer vor der Megacity ertönte plötzlich das Kurzmitteilungssignal des Mobiltelefons. Sie sei Valeria, die wir in der Pousada da Pedra in Campos do Jordão kennen gelernt hätten, schrieb unsere Silvesterbegegnung, von der wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal den Namen kannten. In meinem E-Mail-Postfach, schrieb sie weiter, würde ich eine Nachricht vorfinden.

Gespannt öffnete ich diese nach unserer Rückkehr. Aus Spannung wurde Rührung, denn nicht nur, dass einige der Passagen in deutscher Sprache abgefasst waren. Auch enthielt die E-Mail die vollständigen Kontaktdaten von Valeria und Alexandre. Besonders herzergreifend war der letzte Absatz: “Please do feel absolutely free to contact us anytime about anything. We’ll be very glad to join you or assist you in whatever it is, that you need. Please do count on us (the German way)”.

Wir fühlten uns frei, Valeria und Alexandre zu kontaktieren, trafen uns schon wenige Tage nach unserer Rückkehr zum Lunch und verbrachten fünf Stunden miteinander, die sich wie 30 Minuten anfühlten. Seit dem gehen sehr persönliche E-Mails und Kurzmitteilungen hin und her, in denen das nächste Treffen bereits vereinbart wurde.

Die Autorin:

Esther K. Beuth-Heyer (44) ist freie Journalistin und PR-Expertin. Sie lebt mit ihrem Mann seit Februar 2011 in São Paulo und schreibt eine regelmäßige Kolumne über ihren Auslandsaufenthalt.

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